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Interview mit dem Radiosender WDR 5

Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Interview mit Julia Barth und Katrin Brand vom WDR im Amtszimmer in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 3. Februar 2016 Interview mit dem Radiosender WDR 5 – Gespräch mit Julia Barth und Katrin Brand im Amtszimmer © Steffen Kugler

Bundespräsident Joachim Gauck hat dem Radiosender WDR 5 ein Interview gegeben, das am 5. Februar gesendet wurde:

Herr Bundespräsident, wir möchten mit Ihnen über Veränderungen reden. Es sind ja turbulente Zeiten, in denen wir uns gerade bewegen. Was verändert sich für Sie im Jahr 2017?

Im 2017er Jahr wird die Entscheidung fallen, ob in der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten Joachim Gauck ein weiteres Mal auf der Kandidatenliste steht. Das wird dann schon ein Einschnitt sein.

Wann werden Sie sich entscheiden, wissen Sie es schon, ob Sie es machen werden oder nicht?

Wenn ich es weiß, dann werde ich es nicht sagen, aber ich werde es natürlich nicht erst 2017 sagen, sondern 2016 – das heißt in diesem Jahr. Aber bitte nicht in den nächsten Wochen fragen.

Jetzt haben wir im Vorfeld dieses Gespräches festgestellt, dass wir Hauptstadtjournalisten ja mittlerweile einen regelrechten Sport entwickelt haben, Sie immer wieder zu nerven, mit diesem Thema. Wie strengt Sie das an?

Das war herausfordernd für mich. Die Journalisten haben sich bemüht, jedenfalls diejenigen, die ein gewisses Renommee haben, ihre Fragen nicht gleichförmig zu stellen. Sondern sie haben das in allen möglichen witzigen oder weniger witzigen Kombinationen eingebaut, die Frage. Und ich musste dann entsprechend reagieren. Es war dann eine Herausforderung, fällt mir noch einmal wieder etwas Neues ein, um Nein zu sagen, "ich sage nichts" zu sagen.

Können Sie sich denn vorstellen, dass das Land in einer Situation wäre, in der Sie sagen, eigentlich hätte ich aufhören wollen, aber jetzt habe ich das Gefühl, ich muss bleiben?

Ich möchte mir das nicht vorstellen. Aber da ich alt genug bin und einiger europäischer Katastrophen ansichtig geworden bin, würde ich sagen, man wäre auch völlig töricht, wenn man jetzt einfach schlicht antworten würde: "Nein, kann ich mir gar nicht vorstellen". Also selbstverständlich muss ich so eine Möglichkeit einkalkulieren. Aber das Land ist in einer Verfasstheit, dass ich Zutrauen habe zu der Bevölkerung, auch zu unseren Institutionen und jenseits allen politischen Streits auch zur politischen Klasse. Das passt nicht zu unserem Land, dass eine solche Situation eintreten würde.

Von Ihrer Familie ist zu hören, zumindest immer wieder in Zeitungsartikeln taucht es auf, dass der Rat an Sie sei, z. B. von Ihrem Sohn Christian, sich das nicht noch anzutun, eine zweite Amtszeit.

Wissen Sie, schon als ich angefangen habe, haben Geschwister oder Freunde gesagt, als Bürgerin wünsche ich mir, dass du es machst, als Schwester oder als Freundin eher nicht. Viele haben mein Alter schon früher gesehen als andere. Es ist so, dass solche herausgehobenen Ämter natürlich auch etwas mit einem machen, sie muten Veränderungen zu, auch Anstrengungen, die normalerweise im Rentenalter sich nicht jeder zumutet. Aber ich war noch ziemlich aktiv, als ich gefragt wurde und konnte dann Ja sagen. Außerdem hatte ich mich schon einmal zur Wahl gestellt, und bei der zweiten Wahl 2012, als es dann möglich wurde, dass ich tatsächlich gewählt würde, mochte ich dann auch nicht vor die Öffentlichkeit treten und sagen: "Naja, genannt werden schon, aber nicht ernst machen, bitte." Das geht dann auch nicht, das ist verspielt, und ich war aus dem Alter der Verspieltheit raus.

