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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim Ehrenessen zum 70. Geburtstag von Dr. h.c. Lothar de Maizière

Bundespräsident Horst Köhler und Lothar de Maizière in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 19. März 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Zu Beginn lese ich Ihnen einmal etwas von Stefan Zweig vor. Es stammt aus den "Sternstunden der Menschheit". Darin heißt es über den Gang der Geschichte:

"Was ansonsten gemächlich und nebeneinander abläuft, komprimiert sich in einen einzigen Augenblick, der alles bestimmt und alles entscheidet: ein einziges Ja, ein einziges Nein, ein Zufrüh oder ein Zuspät macht diese Stunde unwiderruflich für hundert Geschlechter und bestimmt das Leben eines Einzelnen, eines Volkes und sogar den Schicksalslauf der ganzen Menschheit."

Der Satz ist wie gemünzt auf die elf Monate zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990, zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Es war die Sternstunde der jüngsten deutschen Geschichte.

In dieser historischen Situation nahmen Sie, lieber Herr de Maizière, bestimmenden Einfluss auf die politische Entwicklung in der DDR nach dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft. Sie haben ganz wesentlich dazu beigetragen, Deutschlands Einheit 1990 zu erreichen. Ihr Handeln war dabei ausgerichtet am Wohl Ihrer - und unser aller - ostdeutschen Landsleute.

Politische Ämter in der ersten Reihe waren in Ihrem Lebensentwurf nicht vorgesehen. Sie haben die Macht nicht angestrebt. Als Musiker waren Sie viele Jahre lang mit der vielstimmigen Harmonie der klassischen Orchestermusik vertraut und verbunden. Weder die Monotonie der SED-Herrschaft noch das oft Schrille, Dissonante des Politikbetriebs der westlichen Demokratien waren Ihre Welt. Doch als die friedliche Revolution Sie in die Pflicht nahm, da haben Sie sich der Verantwortung gestellt. Sie wurden hineingeworfen in ein Milieu, mit dessen Spielregeln und Umgangsformen Sie nicht vertraut waren.

Am 10. November 1989, dem Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, wurden Sie an die Spitze der ostdeutschen CDU gewählt, der Sie seit 1956 angehörten. In Ihrer neuen Aufgabe haben Sie "die Ost-CDU aus der Vormundschaft der SED herausgeführt", wie ein anderer wichtiger Akteur dieser Zeit gesagt hat, Richard Schröder. Im Bewusstsein dieser neuen Unabhängigkeit war es Ihnen, Herr de Maizière, dann möglich, als stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates und Minister für Kirchenfragen in die Regierung Modrow einzutreten. Sehr schnell haben Sie sich damals einen Ruf als integrer, ausgleichender, der Sache verpflichteter Staatsmann erworben.

In diesem dramatischen Jahr der Einheit mussten Sie großen Erwartungen gerecht werden, denn: Sie hatten nicht irgendeine Reform zu administrieren, sondern eine ganze Transformation zu gestalten. Dem oppositionellen Aufbruch in der DDR folgte der Umbruch: Aus dem selbstbewussten Ruf "Wir sind das Volk!" wurde die Forderung. "Wir sind ein Volk!". Aus der politischen wurde eine nationale Revolution.

In dieser Situation übernahmen Sie an einer Schlüsselstelle Verantwortung für das Gelingen des Übergangs. Nach dem unerwarteten Sieg der "Allianz für Deutschland" bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 gelang es Ihnen, innerhalb von drei Wochen eine Regierungskoalition zu bilden - unter Einschluss der SPD, die als haushohe Wahlfavoritin gehandelt worden war, die entsprechend enttäuscht war - und die doch ihrer Mitverantwortung für die gute weitere Entwicklung gerecht wurde. Am 12. April 1990 wurden Sie zum einzigen frei gewählten Ministerpräsidenten in der Geschichte der DDR gewählt. Und Ihre Regierung gab sich den Auftrag: Den eigenen Staat abzuschaffen und sich selbst überflüssig zu machen.

