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Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des "Start"-Stipendienprogramms

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Start-Stipendienprogramms in der Paulskirche Frankfurt am Main, 26. April 2012 Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des "Start"-Stipendienprogramms in der Paulskirche © Guido Bergmann

Die Frankfurter Paulskirche ist ein Ort mutiger Träume. Hier wurden neue Zeiten ausgerufen. Hier haben Menschen die Freiheit beschworen. Und vor allem haben sie daran geglaubt, dass eine Gesellschaft die Fehler der Vergangenheit hinter sich lassen kann und die Kraft zur Erneuerung aufzubringen vermag. Diese Hoffnung verband die Abgeordneten der ersten Nationalversammlung, die hier tagte. Und sie verband auch – wenngleich viel leiser und mit großer Nachdenklichkeit gepaart – das Publikum 100 Jahre später. Damals war diese Kirche aus Kriegstrümmern wieder aufgebaut und neu eröffnet worden. „Haus aller Deutschen“ hat man sie 1948 genannt.

„Haus aller Deutschen“, betone ich jetzt einmal. Kann es eine schönere Adresse geben für das heutige Jubiläum? Wenn ich die jungen, begabten und begeisterungsfähigen und übrigens auch musikalischen Menschen vor mir sehe, möchte ich als erstes sagen: Danke, verehrte Gastgeber der Hertie-Stiftung, für diese gelungene Symbolik!

Ich wünsche uns, dass diese Feier beides wird: Ein zufriedener Rückblick auf zehn Jahre START-Stipendienprogramm. Und zugleich ein mutiger, dem Geist der Paulskirche entsprechender, von Zuversicht getragener Ausblick auf das, was START in ganz Deutschland noch zu schaffen vermag.

Als die ersten Jugendlichen 2002 ihr Stipendium bekamen, war die Integrationsdebatte gerade auf einem Höhepunkt. Die umstrittene Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz im Bundesrat ging ja in die Geschichte des deutschen Parlamentarismus ein. Außerdem stand das Land unter dem sogenannten PISA-Schock. Die Zahlen zeigten uns: Stärker als andernorts war die Bildung bei uns abhängig von der Herkunft, meist von der sozialen Herkunft. Migranten waren im zudem im Bildungssystem benachteiligt. Das waren unangenehme Wahrheiten. Aber in dieser Krise steckte auch die Kraft der Katharsis. Weil wir nach den Ursachen fragten. Einige Antworten lagen klar auf der Hand: Kindern und Eltern fehlte es oftmals an Sprachkenntnissen. Schulen hatten zu wenig Mittel und Personal für eine individuelle Förderung. Und zu häufig bestimmten bei der Gymnasialempfehlung – bewusst oder unbewusst – soziale oder kulturelle Aspekte mit.

Das waren schmerzliche Einsichten, für alle Seiten. Aber sie haben eben auch Irrwege entlarvt und damit neue Wege gewiesen. Denken wir nur an den neuen Stellenwert, den die frühkindliche Bildung bekommen hat und noch bekommen soll. Oder denken wir an die vielen Integrationspläne, -aktivitäten und -initiativen, in denen Bildung die zentrale Rolle spielt.

Aktuelle Statistiken geben uns Grund zum Optimismus. Seit 2005 ist die Zahl junger Menschen aus zugewanderten Familien, die in Deutschland leben und keinen Schulabschluss haben, um 15 Prozent gesunken.

Und die PISA-Studie 2010 hat gezeigt: Die Schülerinnen und Schüler können inzwischen besser lesen. Gerade solche, die zuhause nicht Deutsch sprechen, haben deutlich aufgeholt. Das ist ein Anfang. Das muss man fortsetzen.

Jetzt geht es darum, die positiven Tendenzen zu verstärken. Wir spüren schon, Veränderung ist möglich, und deshalb gehen wir zuversichtlich in diese neue Etappe hinein. Wir wollen vor allem junge Menschen stärken. Ihnen helfen, ihre Talente zu entfalten, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft. Genau das ist die Philosophie des START-Programms.

Befähigen und ermutigen – so habe ich diese Philosophie verstanden. Die Hertie-Stiftung hat eine Mischung aus praktischer und persönlicher Förderung entwickelt, die Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungsgeschichte das gibt, was sie brauchen. Mal kann der ersehnte Computer – endlich ein eigenes Stück – die Freiheit zum Lernen schenken. Mal ist es das Gespräch mit der Mentorin oder ein Wochenendseminar, das völlig neue Horizonte eröffnet. Wie die Förderung im Einzelnen auch aussieht: Immer ist Anerkennung und Wertschätzung damit verbunden.

