Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Horst Köhler bei der Festveranstaltung der Philip Breuel Stiftung

Der Bundespräsident steht an einem Rednerpult. Hamburg, 2. März 2010 Foto: Felix Heyder, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Felix Heyder, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Freundschaft zwischen den Generationen"

Liebe Familie Breuel, liebe Freunde und Förderer der Philip Breuel Stiftung: Ihnen allen danke ich für die Einladung.

Ich freue mich darüber, dass Sie uns alle hier in diese Kirche eingeladen haben. Denn sie ist ein Ort, der Gemeinschaft stiftet. Hier haben ungezählte Paare geheiratet und später ihre Kinder taufen lassen. Hier haben Hinterbliebene ihre Angehörigen betrauert und Trost gefunden. Hier begegnen sich seit jeher Menschen aller Altersstufen. Hier spürt man die Tiefe der Zeit. Unsere Vorfahren haben Kirchen wie diese erbaut und über die Jahrhunderte mit Leben erfüllt. Ein guter Ort also, um darüber nachzudenken, was uns heute über die Generationen hinweg verbindet, und wie morgen das Verhältnis zwischen Jung und Alt aussehen kann.

Vieles hat sich verändert, seit diese Kirche erbaut wurde. Damals, vor rund 250 Jahren, hatten die Menschen eine durchschnittliche Lebenserwartung von vierzig Jahren. Heute liegt sie doppelt so hoch. Noch vor hundert Jahren war es selten, dass Großeltern die Hochzeit ihrer Enkel erlebten - heute erleben sie sogar immer häufiger die Geburt ihrer Urenkel. Viele Menschen empfinden es als großes Glück, eine so lange Wegstrecke gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern, Kindern und Enkeln gehen zu können. Auch für die Gesellschaft können die gewonnenen Jahre Lebenszeit ein großes Geschenk sein. Sie bieten neue Möglichkeiten für ein sinnerfülltes Leben und ein solidarisches und bereicherndes Miteinander von Jung und Alt.

Allerdings nimmt - während die Zahl der Hochbetagten steigt - die Zahl der Kinder ab. Und das wird die Beziehungen zwischen den Generationen auf die Probe stellen. Werden die Jüngeren mit der Pflege und den Kosten der Alten überfordert sein? Was bedeutet die immer höhere Staatsverschuldung für künftige Generationen? Droht eine Gerontokratie, eine Vorherrschaft der Alten, weil die steigende Zahl älterer Wähler verhindert, was langfristig im Sinne der Jüngeren nötig wäre?

Wir sollten über solche Fragen ehrlich diskutieren, um herauszufinden, woran sich Konflikte entzünden können, wo wir in Schieflage geraten sind und wie wir die Dinge besser machen können.

Aber bei aller Ernsthaftigkeit der Debatte dürfen wir nicht zulassen, dass Generationen gegeneinander in Stellung gebracht und Verteilungskämpfe angezettelt werden. Wer angesichts der Herausforderungen, die auf uns zukommen, einen "Krieg zwischen den Generationen" prophezeit, der macht Angst - und Angst erschwert das gemeinsame Lernen und das gute Miteinander bloß. Der übersieht auch, dass es noch andere gesellschaftliche Trennlinien gibt, die für die Zukunft nicht weniger brisant sind: jene zwischen reichen und armen Menschen, solchen mit guter Ausbildung und solchen ohne Bildungsabschluss, mit und ohne Arbeit. Vor allem aber: Der unterschätzt die Menschen - und ihre Fähigkeit, sich selbst zu ändern und ihre Verhältnisse neu zu gestalten.

Ich bin mir sicher: Wir können auch eine alternde und schrumpfende Gesellschaft solidarisch und lebenswert gestalten - wenn wir die Bindungen zwischen Jung und Alt innerhalb der Familien stützen und bewahren; die Basis unserer politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Regelwerke neu justieren und zu einer neuen, produktiven und fairen Balance von bezahlter und unbezahlter Tätigkeit finden, und schließlich wenn wir die Bereitschaft stärken, auch außerhalb der eigenen Familie für andere Verantwortung zu übernehmen und sich umeinander zu kümmern.

