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Founders' Day Lecture von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich eines Abendessens, gegeben von der Deutsch-Indischen Handelskammer, beim Staatsbesuch in Indien

Der Bundespräsident spricht von einem Rednerpult aus, im Vordergrund sind die Köpfe von Zuhörern zu sehen. Mumbai, Indien, 5. Februar 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Gemeinsam wirtschaften - voneinander lernen"

Vielen Dank für die freundliche Einladung, heute die "Founders' Day Lecture" zu halten. Das ist eine schöne Gelegenheit, an die über 50-jährige Geschichte der Deutsch-Indischen Handelskammer zu erinnern, der größten deutschen Auslandshandelskammer.

Unsere beiden Länder verbindet allerdings eine noch zehnmal längere gemeinsame Handels- und Wirtschaftsgeschichte. Schon vor über 500 Jahren finanzierte Jakob Fugger, der Augsburger Kaufmann und Bankier, die Fahrt der ersten deutschen Segelschiffe nach Goa und erschloss so den Handelsweg zwischen Deutschland und Indien. Und Siemens stellte als Pionier der Informationstechnologie 1867 die erste Telegrafenverbindung von Kalkutta nach London her. Heute bauen Inder und Deutsche gemeinsam Autos und Windkraftanlagen, entwickeln moderne Klimatechnik und Medikamente - und lernen dabei voneinander.

Gestern habe ich mir zwei interessante Beispiele dieser fruchtbaren Zusammenarbeit angesehen: Die Produktion des VW Polo in Pune, der hier auf die Anforderungen des indischen Marktes zugeschnitten wird, und das indische Unternehmen Thermax, das in Kooperation mit deutschen Unternehmen unter anderem die Abluftreinigung an Kraftwerken verbessert. Thermax ist ein Beispiel dafür, wie vorausschauende indische Unternehmen auf Ressourceneffizienz achten und wie selbstbewusst sie auf dem Weltmarkt agieren.

Ich war sehr beeindruckt davon, mit wie viel Wagemut und Unternehmergeist Sie in Indien neue Wege gehen, wie Sie mit Begeisterung und Engagement visionäre Ziele verfolgen. Ein solcher Pioniergeist und Aufstiegswillen hat auch unser Land voran gebracht. Und auch heute gibt es in Deutschland engagierte Unternehmer, viele Mittelständler darunter, die die Krise als Chance verstanden haben und expandieren - auch nach Indien. Das ist begrüßenswert. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es Entschlusskraft, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Ich denke, da können wir uns auch einiges von Ihnen abschauen!

Wir haben in Deutschland Lehren aus den Jahren stürmischen Wirtschaftswachstums ab den 50er Jahren ziehen müssen. So haben wir danach unsere Industrialisierung sehr stark zulasten der Umwelt vorangetrieben - und erst spät erkannt, wie sehr wir dadurch unsere Flüsse verschmutzen, unsere Böden verseuchen und unsere Wälder zerstören. Wir haben schmerzhaft lernen müssen, wie wichtig es ist, Umweltbewusstsein zu entwickeln und Wachstum nachhaltig anzulegen. Wir haben dann aber auch gelernt, wieviel Segen auf solchem Umweltbewusstsein liegt - und wie gut sich Umweltschutz am Ende auch ökonomisch rechnet.

Als in Deutschland in den 70er und 80er Jahren diese Debatten geführt wurden, da ging es vor allem darum, den Himmel wieder blau und die Flüsse wieder sauber zu machen. Dass unsere Art des Wirtschaftens und Produzierens auch weltweit Folgen für die Umwelt und damit für das Leben von Milliarden Menschen auf diesem Planeten hat, war politisch noch kein Thema. Heute ist das anders. Der Klimawandel wird weltweit ein Umdenken erzwingen und denen Wettbewerbsvorteile verschaffen, die darauf eingestellt sind. Ich habe in den letzten Tagen immer wieder gesehen und gehört, dass Indien das sehr bewusst ist. Deutschland wird Ihnen dabei gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Dass die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen so eng und so vielfältig sind, kommt nicht von ungefähr. In vielerlei Hinsicht sind unsere Wirtschaftskulturen sehr ähnlich. Neben großen Unternehmen spielen in Indien wie in Deutschland die mittelständischen Familienunternehmen eine große Rolle. Sie prägen eine Unternehmenskultur, die auf langfristigen Erfolg, auf Nachhaltigkeit, auf Beständigkeit setzt. Diese kulturelle Nähe hat sicher dazu beigetragen, dass Direktinvestitionen längst keine Einbahnstraße mehr sind. Inder sind in Deutschland gern gesehene Investoren, weil sie langfristig verlässliche Partner sind.