START – passender hätte man die Einladung nicht formulieren können. Rund 700 Alumni, 800 Stipendiatinnen und Stipendiaten haben sie bislang angenommen: Das sind 1.500 Lebensgeschichten, die uns alle reicher machen. Und damit meine ich mehr, als sich mit den Punktetabellen von PISA etwa messen ließe. Ich meine einen Reichtum, den man nicht allein in Zahlen ausdrücken kann. Hier haben Sie, die Sie vor mir sitzen, die Möglichkeit bekommen, sich selbst ein Stück Zukunft zu erarbeiten. Und Sie alle, meine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer, Sie haben diese Möglichkeit genutzt! Ich bin stolz auf Sie!

Wir müssen uns selber etwas zutrauen, sonst wird es nichts. Wir müssen uns etwas zutrauen und unser Land muss sich etwas zutrauen. Einer der Gründe, warum ich so glücklich bin, diese Veranstaltung hier heute zu haben.

Ich bin stolz auf die Schülerin, die als erste in ihrer türkischen Großfamilie das Abitur abgelegt hat und Jura studieren wird. Ich bin stolz auf den 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan, der sein Trauma überwinden und eine neue Sprache lernen muss und trotz allem den Schulabschluss schafft. Und ich bin stolz auf all die anderen, die als erste, zweite oder sogar dritte Generation in unseren Zuwanderungsstatistiken gezählt werden, die sich mehr und mehr heimisch fühlen und alle den gleichen Wunsch haben: einen Platz zu finden in dieser, unserer Gesellschaft.

Dafür ein Programm zu entwickeln, erfordert ein großes Budget und sehr viel Einfühlungsvermögen. Die Erfinder von START haben beides mobilisiert und – keine Selbstverständlichkeit in der Stiftungswelt – Sie haben dem Projekt Dauer verliehen. Das Ergebnis hat mich beeindruckt und berührt. Denn es beflügelt nicht nur meinen Geist, sondern auch meine Seele. Die Botschaft beflügelt: Wir glauben an Euch! Nicht nur als Fachkräfte von morgen, sondern als Bürger, als Menschen an unserer Seite, hier in diesem, in unserem Land!

Wer eine solche Botschaft ausspricht, wer sie annimmt und verinnerlicht, der wird spüren: Wenn von „uns“ die Rede ist, schließt dieses Wort tatsächlich alle mit ein. Dann überwinden wir die schwierigen Kategorien eines früheren viel kleiner gedachten „wir“ gegenüber den „anderen“, den Fremden, den Ausländern, den Zugewanderten. Und wenn das gelingt, so ist das für mich das schönste Geschenk dieses Programms: die Augenblicke, in denen dies gelingt! Dass wir dieses große „Wir“ schaffen! Ich glaube, viele hier in diesem Saal durften dank START solche Augenblicke schon erleben. Und viele haben auch empfunden, wie kostbar sie sind, denn sie setzen große, beidseitig zu vollziehende Anstrengungen voraus: die Einfühlung in den Anderen ebenso wie die Suche nach einer gemeinsamen Basis. Wer aber das große „Wir“ einmal gefühlt hat, der weiß, wonach er suchen und streben kann.

An einem Ort wie der Paulskirche muss man fragen dürfen: Wie soll das „Haus aller Deutschen“ künftig aussehen? Es hat schon heute Nachnamen in den Sprachen der Welt auf den Klingelschildern, hier haben Bewohner jeder nur möglichen Herkunft ihre Namen hinterlassen. Herkunft und Religion unterscheiden uns noch ein wenig, aber das große „Wir“ wird dadurch nicht beeinträchtigt. An Äußerlichkeiten lässt sich die Zugehörigkeit zu einer Nation kaum noch feststellen. Umso wichtiger sind die empfundene und die tatsächliche Zugehörigkeit zu unserem Staat, zu unserer Gesellschaft. Mit ihr manifestiert sich ein Identitätsgefühl. Mit ihr kann ein fruchtbares, manchmal auch streitbares Miteinander der Verschiedenen gedeihen.

Ein Miteinander der Verschiedenen, denn ein wenig verschieden waren wir immer, manchmal zu verschieden. Aber wenn diese Verschiedenheit sich auf den Bereich des Rechts oder der Teilhabe erstreckt, dann wollen wir sie nicht dulden.

Wer die Abschlussberichte der Stipendiaten liest, wird darin viele Denkanstöße für unser gemeinsames Haus finden. Und wer sich in diesem Saal umsieht, kann mir sicher zustimmen: START, das ist mehr als ein Bildungserfolg. Heute sitzen sie fröhlich und gleich reihenweise im Publikum: die lebenden und wunderbar lebendigen Beweise für ein gelungenes Miteinander. Ich bin tief dankbar dafür.

Deshalb danke ich allen, allen Frauen und Männern, die sich in den vergangenen zehn Jahren für das Programm eingesetzt haben, ob Geld oder Sinn stiftend, ob im Vorder- oder im Hintergrund. Bitte bleiben Sie diesem Projekt gewogen!

Und ich möchte Ihnen gratulieren, liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten! Und danken. Weil Sie in diesem Programm nicht nur etwas bekommen, sondern unserem Land auch etwas schenken: Ihre Träume, Ihre Kraft, Ihren Optimismus und Ihre Kenntnisse!