Das Fundament dafür - und zugleich die Folge davon - ist das, was der Philosoph Robert Spaemann "Freundschaft zwischen den Generationen" genannt hat.

"Freundschaft" - das mag manchem zu hoch gegriffen klingen in dem Zusammenhang. Doch schon die alten Griechen verstanden darunter mehr als nur Sympathie für eine ganz bestimmte Person. Freundschaft im Sinne von Respekt und Achtsamkeit gegenüber anderen galt Aristoteles als wichtigste Grundlage überhaupt für das Zusammenleben in der Polis. Oder - um es noch einmal mit Spaemann zu sagen: "Die Generationen sind füreinander Schicksal. Wir übernehmen die Welt, wie sie uns von den Älteren hinterlassen wurde. Und wir sind darauf angewiesen, dass Jüngere auf irgendeine Weise das ihnen hinterlassene Erbe aufnehmen und unsere Intentionen fortsetzen. Freundschaft zwischen den Generationen ist daher eine Bedingung dafür, dass dieses unser Handeln umgreifende Schicksal sich nicht als ein feindliches erweist."

In den meisten Familien wird diese Haltung ganz selbstverständlich gelebt. Eltern und erwachsene Kinder wohnen zwar immer öfter voneinander entfernt. Dafür - oder vielleicht auch gerade deshalb - gibt es eine rege Anteilnahme am Leben des anderen. Telefonieren via Internet ist für viele Großeltern nichts Ungewöhnliches mehr. Das Miteinander von Jung und Alt ist partnerschaftlicher als früher, das belegen viele Studien. Generationenkonflikte über Wertefragen - wie noch vor nicht allzu langer Zeit - sind heute eher seltener. Darum empfindet die große Mehrheit der Menschen heute die Beziehungen innerhalb ihrer eigenen Familie auch als gut.

Der Zusammenhalt zwischen den Generationen funktioniert, allen Unkenrufe über den Zerfall der Familie zum Trotz. Man teilt, was man hat: Zuneigung, Zeit, Geld. Rund 30 Milliarden Euro - in Geld- und Sachwerten - werden jährlich zwischen Eltern und Kindern übertragen. Großeltern, insbesondere die Großmütter, leisten viele Stunden unbezahlter Arbeit durch Kinderbetreuung. Umgekehrt werden zwei von drei Pflegebedürftigen innerhalb der Familie versorgt - häufig von Ehefrauen oder Töchtern, die selbst schon jenseits des Erwerbslebens stehen. Die heutigen Familien mit ihren wenigen Kindern und ihren lange zusammenlebenden Generationen bilden so das Rückgrat unserer Gesellschaft.

Dieses Rückgrat müssen wir schützen und weiter stärken. Dazu können viele beitragen: Die Männer, indem sie viel mehr als bisher auch Fürsorgearbeit übernehmen. Gesetzgeber und Arbeitgeber, indem sie Kindererziehung und Pflege auch parallel zum Beruf ermöglichen. Es gibt keine einfachen Schemata, es erfordert Absprachen, genaues Hinsehen, flexible Lösungen für die verschiedensten Einzelfälle. Einiges ist vorangekommen, viel muss noch geschehen, gerade was die Pflege der Älteren betrifft. Wir müssen hier mehr Vorsorge treffen. Auch Kollegen, Nachbarn und Freunde sollten sich fragen, wie sie das Netz stärken können, das es Menschen ermöglicht, füreinander Sorge zu tragen. Und auch hier brauchen wir den Geist der Freundschaft, der ein solidarisches, selbstverständliches Geben und Nehmen möglich macht.