Diese Unternehmenskultur, die nicht nur auf kurzfristigen Gewinn setzt, war auf dem internationalen Parkett schon fast ein wenig in Verruf geraten - sie galt manchem als antiquiert und behäbig. Dann kam die Finanzkrise und plötzlich besinnen sich viele wieder auf das, was wir in Deutschland den "ehrbaren Kaufmann" nennen. Der sollte sich nicht nur von ökonomischem Fachwissen leiten lassen, sondern auch von Tugenden wie Weitblick und Mäßigung, Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit, durch eine gute Balance von Vorsicht und Wagemut im richtigen Moment. Sein Blick richtet sich nicht nur auf die eigenen Bilanzen, weil er weiß, dass seine Geschäfte langfristig nur erfolgreich sein können, wenn es der Gesellschaft gut geht, in der er sein Unternehmen führt. Er braucht eine Erziehung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Charakter.

Die Rückbesinnung auf dieses Leitbild ist richtig, ja, sie war überfällig. Ich meine sogar: Das muss unsere zentrale Lehre aus dieser globalen Krise sein. Wir müssen wieder zu alten Tugenden zurückkehren. Die Wirtschaft - und gerade auch die Finanzwirtschaft - muss sich die Frage stellen: Was dient den Menschen?

Mich hat der Besuch der Einäscherungsstätte Mahatma Gandhis Raj Ghat am Dienstag dieser Woche tief beeindruckt. Dort gibt es die Tafel mit den sieben Todsünden der Modernen Welt. Eine der Todsünden lautet: "Reichtum ohne Arbeit". Und eine andere "Geschäft ohne Moral". Ich wünsche mir, dass alle, die in der Wirtschaft und gerade in der Finanzwirtschaft Verantwortung tragen, sich das zu Herzen nehmen und dafür sorgen, dass sich eine solche Krise nicht wiederholt.

Denn gewiss haben die Regierungen, Notenbanken und Aufsichtsbehörden Fehler gemacht. Gewiss müssen wir unsere internationale Finanzwelt besser regulieren - und die G-20-Staaten arbeiten daran. Aber in freiheitlichen, demokratischen Staaten kann es keine perfekte Regulierung und Überwachung geben. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft lassen sich nicht auf dem Verordnungsweg erzwingen. Sie leben von Anstand, Bürgersinn, sozialen Normen, Maß und sittlichem Empfinden. Je stärker diese Tugenden gelebt werden, desto weniger Kontrolle braucht man. Wo diese Tugenden hingegen fehlen, da geraten der Rechtstaat und damit auch die Marktwirtschaft in Gefahr. Deshalb braucht der Markt auch Moral.

Und wir sollten noch etwas aus dieser Krise gelernt haben: Demut angesichts der eigenen Unwissenheit. Kaum jemand hat eine Krise solchen Ausmaßes vorhergesehen. Das sollte uns vorsichtiger machen in eigenen Urteilen und offener für andere Meinungen, für das, was wir von anderen lernen können.

Ganz falsch wäre es dagegen, sich jetzt einzuigeln. Abschottung hilft niemandem, sondern richtet nur noch mehr Schaden an. Der zügige Abschluss der laufenden Welthandelsrunde wäre ein wichtiges Signal, dass wir es mit der internationalen Kooperation ernst meinen. Machen wir uns also daran, dieses Ziel schnell zu erreichen. Wir haben schon einen so weiten Weg zurückgelegt. Sollten da nicht auch für die letzten offenen Punkte Lösungen zu finden sein?

Indien ist von der Finanzkrise weit weniger betroffen als andere. Der indische Finanzsektor hatte kaum toxische Papiere und relativ hohe Kapital- und Liquiditätspuffer. Das werden andere Länder sicherlich aufmerksam studieren. Indien kann seine Erfahrungen in die Diskussion im G-20-Prozess einbringen und damit die Regeln für den internationalen Markt, für den es sich ja öffnen will, mit beeinflussen. Diese Chance gilt es zu nutzen. Wir haben ein gemeinsames Interesse an einer strikten Regulierung und Aufsicht der Finanzmärkte. Zwar sind in Deutschland einige Finanzinstitute in der Krise schwer ins Trudeln geraten, aber wir können uns jetzt wieder besinnen auf unsere kontinentaleuropäische Stabilitätskultur, auf Geldwertstabilität, langfristiges Denken und Respekt vor dem Sparer. Wir freuen uns, wenn wir für diese Haltung auch internationale Partner gewinnen.

