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Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Hubertus Erlen und Michael Sommer

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede zur Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Hubertus Erlen und Michael Sommer im Großen Saal Schloss Bellevue, 24. April 2012 Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede zur Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Hubertus Erlen und Michael Sommer im Großen Saal © Guido Bergmann

Premieren haben immer einen ganz besonderen Zauber. Für die beiden Ehrengäste des heutigen Tages, ihre Familien und Weggefährten wird Schloss Bellevue zur Bühne für eine große Auszeichnung. Und für mich ist die Verleihung der erste Termin in diesem Amt, bei dem ich den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland überreichen darf. So ein Augenblick bleibt im Gedächtnis!

Publikum und Akteure hier im Saal haben noch etwas gemeinsam: die Nähe zu einem Thema, das zu den bedeutendsten unseres Landes gehört – die Sozialpartnerschaft. Einige von Ihnen haben an der Gestaltung dieses Prinzips, das so eng mit dem Gedeihen der Demokratie nach 1945 und mit der sozialen Marktwirtschaft verbunden ist, über viele Jahre mitgewirkt.

Vor einem Zuhörerkreis wie heute muss ich weder die Philosophie noch die Praxis der Sozialpartnerschaft erklären. Im Gegenteil: Sie könnten mir eine Menge erklären. Die allermeisten von Ihnen kennen Mitbestimmung, Tarifrunden und Sozialpläne aus täglicher Erfahrung. Was ich Ihnen aber vermitteln möchte, ist meine tiefe Überzeugung: Dieses Prinzip ist eine der wertvollsten Formen der Zusammenarbeit in unserem Land. Wir brauchen eben beides: Den Unternehmer, der seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – ihre Kraft, ihre Kreativität – zu schätzen weiß und im gemeinsamen Streben nach besseren Lösungen, Innovationen und Mehrwert auch der Gesellschaft als Ganzes dient. Und wir brauchen den Gewerkschafter, der die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer engagiert vertritt, dabei aber ebenfalls das gemeinsame Interesse im Unternehmen und in der Gesellschaft insgesamt im Blick behält.

So verstanden ist der Begriff Sozialpartnerschaft kein Euphemismus. Wir träumen nicht nur von etwas. Wir haben konkret gestaltet, haben Erfahrungen und können etwas vorzeigen. Sozialpartnerschaft ist deshalb auch eine Verpflichtung, die auf Erfahrungen beruht. Wer sich in diese Partnerschaft einbringt, negiert die bestehenden Interessengegensätze nicht, sondern widmet sich der Suche nach tragfähigen Kompromissen.

Diese Haltung zeichnet Sie beide aus, sehr geehrter Herr Dr. Erlen, sehr geehrter Herr Sommer. Als DGB-Chef und als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender stehen Sie heute stellvertretend für die beiden Seiten der Sozialpartnerschaft. Diese Verleihung bedeutet also mehr als die Würdigung Ihrer jeweiligen persönlichen Verdienste. Sie soll auch daran erinnern: Der viel zitierte – und oft gescholtene – Markt ist nicht nur ein Zusammenspiel von Zahlen. Der Markt ist Ort und Ergebnis menschlichen Handelns. Deshalb geht es im Kern nicht um mehr oder weniger Markt. Es kann nur um eines gehen: mehr gelebte Verantwortung.

Zwei Männer, die dieses Verantwortungsbewusstsein über Jahrzehnte immer wieder bewiesen haben, werden hier heute ausgezeichnet.

Sie, lieber Herr Dr. Erlen,

haben als Top-Manager eines Konzerns mit tausenden Mitarbeitern die soziale Idee sogar in schweren Krisen verteidigt. Und Sie haben dabei immer die Ruhe bewahrt, habe ich mir berichten lassen. Als „Mann der leisen Töne“ wurden Sie beschrieben. Sogar „Gelassenheit als Markenzeichen“ hat man Ihnen attestiert. Mehrfach ist es Ihnen gelungen, bei großen Konzernumbauten betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.

Mehr noch: Sie haben flexible Arbeitszeitmodelle eingeführt und in der Führungsriege für eine kleine Revolution gesorgt. Es sollte uns nachdenklich stimmen, wenn ich an dieser Stelle von Revolution spreche, aber Ihren Namen erwähne ich in diesem Zusammenhang umso lieber: 2004 waren Sie es, Herr Dr. Erlen, der die erste Frau in den Vorstand eines Dax-Konzerns geholt hat.