Wer über das Geben und Nehmen zwischen den Generationen nachdenkt, landet unweigerlich beim so genannten "Generationenvertrag". Der ist im Grunde ja gar kein Vertrag, sondern eine staatlich organisierte Unterhaltspflicht der Erwerbstätigen gegenüber den Ruheständlern und umfasst - weil Kinder ausgeklammert bleiben - auch nur zwei Generationen. Längst gilt seine Grundlage, die Rentenreform von 1957, als Sündenfall wohlfahrtstaatlicher Politik. Leistungszusagen wurden gegeben, die nur bei idealen Bedingungen - kaum Arbeitslosigkeit und konstant hohen Geburtenzahlen - ohne Probleme finanzierbar waren. Auch heute noch, ungezählte Rentenreformen später, liegt hier eine der größten Baustellen in unserem Wohlfahrtsstaat, und zugleich der meiste Zündstoff für das Verhältnis zwischen den Generationen.

Keine leichte Aufgabe, den Wohlfahrtsstaat so umzugestalten, dass Lasten und Segnungen einigermaßen gerecht verteilt sind und dass er von einer Mehrzahl auch akzeptiert wird. Aber diese Aufgabe ist machbar.

Seitens der Politik verlangt das den Mut, bisherige Schieflagen zu korrigieren, und Standhaftigkeit, um der Versuchung zu widerstehen, etwa mit Versprechen an die Rentner auf Stimmenfang zu gehen. Jeder Einzelne sollte sich klar machen: Gewiss haben seit jeher menschliche Gemeinschaften - mehr oder weniger gut - für diejenigen gesorgt, die keinen Beitrag mehr zum allgemeinen Wohl leisten konnten, weil sie gebrechlich waren. Das waren in der Regel aber nur wenige Jahre nach einem harten, arbeitsreichen Leben. Den "Ruhestand" als eigenen Lebensabschnitt gibt es in der Menschheitsgeschichte erst seit relativ kurzer Zeit. Was für eine Errungenschaft, welch ein Geschenk! Wenn wir das auch für die nachrückenden Generationen bewahren wollen, tun wir gut daran, unsere Ansprüche an einen abgesicherten Lebensabend ins Verhältnis zu setzen zur gewonnenen Lebenszeit.

Dürfen wir es wirklich selbstverständlich finden, nach einer immer kürzeren Lebensarbeitszeit eine immer längere Phase der staatlich finanzierten Freizeit zu genießen? Die meisten von uns fühlen sich doch um viele Jahre jünger als sie sind. Und wir werden ja nicht nur immer älter, wir altern auch im Großen und Ganzen gesünder. Das heißt, die zusätzlichen Jahre Lebenszeit sind tatsächlich zum überwiegenden Teil gewonnene Jahre. Warum aber ist der Aufschrei so groß, wenn die Bundesbank es beispielsweise wagt, uns vorzurechnen, dass 2060 (immerhin in 50 Jahren) das Rentenalter bei 69 liegen muss, wenn das Verhältnis von Erwerbs- und Ruhestandsphase gleich bleiben soll? Ich glaube, wir können und müssen den Gewinn an Lebenszeit in Zukunft besser teilen - zum Vorteil der Alten wie der Jungen.

Und ich bin mir sicher: Die meisten Älteren sind dazu im Grunde bereit. Ich habe das zum Beispiel auf einer Reise nach Madagaskar erlebt: Dort traf ich deutsche "Senior Experten", die unter anderem bei der Einführung eines dualen Ausbildungssystems halfen. Einer von ihnen sagte mir, dass er in seinem ganzen Berufsleben nichts Schöneres erfahren habe, als diese jungen Menschen in Madagaskar dabei zu unterstützen, einen Beruf zu erlernen, der ihnen hilft, sich eine Existenz aufzubauen.

