Navigation und Service

Abendessen zu Ehren von Władysław Bartoszewski

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede im großem Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 9. Mai 2012 Abendessen zu Ehren des ehemaligen Außenministers der Republik Polen, Władysław Bartoszewski, aus Anlass seines 90. Geburtstags © Sebastian Bolisch

Ich freue mich ganz außerordentlich, lieber Herr Bartoszewski, Sie an diesem Tag hier im Schloss Bellevue begrüßen zu dürfen und willkommen zu heißen: Sie sind ein ungewöhnlich jung gebliebener, nun etwas älter gewordener Herr, der uns als Geburtstagskind hier die Freude seiner Anwesenheit macht. Ihre ungewöhnliche und Mut machende Lebensgeschichte ist für uns alle ein unglaubliches Geschenk. Wir sind von Herzen glücklich, dass wir diesen Abend mit Ihnen verbringen dürfen.

Da Sie in Deutschland wohl nahezu alle Preise bekommen haben, die das Land anzubieten hat, haben Sie in den Laudationes sicher schon häufig Gelegenheit gehabt, Ihre eigene Biografie kennenlernen zu dürfen. Ich will mich deshalb heute Abend bei meiner Rede etwas beschränken, ein paar ernste Dinge werden schon vorkommen. Aber es soll menschenfreundlich abgehen. Wir brauchen Zeit auch für die Begegnung und für Worte, die andere sprechen werden. Ihr hoher Geburtstag ist mir Anlass, Sie zu ehren und zu feiern. Einen Menschen, dessen Leben manchen von uns, vielen von uns nur wie ein Wunder zu erscheinen vermag. So oft geduckt und so oft verfolgt – und so oft aufgestanden und standhaft geblieben.

Sie waren bis April 1941 in Auschwitz im Konzentrationslager und nach der Entlassung haben Sie sich sofort wieder dem kämpfenden polnischen Untergrund angeschlossen und riskierten damit erneut Ihr Leben. Sie verfassten Berichte für die polnische Exilregierung in London, arbeiteten im Hilfsrat für verfolgte Juden und nahmen am Warschauer Aufstand teil.

Sie saßen später jahrelang im stalinistischen Polen im Gefängnis, doch nach der Entlassung suchten Sie sofort wieder Kontakt zu oppositionellen Bewegungen und Personen, riskierten damit erneut Verhaftung. Seit den 50er-Jahren arbeiteten Sie mit der unabhängigen katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ zusammen und schrieben mit Ihren historischen Arbeiten über den polnischen Untergrundstaat, den Warschauer Aufstand und die Heimatarmee gegen das offizielle volkspolnische Geschichtsbild an. Seit den 70er-Jahren unterstützen Sie die demokratische Opposition, hielten Vorlesungen in den „Fliegenden Universitäten“ und stellten sich auf die Seite von Solidarność – was Ihnen nach Verhängung des Kriegsrechts erneut Haft einbrachte. Monatelang waren sie interniert. Sie haben mir vorhin erzählt, mit wem Sie dort alles zusammen waren. Die Blütenlese der polnischen Nation, die auf Ihrem Korridor da mit Ihnen diese schreckliche Zeit verbrachte.

Sie haben oft behauptet: „Es lohnt sich, anständig zu bleiben!“ Na ja, für alle Menschen lohnt sich das offensichtlich nicht. Sie haben finanzielle oder andere Gründe, ein solches Leitmotiv auszuschlagen. Aber Sie haben es erläutert, auf Ihre Weise: Es sei ein großer Wert, wenn man sich mit gutem Gewissen beim Rasieren ins Gesicht schauen könnte. Dass ich mich anschauen kann, morgens im Spiegel, ohne zu erschrecken. Und es sei ein großer Wert, dass man davon ausgehen könnte, Kinder und Enkelkinder würden später einmal mit Respekt und Achtung über einen reden.

