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Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)

Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Interview mit Christoph Scholz und Birgit Wilke der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im Amtszimmer von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 3. Mai 2016 Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) – Gespräch mit Christoph Scholz und Birgit Wilke im Amtszimmer © Guido Bergmann

Bundespräsident Joachim Gauck hat der Katholischen Nachrichten-Agentur ein Interview gegeben, das am 12. Mai veröffentlicht wurde:

Herr Bundespräsident, in wenigen Tagen beginnt der 100. Katholikentag. Welche Aufgabe haben Christen in unserer Gesellschaft?

Christen können in einer offenen Gesellschaft durch ihr Wirken auch andere Menschen bei der Suche nach Sinn begleiten. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag. Denn diese Gesellschaft lebt auch aus Quellen, die der Staat nicht zur Verfügung hat oder – wegen der Trennung von Staat und Religion – nicht zur Verfügung stellen sollte.

Die Katholiken treffen sich in Leipzig, einer stark säkularisierten ostdeutschen Stadt.

Das finde ich interessant und auch reizvoll. Die Stadt ist durch die jahrzehntelange DDR-Geschichte von Kirchenferne, mehr noch, von Glaubensfeindschaft geprägt. So trifft man dort einerseits bis heute stellenweise auf eine Tradition der religiösen Gleichgültigkeit. Und gleichzeitig gibt es in dieser Gegend ein forciertes Bekennen derer, die trotz aller Widerstände am Glauben festhielten.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen einer religiösen Entwurzelung und Fremdenfeindlichkeit, die in Ostdeutschland besonders stark zu sein scheint?

Das spielt vielleicht eine Rolle, auch wenn es keine einfachen Erklärungen für Fremdenfeindlichkeit gibt und sie auch kein rein ostdeutsches Phänomen ist. Ganz grundsätzlich kann man hoffen, dass jemand, der religiös ist, oder – ohne gläubig zu sein – einer humanistischen Gesinnung folgt, sich seiner Identität sicherer ist und daher auch das Fremde weniger fürchtet oder ablehnt.

Erwarten Sie von Leipzig einen kritischen Impuls?

Ja, denn die christliche Botschaft hat Weltbezug. Wenn sich engagierte Christen versammeln, werden sie offen diskutieren, auch und gerade politische Fragen. Das ist richtig und wichtig. Allerdings sollten sie es sich mit den Problemen von Politikern – also denen, die Wirklichkeit gestalten müssen – nicht zu einfach machen. Politik kann den biblischen Schalom nicht eins zu eins umsetzen. Da ist ein Teil der engagierten Christen manchmal ein bisschen ungeduldig mit der oft schwierigen politischen Praxis, die häufig einen sehr langen Atem braucht, weil allzu vieles nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen ist und Kompromisse ausgehandelt werden müssen.

Ein Thema wird auch der Umgang mit der AfD sein, deren Vertreter nicht zum Katholikentag eingeladen sind. Wie sollte Politik und Zivilgesellschaft mit der neuen Partei umgehen?

Ich möchte nicht die Entscheidungen des Katholikentags bewerten. Ganz grundsätzlich, mit Blick auf die gesellschaftliche Diskussion, gilt aber: Wer Debattenteilnehmer ausschließt, muss gute Gründe dafür haben – etwa, dass es diesen mehr um Hetze als um Debatte geht.

Sie plädieren also für individuelle Entscheidungen?

Man sollte es danach beurteilen, ob die Bereitschaft zum Gespräch überhaupt besteht.

Reines Ausgrenzen wäre also unangemessen?

In einer offenen Gesellschaft werden wir immer Akteure finden, deren Meinungen wir nicht teilen, ja sogar schrecklich finden. Man muss sich aber immer wieder fragen, ob es nicht besser ist, diesen in einer offenen Auseinandersetzung zu widersprechen statt nicht mit ihnen zu sprechen. Allerdings nur – das möchte ich noch einmal sagen – solange man ihnen keine Bühne für Hetze bietet.

Derzeit tobt eine Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört. Sehen sie auch vor dem Hintergrund des AfD-Parteiprogramms die Religionsfreiheit in Gefahr?

