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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler bei der Eröffnung des Bosch-Halbleiterwerks

Bundespräsident Horst Köhler steht an einem Rednerpult, im Hintergrund ist auf einer Leinwand der Grundriss eines Firmengeländes zu sehen. Reutlingen, 18. März 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Sensoren für die Zukunft"

Der alte Robert Bosch hat im Zimmer seines Sohnes einmal ein paar Magnete gefunden. Deshalb erzählte er ihm von einem neuen Verfahren, mit dem die Wirkung von Magneten verstärkt werden konnte. Der Junge entgegnete: "Hängt das vielleicht damit zusammen, dass beim absoluten Nullpunkt absolute Ruhe in den Molekülen herrscht?" Darauf, so der Vater, sei er lieber nicht weiter eingegangen. Denn: Dabei könne er sich nur blamieren.

Ich denke, auch ich werde mich heute lieber nicht an wissenschaftlichen Erklärungen versuchen. Nur soviel: Es ist faszinierend zu wissen, was deutsche Forscher und Ingenieure an neuen Ideen und findigen Produkten entwickeln. Darauf können wir stolz sein, und das kann uns auch zuversichtlich machen für die Zukunft unseres Landes. Nehmen wir zum Beispiel Jiri Marek, Michael Offenberg und Frank Melzer. Sie haben hier bei Bosch Sensoren so weiterentwickelt, dass sie nicht nur wie bisher im Auto, sondern auch in Handys, Laptops oder Navigationsgeräten eingesetzt werden können. 2008 habe ich sie dafür mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet. Und das bringt mich heute nach Reutlingen. Es ist gute Tradition, dass der Bundespräsident die Träger seines Preises für Technik und Innovation besucht. Dass ich dabei auch gleich eine Fabrik eröffnen kann, zu deren Entstehen die Arbeit der Zukunftspreisträger beigetragen hat, ist für mich eine neue Erfahrung. Ich könnte mich daran gewöhnen.

800 Menschen werden in der WaferFab - wie die neue Fabrik genannt wird - Arbeit finden. Bosch hat sich bewusst für Reutlingen als Standort entschieden. Einer der Hauptgründe: Hier kann das Unternehmen auf Mitarbeiter mit Fachwissen und Erfahrung, mit Kreativität und hohem Engagement zählen.

Es ist gut, wenn eine Unternehmensführung erkennt: Das Herz eines Betriebes sind seine Mitarbeiter. Je mehr sie sich als Teil eines Teams fühlen, desto besser sind am Ende auch die Ergebnisse für das ganze Unternehmen. Das gilt nicht nur in Reutlingen. Das gilt überall. Ich denke, die aktuelle Finanzkrise kann auch in dieser Hinsicht einen Wendepunkt markieren: Den Wendepunkt zur Wiederentdeckung der notwendigen Balance zwischen Kapital und Arbeit. Nicht Geld, sondern Menschen sind die eigentliche Quelle von Kreativität.

Einige der Beschäftigten hier in Reutlingen kommen aus dem Werk in Rommelsbach, das gerade geschlossen wurde. Die dort hergestellte Technologie wird nicht mehr nachgefragt. Das erinnert an die Situation vor knapp 50 Jahren. Damals rauchten an dieser Stelle die Schlote der Textilfabrik Gminder. Als die deutsche Textilindustrie einbrach und das Werk schließen musste, übernahm Bosch das Gelände und viele der Beschäftigten.

Bosch stellt Sensoren her. Sie wissen das. Aber die Geschäftsführung hat offenbar auch selbst einen Sensor für die Zukunft, für Umbrüche und technologische Entwicklungen. Sie reagiert frühzeitig und beweist: Wer offen ist für Neues, wer an seine Leistungsstärke glaubt, wem es um Nachhaltigkeit geht, für den ist Strukturwandel keine Bedrohung, sondern ein Überlebensprinzip und eine Herausforderung, die zu neuen Höchstleistungen anspornen.

Solche Höchstleistungen brauchen wir, wenn wir den Klimawandel begrenzen, wenn wir unsere Ressourcen schonen, wenn wir die Wirtschaftskrise meistern und neue Arbeitsplätze schaffen wollen. Dann gelingt uns die Transformation unserer Wirtschaftsordnung. Und so unterschiedlich die aktuellen Problemfelder sind, so kann man sie doch auf einen gemeinsamen Punkt zurückführen: Wir haben zu lange sorglos Zukunft verbraucht.