Mit Ihrem Amtsantritt kam neue Dynamik in den Prozess, der zur deutschen Einheit führte. Sie, Herr de Maizière, standen als Regierungschef der politisch gewandelten DDR im Zentrum der politischen Verantwortung. Was für viele Nachgeborene möglicherweise zwangsläufig erscheinen mag, war ja in Wirklichkeit ein durch viele Diskussionen, Kompromisse und Entscheidungen mühsam und klug gebahnter Weg.

Mit Ihrer Forderung, Berlin zur deutschen Hauptstadt zu machen, konnten Sie sich durchsetzen - obwohl das damals im politischen Bonn weiß Gott kein Selbstläufer war. Sie haben beharrlich eine Währungsumstellung im Verhältnis 1 : 1 verfolgt.

Sie haben dafür gekämpft, die ostdeutschen Biographien nicht abzuwerten. Es war Ihnen immer wichtig, dass die DDR eben nicht nur Wirtschaftsruinen in die deutsche Einheit eingebracht hat, sondern Menschen mit viel Lebensleistung, Kreativität und berechtigten Hoffnungen. Ihnen ging es auch um die Würde der Bürger der DDR.

Bei der Angleichung der materiellen Lebensverhältnisse in Ost und West ist viel erreicht. Was besser werden sollte, ist das gegenseitige Kennenlernen der Menschen in Ost und West - und das Verständnis für die unterschiedlichen Erfahrungen, Mentalitäten, Prägungen. Ich bin allerdings ganz zuversichtlich, dass dieses Kennenlernen und Verstehen mit jedem Tag weiter vorankommt. Und selbst zwischen Nordfriesen und Schwaben, zwischen Preußen und Bayern dauert das Kennenlernen ja auch noch immer an und wird von jeder Generation neu erfahren.

Sie stammen aus der Mark Brandenburg, einer der großen Kulturlandschaften Deutschlands. Diese Herkunft und eine protestantische Geisteshaltung hugenottischer Provenienz haben Sie geprägt. "Brandenburg ist meine Heimat, Deutschland mein Vaterland, Europa meine Zukunft", so haben Sie einmal Ihre Weltsicht beschrieben. Mit dieser Haltung konnten Sie gegenüber den Landsleuten im Osten Deutschlands ebenso als "Anwalt der Einheit" auftreten wie gegenüber den Großen der internationalen Politik, von Bush und Baker bis zu Gorbatschow und Schewardnadse. Im "Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland", den Sie am 12. September 1990 in Moskau mit unterzeichnet haben, ist Ihre Leistung auch auf internationalem Parkett unauslöschlich dokumentiert. In Ihrer persönlichen Rückschau haben Sie diesen von Ihnen auch "Friedensvertrag Deutschlands" genannten Zwei-plus-Vier-Vertrag als Ihren "größten Erfolg" bezeichnet.

"Anwalt der Einheit" - so heißt die deutsche Ausgabe Ihres 1996 erschienenen Buches über das "annus mirabilis". Damit haben Sie selbst die beste Charakterisierung Ihres Wollens und Wirkens im Prozess der deutschen Einheit gegeben. Sie haben trotz der sich damals überschlagenden Ereignisse, trotz vielfachen äußeren Drucks, mit großer innerer Ruhe und mit viel Umsicht gehandelt. Bescheidenheit kennzeichnet Sie, wenn es um Positionen, Prestige und Ambitionen ging. Dies ist eine eher selten gewordene Tugend. Politisch haben Sie ohne Eitelkeit und vollkommen unprätentiös gehandelt, dabei vielfach auf sich allein gestellt und oft bis zur physischen Erschöpfung. Ihren Gesprächspartnern aus Ost und West waren Sie dabei ein durchaus kritischer und zäher, aber ein immer unbedingt verlässlicher Partner.

Ihre Leistung in schwieriger, für uns Deutsche gleichwohl freudiger Zeit ist und bleibt unvergessen. Ich danke Ihnen dafür, und ich bitte Sie alle, meine Damen und Herren, mit mir das Glas zu erheben auf Lothar de Maizière und auf eine glückliche Zukunft unseres vereinten Vaterlandes.