Navigation und Service

Interview mit der Bild am Sonntag

Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt bei einem Interview mit Angelika Hellemann und Marion Horn von der Bild am Sonntag im Amtszimmer von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 1. März 2017 Interview mit der Bild am Sonntag – Gespräch mit Angelika Hellemann und Marion Horn im Amtszimmer © Guido Bergmann

Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt haben der Bild am Sonntag ein Interview gegeben, das am 12. März veröffentlicht wurde.

Herr Bundespräsident, Frau Schadt, was machen Sie nächsten Sonntag, Ihrem ersten freien Tag?

Joachim Gauck: Ganz frei wird dieser erste Sonntag nicht sein. Es findet nämlich die Übergabe der Amtsgeschäfte an meinen Nachfolger, Frank-Walter Steinmeier, statt. Trotzdem werden wir wohl irgendwann in die Kirche gehen. Und dann danken wir dem lieben Gott unter anderem dafür, dass die Zeit hier im Amt ungefähr so verlaufen ist, wie wir es uns erhofft hatten. Wenn man vor so einer Aufgabe steht, fragt man sich, auch wenn man selbstbewusst ist: O je, wird es gehen? Wenn es dann geht, freut man sich.

Daniela Schadt: Das Schöne ist, dass wir uns für den Tag nur wenige Pläne machen müssen. Und Jochen, denke daran: Es ist ein ganzer Haufen Familie und Freunde da. Bestimmt 20 Menschen sitzen bei uns an der Kaffeetafel.

Gauck: Stimmt. Und darauf freue ich mich. Trotzdem werde ich mir irgendwann zwischendrin mein Fahrrad schnappen und um den Block fahren. Wow! Das ist das erste Mal nach fünf Jahren, dass ich einfach mal ganz spontan auf die Straße kann. Da freut man sich auf so simple Dinge wie durch die Läden bei uns zu bummeln.

Schadt: Ich schreib dann schon mal einen Einkaufszettel.

Gauck: Moment mal, manchmal bin ich schon mit zum Einkaufen gegangen. Aber das ging halt nur mit Begleittross. Im Urlaub koche ich gern Erdbeermarmelade, da bin ich dann los, um den fehlenden Gelierzucker zu kaufen. Da haben sie im Geschäft große Augen gemacht.

Welchen Satz von Bundespräsident Gauck sollen sich die Deutschen merken?

Gauck: Es wäre schön, wenn man sich an den Satz erinnern würde: "Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung." Dieser Satz bedeutet: Jeder einzelne Mensch soll die Potenziale erkennen, die er hat, um etwas aus seinem Leben zu machen und sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Auch das Land als Ganzes soll davon überzeugt sein, dass es fähig ist, Gutes zu tun. Dieser Appell ist mir der wichtigste gewesen: Erinnert euch daran, wozu ihr fähig wart und seid. Und leitet daraus ab, nicht bei jedem Sturm gleich wegzulaufen und zu denken, dass das Ende der Welt anbricht.

Wenn Sie auf die fünf Jahre im Schloss Bellevue zurückblicken, wie hat sich Ihr Blick auf Deutschland verändert?

Gauck: Ich glaube, das Land ist uns noch näher gekommen. Unsere Begeisterung für Deutschland rührt aus unseren ungezählten Begegnungen mit außerordentlich engagierten Bürgern. Klar, wir freuen uns etwa über die deutschen Sporterfolge. Auch die ökonomischen Erfolge sind enorm wichtig. Aber das eigentlich Tragende dieses Landes ist die Kraft der Menschen. Die nehmen viele von uns aber zu selten wahr, weil der Blick der Öffentlichkeit oft erst mal auf das fällt, was nicht so gut gelingt.

Gibt es etwas, das Sie gar nicht vermissen werden?

Gauck: Ich freue mich drauf, künftig nicht mehr ganz so engmaschig begleitet zu werden, also öfter mal für mich sein zu können. Was ich außerdem nicht vermissen werde, ist, mir bei jeder Äußerung dreimal zu überlegen, ob da auf der Zunge nicht ein Halbsatz schlummert, den man lieber drin lassen sollte. Wieder etwas offener reden zu können ist reizvoll.

Warum geht das als Staatsoberhaupt nicht?

Gauck: Es wäre übermütig, in einem solchen Amt so zu tun, als ob man ein Privatmann wäre, der mehr oder weniger sagen kann, was er möchte. Anders ausgedrückt: Als Bundespräsident steht man ja nicht nur für sich. Man repräsentiert das ganze Land. Natürlich kann man seine eigenen Akzente setzen. Aber man ist keine Gegenregierung. Und man sollte tunlichst der Versuchung widerstehen, der Regierung ständig aufzulisten, was sie vermeintlich falsch macht.

Waren Sie in der Versuchung?

Gauck: Nein, nicht mit Mitte 70. Wäre ich erst etwa 50 gewesen – wer weiß? In diesem Alter möchte ein Teil der Männer schon noch ziemlich bedeutungsvoll sein und hat es schwerer, Demut zu lernen. Dabei ist das für dieses Amt sehr wichtig.

Gibt es etwas, dass als First Lady eher lästig ist?

Schadt: Lästig nicht, nur in manchen Momenten habe ich mir gewünscht, auch zu zweit etwas spontaner sein zu können. Und dann gab es Dinge, die ich bis zum Schluss manchmal etwas kompliziert fand – zum Beispiel Koffer für Staatsbesuche zu packen.

Gauck: Ich kann von uns beiden besser packen.

Schadt: Als Mann hast du es da aber auch leichter. Du musst nicht gucken, welche Schuhe mit welcher Handtasche zu dem jeweiligen Outfit passen.