Jetzt haben Sie gerade angesprochen, dass es Veränderungen gibt, die einem das Amt zumutet. Was ich mich gefragt habe: Sie waren ja vorher nie um klare Worte verlegen. Jetzt merkt man schon, dass Sie Sachen auf die Goldwaage legen müssen, weil Ihnen sehr genau zugehört wird und weil im Zweifelsfall auch jeder Halbsatz interpretiert, bewertet wird. Vermissen Sie manchmal Ihr altes Leben, wo man einfach mal sagen konnte: "So ist es."?

Es gibt da ein Sprichwort: "Immer was für was". Diese Freiheit des Wortes, von der Sie gesprochen haben, ich habe sie nicht maßlos, aber maßvoll, doch intensiv genutzt. Und das ist auch leichter, wenn man unabhängig ist oder freischaffend als Vortragsreisender oder Autor unterwegs ist, keiner Partei oder keinem Amt verpflichtet. Und dann schaut man sich so ein Amt an und sieht auch die Besonderheit dieses Amtes und dann sagt man: "Ja, jetzt kann man auch einmal dienen". Und zu diesem Dienst gehört dann, dass man sich nicht jeder Laune hingibt und nicht jedem Kraftwort, was man manchmal gerne verwenden würde, Raum gibt im eigenen Mund und im eigenen Kopf.

Als Sie damals Präsident geworden sind – ich habe noch dieses Bild vor Augen, wie Sie und Frau Schadt auf dem Rasen hier vorm Schloss Bellevue stehen, strahlend, es war, glaube ich, auch noch schönes Wetter, und so ausgestrahlt haben, Sie könnten die Welt umarmen. Wie lange hat denn dieses "kneif mich, ich bin Präsident"-Gefühl noch angehalten? Erinnern Sie sich da manchmal noch daran?

Die Intensität war an dem Tag natürlich besonders groß. Dass ich mich innerlich daran gewöhnt hätte, nach einer Woche oder zehn Tagen, das kann ich nicht sagen. Es passiert mir heute gelegentlich noch so, früher dauerhaft, dass ich gedacht habe: Aber ich bin doch gar nicht dazu geboren, ich bin doch eigentlich normal, ich gehöre doch nicht ins Schloss. Wenn man so alt geworden ist, ohne hohes herausgehobenes Amt, wie ich es damals schon war, dann muss man sich in der Tat daran gewöhnen. Irgendwann bin ich dann angekommen. Ich kann das jetzt nicht mit dem Datum sagen, aber ich würde sagen, das erste Jahr war auch für mich Mühe der Gewöhnung. An die Weite und an die Begrenzung des Amtes musste ich mich gewöhnen. Und ich denke dann, Schritt für Schritt ist das Amt zu mir, und bin ich zu dem Amt so gekommen, wie es jetzt ausschaut.

Als Joachim Gauck haben Sie sehr wahrscheinlich Ihre Lebensgefährtin, so würde ich mir das vorstellen, als Bundespräsident haben Sie dann noch so eine Form von Korrektiv? Die Menschen werden Ihnen ja sicherlich möglicherweise respektvoller begegnen als vorher.

Ich war, bevor ich Präsident wurde, über viele Jahrzehnte eng verbunden mit normalen Leuten. Früher, in meinem Pastorenberuf in der DDR in Rostock, dann auch später in dem Verein "Gegen Vergessen – Für Demokratie", den ich lange Jahre geleitet habe, bin ich immer wieder auch an der Basis gewesen – auch in konfliktträchtigen Situationen, als in diesem Land der Streit um Flüchtlinge losging, als Rechtsradikale ihre Umtriebe vermehrten. Da kommt man auch immer ins ungemütliche Tun. Und außerdem habe ich aus meiner früheren Zeit, da gehörte ich ja nicht zur Oberschicht, sondern zu den Unterdrückten, immer noch existierende Netzwerke von Menschen, mit denen ich mal gemeinsam gegen die Diktatur angelebt habe. Und die sagen einem auch etwas – auch mitunter, was einem nicht gefällt.

