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Festakt zur Eröffnung der Special Olympics München 2012


Olympische Spiele in München! Man muss es gar nicht aussprechen und sofort hat man, jedenfalls wenn man ein wenig älter ist, ein Bild vor Augen. Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, 1972: Dieses fröhlich anfangende Fest und dieses Erschrecken vor diesem blutigen und gnadenlosen Terror, der sich gegen die israelischen Sportler richtete. Und wie die Sportler und wie die Verantwortlichen dann weitergemacht haben und wieder gezeigt haben, dass wir doch miteinander Sportler sein können, Beteiligte sein können: friedliche Spiele. Und wir Deutschen konnten zeigen, was die Bayern so wunderbar inszeniert haben: ein modernes, freies, sympathisches Deutschland. 

Das fällt mir so auf, ich muss nur Olympia und München hören und lesen. Das war die erste Assoziation. Und mit so einer Erinnerung stellte sich auch ein Symbol, eine Bildikone in meinem Kopf ein: Die Erinnerung an München 1972 ist verbunden mit dem wunderbaren Zeltdach unter dem wunderbaren weißblauen Himmel, von dem die Bayernhymne so schön zu singen und zu sagen weiß. 

Ein Zelt aufgespannt für die Menschheitsfamilie, ein friedlicher Rastplatz in relativ unfriedlichen Zeiten. Ein Rastplatz für die Menschen, die miteinander Freundschaft empfinden wollen, in dem sie Sport treiben. Spiele und Anstrengung verbunden mit Freude beim Mitmachen. 

Dieser ursprüngliche Geist von München 1972, der die Planungen, die Architektur, auch die festliche Eröffnung der Spiele prägte – so stelle ich mir das vor – wenn sich hier jetzt wieder Sportler einfinden. Das könnte auch der Geist von München 2012 sein. Der Geist der Special Olympics, die wir heute eröffnen.

Jedenfalls ist das ist mein Wunsch für Sie alle, für Ihre gastfreundliche Stadt, Herr Oberbürgermeister, für dieses gastfreundliche Land, Herr Ministerpräsident.

Ich wünsche mir und Ihnen, dass sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ob sie nun als Helfer der Aktiven oder als Aktive oder als Funktionäre in den Verbänden und Vereinen hier weilen, miteinander wohlfühlen und die Freude empfinden können, die entsteht, wenn wir etwas von uns verlangen, etwas Ungewöhnliches. Wenn wir uns etwas abverlangen.

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Eröffnung der Special Olympics 2012, der Nationalen Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung

Ihnen allen wünsche ich, dass die Freude und Heiterkeit wieder einkehrt, die wir hier in dieser Stadt so oft schon erlebt haben, als Gäste und Einheimische. Ich wünsche mir einen fairen Wettbewerb, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit, eine große, erfüllte Pause vom Alltag, der oft so schwerfällt, ein Festival für Leib und Seele, ein Fest für alle, die teilnehmen.

Für alle gemeinsam: Das große Zelt von München bleibt so für mich ein Symbol für eine Hoffnung, dass Sport und Wettbewerb Menschen einander zu verbinden vermögen. Wir alle leben unter demselben Himmel, so unterschiedlich wir sind, unterschiedlich nach Alter, nach Aussehen, nach Herkunft, nach Begabung, nach Fähigkeiten und zu allem Überfluss haben wir auch noch unterschiedliche Interessen.

Das große Zeltdach der sportlichen Gemeinschaft, aber auch die ganzen diesjährigen Spiele der Special Olympics hier in München – sie sind Symbol und Ausdruck einer großen Idee.

Sie, diese Idee, ist schon Wirklichkeit – aber manchmal auch erst ein Versprechen.

Ja, Wirklichkeit ist schon dort, wo viel geschehen ist, was in Richtung Inklusion geht. Inklusion - ein etwas kompliziertes Wort, das etwas ganz Einfaches meint. Dieses Einfache scheint aber schwer zu machen zu sein. Ein Wort dafür, dass man ohne Angst verschieden sein kann, dass der Mensch nicht normiert werden darf, um anerkannt zu werden. Dass Menschen mit geistiger oder gar Mehrfach-Behinderung wie jeder andere bei diesen Spielen Stärke zeigen können, Kampfgeist oder gar Siegermentalität.

Es gibt vieles, was zum Glück langsam selbstverständlich geworden ist, und das das gemeinsame Leben von Menschen mit Behinderungen und Nichtbehinderten immer besser macht: Gebärdendolmetscher, die einfache Sprache wurde schon vom Herrn Oberbürgermeister genannt, die „Leichte Sprache“, die immer mehr verwirklichte Barrierefreiheit im öffentlichen Raum kommt dazu. Aber auch Teilhabe am Arbeitsleben auch außerhalb von besonderen Werkstätten. Teilhabe an Bildung auch außerhalb von Förderschulen.

