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Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Bundesminister a.D. Peter Struck

Der Bundespräsident spricht an einem Mikrofon. Berlin, 18. Januar 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Ein eigenwilliger Gestalter"

Ein bisschen rabaukig, schnoddrig, hemdsärmelig, brummig - alles das sind Eigenschaften, die die Presse Ihnen, lieber Herr Struck, zuschreibt. Sie beschreiben einen eigenwilligen, man könnte auch sagen eigensinnigen Charakter. Aber seltsam; in solchen Beschreibungen von Ihnen schwingen meist immer auch Sympathie und Respekt mit.

Geachtet werden Ihre direkte Art, Ihre Verlässlichkeit, Ihr Pragmatismus. Mit diesen Eigenschaften sind Sie in der Politik weit nach oben gekommen. Doch "abgehoben" sind Sie nicht, waren Sie nie.

Sie haben sich für Ihre Partei immer wieder ins Zeug gelegt, buchstäblich ins Geschirr gelegt, loyal, aufopfernd. Als Vorsitzender der SPD-Fraktion, erst bei einer rot-grünen Bundesregierung, später in einer großen Koalition, haben Sie Politik entscheidend mitgestaltet. Beispiele: Ökosteuer, Steuerreform, Rentenreform, Neuordnung der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern - man könnte noch viele Themen nennen, die Sie maßgeblich beeinflusst haben in Ihrer politischen Laufbahn.

Ein besonderes Gesetz trägt sogar Ihren Namen: das Struck'sche Gesetz. Es besagt, dass kein Gesetz den Deutschen Bundestag so verlässt, wie es ihn erreicht hat, denn, so haben Sie einmal gesagt: "Fraktionsvorsitzende sind doch keine Abnicker" - und Fraktionen, wird man ergänzen dürfen, wohl auch nicht. Ich denke, Sie gehörten zu den Parlamentariern, die im Bundestag das "Herz der politischen Willensbildung" sehen. Das ist ein Wort von Präsident Lammert. Und ich finde, es ist ein gewichtiges Wort. Das Parlament muss gestalten, Ideen einbringen und vorantreiben, die Regierung kritisch begleiten. Das erwarten die Bürger, die die Abgeordneten als ihre Vertreter gewählt haben, zu Recht; und ich glaube, wenn das der Fall ist, kommt unser Land voran.

Als Ihnen das Amt des Bundesministers der Verteidigung angetragen wurde, da waren Sie zunächst zurückhaltend, denn Sie wissen, wo die Schleudersitze montiert sind. Aber Sie haben die politische Verantwortung beherzt angenommen. Zu den Herausforderungen Ihrer Amtszeit gehörte der Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Sie haben darauf hingewirkt, dass die NATO, das internationale Bündnis, die Führung der ISAF-Mission im Jahr 2003 übernahm und das Engagement in Afghanistan von einer breiten Koalition getragen wird.

In Deutschland gehörten Sie zu den wenigen Politikern, die den Ernst der Auslandseinsätze von Anfang an klar benannt haben. Noch heute prägt Ihr Ausspruch von der Sicherheit Deutschlands, die auch am Hindukusch verteidigt wird, die Debatte. Ich wünschte allerdings, wir wären in dieser Debatte schon weiter, denn Ihre Aussage markierte ja eigentlich den Beginn der Erklärung des Einsatzes und wirkt doch im Rückblick fast wie ein Abschluss. Wir brauchen da noch viel mehr Klarheit und Wahrheit und eben auch eine öffentliche Diskussion, die jetzt in Gang kommt.

Die Truppe hat Sie schnell respektiert. Vielleicht haben Sie das selber so nicht erwartet. Die Soldatinnen und Soldaten spürten aber: Der kümmert sich. Der kümmert sich ganz persönlich. Das lag sicher auch an dem Respekt, den Sie jedem einzelnen Soldaten, egal welchen Dienstgrad er oder sie hat, entgegengebracht haben. Das gehörte zu Ihrem Amtsverständnis, danach haben Sie sich verhalten. Ich danke Ihnen dafür.

Ihre unprätentiöse Art kam an bei der Truppe und baute Distanz ab zur Politik. Ich erinnere nur im Rahmen Ihrer Truppenbesuche an Ihren legendären "Blues Brothers-Auftritt" bei den deutschen Soldaten im Kosovo.

Im Herbst sind Sie aus dem Deutschen Bundestag ausgeschieden, willentlich. Viele vermissen Sie. Manche tun es weniger. Auf beides können Sie eigentlich stolz sein. Ich hoffe, Sie finden jetzt die Zeit, um sich ausgiebig den Dingen zu widmen, die Ihnen Freude und Erfüllung bringen. Gewiss sieht man Sie nun öfter im Westfalenstadion. Aber das Motorrad bitte erst im Sommer wieder flott machen. Mein Schwager, der gerade in Berlin ist, hat mir folgendes erzählt: Er wohnt in Bärenbronn. Das ist ein winziges Nest im Schwäbischen Wald. Dort gibt es eine Kneipe. Er war da mal vorbeigegangen, und da war draußen ein gewisser Aufruhr: "Der Struck ist da drin." Da war er mit seinem Motorrad, und ich glaube ein paar wenigen anderen, in dieser Kneipe eingekehrt, in den schwäbischen Bergen.

Lieber Herr Struck, Sie haben sich um unser Land verdient gemacht. Dafür möchte ich Ihnen Dank und Anerkennung aussprechen. Und in dem Zusammenhang danke ich auch Ihnen, Frau Struck. Ich freue mich, Ihnen, lieber Herr Struck, das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zu verleihen. Es ist mir wirklich eine Freude.