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Interview mit europäischen Tageszeitungen

Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Interview mit Alessandro Alviani (La Stampa), Kate Connolly (The Guardian), Juurd Eijsvoogel (NRC Handelsblad), Thomas Wieder (Le Monde) und Luis Doncel (El País) im Amtszimmer Schloss Bellevue, 23. Januar 2017 Interview mit verschiedenen europäischen Zeitungen – Gespräch mit Alessandro Alviani (La Stampa), Kate Connolly (The Guardian), Juurd Eijsvoogel (NRC Handelsblad), Thomas Wieder (Le Monde) und Luis Doncel (El País) im Amtszimmer © Guido Bergmann

Bundespräsident Joachim Gauck hat den europäischen Tageszeitungen NRC Handelsblad, The Guardian, Le Monde, La Stampa und El País ein Interview gegeben, das am 4. Februar veröffentlicht wurde.

Der 25. Jahrestag des Maastricht-Vertrages nähert sich. Welche Hoffnungen haben Sie für Europa? Droht das Projekt Europa zu sterben?

Viele behaupten das, einige wünschen es sich, aber sie sind nicht in der Mehrheit. Auch wenn es bei uns inzwischen wie in fast allen europäischen Ländern eine renationalisierende Bewegung gibt: Die Deutschen stehen treu zum Europa-Projekt. Gleichzeitig teilen sie mit vielen anderen Europäern kritische Fragen zu Art und Zukunft der Europäischen Union. Diese Fragen bedeuten aber keineswegs, dass beispielsweise die Idee eines Austritts aus der EU in Deutschland politisch eine Mehrheit fände – zum Glück. Dennoch ist die heutige Situation eine andere als zu Beginn meiner Amtszeit.

Inwieweit?

Damals habe auch ich eine enger zusammenwachsende Union gefordert. Heute würde ich eher sagen, dass wir so etwas wie eine zielwahrende Entschleunigung brauchen. Zumal nach dem Brexit-Entschluss deutlicher wird, wie intensiv wir gerade auch mit jenem Teil der Bevölkerung sprechen müssen, der skeptisch ist und weniger intensiv am politischen Diskurs teilnimmt. Und wir müssen das Subsidiaritätsprinzip noch ernster nehmen: Dort, wo es sinnvoller ist, Dinge national zu regeln als auf europäischer Ebene, sollte das auch geschehen.

Papst Franziskus hat vor Populismus und Abschottung mit Mauern und Stacheldraht gewarnt.

Ich finde erstmal wichtig, dass sich der Papst als moralische Instanz in öffentliche Debatten einbringt.

Mit Blick auf die populistischen Bewegungen in Europa zog er Parallelen zur Zeit der Wirtschaftskrise in Deutschland in den 1930er Jahren und meinte, damals hätten die Deutschen Hitler gewählt. Teilen Sie seine Sorgen?

In der Zwischenkriegszeit bekamen Populisten von rechts wie von links vor allem aufgrund bitterer sozialer Not verstärkten Zulauf. Derzeit haben wir in Europa nicht die gleiche Situation. Es gibt schlicht gesagt mehr Demokraten, die die Demokratie verteidigen, und es gibt in der Regel viel bessere soziale Sicherungssysteme. Heute besteht in den verschiedenen Bevölkerungen neben wirtschaftlichen und sozialen Problemen vor allem auch eine diffuse Angst davor, dass ihre Lebensweise, ihre Identität ins Hintertreffen geraten könnte in Zeiten von Globalisierung und Zuwanderung. Ich glaube, es würde uns helfen, diese Menschen zu fragen: Was genau fürchtet ihr?

Warum ist das die entscheidende Frage?

Populismus ist ein Brandbeschleuniger für Ängste. Der rationale Diskurs wird diesen Ängsten nicht nur das bloße Argument entgegensetzen können. Wir brauchen einen noch intensiveren Dialog, noch mehr wirkliche Begegnung mit denen, die sich fürchten. Die Demokratie ist das System, in dem das gelingen kann und die vorliegenden Probleme gemeistert werden können. Der von manchen herbeigesehnte starke Mann oder die starke Frau wird da nicht helfen. Die aufgeklärte Politik braucht dafür aber auch eine Sprache, die nicht nur für die Eliten verständlich ist. Wir dürfen das einfache Wort nicht den Populisten und Angstmachern überlassen. Wir brauchen eine erhellende, eine aufklärende Vereinfachung.