Auch außerhalb Ihres „Kerngeschäfts“, wie es im Management so schön heißt, stand und steht Ihr Name für eine Unternehmenskultur der sozialen Verantwortung. Gemeinsam mit Ihrer Ehefrau – herzlich willkommen! – widmen Sie sich seit langer Zeit hier in Berlin dem gesellschaftlichen Leben. Dieses Engagement ist bis heute so umfangreich, dass ich hier nur einige Stichworte nennen kann.

Allen voran muss ich Ihren Einsatz für die unabhängige und gemeinnützige Schering-Stiftung erwähnen. Denn ohne Sie, lieber Herr Erlen, gäbe es dieses Projekt gar nicht. Im Stiftungsrat fließen Ihre Ideen und Ihr Organisationsgeschick auf wunderbare Weise zusammen. Wissenschaft und Kultur unserer Hauptstadt verdanken Ihnen eine Menge – an Euro und Inspiration. Beispielsweise sind die Staatsoper, die Deutsche Oper, das Deutsche Theater und der Zoologische Garten für Ihre Arbeit in den Kuratorien und Förderkreisen dankbar. Für die laufenden Sanierungsarbeiten Unter den Linden haben Sie eine große Summe gespendet. Seit 2008 sind Sie Vorsitzender der Robert-Koch-Stiftung. Und das Jüdische Museum Berlin hat Ihnen für Ihr Engagement in der James-Simon-Stiftung 2010 den „Preis für Toleranz und Verständigung“ verliehen.

Sie gelten als Weltbürger und sind bis heute in vielen Funktionen auf nationalem wie internationalem Parkett unterwegs, etwa für den Bundesverband der Deutschen Industrie oder als Chairman von Businesseurope. Und Sie sind Mitglied der Atlantik-Brücke. Das macht Sie jenseits der deutschen Aufsichtsräte auch bei Partnern wie den USA zum Botschafter unternehmerischer Verantwortung.

Als Anerkennung für all dies und noch manches Ungenannte darf ich Ihnen nun den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland überreichen!

Lieber Herr Sommer!

In genau einer Woche – am Tag der Arbeit – werden Sie um diese Uhrzeit auf dem Stuttgarter Marktplatz stehen – so ungefähr schätze ich – und mit Ihnen hunderte Gewerkschaftsmitglieder, Männer und Frauen, die als Angestellte oder Arbeiter, Postboten oder Verkäuferinnen ihr Geld verdienen bzw. gern verdienen würden. Mit dabei sind dann auch die Journalisten, Wissenschaftler und andere aufmerksame Zeitgenossen, die ihre Eindrücke nicht nur im Herzen nach Hause tragen, sondern diese publik machen werden: als spontane Kurznachricht an die Internetgemeinde oder in ausführlichen Berichten in den Medien.

Was wird Michael Sommer all diesen Menschen zurufen? In einem Interview haben Sie einmal sinngemäß gesagt: Was für einen Pastor die Weihnachtspredigt ist, ist für den DGB-Chef die Ansprache am 1. Mai.

Kein Zweifel, beide Ereignisse sind sehr emotional, beide haben eine lange – wenn auch unterschiedlich lange – Tradition und beide haben ihre unverkennbare Sprache. Der eine Redner erinnert an den Glauben, die Nächstenliebe und den Familiensinn. Der andere spricht von sozialer Gerechtigkeit, Solidarität und Europa. Wer genau hinhört, wird bei diesen unterschiedlichen Botschaften wichtige Gemeinsamkeiten finden: vor allem das innige Werben um ein Wir-Gefühl, die Orientierung auf Werte und die Warnung vor Ellenbogen und Egoismus.

Sie, verehrter Herr Sommer, haben in 41 Jahren Gewerkschaftsarbeit – zwei Dritteln Ihres Lebens! – viel Zeit und viel Energie aufgebracht, um solchen Appellen Gehör zu verschaffen. Ihr Einsatz ging, in Stunden und Stimmkraft gemessen, weit über das hinaus, was man in der Stellenbeschreibung für einen ehrenamtlichen Gewerkschafter oder Vollzeit-Funktionär festhalten könnte.

