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Interview mit der Tageszeitung Irish Times

Bundespräsident Joachim Gauck in Schloss Bellevue (Archiv) Schloss Bellevue Bundespräsident Joachim Gauck in Schloss Bellevue (Archiv) © BPA

Der Bundespräsident hat der irischen Tageszeitung "Irish Times" ein schriftliches Interview gegeben, das anlässlich des Staatsbesuchs des Bundespräsidenten in Irland am 11. Juli erschienen ist.

Jahrzehntelang hat unsere Insel, als Land von Heinrich Bölls Tagebuch, für viele Westdeutschen als "Leihheimat" gedient. Welche kulturelle/politische Bedeutung hat Irland in der DDR gehabt zum Beispiel Elizabeth Shaw?

Auch in der DDR ist Heinrich Böll und sein Irisches Tagebuch gelesen worden. Irland war für manche eine "Traumheimat" – mit wilden Küsten, einer mit Melancholie verbundenen Lebensfreude und mit der Frage: Gehen oder Bleiben. Für uns in der DDR, aus der ich komme, war dies ebenfalls eine entscheidende Frage und eine Frage von besonderer Bedrohlichkeit. Uns Deutsche und die Iren verband stets auch das Leiden an der Trennung im eigenen Land. Und so war das Ende der Teilung Deutschlands wohl auch ein starkes Hoffnungszeichen für die Iren. Außerdem teilen wir von je her unsere Leidenschaft für Sprache und Literatur. So sind große irische Autoren wie James Joyce, Georg Bernhard Shaw, William Butler Yeats auch in der DDR verlegt worden, manche – wie Samuel Beckett im Jahre 1979 - leider erst mit etwas Verzögerung, aber es gab auch Übersetzungen bedeutender jüngerer Literaten wie Seamus Heaney 1987.

Vor 1300 Jahren waren es irische Mönche - wie Kilian in Würzburg - die das Christentum nach Europa zurückgebracht haben. Als Mann der Kirche, wie hallt das für Sie persönlich nach?

Wenn man sich in die bewegte Geschichte des frühen Mittelalters hineinversetzt, kann man nur staunen – mit so großer Intensität wurde damals um den richtigen Glauben und die wahren Werte gerungen. Die iroschottische Mönchsbewegung hatte dabei einen wichtigen Einfluss auf die Ausformung des Christentums in Deutschland, aber auch auf Staat und Gesellschaft insgesamt. Wie überzeugt und standhaft die Mönche waren, die Tausende von Kilometern auf beschwerlichen Wegen reisten, um ihren Glauben in fremder Sprache und Kultur verständlich zu machen, das Christentum zu verbreiten und diesem hier wieder eine neue Heimat gaben – das beeindruckt mich doch sehr.

Da Deutschland nie Krieg gegen Irland geführt hat, galten unsere bilateralen Beziehungen lange als unbelastet. Seit der Eurokrise ist allerdings die öffentliche Diskussion von negativ belastete Begriffe wie "the Germans" oder "German banks" geprägt. Macht Ihnen das Sorgen? Wie kann man das Konkret zum positiven wenden?

Die sogenannte Eurokrise ist eine große Belastungsprobe für ganz Europa – für die EU, die Eurozone, ihre Mitgliedstaaten und für viele Einzelne, für ihr Leben und ihren Alltag. Mir ist völlig bewusst, welche großen persönlichen Opfer und harten Einschnitte die Menschen in Irland auf sich genommen haben, um wirtschaftliche und soziale Verwerfungen und eine hohe Arbeitslosigkeit zu überwinden. Die Iren können aber nun auf echte Erfolge zurückblicken.

Was mich derzeit besonders besorgt, ist ein grassierender antieuropäischer Populismus in vielen Mitgliedstaaten der EU. Hier kann ich nur warnen: Das auf unseren gemeinsamen Werten basierende europäische Friedensprojekt ist zu wertvoll. Wir dürfen den öffentlichen Raum nicht den radikalen antieuropäischen Kräften von rechts und links überlassen. Wir – alle, die die europäischen Werte vertreten – müssen uns in die politische Diskussion einbringen. Dabei sollten wir noch mehr Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven unserer europäischen Partner aufbringen und darauf achten, auch bei Meinungsverschiedenheiten einen respektvollen, sachlichen und ergebnisorientierten Austausch zu pflegen. So erhalten wir unser gegenseitiges Vertrauen und so können wir auch schwierige Phasen gemeinsam meistern.