Ich möchte kein Parteiprogramm bewerten. Allerdings werde auch ich sehr hellhörig, wenn ich von Forderungen höre, die die Grundrechte infrage stellen könnten. Deshalb warne ich vor einer abschüssigen Ebene, sollte zum Beispiel Religionsfreiheit einem Teil der Menschen in unserem Land abgesprochen werden. Wir dürfen nicht vergessen: Das Grundgesetz ist das Fundament unserer freien Demokratie, die beste Verfassung, die wir je hatten. Wer sie verachtet, der verachtet Deutschland.

Was können die Zivilgesellschaft und die Politik für Muslime tun?

Wie gesagt – das Grundgesetz gibt uns hier eine sehr gute Leitlinie. Der Staat muss die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit schützen und zwar ohne Unterschied. Dazu gehört auch die Religionsfreiheit von Muslimen oder der Bau und Betrieb von Moscheen. Hinzu kommt: Politik und engagierte Bürger sollten Vorurteilen gegen Muslime insgesamt, die es leider nach wie vor gibt, zurückweisen und für einen offenen und fairen Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen werben. Und auch wenn die überwältigende Mehrheit der Muslime unsere offene Gesellschaft akzeptiert – jenen Muslimen, die sie ablehnen, sollten Politik und Zivilgesellschaft ebenfalls ganz entschieden entgegentreten.

Debatten gibt es derzeit auch über die Menschenrechte, die weltweit unter Druck geraten. Das gilt auch für die Türkei. Untergräbt die Zusammenarbeit der EU durch ihr Flüchtlings-Abkommen mit dem Land die Glaubwürdigkeit moralischer Ansprüche gegenüber anderen?

Unsere Politik ist zwar einer Ordnung verpflichtet und orientiert sich an Werten. Sie muss aber auch grundlegende Interessen verfolgen. Dazu gehört manchmal auch die Zusammenarbeit mit Regierungen oder Regierenden, die man ansonsten kritisiert.

Relativiert das aber nicht die Rolle von Menschenrechtsorganisationen?

Nein – Menschenrechtsorganisationen bleiben unverzichtbar. Sie sind kritisches Korrektiv und bieten Zugang zu sonst nicht für alle erreichbaren Informationen. Sie haben eine Erinnerungsfunktion und können aktivierend wirken. Politik ist da oft kurzatmiger.

In gut sechs Monaten beginnt ein weiteres Großereignis: das Gedenkjahr zum 500. Jahrestag der Reformation. Welche Bedeutung hat Luther heute für Deutschland?

Luther wird – jenseits der Fachkreise – eher unterschätzt als überschätzt. Sein Blick auf die Rolle des Individuums ist hochmodern – gerade in der Debatte um die Freiheit. Er traute dem Menschen zu, den Raum der Freiheit vor Gott eigenverantwortlich zu gestalten.

Kann das Gedenkjahr auch eine Chance für die Annäherung der beiden Kirchen sein?

Wir Christen müssen miteinander im Gespräch darüber bleiben, an wieviel dogmatischen Grundlagen wir festhalten und wie viel Gemeinsames wir weiter entwickeln wollen, was uns letztlich trägt und leitet. Aus der Nähe der Suchenden erwächst unglaublich viel Kraft.

Sie haben Papst Franziskus nach Deutschland eingeladen. Zum Reformationsgedenken wird er wohl nicht kommen. Würden Sie sich auf eine Begegnung als Bundespräsident in den kommenden Jahren freuen?

Für viele Menschen ist es ein großes Geschenk, wenn der Heilige Vater nach Deutschland kommt. Es wäre mir – ob als Bundespräsident oder als Bürger – eine besondere Freude, ihm zu begegnen. Und ich freue mich auch, dass er zu Beginn des Reformationsjubiläumsjahres nach Lund fahren wird, um den Lutherischen Weltbund zu treffen. Das ist ein hochbedeutender Schritt.

Wie realistisch ist es denn, dass Sie ihn als Bundespräsident treffen werden.

Da schauen wir mal…

Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie persönlich?

Der Mensch braucht etwas, das ihn trägt und leitet – auch gegenüber der Versuchung zu Gleichgültigkeit und Zynismus. Das ist für mich persönlich der Glaube an Gott. Für andere kann es etwas anderes sein. Und es ist schön, dass wir in einem Land leben, in dem Religion und Weltanschauung den Menschen nicht ausgeredet, sondern als Kern ihrer Persönlichkeit geschützt werden. Ich denke, oft sind sich die Menschen nicht ausreichend bewusst, wie sicher und stark sie diese Freiheit machen kann.

Die Fragen stellten: Christoph Scholz und Birgit Wilke.