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Interview mit der französischen Tageszeitung "Dernières Nouvelles d’Alsace"

Bundespräsident Joachim Gauck wird vom Präsidenten der Französischen Republik, François Hollande, in der Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf in Empfang genommen Hartmannsweilerkopf/ Frankreich, 3. August 2014 Besuch der Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf – Empfang durch den französischen Präsidenten François Hollande © Steffen Kugler

Bundespräsident Joachim Gauck hat am 3. August der Tageszeitung "Dernières Nouvelles d’Alsace" anlässlich seines offiziellen Besuchs in der Republik Frankreich und seines Besuchs in der Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf ein Interview gegeben.

Herr Bundespräsident, was hat Sie im September in Oradour am meisten bewegt?

Als deutscher Bundespräsident durfte ich an einem Ort gedenken, den Deutsche vernichtet haben und dessen Einwohner von Deutschen umgebracht wurden. Es war ein sehr bewegendes und starkes Symbol für die Freundschaft und das Vertrauen zwischen unseren Ländern, dass der Präsident der Französischen Republik, Überlebende und Angehörige von Opfern der deutschen Gräueltaten mich dabei begleitet haben. Trotz des großen Leids und schrecklicher Erinnerungen waren und sind Menschen, wie Robert Hébras und Raymond Frugier, und so viele andere bereit, gemeinsam mit ihren deutschen Nachbarn für eine gemeinsame Zukunft in einem friedlichen Europa zu arbeiten. Vor dieser menschlichen Größe habe ich allertiefsten Respekt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Richtet sich Ihre Botschaft auf dem Hartmannsweilerkopf 100 Jahre nach Beginn des I. Weltkriegs auch an die Elsässer Zwangs-Rekrutierten des II. Weltkriegs?

In erste Linie wende ich mich mit meinem Besuch gegen Fanatismus, Verblendung und übersteigerten Nationalismus. All dies hat vor 100 Jahren zu einem unmenschlichen Vernichtungskampf im Namen von Kultur und Zivilisation geführt, nicht nur am Hartmannsweilerkopf.

Natürlich steht mir dabei auch die wechselvolle Geschichte des Elsass und von Lothringen vor Augen als Deutsche im Zweiten Weltkrieg viel Leid und Unrecht über die Menschen gebracht haben. Gemeinsam haben Deutsche und Franzosen Lehren aus der Geschichte gezogen, die Versöhnung und Freundschaft erst ermöglicht haben. Gemeinsam arbeiten wir an dem nicht immer einfachen Projekt Europa und für ein friedliches Zusammenleben. Diese Botschaft richtet sich an alle Franzosen und Deutschen gleichermaßen.

Die Jugend beider Länder lernt immer weniger die Sprache des Nachbarn. Wie diesem Desinteresse entgegenwirken?

In Europa gibt es kaum mehr Grenzkontrollen. Mit Englisch kann man sich fast überall irgendwie verständigen. Wenn man aber die Lebensweise und die Kultur seiner europäischen Nachbarn wirklich verstehen will, muss man ihre Sprache verstehen und am besten auch sprechen. Wenn es gelingt, durch Begegnungen jeglicher Art – beim Schüleraustausch, bei Musikfestivals oder auch beim Sport – die Neugier auf die Nachbarn zu wecken, dann werden auch die Bereitschaft und die Motivation wachsen, etwas Zeit und Mühe zu investieren und die Sprache des Nachbarn zu lernen. Hinzu kommt, dass heute sehr viele Berufstätige im jeweils anderen Land arbeiten; das fördert die Zweisprachigkeit automatisch.

Gibt es einen neuen Antisemitismus in Deutschland?

Auch in Deutschland sind wie in anderen Ländern Europas wieder antisemitische Ressentiments zu beobachten. Wir konnten jüngst leider feststellen, dass sich aktuell ein traditioneller Antisemitismus mit dem aus bestimmten Zuwanderermilieus mischt. Allerdings distanziert sich der allergrößte Teil meiner Landsleute deutlich davon. Und: Antisemitische Äußerungen in Deutschland bleiben nicht ohne Gegenreaktion. Viele Bürger und natürlich auch staatliche Stellen treten derartigen Entgleisungen entschlossen entgegen.

Die Fragen stellte Peter Pfeil.