Natürlich freuen sich die Älteren auch auf schöne Reisen oder mehr Zeit mit Kindern und Enkelkindern. Aber die wenigsten wollen von einem auf den anderen Tag aus dem Beruf ausscheiden, bloß weil eine starre Altersgrenze dies vorsieht. Sie wollen durchaus weiter arbeiten (ich kann das übrigens gut verstehen) - aber vielleicht anders und mit weniger Stunden als bisher. Das müssen wir möglich machen, mit Auf- oder Abschlägen für individuelle Entscheidungen, mit Zuverdienstmöglichkeiten, mit fließenden Übergängen von Berufsarbeit zu anderer Tätigkeit. Viele, aber noch nicht genügend Arbeitgeber haben schon entdeckt, wie gut sie daran tun, das Erfahrungswissen der Älteren so lange wie möglich zu nutzen, indem sie die Älteren ihren Fähigkeiten entsprechen integrieren - ob in gemischten Teams, die den Wissenstransfer zwischen den Generationen fördern sollen, oder als "Pate", "Coach" oder im "Tandem".

Es gibt also viele Ansatzpunkte für die Freundschaft zwischen Alt und Jung. Und wenn Ältere länger beruflich aktiv sind oder sich ehrenamtlich für das Gemeinwohl engagieren, dann bleiben sie mittendrin im Leben. Das hält bekanntlich "jung". Und Ältere werden nicht mehr wegen ihrer Bedürftigkeit gefürchtet, sondern für ihre Fähigkeiten geschätzt - Fähigkeiten, die das Zusammenleben aller bereichern. Auch dazu eine kleine Geschichte: Ich habe vor einiger Zeit Ältere und Jüngere zu einem Gespräch ins Schloss Bellevue eingeladen. Eine ältere Dame, von Beruf Ballerina, berichtete, dass sie manchmal gefragt werde, wie das ginge: im Alter noch zu tanzen. Sie antworte dann immer: Früher habe ich mit dem Körper getanzt, heute tanze ich mit der Seele. Schön gesagt, oder?

Gewiss muss sorgfältig abgewogen werden, was Menschen in unterschiedlichen Berufen und Lebensaltern leisten können. Aber auch da, wo beispielsweise Schichtdienste oder große körperliche Belastungen anfallen, lassen sich mit etwas Phantasie Lösungen finden. Kein starres Schema, sondern verschiedene Bausteine für individuelle Lebenslagen und Bedürfnisse - so sollte es gehen. Übrigens auch für die Jüngeren. Denn wie zukunftsfähig unsere Sozialversicherungssysteme sein werden, wird nicht allein vom zahlenmäßigen Verhältnis zwischen Erwerbsfähigen und Ruheständlern abhängen, sondern auch davon, wie viele Erwerbsfähige auch tatsächlich erwerbstätig sind.

Ermöglichen wir es Alten wie Jungen, Männern und Frauen, Phasen, Arten und Intensität der Arbeit zu variieren! Dann ließe sich insgesamt viel mehr im Leben unterbringen: Kinder aufziehen, sich weiterbilden, sich sozial engagieren, Freizeit genießen. Geben wir denjenigen, die Kinder oder pflegebedürftige Angehörige haben, mehr Zeit. Ermöglichen wir es ihnen, im Beruf kürzer zu treten - und verlangen wir denen, die gerade keine Fürsorge-Verantwortung tragen, ein entsprechend höheres berufliches Engagement ab.

All das sind Elemente eines neuen, zukunftsoffenen und intelligenten Generationenvertrags, der Menschen aller Lebensalter, Geschlechter und Tätigkeiten zusammenführt, statt sie voneinander zu trennen. Der anerkennt, dass es keine klaren Grenzen gibt, ab wann einer alt ist, ab wann einer dieses oder jenes nicht mehr kann. Der den starren Dreischritt von Lernen, Arbeiten, Ausruhen auflöst - zum Nutzen aller. Das Ziel ist eine Tätigkeitsgesellschaft, die nicht nur die bezahlte Arbeit anerkennt, sondern auch Sorge und Zuwendung zu anderen, und die verlässliche Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Lebensalter möglich macht - innerhalb und außerhalb der Familie.