Gauck: Dafür hab ich deine Schuhe immer in Tüten verpackt und nie geschimpft, weil es zu viele waren – obwohl es zu viele waren.

Schadt: Weil du als Mann auf Reisen mit drei Paar Schuhen auskommst.

Gauck: Meistens mit zwei Paaren.

Sie haben vorher zwölf Jahre eine Fernbeziehung geführt. Was haben Sie an dem anderen entdeckt, als Sie in den letzten fünf Jahren zusammen gewohnt und gearbeitet haben?

Schadt: Da wir uns schon so lange kannten, war das Überraschungsmoment nicht sehr groß.

Gauck: Bei Wochenendbeziehungen ist das Krisenpotenzial oft minimiert, und wenn man zusammenzieht, brechen zuweilen Konflikte aus, die man vorher nicht hatte. Das ist uns zum Glück erspart geblieben.

Schadt: Es war sicher hilfreich – und auch sehr reizvoll –, dass wir hier in demselben Bereich zusammengearbeitet haben, aber gleichzeitig jeder seine eigenen Aufgaben hatte.

Gauck: Dani, ich bin ja der Ansicht: Wenn du nicht so ein erfülltes Leben gehabt hättest, wäre es möglicherweise komplizierter gewesen. Für eine Partnerschaft ist es hilfreich, wenn beide ihren jeweils eigenen Bereich haben und nicht einer der Partner das Gefühl hat, zu kurz zu kommen.

Aktuell wohnen Sie in der Dienstvilla. Wissen Sie schon, wohin Sie ziehen?

Schadt: Wir gucken uns gerade nach einer gemeinsamen Wohnung in Berlin um.

Gauck: Das ist so wie bei anderen Menschen auch. Wir studieren Anzeigen, rufen Vermieter oder Makler an.

Haben Sie schon Pläne, was Sie noch machen möchten, welche Aufgaben Sie nach Dienstende übernehmen wollen?

Gauck: Ich bin 77 und möchte ein Weilchen kürzertreten. Ich freue mich darauf, meine Kinder, Enkel und Urenkel öfter zu sehen, in meiner Heimat Mecklenburg mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs zu sein, in der Ostsee zu schwimmen, allein in einem kleinen Holzboot zu sitzen, den Wind und das Wasser zu spüren oder nach Herzenslust zu lesen . . . Zwar gibt es sehr viele Einladungen. Aber erst mal habe ich nur einige wenige Termine zugesagt. Ich will mich in der ersten Zeit nach meinem Ausscheiden öffentlich eher zurückhalten. Mit großen Auftritten oder Interviews den Eindruck vermitteln, ich hielte mich für unverzichtbar – das habe ich nicht vor. Für die Zeit nach einer Verschnaufpause gibt es schon Ideen. Aber die werden sich erst nach und nach konkretisieren.

Schadt: Erst mal ausspannen ist schon richtig. Aber wenn du dann nur auf dem Sofa sitzt und Zeitung liest, dann wird dir sicher irgendwann langweilig.

Gauck: Vermutlich ist es so. Aber ich möchte mich erst mal erholen und regenerieren. Und dann gucken wir, was noch geht.

Schadt: Ich bin noch nicht im Rentenalter. Ich möchte schon wieder berufstätig sein. Aber es ist so wie bei der Wohnungssuche: Ich bin noch nicht dazu gekommen, mich intensiv umzugucken.

Gauck (lacht): Sie sehen, wir sind keine großen Planungsgenies.

Ist es eigentlich noch zeitgemäß, dass man von der First Lady erwartet, als kostenlose Draufgabe mitzuarbeiten?

Schadt: Im Allgemeinen würde ich Frauen nicht raten, den eigenen Beruf aufzugeben. Aber für mich persönlich wäre es kaum möglich gewesen, als politische Journalistin weiterzuarbeiten. Hinzu kommt: Wenn ich, egal in welchem Beruf, weitergearbeitet hätte, hätte ich längst nicht so viel über dieses Land gelernt, wie das in den letzten fünf Jahren der Fall war.

Gauck: Die Fülle von Begegnungen hier im Amt ist eine wundervolle Art, noch mal ganz anders auf seine Umgebung und auf sich selbst zu schauen. Dass wir das erleben durften, hat uns auch weiter miteinander verbunden. Daniela hat die Aufgabe der First Lady wunderbar ausgefüllt. Und zwar nicht, indem sie sich aufgeopfert hat, sondern indem sie sie selbst war. Ihre ganz natürliche Menschenfreundlichkeit ist ein unglaubliches Pfund. Wenn wir unterwegs waren, gab es oft hier eine Traube von Menschen um sie herum, und dort um mich. Ohne uns abzusprechen, hatten wir dann das gleiche Interesse: Mit allem, was wir sind, den Menschen begegnen. Wir wollten sie ernst nehmen, uns an ihnen freuen, von ihnen lernen. Daniela an meiner Seite zu wissen, war eine unglaubliche Stütze.

Was wünschen Sie dem neuen Bundespräsidenten Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender?

Gauck: Ich möchte keine Ratschläge geben. Sie werden ihren eigenen Weg gehen. Was ich ihnen wünsche: Dass sie die Fülle der Begegnungen im Land als eine Kraftquelle erfahren.

Schadt: Elke Büdenbender ist ja Richterin und muss sich in diesem Amt oft mit Konfliktfällen beschäftigen. Ich wünsche ihr, dass auch sie es als große Bereicherung erfährt, mit vielen Menschen zusammenzutreffen, die Probleme lösen.

Die Fragen stellten: Marion Horn und Angelika Hellemann.