Als in den 90er-Jahren die Bundespost privatisiert wurde, haben Sie nicht nur einen sozialverträglichen Umbau, sondern Menschlichkeit in der Marktwirtschaft eingefordert. Auch später zeigten Sie Mut zu großen gesellschaftlichen Diskursen, ich zitiere: „Wir […] dürfen nie vergessen, dass Gewerkschaften in erster Linie solchen Werten verpflichtet sind, die nicht an der Börse gehandelt werden.“ So haben Sie 2001 in einem Buch gemahnt.

Das war lange vor heiklen Themen, die uns allen viele Debatten eingebracht haben, wie der Agenda 2010, der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise und der aktuellen Euro-Frage. Mit all diesen Debatten verbindet man den Namen Sommer. Sie mahnen immer wieder die Notwendigkeit eines Sozialpaktes an, auch wenn sich die Rahmenbedingungen dafür – sei es beim DGB, in Deutschland, in Europa oder in der ganzen Welt – permanent verändern. Wirtschaft im Wandel: das war und ist in vielen Varianten Ihr Thema, also nicht nur Thema derer, die innovative Industrie entwickeln und Betriebe im schwierigen Umfeld der Globalisierung behaupten müssen. Dabei beherrschen Sie die ganze Bandbreite von Moderieren bis Mobilisieren. Alles zu seiner Zeit.

Manche sagen: So hartnäckig ist man nur, wenn man schon als Kind Kohlen schippen musste. Unbestritten ist jedenfalls: Michael Sommer weiß, was Arbeit in all ihren Facetten bedeutet.

Ein Mann mit viel Lebenserfahrung und mit politischem Feinsinn. Solche Komplimente konnte man hören, als Sie 2010 das dritte Mal zum DGB-Vorsitzenden gewählt wurden. Manche Menschen werden für ein solches Amt niemals in ihrem Leben vorgeschlagen, Sie schon zum dritten Mal – herzlichen Glückwunsch. Der heutige Orden würdigt beides: Ihren großen Einsatz und das große Vertrauen, das Sie sich über so viele Jahre an der Spitze der Gewerkschaftsarbeit erworben haben.

Wer Ihre Biografie kennt, weiß: Zu diesem Weg gehören auch Kampfkandidaturen, Kritik und Kurskorrekturen. All das gehört mit zu einem politischen Leben. Solche Stationen finden sich nicht auf der offiziellen Liste der Verdienste, aber für mich sind sie doch erwähnenswert und bedenkenswert. Denn gerade die Prüfsteine im Leben verlangen uns ja besondere Stärke ab. Wir sollten es zu schätzen wissen, wenn ein Mensch im konkreten Fall Farbe bekennt, ohne dabei seine eigenen Meinungen apodiktisch auf eine einzige Farbe festlegen zu lassen: nicht auf Schwarz oder Weiß, nicht auf Rot oder Grün – um nur eine kleine Auswahl der Möglichkeiten anzudeuten.

Sachentscheidungen sind für Sie verhandelbar, lieber Herr Sommer, Solidarität ist es nicht! Solidarität fordern Sie immer und ohne Abstriche – sei es für benachteiligte Gruppen am deutschen Arbeitsmarkt oder für Gewerkschafter aus aller Welt, die im Einsatz gegen Ausbeutung und Rechtlosigkeit oftmals sogar ihr Leben riskieren. Sie bringen solche Fälle an die Öffentlichkeit und helfen ganz konkret, wo immer Sie können.

Man müsste an dieser Stelle einen eigenen Vortrag über Ihr Engagement im Ausland halten. Das kann ich hier nicht tun. Ich beschränke mich aus Zeitgründen auf die wichtigsten Funktionen: 2004 wurden Sie zum stellvertretenden Vorsitzenden des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften gewählt. Inzwischen haben Sie die Neugründung des Internationalen Gewerkschaftsbundes erfolgreich vorangetrieben und sind dessen Präsident geworden.

Wenn ich Ihnen jetzt den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verleihe, dann danke ich Ihnen also im Namen vieler Menschen hier in unserem Land und auf der ganzen Welt, buchstäblich für Sozialpartnerschaften, die Grenzen überwinden. Dieser Orden geht an einen langjährigen Anwalt der Arbeit und ich betone gern: der guten Arbeit!