Navigation und Service

Interview mit der deutschsprachigen kanadischen Monatszeitung "Albertaner"

Bundespräsident Joachim Gauck im Interview (Archivbild) Archivbild Bundespräsident Joachim Gauck im Interview (Archivbild) © Steffen Kugler

Bundespräsident Joachim Gauck hat am 23. September der deutschsprachigen kanadischen Monatszeitung "Albertaner" ein Interview gegeben.


Herr Bundespräsident, Sie werden vom 24. bis 27. September Kanada besuchen und von einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation begleitet werden. Was steht auf Ihrem Besuchsprogramm und woran sind Sie besonders interessiert?

Mein Staatsbesuch führt mich zu einem eng befreundeten Partner Deutschlands. Uns verbindet eine jahrzehntelange vertrauensvolle Zusammenarbeit auf vielen Gebieten. In meinen Gesprächen mit dem Generalgouverneur und Regierungsvertretern in Ottawa wird es vor allem um die bilateralen Beziehungen unserer Staaten gehen. Ganz besonders interessieren mich die Erfahrungen Kanadas mit Zuwanderung und Integration. Das wird bei verschiedenen Gesprächen und Terminen, vor allem in Toronto und Québec, eine Rolle spielen. Ein Schwerpunkt meiner Reise ist auch die wirtschaftliche und die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit Kanadas mit Deutschland bzw. der Europäischen Union. Daher werde ich von der hochrangigen Wirtschaftsdelegation begleitet. Gemeinsam werden wir Forschungszentren und Unternehmen besuchen.

Sie haben viele Jahre als Pastor gearbeitet, waren eine führende Persönlichkeit des kirchlichen und öffentlichen Widerstandes gegen die SED-Diktatur in der DDR und haben sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit engagiert. Was halten sie von dem Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit, die fast 70 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur immer noch in Deutschland anzutreffen sind, und wie kann diese Diskriminierung am besten bekämpft werden?

Es bedrückt mich sehr, dass in Deutschland und in anderen Ländern Europas antisemitische Ressentiments immer wieder offenbar werden. In diesem Sommer konnten wir erleben, dass sich derzeit ein letztlich traditioneller Antisemitismus mit einem neuen aus bestimmten Zuwanderermilieus stammenden mischt. Allerdings distanziert sich der allergrößte Teil meiner Landsleute deutlich davon. Und: Antisemitische Äußerungen in Deutschland bleiben nicht ohne Gegenreaktion. Bürger, Medien und die Politik treten derartigen Entgleisungen entschlossen entgegen. Alle gemeinsam müssen immer deutlich machen: Wir stehen uneingeschränkt zur Menschenwürde und zu den Menschenrechten, zur Achtung des Rechts und zu einer offenen und pluralistischen Gesellschaft.

Kanada ist ein Einwanderungsland, und Multikulturalismus ist hier seit mehr als 40 Jahren offizielle Regierungspolitik, während Deutschland sich immer noch gegen dieses Konzept wehrt, obwohl seit vielen Jahren Millionen von Türken und anderen Migranten dort leben und arbeiten. Was kann Deutschland von Kanada in dieser Hinsicht lernen?

Vielfalt und Verschiedenheit werden in der kanadischen Bevölkerung nicht als Bedrohung empfunden. Auch in Deutschland hat sich viel getan in den letzten Jahren, wir müssen uns aber noch deutlicher zur Einwanderung bekennen und wir benötigen einen breiten gesellschaftlichen Konsens für die verstärkte Zuwanderung von Arbeitskräften. Über eine Willkommenskultur hinaus muss Deutschland attraktive Rahmenbedingungen bieten. Traditionelle Einwanderungsländer wie Kanada oder die USA bieten hier im Vergleich eindeutig Vorteile. In Deutschland können wir uns einiges abschauen von den Maßnahmen und Programmen, die es in Kanada gibt, um beispielsweise sprachliche Defizite und nachteilige soziale Voraussetzungen der Migranten auszugleichen. Hier können und müssen wir noch mehr tun, auch um Zuwanderern einen Bildungsaufstieg zu erleichtern. Kanada hat außerdem eine der höchsten Einbürgerungsquoten weltweit. Einwanderer werden dazu ermutigt, die kanadische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das schafft Identifikation und ermöglicht eine aktive Mitgestaltung von Leben und Gesellschaft.

Deutschland hat heute weltweit einen guten Ruf. Die Deutschen gelten als fleißig, pünktlich und ehrlich, die Qualität von Produkten “Made in Germany” wird geschätzt, deutsche Sportler und Künstler sind beliebt, und Deutschland beteiligt sich an Friedensmissionen und Entwicklungshilfe, aber es gibt immer noch ein gewisses Misstrauen gegenüber Deutschland. Wie kann dem am besten begegnet werden?

In einer weltweiten Umfrage der BBC, ob Länder einen positiven Einfluss in der Welt haben, stehen Deutschland und Kanada an der Spitze. Und auf meinen Reisen ins Ausland mache ich immer wieder die eindrucksvolle Erfahrung, dass Deutschland nach seinen verheerenden Verbrechen im letzten Jahrhundert international wieder großes Vertrauen genießt und als verlässlicher Partner wahrgenommen wird. Über die sich auch daraus ergebende Verantwortung Deutschlands in der Welt diskutieren wir in Deutschland derzeit sehr intensiv. Mein Eindruck ist, dass es dabei auch stark um das Vertrauen in uns selbst geht.

Kanada und Deutschland verbindet eine lange Freundschaft und rege Beziehungen in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur sowie im akademischen Bereich, und deutsche Einwanderer haben maßgeblich zur Entwicklung Kanadas beigetragen. Was schlagen Sie vor zur weiteren Verbesserung unserer bilateralen Beziehungen?

Sie haben Recht: Die Beziehungen unserer Länder sind ausgezeichnet, sie sind eng und freundschaftlich. In vielen außenpolitischen Fragen arbeiten wir auf Grundlage unserer gemeinsamen Werte - wie Menschenrechte, Demokratie, Rechtstaatlichkeit - eng zusammen. Daran sollten wir weiter anknüpfen und so auch das Interesse füreinander, insbesondere in der jüngeren Generation, aufrechterhalten und weiter ausbauen. Außerdem besteht noch großes Potential für die weitere Intensivierung der Wirtschafts- und Wissenschaftskooperation. Nicht nur die großen Rohstoffvorkommen Kanadas bieten große Entwicklungschancen für unseren Außenhandel. Das Handelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada bietet auch die Chance, unseren Wirtschaftsbeziehungen eine neue Qualität zu geben.

Die Fragen stellte: Arnim Joop.