Bei der Umwelt liegt das auf der Hand: Wir verschmutzen jetzt die Atmosphäre mit CO2-Emissionen, obwohl wir wissen, dass wir damit uns und unseren Kindern eine schwere Bürde aufladen. Wir verschwenden jetzt Ressourcen, obwohl wir wissen, dass sie uns in Zukunft fehlen werden. Wenn die ganze Menschheit schon heute so leben wollte wie wir, dann bräuchten wir schon jetzt mehr als eine Erde. Aber wir haben nur die eine.

Die Finanzkrise führt uns vor Augen: Es reicht nicht, nur an das "Jetzt", an den eigenen kurzfristigen Vorteil zu denken. Möglichst schnell möglichst viel Geld machen, das war bei vielen die Devise. Welche Risiken damit langfristig für uns alle verbunden waren, wurde außer Acht gelassen. Die Folgen sind noch nicht überwunden.

Es geht hier übrigens nicht nur um die Schuldenpyramiden an den Finanzmärkten - die westlichen Gesellschaften insgesamt haben über ihre Verhältnisse gelebt. Irgendwann aber muss man seine Schulden zurückzahlen. Ich bin mir mit Ihnen, lieber Herr Fehrenbach, einig, dass noch lange nicht alle notwendigen Konsequenzen aus der Krise gezogen wurden. Ich warne davor, sich auf die ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zu verlassen. Jetzt müssen die richtigen Weichen gestellt werden, damit sich so eine Krise nicht wiederholen kann. Ich sage es offen: Ich bin noch nicht sicher, ob die politische Kraft dafür da ist in der internationalen Staatengemeinschaft. Aber nur das schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis unserer Wirtschaftsordnung, die Seele der Sozialen Marktwirtschaft.

Es geht darum, über den Tag hinaus zu denken - in der Wirtschaft genauso wie im Umgang mit der Natur. In Kopenhagen ist es zwar noch nicht gelungen, weltweite Regeln für den Klimaschutz aufzustellen. Entmutigen lassen sollten wir uns davon aber nicht. Im Gegenteil, wir sollten das als Ansporn begreifen. Verstehen wir den Klimawandel endlich als Chance, neue Märkte zu erschließen, als Chance, mit Innovationen ein anderes und nachhaltiges Wachstum zu erreichen, als Chance, mutig den Weg in die ökologische Soziale Marktwirtschaft zu gehen. Wir - das sind Bürgerinnen und Bürger, Verbraucherinnen und Verbraucher, Unternehmerinnen und Unternehmer - wir sollten erkennen: Abwarten reicht nicht.

Bosch wartet nach meinem Eindruck nicht. Nachhaltig zu wirtschaften, ist schon lange tragender Teil der Unternehmenspolitik, auch jetzt in der Wirtschaftskrise. Der Umsatz ist auch bei Bosch eingebrochen, das Unternehmen hat massive Verluste erlitten. Das ist schmerzlich. Und trotzdem hat Bosch - wie übrigens viele andere deutsche Unternehmen - die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bislang weitgehend stabil gehalten. Das spricht für Selbstbewusstsein, langfristiges Denken und Vertrauen in die Zukunft. Gut so!

Manch einer mag argumentieren, für ein Unternehmen wie Bosch, das nicht so sehr auf die Kapitalmärkte angewiesen ist, sei es leichter, langfristig zu denken als für Unternehmen, die regelmäßig Quartalsberichte vorlegen müssen. Da kann etwas dran sein. Der Welt-Erfolg des schwäbischen Traditionsunternehmens aber zeigt, dass etwas anderes noch wichtiger ist. Robert Bosch hat dafür ganz einfache Worte gefunden: "Eine anständige Art der Geschäftsführung ist auf Dauer das Einträglichste."

Er hat zugleich vorgelebt, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Technik aussehen kann. Technik und Wirtschaft müssen Menschen dienen. Ich bin überzeugt, wenn wir uns anstrengen und noch mehr auf Innovationen und Technologieführerschaft setzen, dann werden wir nicht nur die Umweltprobleme in den Griff bekommen. Dann werden wir auch unseren Wohlstand halten und Arbeitsplätze sichern können. Ganz unabhängig davon, ob nun beim absoluten Nullpunkt absolute Ruhe in den Molekülen herrscht oder nicht.