Deutsche und Iren sollten zudem nicht vergessen, was uns auch über Europa hinaus so sehr verbindet: unser gemeinsames Engagement für Menschenrechte, für Frieden und Entwicklung in der Welt. Das Fundament unserer bilateralen Beziehungen war und ist stabil, der Austausch zwischen unseren Regierungen und Parlamenten ist eng und vertrauensvoll. Daran hat die Krise nichts Grundsätzliches geändert.

Während Irlands Präsident Michael D. Higgins die hohen Sozialkosten der Eurokrise (Sozialkürzungen usw.) als inakzeptabel bezeichnet, wurde in Deutschland eher über die Missachtung der Euroregeln (Stabilitätspakt, EZB Anleihen Aufkäufe usw.) gewarnt. Warum ist der deutsche Blick auf Europa so eng und technokratisch geworden?

Ich denke, hier liegt ein Missverständnis vor. Der deutsche Blick ist nicht eng, er ist auch nicht technokratisch, sondern europäisch und solidarisch. Aber eine Währungsunion benötigt Regeln, sonst kann sie nicht funktionieren. Die Regeln der Wirtschafts- und Währungsunion, die wir uns gemeinsam gegeben haben, schreiben dabei übrigens gar keine konkrete Sozialpolitik und auch keine Sozialkürzungen vor. Wenn es in diesem Bereich sehr schmerzhafte Einschnitte gab, dann um weitere Verwerfungen zu verhindern und die Krise zu überwinden.

In Irland würde ich von einer Bankenkrise sprechen. Der Bankensektor wurde weltweit nicht gut genug beaufsichtigt. Mit den Folgen hatte nicht nur die Eurozone zu kämpfen. Reformen – auch im Bereich der Sozialleistungen – waren ein Weg, die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen zurückzugewinnen und Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum der Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Ich blicke mit großem Respekt auf die Fortschritte, die Irland erzielt hat. Und ich verkenne nicht den hohen Preis, den viele Iren entlang dieses Weges gezahlt haben. Daniela Schadt und ich werden uns daher während des Staatsbesuchs ganz besonders über die Anstrengungen informieren, die in Ihrem Land unternommen wurden, um aus der Krise zu finden.

Bei der 50. Münchener Sicherheitskonferenz haben Sie Deutschland angespornt, mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Sind Sie zufrieden damit, was seitdem passiert ist?

Ich bin zufrieden, dass seit einiger Zeit diese wichtige Debatte intensiv geführt wird. Und wir müssen sie fortsetzen. Gerade aufgrund der unterschiedlichen internationalen Krisen brauchen wir noch mehr Klarheit darüber, wie wir unsere europa- und außenpolitische Verantwortung künftig wahrnehmen wollen. In den vergangenen zwei Jahren hat Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen und transatlantischen Partnern bereits eine noch aktivere Rolle eingenommen – sei es im Konflikt um die Ost-Ukraine, im Norden des Irak oder bei der Bekämpfung von Ebola und natürlich auch in der Eurokrise. Diese völlig unterschiedlichen Szenarien zeigen, wie umfassend unsere Fähigkeiten und Ressourcen des Konfliktmanagements bereits sind. Auch wenn es noch Luft nach oben gibt: Ich bin sehr froh darüber, wie stark wir uns in vielen Bereichen einbringen.

Das irische Volk hat vor kurzem die Ehe für Alle in einer Volksabstimmung verabschiedet. Das Verfassungsgericht der Vereinigten Staaten nun auch. Was wünschen Sie sich hier für Ihr Land?

Mich hat beeindruckt, wie ernsthaft und wie engagiert sich das irische Volk mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Es ging meiner Wahrnehmung nach nicht um eine Abstimmung "gegen", sondern "für" etwas. Aus persönlicher Erfahrung bin ich selbst für all das, was Menschen befreit und von Entfremdung löst. Daher wünsche ich mir auch für Deutschland noch stärker eine Debatte, in der bei den Menschen nicht das Gefühl überwiegt, dass ihnen mit der Gleichstellung anderer etwas genommen wird oder dies bedrohlich ist für die eigene Art zu leben. Es sollte noch deutlicher werden, dass homosexuellen Menschen, die in einer verbindlichen Partnerschaft leben wollen, damit die Chance für ein gleichwertiges Leben in Liebe und Partnerschaft gegeben wird..

Die Fragen stellte: Derek Scally