Auch heute noch?

Ja, sicher. Es ist natürlich nicht so einfach für jedermann. Es gibt nun nicht all zu viele, die meine Handynummer haben, aber es gibt die noch unter den normalen Leuten. Und dann gibt es eine sehr wache Lebensgefährtin. Sie haben eben auf Daniela Schadt geschaut in Ihrer Frage. Das ist eine Frau, die sehr nah bei den Realitäten dieser Welt ist und mit Herz und Verstand auf ihre Weise all das begleitet, was uns so umgibt und was die Problemlagen so sind.

Und nein, natürlich ist es nicht so, wie wenn ich jetzt, sagen wir mal, in einer Szenekneipe jeden Tag Dienst tun würde, sondern ich tue es im Schloss Bellevue und bei meinen Reisen und auch die Menschen, die ich treffe, das ist eine Auswahl, eine positive Auswahl. Ich treffe die Guten, wenn wir es mal so sagen wollen. Und die Menschen, die vor Gericht stehen, die straffällig geworden sind oder so, die trifft man so nicht. Sondern ich habe hier die Leute zu Gast, die als Ehrenamtliche einen Orden kriegen oder von mir zum Bürgerfest eingeladen werden oder Leute, die politische Ämter haben, die Kulturträger sind oder ähnliches. Das ist schon eine positive Auswahl.

Sie treffen die Guten, Sie treffen vor allem aber auch sehr viele Leute an sehr vielen unterschiedlichen Stellen der Welt. Sie waren gerade erst in Davos. Und da konnte man ganz schön sehen, was Sie eben besprochen haben: wie Sätze von Ihnen Gewicht bekommen. Sie haben da unter anderem sinngemäß gesagt, dass eine Begrenzungsstrategie – jetzt sind wir tatsächlich beim Thema Flüchtlinge – moralisch und politisch geboten sein könne, um die Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft für eine menschenfreundliche Flüchtlingspolitik zu sichern. Und daraus haben dann Medien gemacht: "Gauck ist für eine Obergrenze" oder "Gauck geht auf Distanz zu Merkel". Was haben Sie denn wirklich gesagt oder gemeint?

Das Distanz-zu-Merkel-Spiel, das ist alt. Das haben wir seit meinem ersten Jahr in diesem Amt, das für eine bestimmte Form von Journalismus dieser Wettbewerbsgedanke oder Sieger oder Verlierer eine Rolle spielt. Und deshalb wird das gern so hingebastelt bei unseren wechselseitigen Äußerungen, als wären wir ständig aufeinander bezogen und befänden uns in einem Wettlauf. Das ist nicht richtig. Von Obergrenze kann in dem von Ihnen angesprochenen Text gar keine Rede sein. Denn es gibt einen Satz: "Es gibt keine magische oder mathematische Zahl oder Formel für das, was ein Land leisten kann". Aber dann kommt doch diese Zumutung, das ist mir bewusst gewesen. Es kann zwar politisch nützlich sein, Begrenzungsstrategien zu entwickeln. Aber ich habe noch etwas dazugesetzt – dass es auch ethisch geboten sein könnte. Und das ist natürlich eine gewagte Aussage, denn normalerweise muss einer, der das Gute will, und das will einer, der ethischen Weisungen folgt, er muss ein großes weites Herz haben und möglichst vielen Menschen helfen wollen. Und jetzt habe ich mich gefragt: Wie halten wir dieses Land in der Situation, in der es ist. Es ist ein solidarisches Land, und es wird übrigens ein solidarisches Land bleiben, was auch immer die Politik entscheidet. Aber wenn in der Mehrheitsgesellschaft das Gefühl dafür, dass Solidarität unser Lebensatem ist, wenn das schwinden würde, und aus Angst und Abwehr sich eine kollektive Identität entwickeln würde, die immer nur schreit "Das Boot ist voll" – dann hätten wir eben auch ein moralisches Problem und nicht nur ein politisches. Und deshalb bin ich dann zu der Überzeugung gelangt, dass es in der Bemühung, möglichst vielen helfend zur Seite zu stehen, begründet sein kann, dass man nicht allen hilft. Dies versuchte ich deutlich zu machen.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Angela Merkel mit ihrem Kurs diese Gefahr verkennt, die Sie gerade genannt haben?