Lassen Sie mich noch einmal auf Gandhi zurückkommen. Er spricht nicht nur die Produzenten an, kritisiert nicht nur "Geschäfte ohne Moral", er wendet sich auch an uns alle als Verbraucher. Denn eine weitere Todsünde ist nach Gandhi "Genuss ohne Gewissen".

"Genuss ohne Gewissen" ist im besten Fall gedankenlos und im schlimmeren ignorant gegenüber den Folgen des eigenen Genusses für andere. Viel zu lange haben wir geglaubt, dass uns ein einfaches "immer mehr" glücklich macht - egal welche Folgen dieses "immer mehr" für unsere Mitmenschen und für nachfolgende Generationen hat. Wäre es nicht viel besser, nur noch so zu genießen, zu produzieren und zu konsumieren, dass wir das mit dem Erhalt unsererEinenWelt vereinbaren können? Diese Frage richtet sich in erster Linie an die Menschen in den Industrieländern. Ein Blick auf die Umweltbelastungen des steigenden Fleischkonsums lässt einen hoffen, dass mehr Menschen den indischen Ernährungsgewohnheiten folgen.

Wir messen unseren Wohlstand mithilfe des Bruttoinlandsprodukts. In den Industrieländern lernen wir gerade wieder, dass der Blick auf das Wachstum dieses Indikators doch ein sehr beschränkter ist, wenn man erfahren will, wie es um den Fortschritt einer Gesellschaft bestellt ist. Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat ein umfangreiches Projekt ins Leben gerufen, das sich damit beschäftigt, wie der Fortschritt von Gesellschaften besser eingeschätzt werden kann als durch das statistische Bruttoinlandsprodukt. Ich finde, es lohnt sich auch für aufstrebende Nationen wie Indien, die zu Recht stolz sind auf die hohen Wachstumsraten ihres Sozialprodukts, diese Ansätze zu verfolgen - und damit vielleicht auch Fehler, die anderswo gemacht wurden und werden, zu vermeiden. Indien hat das erkannt und widmet deshalb zum Beispiel den Bereichen Gesundheit und Bildung im seinem aktuellen Entwicklungsplan besondere Aufmerksamkeit. Natürlich ist es ein weiter Weg von der Planung zur Implementierung. Aber indische Bundesstaaten selber zeigen, dass zum Beispiel eine hohe Alphabetisierungsquote möglich ist.

Bildung ist zentral - für die persönliche Entwicklung jedes einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes. Indien steht hier vor großen Herausforderungen. Deutschland und Indien arbeiten auf Regierungsebene bereits bei der Berufsbildung zusammen. Aber dies ist nicht nur eine Sache für die Regierung, sondern auch für Firmen, die auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen sind. Daher kann ich Sie alle nur ermutigen: Engagieren Sie sich in der beruflichen Bildung! Verlassen Sie sich nicht darauf, dass andere für Sie ausbilden. Beteiligen Sie sich am Aufbau einer verlässlichen Ausbildungsstruktur, die Theorie und Praxis verbindet. Ich würde mich sehr freuen, wenn insbesondere deutsche Firmen ihre lange Erfahrung bei der beruflichen Ausbildung auch in Indien einbringen könnten. Lassen Sie uns doch ein gemeinsames Leuchtturmprojekt bei der Berufsausbildung auf den Weg bringen, so wie wir es gemeinsam beim "Indian Institute of Technology" in Chennai bei Forschung und Lehre getan haben. Sie werden sehen, es lohnt sich, an dieser Stelle besonderen Einsatz zu zeigen.

Rohinton Aga, der Gründer von Thermax, dem Unternehmen, das ich gestern besucht habe, hat das erkannt. Deshalb unterstützt Thermax das Programm "Teach for India", das sich zum Ziel gesetzt hat, allen Kindern eine exzellente Ausbildung zu ermöglichen. Denn, so sagt Herr Aga - und meine Damen und Herren, lassen Sie sich das mit auf den Weg geben: "Profit is not only a set of figures, but of values." Thank you!