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Empfang für die Organisatoren des Katholikentags 2012

Bundespräsident Joachim Gauck besucht den 98. Deutschen Katholikentag Mannheim, 20. Mai 2012 Besuch des 98. Deutschen Katholikentags - Ansprache an die Organisatoren des Katholikentags © Steffen Kugler

Meine Damen und Herren, ich müsste jetzt sagen Exzellenzen, Erzbischof, meine Herren Bischöfe und all das kann ich auch sagen, aber nach dem Erlebnis dieses wunderbaren Gottesdienstes, da sage ich einfach: Verehrte, liebe Schwestern und Brüder.

Ich freue mich, dass ich hier unter Ihnen sein kann. Ich beglückwünsche Sie, dass Sie miteinander diesen wunderbaren Katholikentag zum Erfolg geführt haben, dass Sie Menschen wieder Mut und Hoffnung gegeben haben. Ich habe hier, bei Ihnen, davon gehört, dass Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu ganz bestimmten kirchenpolitischen, sozialpolitischen und politischen Themen miteinander reden konnten. Sie waren sich nicht immer einig, aber es gab einen Geist der Eintracht, einen Geist des Dialogs. Mehrfach ist heute im Gottesdienst und in den anschließenden Reden das Wort Dialog vorgekommen und ich habe doch zahlreiche Bischöfe gesehen, die dazu geklatscht haben. Das ist doch wunderbar.

Also das kommt mir hier alles schon ziemlich ökumenisch vor. Es war ein richtiger Katholikentag. Er war richtig katholisch. Ich kann als lutherisch-evangelischer Christ gar nicht katholisch werden, es funktioniert irgendwo nicht, aber ich kann mich schon an der Schönheit der römischen Messe erfreuen und auch an dem Glanz, mit dem das Wort Gottes auch gefeiert werden kann und die Sakramente empfangen und zelebriert werden. All das kann schon meine Freude erregen. Wir dürfen uns doch auch freuen über das, was nicht unser ureignes ist, nicht wahr? Und das hat mir eben sehr, sehr viel gegeben.

So können wir in der Kirche wie in der Politik ganz positive Erfahrungen machen, wenn wir uns nicht gleich vor etwas Besonderem, vor Verschiedenheit fürchten. Das würde übrigens auch den Menschen im Lande, die nicht zu glauben vermögen, helfen, wenn sie das Besondere der Menschen, die tief in sich ihren Antrieb, ihren Grund ihres Daseins im Glauben finden, wenn sie denen erst einmal zuzuhören vermöchten. Und verstehen, sich zu verstehen bemühten, was treibt diese Menschen?

Es ist so, dass wir noch eine ganz geraume Zeit auch mit Verschiedenheiten leben müssen, die uns schmerzen, hier im Land der Reformation. Das haben wir auch heute, wenn auch in einer wunderbar fröhlichen Weise erlebt. Wir träumen davon, dass wir nicht mehr so verschieden sind. Ich träume davon, einmal an Ihrer Eucharistie-Feier so teilzunehmen, dass ich sie nicht störe, wenn ich hingehe und das Brot empfange. Aber ich freue mich natürlich auch daran, dass heute sehr viel möglich ist, was in den fünfziger Jahren, als ich Kind und Jugendlicher war, überhaupt nicht zu denken war. Da, denke ich, wirkt schon der Geist Gottes. Das ist nicht nur Zeitgeist, sondern das ist der Geist Gottes, der manchmal geheimnisvoller Weise auch einfach unter ganz normalen Menschen waltet und nicht nur aus den Geweihten herausspringt.

Es ist eben unglaublich wichtig, dass wir erkennen, dass wir unsere Bedeutung und unseren Auftrag, den wir von dem Herren der Kirche empfangen haben, nicht dadurch am besten sichern, dass wir uns einmauern, sondern dadurch, dass wir mit denen, die uns noch nicht zu verstehen vermögen, in Dialoge eintreten. Der Glaube ist natürlich immer auch privat, hochprivat, weil er individuell ist. Aber in der Gestalt der Kirchen und der Werke der Kirchen, der Verbände, der engagierten Christen im öffentlichen Leben begibt er sich in die Welt hinein und hat unsere deutsche, ganz besonders unsere Nachkriegswelt auch kräftig gestaltet.