Wie gut sich das Verhältnis zwischen Alt und Jung in unserer Gesellschaft entwickelt, wird künftig mehr und mehr davon abhängen, in welchem Maße Menschen auch jenseits der eigenen Familie mit Menschen anderer Generationen Bindungen eingehen, füreinander einstehen und sich umeinander sorgen. Wenn mehr Menschen kinderlos bleiben oder keine Enkel haben, dann verändert das nicht nur die privaten Familienkonstellationen, das verändert auch das gesellschaftliche Gewebe und die Art unseres Miteinanders. Eine der wichtigen Aufgaben der Zukunft wird es also sein, über die Familie hinaus Menschen unterschiedlicher Lebensalter neugierig aufeinander zu machen und ihre Begegnung zu fördern. Wir müssen wieder den Wert einer Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit entdecken.

Das Bewusstsein dafür wächst. Viele neue Orte der Begegnung für Menschen aller Altersstufen sind in den vergangenen Jahren nicht zuletzt auch dank des Engagements von Stiftungen entstanden: Mehrgenerationenhäuser, Einrichtungen, die Kindertagesstätte und Seniorenheim verbinden, generationenübergreifende Hausprojekte in den Innenstädten. Viele Formen des gemeinschaftlichen Engagements von Alten und Jungen sind inzwischen gut verankert: Initiativen wie Lesepaten, Leihomas oder "Senior Experten", aber auch Computerkurse von Jung für Alt oder Geschichtswerkstätten, in denen ältere Zeitzeugen und junge Leute miteinander auf Spurensuche in die Vergangenheit gehen.

Gerade die Kommunen können hier viel anstoßen, indem sie zum Beispiel Grundstücke für solche Zwecke zur Verfügung stellen, ihre Stadtplanung auf die Belange aller Lebensalter ausrichten und vor allem: Anlaufstellen für bürgerschaftliches Engagement einrichten. Die Bereitschaft zum Mittun ist groß, viele Menschen orientieren sich wieder auf die kleinen Lebenskreise, in denen sie ihren Wert und ihre Wirksamkeit direkt erfahren: auf Familie, Freunde, Nachbarschaft und Verein. Aber oft scheitert Engagement daran, dass der Einzelne keinen Anfang findet, weil er nicht weiß, wohin er sich wenden könnte.

Einige Städte sind da schon weiter, sie bieten viele Gelegenheiten, anzufangen. Andere könnten noch mehr tun, und der Möglichkeiten gibt es viele: Ehrenamtsbörsen, Genossenschaftsmodelle, Partnerschaften zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Auch die vielfältigen Möglichkeiten des Internets können wir klug nutzen für bessere Verbindungen zwischen den Generationen. Dringend nötig ist aber, dass die Kommunalpolitik einen verlässlichen finanziellen Gestaltungsspielraum bekommt - und ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Aber viele Ideen und die Bereitschaft zum Mittun verkümmern, wenn nur noch der Mangel verwaltet werden kann. Deshalb hoffe ich, dass es am Ende der Reformanstrengungen doch gelingt, gerade die Kommunen zu stärken.

Die Fähigkeit zum Engagement für andere ist allerdings nichts, was sich auf Knopfdruck einstellt. Sie sollte möglichst gefördert werden: durch "Fit fürs Ehrenamt"-Angebote von Firmen für künftige Pensionisten, durch "Corporate-Social-Responsibility"-Projekte von Unternehmen, auch durch mehr Projekte des Sozialen Lernens in unseren Kitas und Schulen. Soziale Kompetenz, Achtsamkeit, Empathie: das muss von Beginn an Teil des Bildungsprozesses sein. Es ist für Kinder unerlässlich zu erleben, dass andere sich für sie interessieren - für ihre Ideen, für ihre Fähigkeiten. Auch für ihre Unsicherheiten. Ebenso grundlegend ist es, dass Kinder lernen, wie man auf andere achtet, sich für andere einsetzt. Genau darum geht es ja auch bei den KinderKunstKlubs der Philip Breuel Stiftung: Durch Kunst, Musik, Theater wollen sie junge Menschen stärken, die es im Leben sonst nicht einfach haben. Und wie froh und selbstbewusst das die Kinder macht, das haben wir vorhin eindrucksvoll erlebt. Danke an die Philip Breuel Stiftung für dieses Engagement, danke an die Leiterinnen der KinderKunstKlubs!