Und es muss eine Antwort sein, die die Gefühle anspricht.

Wir müssen auf die Gefühle mit Gefühlen antworten. Zum Beispiel habe ich in meiner letzten längeren Rede über Verfassungspatriotismus gesprochen. Die Verfassung ist auch die Heimat meiner Werte. Und dadurch wird das deutsche Grundgesetz etwas, was mir am Herzen liegt. Diese Herzensneigung zu unserer Demokratie kommt in einer oft nüchternen Sprache nicht ausreichend zum Ausdruck. Ich plädiere für eine Sprechweise, die sich vor dem Einfachen und vor dem Gefühl nicht fürchtet. Ich möchte nicht hin zur Sprache der Populisten. Ich möchte es ihnen aber auch nicht überlassen, komplexe Dinge in einer populären Sprache auszusprechen.

Einer, der seine Botschaften in einfacher Sprache verpackt, ist Präsident Trump. Wie soll Deutschland reagieren, wenn er zum Beispiel sagt, dass die EU als Mittel zum Zweck für Deutschland gegründet wurde?

Als Deutschland vor knapp 20 Jahren an einem Reformstau litt, sprachen unsere europäischen Nachbarn vom "kranken Mann in Europa". Dann kamen einige grundlegende Reformen, durch die die deutsche Wirtschaft wieder angesprungen ist. Mit seiner heutigen ökonomischen, politischen und rechtlichen Sicherheit hat Deutschland enorm an Verlässlichkeit gewonnen. Diese Verlässlichkeit ist etwas anderes als die Dominanz von Kaiser-Wilhelm-Deutschland. Wir wollen nicht dominieren. Deutschland kann allein nicht viel bewirken, es will und braucht ein starkes Europa. Und es ist gut für Europa, wenn Deutschland politisch und wirtschaftlich stabil ist. Es würde keinem gut tun, wenn Deutschland schwach wäre.

Nach der Wahl Donald Trumps meinten viele: Man sollte abwarten, was er konkret tun werde. Nun haben wir mit dem Einreiseverbot für Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern seine erste sichtbare Amtshandlung. Inwieweit ist es für europäische Länder wichtig, sich dazu zu äußern?

Ja, dazu sollten wir uns sehr klar äußern. Das erlassene Einreiseverbot unterstellt Menschen muslimischen Glaubens und Menschen bestimmter Herkunft pauschal, sie seien gefährlich. Das ist mit unseren Vorstellungen von Menschenwürde, Gleichheit und Religionsfreiheit nicht vereinbar. Und das Enttäuschende ist: Wir Europäer teilen diese Vorstellungen eigentlich mit den Amerikanern. Sie waren es, die diese Werte in den dunkelsten Zeiten Europas hochgehalten und sie auf unseren Kontinent zurückgebracht haben. "All men are created equal" – dafür stehen die USA. Zum Glück gibt es andere politische Kräfte, die Justiz und eine sehr große zivilgesellschaftliche Bewegung in den Vereinigten Staaten, die das hochhalten. Und das müssen auch wir tun.

Kann man nach dem Brexit und der Wahl von Trump sagen, dass Deutschland zum "Verteidiger der freien Welt" geworden ist?

Deutschland will und kann nicht allein die Werte einer freien Welt schützen. Aber obwohl wir uns international immer stärker engagieren, bin ich auf meinen Reisen ins Ausland häufig gefragt worden: "Wann akzeptiert Deutschland endlich mehr Leadership?". Wir Deutschen aber hatten nach dem von Deutschen verursachten Krieg und den von Deutschen verübten Verbrechen ein schwaches Ich: starke Autos, starke Wirtschaft, starken Fußball, aber kein starkes Selbstwertgefühl. Das hängt auch damit zusammen, dass Deutschland seine eigene Schuld außerordentlich klar benannt und bearbeitet hat. Erst waren die Deutschen übermäßig national, dann wollten sie nie wieder national sein. Zuerst hatten wir den Nationalsozialismus, dann in Teilen Deutschlands den Kommunismus mit seinen Heilsversprechen und seinen politischen Entfremdungen und Verbrechen. Diese Erfahrungen haben uns geprägt. Und ich denke deshalb, dass wir die letzten in Europa sein werden, die wieder versucht wären, in ein irgendwie autoritäres Gesellschaftsmodell überzuwechseln.