Es mag so gewesen sein – wenn ich die Medien richtig verfolgt habe –, dass viele Menschen im Lande und viele Journalisten, aber ganz besonders viele Politiker im europäischen und außereuropäischen Ausland dies gedacht haben. Einige stellen ja Frau Merkel so dar, als hätte sie die ganze Flüchtlingsbewegung in Gang gesetzt. Dem kann ich natürlich nicht folgen. Tatsache ist aber, dass es sich gezeigt hat, dass wir das Für und Wider offen und öffentlich besprechen müssen. Und in dieser Phase befinden wir uns gerade. Ich habe vor einigen Wochen gesagt: Bitte, wir wollen mal aus der Mitte heraus, wir wollen mit den solidarischen Bürgermeistern, mit den freiwilligen Helfern, mal das diskutieren, was am rechten Rand Brandstifter und Hetzer diskutieren. Und wir wollen mal unsere Bevölkerung anschauen und diejenigen trennen, die einfach Sorgen haben – "Ja, wo geht es denn hin?" und "Können wir das schaffen?" – von denen, die voller Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments sind und schon mal vorab einen Molotowcocktail auf eine Flüchtlingsunterkunft schmeißen. Und aus diesem Grund halte ich es für richtig, dass wir angefangen haben, aus der Mitte der Gesellschaft heraus, das Für und Wider und auch das Maß an Aufnahmebereitschaft zu diskutieren.

Das klingt nach so einer Art Runden Tisch?

Ja, es ist so: Eigentlich ist das, was Sie als Journalisten verstanden haben und was Sie als Journalisten machen, und das, was Politik tut, wenn sie sich, sei es in Talkshows, erklärt oder im Parlament darstellt, das ist ja so etwas wie ein Runder Tisch. Wir haben einen öffentlichen Diskurs. Dazu brauchen wir vielleicht keine neuen Institutionen. Aber ich habe auch gute Beispiele dafür, dass es geht, zugleich hilfsbereit und sorgenvoll zu sein. Und zwar erinnere ich mich an einen Besuch in einer nordrhein-westfälischen Mittelstadt. Ich bin dort auf einen hochengagierten Bürgermeister gestoßen, auf hochengagierte Freiwillige – übrigens mehr Freiwillige als aktuell gebraucht werden. Und gleichzeitig bin ich in einen Bereich geführt worden, wo eine Turnhalle benutzt wurde als Flüchtlingsunterkunft, und ich habe mir die daraus entstehenden Probleme angeschaut. Ich habe zu den Menschen, die dort versammelt waren, die mich dann getroffen haben, gesagt: "Ihr, macht mal den Mund auf und redet über das, was ihr könnt und wo ihr fürchtet, dass ihr überfordert werdet". Und wenn ihr das aussprecht, macht ihr das ohne Gehässigkeit und ohne Menschenfeindlichkeit und mit einer solidarischen Grundhaltung. Und dann möchte ich mal den Politiker hören, der dann einfach schweigend daran vorbeigeht. Und in der Phase sind wir jetzt, dass sich die Politik fragt, ja was können wir gestalten und in welchem Maß können wir diese oder jene Kommune belasten, wo müssen wir helfen oder wo müssen wir tatsächlich Begrenzung dann auch benennen. Kein Familiennachzug: Da erschrecke ich, ja, wenn ich mir die Leute vorstelle, die dann jahrelang getrennt sind von ihren Ehefrauen oder Müttern, und gleichzeitig will ich aber den Politikern, die so etwas sagen, nicht gleich Gehässigkeit vorwerfen. Sondern sie sind in der Not der Bevölkerung zu zeigen, wir sind handlungsfähig, also bitte, wir tun etwas, ohne dass wir jetzt schon unsere Grenzen abriegeln, aber wir lassen uns nicht einfach überrollen. Und das finde ich eine ganz interessante Situation, in der wir jetzt sind. Dieses offene Gespräch wird hoffentlich dazu führen, dass nicht nur am Rechtsaußenrand dann über Probleme, die mit Zuwanderung verbunden sind, debattiert wird.

