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Festgottesdienst zur Gründung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Ratzeburg, 27. Mai 2012 Feierstunde anlässlich der Gründung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland © Markus Scholz

Zunächst einmal herzlichen Dank für die freundliche Einladung und den freundlichen Empfang. Das ist schön, dass Sie mich so freundlich aufgenommen haben, denn ich habe hier als Bundespräsident eigentlich gar nichts zu suchen. Wenn Kirchen ihre eigenen Angelegenheiten regeln und eine neue Struktur schaffen, so ist das einzig und allein Sache dieser Kirchen, aber keineswegs Sache des Staates. Nicht ohne Grund und mit guten Erfahrungen gibt es in diesem Land die Trennung von Staat und Kirche. So, das muss jetzt erstmal klar sein, das ist jetzt die reine Lehre. Und nun bin ich ja trotzdem hier.

Natürlich bringe ich meine Erfahrungen mit. Wenn ich noch in meinem früheren Beruf als Pastor der mecklenburgischen Landeskirche gewesen wäre, säße ich vielleicht irgendwo im Kirchenschiff. Aber verwunderlicherweise stehe ich hier. Ich musste auf meine alten Tage noch einmal ganz neu einen uralten Satz für mich lernen: Gottes Wege sind wunderbar. Und so ist ein junger Mann, den ich noch als aufgeweckten Burschen aus meiner Rostocker Zeit als Stadtjugendpastor ein wenig erinnere, heute ein riesenhafter Landesbischof und macht hier eine gute Figur. Und ich bemühe mich nun auf meine Weise nicht mehr als Pastor, aber dennoch geschwisterlich unter Ihnen in einem ganz eigenen Amt und beglückwünsche Sie, dass es Ihnen gelungen ist, das zu schaffen, was viele schlicht und einfach „Nordkirche“ nennen.

Ehrlich gesagt: Von Berlin aus hätte ich mir eigentlich nicht mehr vorstellen können, dass das passiert. Ich kenne so ein bisschen die Gefühle, diese so überaus herzlichen Gefühle, die die Pommern und die Mecklenburger so viele Jahre gepflegt haben. Und wir konnten irgendwie nicht zueinander finden.

Ich habe vorhin pflichtgemäß darüber nachdenken müssen, dass es eine Trennung von Staat und Kirche gibt. Habe auch gesagt, dass ich das für gut und richtig halte. Aber man muss immer zweimal hinschauen. Und gerade unsere evangelischen Landeskirchen sind ja historisch gesehen nicht gerade geprägt von einer Trennung von Staat und Kirche. Der Landesherr war auch der Oberbischof und hat seine Oberrede dann gehalten, mehr oder weniger. Ich weiß jetzt nicht genau, wie es in der Freien Hansestadt Hamburg war. Aber ich werde mich informieren, ob es da auch so war. Wir haben es auch erst lernen müssen mit der Trennung von Staat und Kirche. Und ich will nicht verhehlen, dass es auch manche Phasen in der langen Politikgeschichte gab, wo sich mir als evangelischer Christ eine deutlichere Trennung von Staat und Kirche schon hätte vorstellen können. Kurzum: Das ist hier ein historischer Exkurs, wir wollen uns miteinander freuen, dass es zu diesem Weg gekommen ist, dass es diese Vereinigung gibt.

Es ist für mich eine Verpflichtung, hier und heute einmal darauf hinzuweisen, dass viele vielleicht zuviel erwarten könnten von der nun gefundenen organisatorischen Einheit. Es hat eine lange Phase gegeben, die uns unterschiedlich gemacht hat. Und es wäre töricht, an einem Festakt das zu verschweigen. Wie wunderbar ist es, dass wir immer etwas gehabt haben, was uns verbunden hat. Natürlich das geistliche Fundament, von dem wir heute geredet haben, was wir an Pfingsten feiern, was wir im Bekenntnis bekannt haben. Natürlich gibt es das. Und das hat uns über Grenzen und Ideologien beständig verbunden miteinander. Auch Ökumene geschaffen, klar ist das so.

Aber es gibt dann auch etwas anderes. Wir könnten bei der  Begegnung von Ost- und Westkirche fast formulieren, ein wenig zugespitzt freilich: Kultur trifft Subkultur. Aber wir im Osten haben das, was uns am Herzen lag, ja oft erkämpfen müssen. Wir mussten einen Freiraum, eine Art Gegenkultur innerhalb der Herrschaftskultur erringen. Die christlichen Feste konnten nicht so im öffentlichen Raum gefeiert werden. Die Präsenz im öffentlichen Raum musste hart errungen werden, jedes bisschen Kirchentag, jedes bisschen Öffentlichkeit. Es war nicht selbstverständlich. Wir haben eine unterschiedliche Art, mit der Gesellschaft zusammen zu leben. Und das prägt eine Kirche.