Für die meisten ist der erste Schritt das Abitur, später kommt dann das Medizinstudium oder der Master in Informatik hinzu. Die Alumni der ersten Programmjahrgänge haben inzwischen ihren Berufseinstieg bereits geschafft.

Mutige Träume entstehen oft da, wo das Leben zunächst enge Grenzen setzt. Und in der Rückschau stellt man dann fest: Es war gut, dass ich das Wünschen und Wollen nie aufgegeben habe. Denn daraus erst ist eine Haltung entstanden. Und aus der Haltung entsteht dann oft eine neue Wirklichkeit. Solche Erfahrungen machen stark. Jede und jeden einzelnen, der sie machen darf, aber auch eine Gesellschaft als Ganzes.

Deshalb habe ich einen Wunsch an Sie, liebe Stipendiatinnen und liebe Stipendiaten, liebe Alumni: Geben Sie die Ermutigung, die Sie erlebt haben, weiter an andere! Das mag die eigene kleine Schwester sein, oder der Freund aus dem muslimischen Kulturzentrum oder einfach das Nachbarkind, das gerade erst vom Asylbewerberheim ins Viertel gezogen ist.

Noch mehr würde ich mich freuen, wenn Sie den Lehrerberuf ergreifen würden. Es gibt so viele Schulen, die Unterstützung brauchen. Ein paar haben eben genickt zu meiner Beruhigung. Hier in Frankfurt zum Beispiel hat fast die Hälfte aller Jugendlichen eine Zuwanderungsgeschichte – selbst erlebt oder dann von den Eltern erzählt. In einigen Jahren werden solche Biografien die Mehrheit sein. Die Lehrerzimmer sind darauf noch nicht vorbereitet, jedenfalls an den meisten Orten nicht. Sie, die START-Absolventinnen und Absolventen, haben beste Voraussetzungen, um das zu ändern!

Der Bildungsbereich – von der Kita bis zur Universität – ist nur ein Beispiel von vielen, wo junge Menschen mit Migrationserfahrung eine ganz besonders wichtige Rolle spielen können. Übrigens wirbt auch die Polizei in den Bundesländern inzwischen um Anwärter, die mit mehreren Kulturen vertraut sind und so im Konfliktfall besser vermitteln können. Mediatoren werden außerdem in den Verwaltungen gebraucht, im Dienstleistungssektor und so weiter. Ich bin – wie Sie merken – doch einigermaßen zuversichtlich, dass jede und jeder von Ihnen beruflich sehr schnell Fuß fassen kann. Für die Arbeitswelt in Zeiten der Globalisierung sind gerade Sie mit Ihren speziellen Lebensläufen gut gerüstet.

Betrachten Sie diesen Optimismus gern als herzliche Einladung, Ihre Zukunft in Deutschland aufzubauen! In einem Land, dessen Wohlstand und Freiheit auf unserer demokratischen Ordnung basiert. Eine solche demokratische, freiheitliche Grundlage ist – wie wir an manchen Erfolgen nationalistischer und fundamentalistischer Gruppen sehen – keineswegs selbstverständlich. Wir müssen verteidigen, was wir achten, nicht nur manchmal, sondern immer. Und wir wollen auch nicht nur manchmal für diese Ordnung kämpfen, sondern beständig. Tragen Sie diese Erfahrung als echte Überzeugung mit in Ihr Leben – an Ihren Arbeitsplatz, zu Ihren Familien und Freunden, in Vereine und in Verbände hinein. Denn Parallelgesellschaften wollen wir nicht. Und schon gar nicht können wir Gegenkulturen innerhalb unserer Gesellschaft akzeptieren, wenn die sich gegen unsere freiheitliche Grundordnung richten. Auch dabei erwarte ich Ihre Mitwirkung. Gerade eine demokratische Gesellschaft ist ja auf jedes einzelne Mitglied angewiesen.

Bürgersinn, Redlichkeit und Solidarität: All das lässt sich nicht nur per Gesetz verordnen. Aber genau das sind die großen Versprechen, die in unserem nationalen Wertekanon mitschwingen.

Welcher Ort könnte das besser bezeugen als diese Paulskirche? Das Haus aller Deutschen – das Haus aller, die hier in Deutschland leben und sich zu unserer freiheitlichen Ordnung bekennen. Einige von Ihnen hier im Saal werden vielleicht die Gelegenheit haben, den 200. Jahrestag der ersten Nationalversammlung an dieser Stelle zu feiern. Dann wird es Programme wie START vielleicht nicht mehr geben müssen, weil wir in einem Deutschland der neuen Gemeinsamkeit, bei einem großen „Wir“ angekommen sind. Denn dann hat der Mut gesiegt und Platz geschaffen für eine Gesellschaft, die die Verschiedenheit nicht fürchtet, sondern durchaus als Herausforderung, als Chance und Erweiterung begreift!