Möglicherweise, weil dieser Rechtsaußenrand aber zunehmend stärker wird, habe ich die politische Debatte in den letzten Wochen zunehmend als fast schon hysterisch erlebt. Gibt es denn irgendeinen Punkt, an dem Sie mal sagen, ich muss da einschreiten?

Ich habe schon in einer Ansprache vor unguter Polarisierung gewarnt. Aber so ist das nun einmal, in Deutschland fast weniger als in manchen anderen Staaten. Also wenn Sie mal – ich nehme jetzt ein etwas entfernteres Beispiel – wenn Sie mal an politische Debatten in Israel denken, was die unterschiedlichen Lager sich da gegenseitig an den Kopf schmeißen, davon sind wir hier weit entfernt. Aber Hysterie ist nicht gut, nie. Also hysterische Ängste sind nicht gut, hysterische Kommentierungen in den Medien sind schädlich. Wir sind aber keine chemisch gereinigte Demokratienation. Nicht jeder hat edle Motive. Und einige freuen sich über Hysterie- und Angstwellen, weil sie daraus politisches Kapital schlagen.

Wer?

Es gibt in ganz Europa Bewegungen, die am rechten Rand nationalpopulistische Formulierungen ins Land posaunen, die abfischen, was an diffusen Ängsten lebt. Und unser Land ist später als andere dran, was diese Konzentration auf eine nationalistische oder fremdenfeindliche Partei betrifft. Wir werden das in der Weise vielleicht auch nicht haben, wie in bestimmten Ländern, wo am rechten Rand sich sehr unangenehme Parteien im Parlament etabliert haben. Aber immerhin, wir haben Strömungen und Bewegungen, die möglicherweise in die Nachbarschaft solcher nationalpopulistischer Parteien geraten.

Sie haben in einer früheren Rede – genauer gesagt – in Ihrer allerersten Rede gesagt: "Euer Hass ist unser Ansporn". Haben wir jetzt zwischendurch irgendetwas übersehen, irgendetwas falsch gemacht? Wie gehen wir jetzt damit um?

Wir haben jetzt jüngst eine Debatte gehabt, ob in den elektronischen Medien eine Debattensituation hergestellt wird, in der die AfD mit anderen Parteien, die schon im Parlament vertreten sind, zusammen sprechen wollen. Und wissen Sie, ich bin weit davon entfernt, Parteien Ratschläge zu geben oder mich parteipolitisch zu äußern, das passt nicht zu meinem Amt. Aber wenn wir ganz generell über eine Diskursgesellschaft sprechen, dann möchte ich doch, dass die Demokraten sich daran erinnern, was für Werte sie vertreten, welche positiven Erfahrungen sie mit der Demokratie und dem Rechtstaat gemacht haben, und sich fragen, ob es Argumente gibt, die sie in die Flucht treiben können. Darum sind übertriebene Ängste gegenüber jeder Form von Propaganda oder Populismus fehl am Platze. Das gilt nur, solange wir von Bewegungen sprechen, die nicht verboten sind oder die nicht gegen das Grundgesetz gerichtet sind.