Kann man heute in Deutschland von "Stolz" reden?

Mir ist es wichtig, dass wir den falschen Stolz von einem republikanischen Stolz unterscheiden: Worauf können wir stolz sein? Dass dieses Deutschland anders ist als die anderen Deutschlands in der Geschichte. Dass wir in beständigem Frieden mit all unseren Nachbarn leben und ein verlässlicher Partner in EU und NATO sind. Dass ein tragfähiger innerer Friede existiert, ein Sozialstaat, der den Absturz ins Elend verhindert, eine ungebrochene Herrschaft des Rechts und eine aktive Bürgergesellschaft. Dennoch tut sich ein Teil der Deutschen nach wie vor schwer mit der Vorstellung, dass Deutschland mehr internationale Verantwortung übernimmt. Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs – aus einer Selbstbescheidung und Selbstbegrenzung wegen historischer Schuld hin zu einer noch aktiveren Rolle in Europa und der Welt. Und ich finde es richtig, dass wir diese Verantwortung annehmen. Übrigens: Ein Land, das Vertrauen zu sich selbst hat, ist für alle Seiten ein verlässlicherer Partner.

Wie ist es mit Ihnen? Sind sie stolz auf Deutschland?

Ich bin noch im Krieg geboren. Als Jugendlicher habe ich mich sehr heimatlos gefühlt, auch weil ich in der DDR lebte und die Kommunisten die Demokratie gemeuchelt hatten. Ich habe als junger Mann die Schiller‘schen Gedichte gelesen und war zu Hause in dieser schönen Sprache, um dann Schritt für Schritt von dem unglaublichen Mordgeschehen im Dritten Reich zu erfahren, das aus dieser so kulturreichen und begabten Nation entstanden war. Deshalb hatte ich wie viele meiner Altersgenossen eine ganz negative Beziehung zu Deutschland. Es war nicht unsere geistige Heimat, viele Deutsche haben das eigene Land verachtet. Dann aber entwickelte sich in Westdeutschland echte Demokratie, für mich ein Demokratiewunder, und später, 1989, kam die Friedliche Revolution und die Einheit Deutschlands. Aber erst als ich schon Bundespräsident war, habe ich in einem Interview zum ersten Mal das Wort Stolz in Bezug auf mein Land benutzt. Da war ich über 70. So lange brauchte ich, um das zu tun, was in anderen Ländern ein 16-Jähriger tun kann.

Sie sagten, Deutschland sei auf dem Weg zu einer aktiveren Rolle und begreift, dass mehr Verantwortung wichtig wäre. Unterstützt die deutsche Bevölkerung diese Idee?

Ja, schrittweise kommt das. Das Engagement in der Diplomatie, bei der Prävention von Krisen oder in der Entwicklungszusammenarbeit findet viel Zustimmung. Aber auch eine Erhöhung des Wehretats stößt nicht mehr unmittelbar auf Widerspruch der Mehrheit in der Bevölkerung. Eine Zeit lang schämte sich ein Teil der Deutschen fast dafür, eine Armee zu haben. Als Gegenstück zu dem altdeutschen traditionellen Militarismus war das auch nachvollziehbar. Je intensiver die Deutschen davon überzeugt sind, dass ihr Land ein verlässliches, rechtssicheres Land, mit sicheren Institutionen und einer stabilen demokratischen Bürgerschaft geworden ist, desto mehr werden sie auch bereit sein, diese Errungenschaften einzubringen und international mehr Verantwortung zu übernehmen.

