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Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler aus Anlass des Staatsbanketts für den Präsidenten der Vereinigten Mexikanischen Staaten Herrn Felipe Calderón Hinojosa und Frau Margarita Zavala

Bundespräsident Horst Köhler am Rednerpult im Großen Saal von Schloss Bellevue. Im Vordergrund sind festlich gekleidete Zuhörer zu sehen und ein brennender Kerzenleuchter. Schloss Bellevue, 3. Mai 2010 Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Steffen Kugler, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Unser gemeinsames Gewicht zur Geltung bringen"

Ich freue mich, Sie alle heute Abend hier in Schloss Bellevue begrüßen zu können.

Bereits kurz nach Ihrem Amtsantritt haben Sie, Herr Präsident, im Januar 2007 Deutschland besucht. Ich erinnere mich gut an unser damaliges Gespräch. Viele der Themen, die wir schon damals besprochen haben - Umweltschutz, Globalisierung, Intensivierung der deutsch-mexikanischen Wirtschaftsbeziehungen -, beschäftigen uns weiterhin. Daher freut es mich, Sie heute im Rahmen eines Staatsbesuchs erneut willkommen heißen zu dürfen.

2010 ist für unsere beiden Länder ein besonderes Jahr: Deutschland feiert den 20. Jahrestag der deutschen Einheit. Und Mexiko kann sogar ein doppeltes Jubiläum begehen: Vor 200 Jahren begann der Kampf um die Unabhängigkeit; vor 100 Jahren brach die mexikanische Revolution aus, die die Grundlagen für ein modernes Mexiko legte.

Wir würdigen diese Jubiläen mit einer Reihe von gemeinsamen Veranstaltungen: Die Ausstellung über die berühmte, auch in Deutschland populäre mexikanische Malerin Frida Kahlo haben Sie heute bereits besucht. Ende Juni beginnt im Martin-Gropius-Bau die großartige "Teotihuacán"-Ausstellung, deren Schirmherrschaft Sie und ich gemeinsam übernommen haben. Ich bin neugierig auf die Grabungsergebnisse der letzten 30 Jahre in dieser meistbesuchten Pyramidenanlage Mexikos. Beide Ausstellungen geben uns auf besondere Weise Gelegenheit, der vorkolonialen wie der modernen Kultur Mexikos zu begegnen. Ich bin sicher, dass sie ein großes Publikum anziehen werden.

Neben vielfältigen Kulturveranstaltungen in Mexiko und Deutschland findet im Juni in Mexiko-Stadt ein weiteres großes Ereignis statt, das mir besonders am Herzen liegt - ein dreifaches Fest gewissermaßen, das Wirtschaft und Wissenschaft gewidmet ist: Die Industrie-Ausstellung "Hecho en Alemania", die Lateinamerika-Konferenz der deutschen Wirtschaft und der "Science-Tunnel" der Max-Planck-Gesellschaft.

Herr Präsident, Sie haben gestern gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Petersberger Klimadialog in Bonn teilgenommen. Ab dem 29. November findet in Cancún die Nachfolge-Konferenz des Klima-Gipfels von Kopenhagen statt. Deutschland und Mexiko verbindet die Überzeugung, dass Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer nur gemeinsam erfolgreich den Klimawandel und seine Folgen begrenzen können.

Zweifellos tragen die Industrieländer dabei die Hauptverantwortung. Unter den Schwellenländern nimmt Mexiko beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle ein. Besonders bemerkenswert finde ich, dass Mexiko als Erdöl produzierendes Land sich für dieses globale Anliegen engagiert. Ihr Land bekennt sich ausdrücklich dazu, dass auch die Schwellen- und Entwicklungsländer aufgerufen sind zu handeln und beschränkt sich nicht darauf, Forderungen an die Industrieländer zu richten. Ihren Vorschlag eines "Grünen Fonds" zur Finanzierung des Weltklimaschutzes, der eine gemeinsame, aber nach den Gesamtemissionen differenzierte Verantwortung aller Länder vorsieht, ist weiterhin interessant. Ich könnte mir vorstellen, dass er bei den Verhandlungen 2010 wieder mehr Aufmerksamkeit erhält. Auch zu Hause haben Sie ein ehrgeiziges Klimaschutz-Programm aufgelegt und sich darin die Senkung der Treibhausgas-Emissionen um 50 Prozent bis 2050 vorgenommen.

Die Ergebnisse von Kopenhagen sind nicht zufriedenstellend. Die Welt erwartet, dass wir mehr erreichen - vor allem im Interesse künftiger Generationen. Schaffen werden wir das nur, wenn der weitere Verhandlungsprozess in einem Klima des Vertrauens stattfindet. Wir hoffen sehr, dass Mexiko hierfür der Durchbruch gelingt. Wo immer wir können, werden wir Sie unterstützen. Es geht um die gute Zukunft unseres Planeten.

