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Interview mit der Zeitung "The Indian Express"

Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Begegnung mit der Presse Neu-Delhi, 5. Februar 2014 Staatsbesuch des Bundespräsidenten in der Republik Indien - Begegnung mit der Presse © Guido Bergmann

Bundespräsident Joachim Gauck hat am 4. Februar der indischen Zeitung "The Indian Express" ein Interview gegeben.

Herr Bundespräsident, in der ehemaligen DDR gehörten Sie der Oppositionsbewegung an. Was bedeutete Freiheit damals für Sie als jungen Menschen? Hat irgend eine indische Persönlichkeit Sie und Ihre Mitstreiter beeinflusst?

Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen, die ihren Bürgern weder politische noch wirtschaftliche Freiheit gewährte. Diese Erfahrung hat mein Verhältnis zur Freiheit natürlich besonders beeinflusst. Die friedliche Revolution und der Fall der Berliner Mauer 1989 waren für mich wie für viele Millionen anderer Bürger außerordentlich prägende Ereignisse. Zu erleben, wie die Menschen in der früheren DDR und in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks ihre Angst verloren, war wunderbar. Wer nach Vorbildern sucht, wie man friedlich aber bewaffnet mit einem starken Willen und ohne Furcht einer Staatsmacht entgegentritt, kommt natürlich auf Mahatma Gandhi. Das ging auch mir so. Ich habe Indiens 'Vater der Nation' bewusst in meiner ersten Rede als Bundespräsident vor dem Deutschen Bundestag zitiert. Gandhi hat der Welt vorgelebt, dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen.

Welches sind mehr als zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung die größten Chancen und die schwierigsten Herausforderungen, mit denen sich Deutschland heute konfrontiert sieht?

Deutschland kann mit Stolz auf die letzten Jahrzehnte zurückblicken. Wir sind ein Anker demokratischer und wirtschaftlicher Stabilität im Herzen eines vereinten Europa. In der Krise hatten viele Europa schon abgeschrieben. Doch die jüngsten Signale – gerade aus den Krisenländern – stimmen mich zuversichtlich, dass unser Kontinent seine Schwierigkeiten überwinden wird. Krisen sind immer auch Zeiten des Nachdenkens darüber, was wir besser machen können. Für die Europäische Union sehe ich es als notwendig an, dass wir zu mehr Gemeinsamkeit in der Wirtschafts- und Finanzpolitik kommen. Um globalen terroristischen oder militärischen Bedrohungen zu begegnen, braucht die EU eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Und schließlich müssen wir uns immer daran erinnern: Europa ist mehr als nur ein Währungsraum. Es ist ein Lebensmodell der Freiheit, der Demokratie, der Vielfalt und des Wohlstands. Vor allem wir Deutsche tragen als wirtschaftlich starkes Land hier eine besondere Verantwortung.

Wie können nach Ihrer Auffassung Deutschlands Beziehungen zu Indien die künftigen bilateralen Kontakte zwischen Südasien und Europa gestalten?

Deutschland und Indien sind seit langem verbunden und seit mehr als einem Jahrzehnt auch strategische Partner. Indien war das erste Land in Asien, mit dem Deutschland regelmäßige Konsultationen auf Ebene der Regierungen vereinbart hat. Das zeigt die große Bedeutung, die wir der größten Demokratie der Welt beimessen. Indien spielt aufgrund seines wachsenden politischen sowie wirtschaftlichen Gewichts in Südasien und weit darüber hinaus eine wichtige Gestaltungsrolle. Umso wichtiger ist eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen unseren beiden Ländern. Als Demokratien sind wir es gewohnt, unterschiedliche Interessen durch Kompromisse auszugleichen und uns klaren Regeln zu unterwerfen. Diese Prinzipien sollten wir auch global einbringen – zum Beispiel in den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte, Entwicklung und Klimaschutz.

Indien und Deutschland sind wirtschaftlich eng miteinander verbunden, da Deutschland Indiens größter Handelspartner in Europa ist. Wodurch verzögert sich das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, aus dem beide Seiten Nutzen ziehen würden, und sehen Sie die Möglichkeit einer baldigen Unterzeichnung?

Der Abschluss eines umfassenden Freihandels- und Investitionsabkommens wäre eine enorme Chance für Indien, aber auch für uns Europäer. Damit würden wir den größten Binnenmarkt der Welt mit einer der global aufstrebenden Wirtschaftsmächte verzahnen. Es geht dabei aber nicht nur um eine gegenseitige Öffnung unserer Märkte. Es geht auch darum, unsere Gesellschaften insgesamt enger miteinander zu vernetzen. Die EU und Indien haben bereits große Fortschritte erzielt, die Klärung weniger wichtiger, letztlich überwindbarer Hürden steht aber leider weiterhin aus. Wir hoffen, dass die Verhandlungen nach Bildung einer neuen indischen Regierung zügig aufgenommen werden.

Der Anteil junger Menschen an der Bevölkerung Indiens ist groß, und bestens ausgebildete Arbeitskräfte sind eine große Stärke der deutschen Wirtschaft. Wie können Indien und Deutschland so zusammenarbeiten, dass Indien von den deutschen Erfahrungen profitieren kann?

Unsere beiden Länder können hier sehr gut zusammenarbeiten. Das deutsche duale System zur praktischen Berufsausbildung ist weltweit anerkannt. Die vielen jungen Menschen in Indien brauchen eine praxisnahe Ausbildung, sie brauchen unbedingt berufliche Perspektiven. Das deutsche System lässt sich aber nicht schlüsselfertig exportieren. Indische Firmen und Regierungsstellen müssen sich Gedanken machen, wie sie daraus ein eigenes System entwickeln können. Genau das wird Thema einer Konferenz in Bangalore sein, die ich am 7. Februar besuchen werde. Deutschland ist hier selbstverständlich zur Kooperation mit Indien bereit.

Sowohl Indien als auch Deutschland haben ein ureigenes Interesse an einem stabilen Afghanistan. Wie sehen Sie Indiens Engagement in seinem Nachbarland, und wie können Indien und Deutschland in Afghanistan zusammenarbeiten?

Ich habe Verständnis für die Sorgen Indiens über ein mögliches Sicherheitsvakuum in Afghanistan und begrüße das indische Engagement in dem Land. Bei den letzten Regierungskonsultationen haben Deutschland und Indien vereinbart, in und mit Afghanistan weiter zusammenzuarbeiten. Die Ausbildung von Fluglotsen für den neuen Flughafen von Masar-e-Scharif ist ein Beispiel: Deutschland zahlt das Training, das in Indien stattfindet. Unser gemeinsames Ziel bleibt, den Frieden und Wiederaufbau in Afghanistan zu unterstützen. Deutschland wird auch nach 2014 in Afghanistan engagiert bleiben.

Die Fragen stellte Shubhajit Roy