Gleichzeitig wurde Deutschland vorgeworfen, eine gewisse Dominanz in der europäischen Politik angenommen zu haben. Die Politik der Bundesregierung in der Eurokrise hat für massive Kritik gesorgt. Befürchten Sie, dass das Bild Deutschlands von dieser Politik nachhaltig beschädigt wurde?

Unseren Partnern in Europa ist vielleicht nicht ausreichend deutlich geworden, dass Deutschland durchaus solidarisch gehandelt hat. Bei der Entwicklung der Sicherungssysteme für den Euro hat sich die deutsche Politik stark bewegt und sehr engagiert. Eine Vergemeinschaftung der Schulden wäre allerdings in der deutschen Bevölkerung weiterhin schwer zu vermitteln.

Wird Deutschland weiterhin solidarisch bleiben?

Ja, davon gehe ich aus. Auch künftig werden europapolitische Erwägungen für die deutsche Politik so entscheidend sein, dass wir den Kompromiss mit unseren europäischen Partnern suchen werden. Gemeinsames Handeln und der konstruktive Kompromiss – beides steht im Zentrum der deutschen Europapolitik. Es gibt teilweise aber ein unterschiedliches Verständnis von Solidarität. In Deutschland ist es beispielsweise schwer zu vermitteln, dass eine Stabilitätspolitik, die dem eigenen Land gut getan hat, schädlich für andere Länder in Europa sein sollte.

Ein fast unlösbarer Zwiespalt.

Deswegen ist es für deutsche Politiker manchmal auch so schwierig, auf der einen Seite zu zeigen, dass wir solidarisch sind und Instrumente entwickeln, die anderen helfen, und auf der anderen Seite die eigene Bevölkerung zu überzeugen, dass sie nicht für die Schulden der anderen aufkommen muss. Da ist auch bei manchen Deutschen noch ein Lernprozess im Gange. Derzeit stehen zwar politisch die Karten für eine Vertiefung der gemeinsamen Finanz- und Haushaltspolitik nicht so gut. Aber längerfristig wird man nicht völlig ohne eine gemeinsame Finanzpolitik auskommen können, wenn man eine gemeinsame Währung hat.

Trotzdem ist die Wunde zwischen Nord- und Südländern, Gläubigern und Schuldnern in diesen Jahren in Europa größer geworden. Hat Deutschland eine Verantwortung dafür?

Ich plädiere auf allen Seiten für Sachlichkeit. Das, was in vielen Ländern zur Überwindung der Krise geleistet wurde, verdient Anerkennung und Unterstützung. Dort, wo noch Handlungsmöglichkeiten bestehen, sollten diese ausgeschöpft werden. Das ist im Interesse aller, und darüber sollte auch sachlich miteinander gesprochen werden können. Auch wenn die Rahmenbedingungen unterschiedlich sind: Deutschland oder Programmländer wie Portugal, Spanien und Irland sind aus der eigenen Misere durch Reformbereitschaft herausgekommen.

In Frankreich oder Italien hat man trotzdem das Gefühl, dass man zu wenig Entgegenkommen erfährt, obwohl man sich schon bemüht und Reformen auf den Weg gebracht hat.

Ja, dass Strukturreformen Zeit benötigen, bis sie ihre positiven Wirkungen entfalten, sollten wir uns in Deutschland ruhig häufiger in Erinnerung rufen. Gleichzeitig erhöht sich die Bereitschaft zur Solidarität, wenn der Eindruck entsteht, dass es tatsächlich nachhaltige Reformbemühungen gibt. Die deutsche Hilfsbereitschaft wird dann bestehen bleiben oder sogar größer werden, das ist ganz klar. Deshalb ist Verlässlichkeit so wichtig.

Wie meinen Sie das?

Es wäre auch im Sinne der betroffenen Länder, wenn die Reformen von einer möglichst breiten gesellschaftlichen Mehrheit unterstützt und von den relevanten Institutionen getragen würden. Ein Beispiel aus Deutschland: Die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände hatten es beispielsweise geschafft, das Gesamtgesellschaftliche mit in den Blick zu nehmen. Deswegen war es unter Bundeskanzler Schröder – bei allen Debatten und Konflikten – möglich, Reformen in Gang zu setzen, die mittelfristig positive wirtschaftliche Auswirkungen hatten. Mit meinen europäischen Gesprächspartnern habe ich häufig über die Rolle der Gewerkschaften gesprochen und dabei gehört: "Mit euren Gewerkschaften wäre es für unsere Politiker leichter."