Für alle, die nur ein wenig vertraut sind mit der Tradition der Katholischen Kirche in diesem Lande greife ich nur ein einziges Beispiel heraus, das eigentlich auf jedem Katholikentag auch mit Händen zu greifen ist. Nämlich die katholische Soziallehre. Ihre deutschen Gründungsväter, Bischof von Ketteler, aber auch „Vater“ Kolping. An die wird erinnert, in deren Geist wird debattiert. Die Menschen, die ihnen folgen, melden sich hier zu Wort und wenn wir die Gestaltung dieser Bundesrepublik anschauen, dieses Mühen darum, Konsense herzustellen, wo in anderen Ländern nur Kampf und Krampf ist, dann sind engagierte Menschen, die hier geprägt worden sind von der katholischen Soziallehre immer wieder auch in der Politik zu finden. Die früh entwickelten Prinzipien von Personalität, Solidarität und Subsidiarität, die bleiben auch aktuelle Leitlinien in den gegenwärtigen Herausforderungen. Da gibt es ja gar kein Vertun. Und dann können wir uns all die verschiedenen Fragen anschauen: Ob es um Europa geht, um Fragen der Bioethik, überall, ob es um die gerechte Verteilung der Güter geht, überall: Politisches Handeln und Entscheiden findet in dieser katholischen Soziallehre eine Richtschnur.

Christliche Persönlichkeiten, auch daran müssen wir uns erinnern, haben das Land tief geprägt, katholische Politikerinnen und Politiker haben segensreich gewirkt. Und, denken wir mal an die Zeit, bevor wir wiedervereinigt waren, an die Zeit vor 1990, in all den Jahren im Osten, da waren es Christen, die an ihren Werten, auch in Zeiten der Diktatur festhielten, als die meisten Bewohner des Landes sich schon in ihr Schicksal ergeben hatten. Der Glaube war es, der in vielen Christen einfach die Gabe der Hoffnung hat länger verweilen und kräftiger wachsen lassen, er hat uns größere Hoffnung geschenkt – die friedliche Revolution 1989 im Osten Deutschlands ist schwer vorstellbar ohne die unzähligen Aktivisten aus den christlichen Gemeinden.

Christen an der Spitze des gesellschaftlichen Wandels – was für ein schönes Erinnerungsbild! Zu diesem Bild gehört freilich auch, dass wir uns erinnern, dass es in der Regel nicht die jeweiligen Oberhirten waren, die den Gemeindemitgliedern mutig vorangingen. Das müssen wir einfach begreifen. Sie sind verpflichtet zur Loyalität und müssen auch Frieden und Schutzräume bewahren. Das verstehen wir auch. Trotzdem war es manchmal so, dass manche, die voranschreiten wollten, auch nicht gerade ermutigt wurden. Das müssen wir einander auch erzählen, um die unterschiedlichen Gaben und Möglichkeiten des geistlichen Amtes und der sogenannten Laien miteinander in Ausgleich zu bringen. Es sind beides große Gaben, mit denen wir positiv umgehen können.

Wie wäre es um die Kirche bestellt, wenn sie nur durch das geistliche Amt repräsentiert wäre. Und deshalb ist mir auch die Arbeit des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken so nahe. Ich frage mich, wie arm wäre unser Miteinander ohne die unzähligen Freiwilligen aus unseren Gemeinden? Ich habe mich so gefreut, dass sie heute intensiv erwähnt worden sind.

Was, liebe Schwestern und Brüder, was wäre das überhaupt für ein kultureller und religiöser Verlust, wenn die Gemeindemitglieder alle passiv bleiben würden, wenn die Opferbereitschaft, wenn die Nächstenliebe, wenn die Hingabe an Werte und Ziele, und Fantasie und Mut, diese Ziele zu verfolgen, wenn all dies nur noch in den Erinnerungen der Alten oder in den Predigten der Hirten vorkommen würde, aber nicht mehr als lebendige Wirklichkeit! Wie arm wäre das Leben dann.

Deshalb wünsche ich mir und uns allen sehr, dass der große Dienst der sogenannten Laienkatholiken, in Wahrheit sind es ja meist Laienkatholikinnen, weiterhin segenreich zu wirken vermag. Ich wünsche mir auch, dass aus der hervorragenden Jugendarbeit der Verbände im Bund der Deutschen Katholischen Jugend, aus den Pfadfindern und den Messdienern, aus der Landjugendbewegung immer mehr Menschen hervorgehen, die engagiert den Weg in die Politik suchen.