All jene, die den Erfolg im Leben ihren Ellbogen verdanken und sich von Egoismus oder Habgier treiben lassen, all jene haben eine andere Wahl getroffen als die, die ich beschrieben habe mit Blick auf Sie. Insofern dürften Sie, lieber Herr Bartoszewski, zu der wohl eher seltenen Spezies gehören, bei der sich Anstand dann irgendwann doch tatsächlich gelohnt hat. Sie haben nicht nur Ihre Selbstachtung bewahrt, Sie haben auch dazu noch späte große politische Erfolge erlangt. Ihre unbestechliche Haltung gegenüber dem kommunistischen Unrechtsstaat ließ Sie im freien Polen dann zum Senator, zum Botschafter, zum Außenminister und schließlich zum außenpolitischen Berater des Ministerpräsidenten werden. Was für eine wunderbare persönliche und historische Wendung, die Sie erleben durften, wie mancher hier im Saal – ich sehe viele Ihrer Freunde aus Zeiten der DDR wie aus alten Zeiten, als die Teilung Europa und Deutschland noch auseinander brachte. Gerade wir wissen, wie intensiv dies alles, was wir eben als politische Karriere beschrieben haben, wie intensiv wir uns darüber freuen können. Es ging, weil wir irgendwann dann doch das kommunistische Joch und die sowjetische Vorherrschaft beenden konnten. Wir Ostdeutsche haben dabei sehr viel vom Mut und der Kraft der polnischen Nation gelernt. Und wenn wir die polnische Nation sagen, dann haben unendlich viele Deutsche für die polnische Nation ein Bild vor Augen. Und das schaut aus wie Władisław Bartoszewski.

Lieber Herr Bartoszewski, Menschen, die viel Unrecht erlitten und gegen Unrecht gekämpft haben, neigen nicht selten zu Bitterkeit, manche sogar zu ewigem Groll. Andere verklären ihren Widerstand zu einem Heldenmythos und erwarten, dass ihnen die Gesellschaft, das Leben oder Gott irgendwie ausgleichende Gerechtigkeit gewähren.
Sie haben eine andere Antwort gefunden.

Selten bin ich einem Menschen begegnet, der einerseits so unbeirrt seinen Werten und seinem christlichen Glauben die Treue hält, und gleichzeitig ganz bewusst Schwarz-Weiß-Schemata zu meiden vermag, dem Besseren und Richtigerem vielmehr mit Taktik, Klugheit, Kompromissfähigkeit, manchmal auch mit Tricks und Humor zum Durchbruch zu verhelfen weiß. Zäh, kämpferisch und Schritt für Schritt. Dabei haben Sie immer Ihren eigenen, manchmal wohl auch eigenwilligen Kopf behalten, sich nie einer Partei untergeordnet, nie einer Regierung angebiedert, nie einer überbordenden politischen Korrektheit gehuldigt. Sie waren und blieben immer ein „Mensch, ein Zeitzeuge“ – ein Mensch, der sich im Menschsein mit den anderen identisch weiß, ein Zeitzeuge, der weiß, wozu Menschen fähig sind, im Guten wie im Bösen.

Wir wissen nur sehr bedingt, lieber Herr Bartoszewski, welchen inneren Weg Sie wohl zurücklegen mussten, um so intensiv wie kaum ein zweiter Pole Ihrer Generation nach Wegen der Annäherung zwischen Polen und Deutschen zu suchen. Denn wir wissen nicht, wie Sie, der Sie auf dem Appellplatz von Auschwitz standen, die Gefühle von Wut, Hass, Rache und Vergeltung überwinden und zu Deutschen Freundschaften entwickeln konnten. Und was für Freundschaften!

Ich weiß aber, dass Sie einer der ersten Wegbereiter der deutsch-polnischen Verständigung wurden. Ich weiß, dass Sie sich für eine Wiedervereinigung Deutschlands ausgesprochen haben, als die meisten Deutschen sie noch weit verworfen haben und abwehrten, weil sie sich einfach nach der Erfahrung des Nationalsozialismus nicht mehr als große demokratische vereinigte Nation denken konnten.

Sie haben einmal erklärt: „Als gläubiger Christ bin ich sicher, dass das, was gut ist für mich, nicht im Widerspruch stehen kann zu dem, was gut ist für meine Nation und gut für die Allgemeinheit.“

Und Sie haben gesagt, Ihr Patriotismus sei nicht gegen jemanden gerichtet, sondern bedeute Einsatz für etwas: „Für die Würde, die untrennbar verbunden ist mit der Achtung von Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens. Denn die Anerkennung der verschiedenen Kulturen und Traditionen sowie der Unterschiedlichkeit der Erinnerungen der Generationen bereichert das staatliche Zusammenleben.“

Diese Werte, lieber Herr Bartoszewski, zeigen weit über den Nationalstaat hinaus. Sie sollten uns Richtschnur sein im deutsch-polnischen Verhältnis wie im Verhältnis der Völker im ganzen vereinten Europa.

Danke, lieber Freund, dass Sie zu uns gekommen sind und diesen Abend mit uns verbringen wollen! Danke für das Geschenk Ihres Lebens an die deutsche Nation!

Möge Gott Ihnen noch viele kommende gute Tage und Jahre schenken!