Und es gibt - das will ich heute ganz besonders dankbar hervorheben – die Sportvereine, in denen Menschen mit Behinderungen und Nichtbehinderte gemeinsam trainieren und spielen. Die Bewegung „Special Olympics“ hat dazu ganz viel beigetragen, sie ist ein Segen für uns alle. Ohne die Vereine, ohne das tägliche und wöchentliche Ehrenamt von so vielen, wäre viel weniger Integration und Inklusion in unserer Gesellschaft – ohne die Basisarbeit in den Vereinen und Verbänden gäbe es natürlich auch diese Spiele in München nicht.

Und ich will noch einmal einfügen, was so oft vergessen wird: Dass Deutschland eben nicht nur auf diesem speziellen Sektor, sondern dass unser Land in allen Bereichen - ob es Kultur, Sport im allerweitesten Sinne, ob es soziales Engagement, religiöses Engagement ist - dass dieses Land durchzogen ist, von einem Netzwerk Freiwilliger. Weit über 50 Prozent der Deutschen erledigen irgendwann mal im Laufe ihres Lebens etwas, wofür sie kein Geld bekommen. Ich glaube, es sind sogar gegen 70 Prozent. In den Zeitungen steht immer geschrieben, dass alles bergab geht, dass wir uns nicht mehr engagieren wollen, dass es alles so schwierig wird. Und dann übersehen wir eben einen Schatz, der in unseren Gemeinden, in unseren Städten heranwächst. Das Land ist durchzogen von engagierten Menschen.

Sie, die Sie die Special Olympics hier verantworten und gestalten, Sie alle haben Teil an einer besonderen Form von Glück. Das entsteht, wenn wir uns aufeinander beziehen. Wenn wir die Gaben, die in uns stecken,  nicht nur für uns nutzen, sondern auch für die Menschen, die mit unseren Gaben viel anfangen können. Und deshalb steht hinter jedem Sportler, der hier antritt, eine ganze Gemeinschaft anderer Menschen, die dafür sorgen, kämpfen und arbeiten. Die Zeit und Geduld aufbringen, damit diese Menschen ihre Special Olympics hier feiern können. Das ist einfach wichtig, dass wir das als Schatz unserer Gesellschaft begreifen und anerkennen.

Also: Vieles, was wir unter Inklusion verstehen, ist schon Wirklichkeit geworden durch diesen Einsatz engagierter Menschen, gerade im Sport. Vieles aber ist auch noch erst ein Versprechen. Und solche Versprechen wollen eingelöst sein. Vieles muss überhaupt erst einmal verstanden werden:

Ist denn wirklich in der ganzen Gesellschaft schon angekommen, dass wir in jeder Hinsicht und nicht nur räumlich „barrierefrei“ werden müssen? Zuerst im Kopf, aber dann sozusagen in allen Lebenslagen.  Ist wirklich schon bei allen Menschen angekommen, dass alle Menschen nicht so sehr behindert sind, als dass sie behindert werden? Ist wirklich schon bei allen angekommen, wie gerne Menschen mit Behinderung etwas leisten? Und zu welch unglaublichen Leistungen sie fähig sind?

Barrierefreiheit im praktischen Sinn kostet natürlich nicht wenig Geld. Das werden wir nur aufbringen, wenn wir alle von dem Ziel überzeugt sind, für das wir eintreten.

Der Sport nun ist ein guter Weg, um das öffentliche Bewusstsein dafür zu wecken. Und München 2012 wird ganz deutlich zeigen: Menschen mit Behinderungen sind erfolgreich, sie können vieles schaffen, sie streben nach Erfolg. Und viele, die hier in München dabei sind, stehen ja auch im Berufsleben seit Langem ihren Mann und ihre Frau.

Wir können alle voneinander etwas abgucken, wir können ja alle von Verschiedenheit profitieren, wir können alle aneinander Faszinierendes entdecken. Oft braucht es eben nur den Schritt aufeinander zu und geöffnete Augen, wo andere wegschauen.

Ich wünsche allen, die sich hier anstrengen, die um Medaillen kämpfen oder Plätze, viel Erfolg. Ich wünsche den Nationalen Sommerspielen der Special Olympics Deutschland einen erfolgreichen Verlauf.

Vor allem aber wünsche ich Ihnen, die Sie hier mit Herz und Hand, mit Leib und Seele dabei sind, möglichst große öffentliche Resonanz. Ich wünsche Ihnen, dass man im ganzen Land davon erfährt, was hier Wichtiges geschieht. Die Medien können uns dabei in hohem Maße helfen.

Und ich wünsche mir und uns schließlich, dass kräftige Impulse von diesem schönen Ereignis ausgehen, was wir heute eröffnen: Es immer noch ein bisschen besser zu machen im Zusammenleben von Menschen mit Behinderungen und Nichtbehinderten, immer noch ein wenig weiter, ein wenig mehr weiterzukommen, mit gegenseitiger Anerkennung und mit Respekt, immer noch ein wenig enger zusammenzurücken unter dem großen gemeinsamen Zelt, unter dem weißen und blauen Himmel über unserer Erde – bei aller bleibenden Verschiedenheit, zusammen unter einem gemeinsamen Dach.

Allen, die daran mitwirken, viel Erfolg. Wir freuen uns, dass diese Spiele in dieser schönen Stadt beginnen.