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Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Gedenkfeier zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult Dachau, 2. Mai 2010 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Wir gedenken aller Opfer"

Vor 65 Jahren haben amerikanische Soldaten dieses Konzentrationslager in Dachau befreit. Ihnen ist es so gegangen, wie den anderen Soldaten anderer Armeen, als sie am Kriegsende nach Auschwitz oder nach Bergen-Belsen kamen, nach Buchenwald oder nach Oranienburg: sie haben nicht glauben können, was sie da sehen mussten. Es war unvorstellbar, was sich ihren Augen bot, unvorstellbar das Leid und die Erniedrigung, die Menschen anderen Menschen angetan hatten.

Wir sind heute hier, um uns zu erinnern, um der Opfer zu gedenken und um unseren Willen zu erneuern, solche Untaten für alle Zukunft zu verhindern.

Wir brauchen die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen nicht, um zu begreifen, dass man Menschen nicht diskriminiert, für lebensunwert erklärt und tötet. Wir brauchen die Erinnerung an den Nationalsozialismus aber, um nie zu vergessen, wohin Diktatur, Rassismus, Überlegenheitswahn führen - und wohin es führt, wenn die moralischen Maßstäbe systematisch pervertiert werden.

Für das Unrechtssystem des Nationalsozialismus waren die Konzentrationslager die wichtigsten Einrichtungen, um die Politik der ständigen Drohung, der Aussonderung, der Ausbeutung und schließlich der Vernichtung durchzusetzen. Der Name Dachau steht symbolisch dafür, da es das erste sozusagen "offizielle" Konzentrationslager war.

Hier haben politische Gegner gelitten, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, sogenannte "Asoziale" und Kriegsgefangene. Nicht zu vergessen auch die Geistlichen und Priester, viele aus Frankreich und aus Polen.

Wir gedenken aller Opfer.

Ich bin sehr froh darüber, dass es in unserem Land eine lebendige Kultur der Erinnerung gibt. Es wird weder verdrängt noch vergessen. Wir sind der Verbrechen eingedenk, die millionenfach verübt wurden. Wir begreifen unsere Geschichte als Mahnung und wir haben aus ihr gelernt.

Viele ehemalige Konzentrationslager sind zu eindrücklichen Gedenkstätten geworden, die auch von den jungen Menschen besucht werden. Gerade Dachau ist ein besonders gutes Beispiel für die engagierte Arbeit an der Erinnerung. Die Gedenkstätte selbst, das neue Besucherzentrum, die Publikationen mit dem jeweils neuesten Stand der Forschung, die Führungen über das Gelände: all das hilft uns, im Gedächtnis zu behalten, was nicht vergessen werden darf.

Ich danke besonders den Überlebenden, die Jahr für Jahr hierher kommen, um sich zu treffen und um ihrer toten Mitgefangenen zu gedenken. Niemand kann sich vorstellen, was in jedem einzelnen Herzen und jeder einzelnen Seele vorgeht, wenn sie wieder zurückkommen an den Ort, wo man sie so grausam misshandelt hat.

Diese Gedanken gingen mir auch durch den Kopf, als ich zum Gedenken der Befreiung in Auschwitz war und von Überlebenden begleitet wurde. Sie haben mir den schweren Gang dadurch ein wenig leichter gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dankbar war ich auch, als Michaela Vidlakova aus Prag, die sechs Jahre in Theresienstadt war und sich geschworen hatte, nie mehr deutsch zu sprechen, auf einer Veranstaltung der "Aktion Sühnezeichen" uns auf deutsch ansprach - und zwar mit den Worten: liebe Freunde.

Immer wieder bewegt es mich tief, wenn ich erlebe, mit welchem unerschütterlichen Optimismus und sogar mit welchem Witz Menschen wie Max Mannheimer durchs Leben gehen. Sie schenken mir und anderen Mut und Zuversicht.

Sie haben in all den Jahren nie Rache und Vergeltung das Wort geredet, sondern immer Zeichen der Versöhnung gesetzt. Dafür müssen wir Ihnen alle dankbar sein, und diesen Dank will ich ganz bewusst als Bundespräsident öffentlich aussprechen. Danke!

Viele von Ihnen sind als Zeitzeugen in Schulen und Gemeindehäuser gegangen, um den jungen Menschen von Ihren Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten. Manche tun das bis heute. Das ist mehr als lebendiger Geschichtsunterricht. Ein Schüler aus Berlin hat mir einmal nach der Begegnung mit Überlebenden gesagt: "Jetzt sind wir die Zeugen der Zeitzeugen. Wenn uns unsere Enkelkinder einmal fragen, gibt es viel, was wir ihnen erzählen können."

Auch dieses unermüdliche Auskunftgeben, diese Zuwendung zu den jungen Menschen, ist ein Zeugnis Ihrer Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung - und auch dafür gebührt Ihnen großer Dank.

Dieser Tag und dieser Ort mahnen uns. Wir werden die Erinnerung an die Verbrechen und das Gedenken an die Opfer wach halten - heute, morgen, immer. Und wir werden uns einsetzen für Gerechtigkeit, für Menschenrechte und für Freiheit. Für eine gute Zukunft für alle Menschen.