Manche im Ausland vermuten, dass Deutschland aus der Eurozone austreten könnte.

Das halte ich für eine Idee, die Sie getrost aus dem Handlungskatalog streichen können. Europa gehört zur deutschen DNA. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das Europa-Projekt verlassen, und ich sehe außer Großbritannien auch keinen anderen, der das tut. Wir werden auch die Gemeinschaftswährung nicht aufgeben, schon gar nicht zu einer Zeit, in der wir noch viele Gestaltungsmöglichkeiten haben.

Wie sehen Sie den Brexit-Prozess? Jahrzehntelang galt Großbritannien als stabiles Land, jetzt ist es ziemlich chaotisch. Könnte man sogar hoffen, wenn es so weitergeht, dass dadurch andere Länder, die vielleicht ebenfalls die EU verlassen würden, davon abgehalten werden?

Das ist nicht leicht zu sagen. Die Brexit-Debatte und die Kampagne von Donald Trump haben uns jedenfalls gezeigt, dass es abgehängte oder sich abgehängt fühlende Bevölkerungsgruppen gibt, die plötzlich einen starken Einfluss auf wichtige Entscheidungen nehmen. Deshalb gilt auch hier: Wir müssen diese Gruppen in den politischen Diskurs zurückholen und dürfen sie nicht den Populisten überlassen.

Wie interpretieren Sie die Ereignisse in Großbritannien?

Das, was wir jetzt in Großbritannien sehen, hat mich in einer Wahrnehmung bestärkt, die ich vor 20 Jahren mit Blick auf Ostdeutschland gemacht habe: Dort wollte die Bevölkerung die kommunistische Herrschaft loswerden, und nach einigen Jahren fing sie an, nostalgisch zu werden. Dann habe ich gelernt, dass es so etwas gibt wie die Langsamkeit des Mentalitätswandels.

Wie meinen Sie das?

Politiker oder andere Menschen mit politischer Verantwortung reden häufig mit denen, die neue Fortschrittsideen haben. Man muss aber genauso auch die im Blick haben, die sich wenig politisch engagieren oder nur gelegentlich eine Zeitung lesen –auch sie sind Bürgerinnen und Bürger, und sie sind Wählerinnen und Wähler.

Könnten Sie das näher erläutern?

Der Stolz einer großen Nation auf ihre wunderbaren Traditionen und auf einstige sehr umfassende weltweite Gestaltungsmacht: Für das alles scheint es vielen in Großbritannien keine Heimat mehr zu geben. Dieser heimatlose Stolz konnte von den politischen, Wirtschafts- und Kommunikationseliten lange erfolgreich aufgefangen werden, gehörte aber zum Bewusstsein größerer Bevölkerungsteile in Großbritannien.

Und wird es so wohl bleiben…

Niemand in Europa erwartet die Aufgabe der nationalen Identitäten. Trotzdem können wir ein Europa der gemeinsamen Werte und der gemeinsamen Interessen sein. Jedes Land für sich ist im internationalen Wettbewerb zu schwach. Wir alle profitieren davon, wenn wir zum Beispiel eine gemeinsame Handels- und Wirtschaftsunion darstellen und wenn unsere – von verschiedenen Seiten angezweifelten – Wertegrundlagen unsere gemeinsamen bleiben.

Wird es einen Domino-Effekt nach dem Brexit geben?

Das denke ich nicht. Die Länder verlieren zu viel. Ich glaube nicht, dass der Brexit zu einem Beispiel für andere Staaten wird. Und ich glaube auch, dass in Großbritannien in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren ein sehr intensives Nachdenken über diese Entscheidung einsetzen wird.

Es gibt Leute in Deutschland, die befürchten, dass das gemeinsame "Wir" verschwindet. Sie haben gesagt, es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Kann das noch stimmen für einen 16-Jährigen? Und für einen 16-Jährigen mit somalischem oder türkischem Hintergrund?