Glauben Sie, die AfD ist in den Griff zu kriegen? Muss man das überhaupt?

Ich will mich, wie schon gesagt, nicht äußern über Parteien, die im politischen Wettbewerb stehen. Natürlich beobachte ich die Entwicklung, ich habe diese Spaltung erlebt. Und viele Leute im Lande sagen ja, aus der Spaltung heraus ist eher ein rechtsnationaler Kurs entstanden. Ja, die Wähler werden dazu ihre Meinung sagen, und ich möchte jetzt nicht den Wählern sagen: "Lieber Wähler, tu bitte das und das." Sondern wir leben in einer Nation, in der die Zahl der mündigen Bürger, glaube ich, sehr hoch ist. Ich muss das nicht tun.

Was wir auf jeden Fall bemerken, ist eine Verrohung in unserer Gesellschaft. Die aktuellen Zahlen sagen, dass voriges Jahr über tausend Straftaten gegen Asylunterkünfte verübt worden sind. Davon waren 13 echte Sprengstoffanschläge, was noch einmal eine andere Qualität hat. Was passiert da? Haben wir zu wenig Polizei? Hat die Politik insgesamt diesem Thema zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

Ich kann erstens nachvollziehen, was Sie gesagt haben. Das ist eine Verschärfung und auch eine Gegebenheit der Debattenkultur, aber auch eine Verrohung. Ich denke an den Empfang, den die Bundeskanzlerin in einer sächsischen Stadt – in Anführungszeichen – genießen musste: eine Welle von Gehässigkeit, keinerlei Interesse wirklich in der Sache, Dinge zu verstehen und zu durchschauen, sondern festgefügte Feindbilder, die werden dann gepflegt. Sie werden auch im Netz gepflegt. Und im Schutz der Anonymität verroht die Debatte im Netz beständig. Einige nehmen dann diese Unsitte der Beschimpfung und der Verachtung und Verächtlichmachung der Akteure des Politischen mit ins Leben auf der Straße und agieren sich dann auch aus. Wenn keine wache Bürgergesellschaft da wäre, dann müssten wir uns mehr Sorgen machen. Aber die ist da.

Aber jetzt kommen wir noch einmal zu diesen, die nicht einfach nur eine andere Meinung haben, sondern Straftäter sind. Das ist so: Es gibt eine Form von Hetze, die eine Straftat darstellt. Was Sie beschrieben haben, diese tätlichen Angriffe und Brandstiftungen und die körperlichen Bedrohungen, das sind Straftaten. Und die Straftäter behandeln wir anders als die Bürger, die sich am Kopf kratzen und fragen: "Ja, was können wir verkraften?" Uns verbindet nichts mit diesen Straftätern, außer unserer Absicht, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Und deshalb brauchen wir Polizei und Justiz, die ihre Pflicht tun. Zur Polizei ist zu sagen: Mancherorts hat man sich vielleicht gedacht, dass Sicherheit auch privat hergestellt werden kann mit allerhand von Wachdiensten und privatrechtlichen Unternehmungen, die auch Sicherheit von Bürgern garantieren wollen und das zum Teil auch können. Aber es gibt eben Bereiche, wo Polizei nicht ersetzbar ist. Und wenn jahrelang an dieser Stelle gespart wurde, dann wird auch Staatlichkeit, ob gewollt oder ungewollt, hinterfragt in ihrer Bedeutung, nicht ernst genug genommen. Das auf dem Gebiet der Sicherheit zu machen, das ist deshalb gefährlich, weil dann ein Vertrauensverlust der Bürger eintritt gegenüber den Akteuren in der Politik. Wo ein solcher Vertrauensverlust angefangen hat, das ist ein Prozess, der sich schleichend fortsetzt. Deshalb brauchen wir hier die Antwort der Politik, die – und ich bin auch dankbar, dass es geschehen ist – neue Stellen zusagt. Wir brauchen die Politik, die dem Bürger sagt: "Wir haben verstanden, eure Sorgen sind bei uns angekommen, wir reagieren". Und der Bevölkerung müssen wir sagen: "Bevor ihr jetzt Bürgerwehren aufstellt, da gebt mal ein paar Hinweise an eure Polizei, damit an neuralgischen Punkten etwas geschieht, da müsst ihr nicht gleich Selbstschutz betreiben". Da haben wir auch eine gefährliche abschüssige Ebene hin zu einem beständigen Misstrauen: "Die können nichts für uns tun, also müssen wir uns selber schützen." Soweit sind wir in Deutschland nicht.

Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist mehr Polizei die richtige Antwort auf eine Entwicklung, die vielleicht Menschen dahin bringt, weil sie innere Sicherheit vermisst haben in Deutschland?

Mehr Polizei löst nicht alle Probleme. Die Polizei ist ja nur selten ein Instrument der politischen Bildung. Die können das auch, jedenfalls einige bei ihnen, aber es ist nicht ihre Aufgabe. Wir haben ein ausgeprägtes Netzwerk von politischer Bildung. Aber wir haben auch Netzwerke derer, die sich nicht politisch weiterbilden lassen, sondern die gerade Freude daran haben, sich verführen oder mitreißen zu lassen. Und unter diesen Verführten und Mitgerissenen gibt es eben Straftäter. Und deshalb ist die Polizei ein Teil der Problemlösung, aber nicht die Problemlösung.

Kommen wir noch einmal zurück auf die erste Rede, die Sie damals vor vier Jahren, bevor unser Land sich so verändert hat, wie wir gerade eben besprochen haben, gehalten haben. Sie haben damals den Satz gesagt: "Wir stehen zu diesem Land, nicht weil es so vollkommen ist, sondern weil wir nie zuvor ein besseres gesehen haben." Würden Sie diesen Satz noch einmal heute so sagen?

Ja, selbstverständlich, denn ich hatte Gründe, diesen Satz zu sprechen. Ich habe mich erinnert an meine früheren Lebensstationen und die meiner Vorfahren. Noch niemals hat es in Deutschland eine Zeit gegeben, dass zwei Generationen lang Männer nicht in den Krieg ziehen mussten. Noch niemals hat es eine Situation gegeben, dass über Jahrzehnte der Rechtsstaat unbeschädigt und autonom agieren konnte. Noch nie hat es so viele politische Wechsel in Frieden gegeben. Und noch nie hat es ein so hohes Maß an sozialem Ausgleich gegeben. Noch nie hatten Menschen so viel Urlaub. Noch nie gab es so viele gebildete Menschen. Und noch nie war Deutschland so anerkannt und so wenig bedrohlich für die Nachbarn. Und all das existiert noch heute. Und wenn wir uns das bewusst machen, dann kriegen wir auch eine gewisse Gelassenheit gegenüber diesen zum Teil hysterischen und aufgeputschten Bewegungen, die wir in Teilen Deutschlands haben. Und wir wollen nie vergessen, dass dieses Land nach wie vor solidarisch ist, dass die Zahl der solidarischen bei Weitem diejenigen überwiegt, über die wir gerade gesprochen haben, die als Brandstifter oder Hetzer unterwegs sind. Das ist doch immer noch dieses Land, zu dem wir Ja sagen können. Und wir wollen doch nicht so tun, als würden wir aus der Mitte dieser starken demokratischen Gesellschaft heraus uns ins Bockshorn jagen lassen, von einigen Verwirrten, die am rechten Rand zündeln. Aber ich bitte Sie!

Herr Bundespräsident, wir danken für dieses Gespräch!


Die Fragen stellten: Julia Barth und Katrin Brandt.