Wir müssen lernen, uns wieder mehr umeinander zu kümmern: Verantwortung nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere zu übernehmen. Gerade die Jahrgänge, die heute ins Rentenalter wachsen, bringen dafür viel mit: Das sind Männer und Frauen, die oft Erfahrung mit verschiedenen Formen der Selbsthilfe und des Engagements für andere gemacht haben und die zugleich offen sind für alternative Lebensformen. Denken Sie an den ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf: Der schafft es auf einzigartige Weise, aus Grau bunt zu machen und die vielfältigen Möglichkeiten eines harmonischen Zusammenlebens im Alter zu leben und zu preisen.

Aber er berichtet auch davon, dass das nicht immer nur leicht und angenehm ist: So hat er gemeinsam mit seiner Wohngemeinschaft Mitbewohner gepflegt, die im Sterben lagen. Auch an der Bereitschaft dazu wird sich die Menschlichkeit unserer Gesellschaft entscheiden - an der Bereitschaft, jenen zu helfen, die sich selber nicht mehr helfen können und die keine eigenen Kinder haben oder deren Kinder weit weg leben. Es wäre schön, wenn Hilfe künftig vermehrt auch von anderen vertrauten Menschen aus dem persönlichen Umfeld geleistet werden würde. Was Politik kann, sollte sie dazu beitragen - etwa, indem man bei Pflegezeiten als "pflegende Angehörige" nicht nur die engen Verwandten anerkennt, sondern auch Freunde und Nachbarn, die nicht-beruflich Hilfe leisten.

Und noch etwas: Freundschaft zwischen den Generationen braucht künftig auch viel mehr Offenheit für kulturelle und soziale Verschiedenheit - denn die wird zunehmen. Nicht nur kommen gerade viele Migranten, die in den 70er Jahren ganz jung ins Land kamen, ins Rentenalter. Vor allem haben von den heutigen Jugendlichen viele diese Erfahrung des "zweiheimisch-Seins", weil sie selbst oder ihre Eltern nicht in Deutschland geboren wurden. Verbindungen zu knüpfen zwischen der alten Dame aus Nienstedten und dem Jugendlichen aus Wilhelmsburg ist gewiss nicht leicht - aber wünschenswert und lohnend.

Die Potentiale für all das stecken in unseren eigenen Köpfen und Gefühlen. Erst unsere besondere Fähigkeit zur Empathie macht uns zu Menschen. Und die Hirnforschung hat Ermutigendes festgestellt: Das menschliche Gehirn bleibt bis ins hohe Alter hinein ein elastisches Organ. Zwar sterben graue Zellen ab, aber wenn wir aktiv bleiben, geistig und körperlich, dann können sich verstärkt neue Zellen und sogar neue Verknüpfungen bilden. Voraussetzung ist, dass wir in Übung bleiben - durch eine Bildung, die so angelegt ist, dass Menschen lernen, für sich selbst zu sorgen (auch: vorzusorgen) und ein Leben lang weiterlernen zu wollen und zu können. Pablo Casals hat auf die Frage, warum er als 92jähriger immer noch täglich Cello übe, geantwortet: "Weil ich glaube, dass ich Fortschritte mache". Warum lachen wir darüber?

Das ist der Optimismus, mit dem wir die Gesellschaft von morgen entwerfen sollten - gemeinsam, in aller Freundschaft der Generationen. Dann ist - so paradox sich das anhören mag - das Altern unserer Gesellschaft auch eine Chance und ein Motor für gesellschaftliche Dynamik und Veränderung. Nutzen wir die vielen Chancen, die in der "Gesellschaft des langen Lebens" liegen. Machen wir aus ihr eine "Gesellschaft des guten Miteinanders von Jung und Alt". Den Grundstein haben unsere Vorfahren gelegt. Sie haben für uns gearbeitet und gehofft, so wie wir nun gemeinsam arbeiten und hoffen für alle, die nach uns kommen.