Deutschland und Mexiko tun derzeit alles, um die Folgen der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu überwinden. Eine unserer wichtigsten Aufgabe wird es dabei sein, die internationalen Finanzmärkte zu reformieren, damit sich eine solche Krise nicht wiederholen kann. Hierbei müssen die großen Schwellenländer in die Entwicklung geeigneter Strategien einbezogen werden. Wir haben diesen Prozess, der den Schwellenländern mehr Mitsprache einräumt, aber auch ihre Mitverantwortung einfordert, bereits durch die deutsche G8-Präsidentschaft 2007 in Heiligendamm - zusammen mit Ihnen - eingeleitet. Inzwischen ist die G20 zum zentralen Forum für die Kooperation in Weltwirtschaftsfragen geworden. Mexiko ist dabei Partner Deutschlands in der G20 und der OECD. Ihrem Land ist es nach der Finanzkrise von 1994/95 gelungen, wieder zu Stabilität und Wachstum zu kommen. Mexiko sollte seine spezifischen Erfahrungen aktiv in die Diskussion zur Neugestaltung der Weltfinanzmärkte einbringen.

Beim Gipfel für nukleare Sicherheit in Washington Mitte April hat Mexiko auf den Besitz hoch angereicherten Urans verzichtet. Es hat damit ein wichtiges Zeichen für die Eindämmung von Proliferationsrisiken gesetzt. Hierfür möchte ich Ihnen ausdrücklich danken. Ich bin zuversichtlich, dass Mexiko und Deutschland auch gemeinsam zu einem Erfolg der bevorstehenden Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrags beitragen können. Das kann uns dem Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt ein Stück näher bringen.

Die Liste der globalen Herausforderungen ließe sich fortsetzen. Ob Migration, epidemische Krankheiten, Drogenhandel, organisierte Kriminalität, Korruption oder Terrorismus: Wir können diese Probleme nur gemeinsam lösen. Das Schlüsselwort unseres Jahrhunderts heißt daher Zusammenarbeit in der Region, aber auch in der Welt. Mexiko hat eine wichtige Brückenfunktion zwischen Nord- und Lateinamerika, zwischen Atlantik und Pazifik, zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.

Deutschland und Mexiko, Europa und Lateinamerika sollten ihre Kräfte bündeln und ihr gemeinsames Gewicht in der Welt zur Geltung bringen. Das bevorstehende Gipfeltreffen zwischen der EU und den Staaten Lateinamerikas und der Karibik sowie der EU-Mexiko-Gipfel in Spanien bieten hierfür eine Gelegenheit. Die EU und Mexiko verbindet seit 2008 eine strategische Partnerschaft. Sie gerade zu den globalen Fragen mit Leben zu erfüllen, ist unsere gemeinsame Aufgabe. Ich hoffe daher sehr, dass hierzu ein substantieller Aktionsplan vereinbart wird.

Unsere gemeinsame Grundlage sind dabei die Werte, die Europa und Lateinamerika miteinander teilen: Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte. Aber es reicht nicht, diese hehren Ziele zu fordern. Diese Werte verlangen unseren tatkräftigen Einsatz. Mit großer Aufmerksamkeit, Herr Präsident, verfolgen wir Ihren Kampf gegen das organisierte Verbrechen in Mexiko.

Uns verbindet die gemeinsame Überzeugung, dass das wichtigste Forum zur Behandlung der globalen Herausforderungen die Vereinten Nationen sind und bleiben. Dort ist der natürliche und legitime Ort für eine kooperative Weltpolitik, für eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten, die allen Menschen eine gute Zukunft ermöglichen soll.

Dafür müssen die Vereinten Nationen aber auch in die Lage versetzt werden, zu einer Lösung der Probleme noch effektiver als bisher beitragen zu können. Deshalb setzen wir uns beide für eine Reform der Vereinten Nationen ein, die ihre Legitimität und Handlungsfähigkeit stärkt.

Die Faszination, die Mexiko auf Deutschland und die Deutschen ausübt, ist seit der Reise Alexander von Humboldts vor über 200 Jahren ungebrochen. Der rege Austausch auf den Gebieten der Wissenschaft, der Kultur, des Tourismus und des Handels beweist es. Mexiko bietet der deutschen Wirtschaft hervorragende Möglichkeiten, sich an dem von Ihnen 2007 aufgelegten, ehrgeizigen "Nationalen Infrastrukturprogramm" zu beteiligen. Wie ich weiß, ist es Ihnen ein besonderes Anliegen während Ihres Besuchs, dass auch die mexikanischen Unternehmen in Deutschland stärker sichtbar werden. Hier sind die Möglichkeiten bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Daher ist die Ernennung Ihres neuen Botschafters in Deutschland, Herrn Francisco González Díaz, der langjährige Erfahrungen bei der Außenhandelsförderungsgesellschaft ProMéxico in Frankfurt am Main gesammelt hat, eine gute Nachricht. Er wird viel zu tun bekommen!

Erheben Sie mit mir das Glas auf das schöne und solide Fundament der deutsch-mexikanischen Freundschaft, auf das Wohlergehen unserer Völker, den Erfolg unserer gemeinsamen Bemühungen zum Wohle unserer Einen Welt - und erlauben Sie mir zum besonderen Anlass des "BiCentenario" ein herzliches

Viva México !