Hier sind Menschen unter Ihnen, die ein lebendiges Beispiel dafür darstellen, dass das Geschäft der Politik nicht ein schmutziges sein muss. Menschen sind heilig und schmutzig. Politik kann nicht heilig sein. Aber sie ist auch keineswegs dazu verurteilt, schmutzig zu sein. Und das wird ganz besonders deutlich werden, wenn es mehr Menschen gibt, die aus einem inneren Antrieb von der Grundlage ihres Glaubens her die Welt, in der wir leben, die politische Welt nicht verachten, sondern sie als Raum anschauen, den Gott uns zugewiesen hat, hier und jetzt Verantwortung zu übernehmen, unsere Frau und unseren Mann zu stehen.

Wenn wir solche Gestalten, Frauen und Männer nicht nur in der Lehre, im Unterricht, in der Kultur, sondern auch in der Politik, wenn wir die alle nicht gehabt hätten. Die gleichzeitig die Demokratie liebten und gestalteten und ihrem Glauben verbunden blieben und aus der Kraft des Glaubens auch dann noch Hoffnung schöpfen konnten, wenn andere schon am Verzagen waren. Verachten Sie diese Welt des Politischen nicht, sondern sehen sie als den Raum an, der uns gegeben ist. Niemand von uns kann nur als religiöses Wesen oder als kulturelles Wesen leben. Wir sind alle auch politische Wesen. Deshalb werbe ich um die Nähe der durch den Glauben erweckten Menschen zu dieser harten Arbeit im politischen Raum da draußen. Vergessen Sie bitte nicht diese Werbung.

Und manchmal, meine Damen und Herren, kann es eben geschehen, dass das, was so geheimnisvoll ist, dass wir am liebsten davon schweigen, in stillen Gebeten dem uns zu nähern versuchen, was fast wie ein mystisches Geheimnis ist. Unser Geborgensein in Gott, unsere Beheimatung in seinem Wort und in seinem Ja zum Leben auf dieser Erde. Das alle diese Dinge, die so schwer sagbar sind, einen unmittelbaren Bezug haben können zu der Art und Weise, wie wir unseren Mitmenschen gegenüber treten. Vergessen Sie das nicht, dass die eine Welt mit der anderen in Berührung steht. Wir können einander helfen, wir können einander bewahren, wir können einander helfen, wenn Unterdrückung droht, wenn Destruktion eine Lebenskultur wird. Dann brauchen wir diese wachen Menschen, die Nein sagen zu einer Kultur des Todes, der Destruktion und des Erstickens an Überfluss. Alle diese Menschen brauchen wir draußen im öffentlichen Raum, auf den Märkten und nicht nur in der Kirche.

Deshalb freue ich mich über die Tradition der offenen Debatten, die in unseren Katholikentagen und auch auf den Kirchentagen so lebendig gewachsen ist. Es ist ein lebendiges, anschauliches Stück Kirche, die Schwelle zu diesen Treffen von Christinnen und Christen sind niedriger als die Schwellen zu unseren Domen, wo das Hochamt gefeiert wird in all seiner Pracht und Schönheit. Aber nicht jeder vermag es, hinzugehen. Hier auf einem Markt, hier im Gesicht eines Menschen, im Wort eines Menschen begegnen andere, die noch fern stehen, dem Geheimnis des Glaubens, der Menschen zu verwandeln vermag.

Und was speziell Sie, meine lieben katholischen Brüder und Schwestern angeht, so sage ich Ihnen ganz deutlich, Sie haben nicht nur, weil Sie so früh angefangen haben, mit dem Staat für Ihre Rechte zu kämpfen, sondern weil Sie unablässig und auch in einem beständigen Diskurs innerhalb der Kirche Ihren Weg verfolgen, dass Ihr Zeugnis in der Welt und Ihr Tun in der Welt vom Geist Gottes begleitet und getragen wird, ein starkes Glaubenszeugnis für die Welt abgegeben.

Ich bitte Sie darum, diese Gabe und diese Fähigkeit auch weiter unserem Land zu schenken. Ich fühle mich wohl bei Ihnen und ich verspreche, dass ich wiederkommen werde.