Auch für mich gilt: Ich bin zwar noch im Krieg geboren, war aber ein Kleinkind, als der Krieg zu Ende war. Schon meine Altersgruppe trägt keine persönliche Schuld mehr. Aber ich habe natürlich noch eine ganz intensive Erfahrung mit der Generation meiner Eltern und Großeltern. Von Generation zu Generation verblasst dieses Element der unmittelbaren Betroffenheit.

Was erwarten Sie von einem 16-Jährigen, der heute aus Syrien oder aus dem Maghreb in Deutschland einreist?

Dass er lernt, was in Deutschland passiert ist, im Schulfach Geschichte die Ohren nicht verschließt und die europäische Geschichte annimmt. Die europäische Geschichte ist nun mal von ihrem Tiefpunkt, dem Holocaust, geprägt worden und von der deutschen Verantwortung für dieses Geschehen. Das sollten auch Zugewanderte wissen und bedenken. Sie sollten wissen, dass wir uns erinnern wollen und gleichzeitig sehen, dass uns daraus Verantwortung für die Gegenwart erwächst, uns einzusetzen für Menschenrechte und Demokratie. Die heutigen Deutschen sind nicht diejenigen, die an diesem Tiefpunkt unserer Geschichte Schuld sind. Daher sollten wir der jungen Generation Sicherheit mitgeben, indem wir sagen: Schaut an, was eure Eltern an Gutem geschafft haben, dieselben Kräfte stecken auch in euch, ihr müsst euch nur zutrauen, sie abzurufen.

Die EU hat es nicht geschafft, bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise einen gemeinsamen Ansatz umzusetzen. Manche Länder haben Flüchtlinge aufgenommen. Andere haben sich geweigert, an dem EU-Verteilungsmechanismus teilzunehmen und ziehen sogar Mauern hoch. Kann Europa noch eine solidarische Antwort finden?

Das hoffe ich nach wie vor. Erstmal müssen wir allerdings unsere europäischen Außengrenzen sichern. Ich spreche nicht von einem Europa, das jedem Flüchtling oder Asylsuchenden den Zugang verwehrt, aber es muss ein geregelter und kontrollierter Zugang sein. Deswegen brauchen wir legale Zugangswege für Menschen, die entweder schutzbedürftig sind oder in Europa gebraucht werden.

Was ist mit der Aufnahmebereitschaft für die Flüchtlinge, die schon hier leben?

Es ist natürlich sehr einfach – so wie manche – zu sagen: Wenn Angela Merkel nicht wäre, hätte Europa kein Flüchtlingsproblem. Nur: Flüchtlinge gibt es auch ohne Angela Merkel. Und damit müssen wir alle in Europa umgehen. Hier tragen wir alle gemeinsam Verantwortung. An Schweden beispielsweise haben wir aber auch gesehen, dass eine solidarische und aufnahmebereite Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen kann. Deshalb muss es auch darum gehen, eine Aufgabe so zu gestalten, dass sie zu bewältigen ist.

Wie kann man da vorgehen?

Die EU-Mitglieder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Die westeuropäischen Länder haben – anders als die Staaten in Osteuropa – mit Vielfalt und Multikulturalität jahrzehntelange Erfahrung. Vielleicht müssen wir bei den Solidaritätsleistungen noch differenzierter vorgehen und so auch den Anti-Europa-Bewegungen etwas entgegensetzen.

Wie könnte das aussehen?

Wir sollten an der vereinbarten Solidarität festhalten und gleichzeitig überlegen, wie Solidarität an unterschiedlichen Stellen geleistet werden kann, zum Beispiel bei der Bekämpfung der Fluchtursachen oder durch finanzielle Unterstützung für die Grenzsicherung.

Sie haben gesagt: "Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich". Es gibt viele, die das als Kritik an Angela Merkel verstanden haben. Wurden im Jahr 2015 diese Möglichkeiten überschätzt? Gab es bei der Willkommenskultur eine Fehlkalkulation?

Das Wort Fehlkalkulation würde ich nicht gebrauchen. Gerade wenn man ein sehr hohes Ziel hat, muss das langfristig Machbare zeitweise dem unmittelbar Erforderlichen nachgeordnet werden. Sie müssen auch die Stimmung in Deutschland im Sommer 2015 sehen. Es gab damals eine Reihe von Übergriffen auf Flüchtlingsheime. Die anständigen Deutschen wollten zeigen: "Das sind wir nicht", auch daraus hat sich die Willkommenskultur ergeben. Dem "Wir schaffen das" mussten wir dann hinzufügen, wie wir es schaffen, und das haben die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft dann auch getan.

Haben Sie Angst, dass die Bundestagswahl von Fake News beeinflusst werden könnte?

Ja. Aber ich glaube nicht, dass sie bei der Wahlentscheidung ausschlaggebend sein werden.

Sind die Deutschen durch die Erfahrungen, die sie in der Geschichte gemacht haben, weniger anfällig dafür – vielleicht auch durch die politische Bildung, die sie danach bekam, was vielleicht in Amerika und Großbritannien fehlt?

Pauschal lässt sich das sicher nicht vergleichen. Ich bin aber froh, dass wir in Deutschland seither sehr viel daran setzen, auf allen Ebenen der Gesellschaft mit starken Instrumenten der politischen Bildung dafür zu sorgen, Demokratie von Anfang an zu vermitteln.

Sie haben in Ihrer Amtszeit viele Persönlichkeiten getroffen. Welche waren Ihre persönlichen Highlights?

Es gab unterschiedlichste Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen und viele davon haben mich beeindruckt und bewegt. Tief eingeprägt hat sich eine meiner ersten Begegnungen mit einem anderen Staatsoberhaupt, die mit Königin Beatrix. Sie hatte mich eingeladen, zum "Tag der Befreiung" zu sprechen, einem der größten Festtage der niederländischen Nation.

Wie haben Sie den Tag in Erinnerung?

Ich durfte an diesem "Tag der Befreiung" als erster Bundespräsident überhaupt in Breda zu den Niederländern sprechen. Und die Königin hat auf den Kanälen von Amsterdam gemeinsam mit mir die Ehrung ihrer Landsleute entgegengenommen. Ich habe an diesem Tag Überlebende deutscher Konzentrationslager getroffen, die mir zugehört, meine Worte und meine Haltung verstanden haben, die mich umarmten und an ihr Herz drückten. Es waren Opfer deutscher Brutalität, die im deutschen Bundespräsidenten einen anderen Deutschen aus einem anderen Deutschland gesehen haben. Die Tür dazu hatte mir Königin Beatrix geöffnet. Die Begegnung mit einer so außerordentlich starken und prägenden Persönlichkeit wie ihr, die vergisst man nicht.

Wenn Sie sich alle diese internationalen Schwierigkeiten anschauen, spüren Sie Erleichterung, das Amt nach fünf Jahren zu verlassen?

Meine Entscheidung, nicht noch einmal für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, hatte einen ziemlich nüchternen und realistischen Grund: mein Alter. Das kannte ich schon, als ich mein Amt antrat und habe mich daher erst einmal auf eine Amtszeit konzentriert. Als sich dann bestimmte politische Entwicklungen, wie die Europaskepsis oder Renationalisierungstendenzen in der EU, immer mehr verstärkten und viele Leute mich ermunterten, Bundespräsident zu bleiben, habe ich mir sehr ernsthaft überlegt, doch noch eine Amtszeit zu machen. Ich brauchte dann Nüchternheit und Zutrauen in mein Land, um zu sagen: "Nein, das muss ich nicht." Ich bin nicht in der Situation wie Giorgio Napolitano vor einigen Jahren, als er in einer großen Krise seines Landes noch mit fast 90 Jahren sagen musste: Jetzt muss ich nochmal. So sehe ich Deutschland eben nicht. Es hält diesen demokratischen Wechsel sehr gut aus.

Die Fragen stellten: Alessandro Alviani (La Stampa), Kate Connolly (The Guardian), Luis Doncel (El País), Juurd Eijsvoogel (NRC Handelsblad) und Thomas Wieder (Le Monde).