Wir haben dadurch auch eine unterschiedliche Art, das Zentrum des Glaubens und unsere Seele zueinander zu bringen. Weil wir beständig das, was uns am Herzen liegt, gegen andere durchsetzen mussten, entstand eine besondere Intensität, nicht nur in Glaubensdingen, sondern auch wenn wir Literatur gelesen haben. Wenn wir musiziert haben. Ob es Kirchenmusik war oder populäre Musik, immer fragten wir uns nach dem, was uns überleben lässt gegen die da oben. Alles war aufgeladen. Dann kam die Freiheit und dann fehlte dieser doppelte Boden. Und dann vermissten wir manchmal etwas, was wir für Tiefe hielten. Es war aber nur eine besondere Kultur des Miteinanders, die nur unter Druck entsteht. Aber man darf sich keinen Druck zurückwünschen, wenn man Erlebnisse von Tiefe haben will. Das geht nicht. Das wäre ein Missverstehen der Freiheit.

Unser geistliches Anliegen muss es sein, dass, was wir unter Not und Unterdrückung bewahrt haben, bei den Festen der Freiheit zu loben als lebendige, zukunftsfähige und zukunftserhoffende Menschen. Genau darum wird es gehen. Das heißt also, dass wir ein Teil unserer Fest- und Feierkultur, vielleicht auch unserer Innerlichkeit abgeben, um eine neue Form von Gemeinsamkeit zu lernen.

Ich will noch etwas anderes sagen: Wir haben eine unterschiedliche Form des Miteinanders oder Gegeneinanders in der Gesellschaft gelebt und darauf folgt, dass wir in den Ost- und Westkirchen Buße tun müssen für sehr unterschiedliche Sachen. Wir haben je eigene Formen der christlichen Buße, der Umkehr. Und diese unterschiedlichen Formen, sie müssen uns nicht trennen. Aber sie müssen uns bewusst sein. Wir müssen uns manchmal zweimal erklären, wenn der, der in anderen Verhältnissen aufgewachsen ist, uns verstehen soll.

Nun könnten Sie sagen, lieber Herr Gauck, lieber Präsident, das wissen wir doch alle, wir haben es erlebt. Nun ich will es einfach noch einmal sagen und Sie daran erinnern, dass wir noch keine 40 Jahre unterwegs sind. Die 40 Jahre der Wüstenwanderung des Volkes Israel aus der Sklaverei in die Freiheit. Darüber haben viele Geistliche gepredigt und viele haben es empfunden. Mentalitätswandel braucht länger.

Morgen fliege ich nach Israel. Vielleicht sehe ich aus der Luft den Weg von Ägyptenland bis nach Jerusalem. Also kein Mensch, kein Volk muss 40 Jahre zu Fuß wandern, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Da verbirgt sich das Wissen, dass zwei Generationen notwendig sind, um vom Status der Abhängigkeit und Unterdrückung in den Status eines freien Menschen zu gelangen. Die Bevölkerung im Osten Deutschlands hat 22 Jahre von diesen 40 hinter sich. Sie wird noch ein wenig brauchen. Wie sie sein wird, wenn 40 Jahre vorbei sind, da bin ich ganz gespannt. Ich werde es nicht erleben, aber viele von Ihnen werden es erleben. Und wir werden daran mitwirken.

Wir haben zu danken in dieser Stunde für eine Geschichte des Miteinanders, die immer bewahrt wurde, für die Brücken die gebaut wurden. Es ist schon erzählt worden in der Predigt. Ja, und ich als Ossi, ich möchte hier an dieser Stelle einmal ein ganz kräftiges Danke schön sagen. Vieles hätte ich nicht geschafft, ohne die solidarische Hilfe unserer Schwestern und Brüder. Wir sagen Danke. Das muss auch mal sein.

Sie spüren, jetzt hat natürlich nicht der Bundespräsident gesprochen. Es hat der Christenmensch gesprochen und ich habe noch kein einziges Mal heute Morgen die Anrede „liebe Schwestern und Brüder“ gebracht. Aber an dieser Stelle muss ich es einfach tun. Das muss ich einfach tun, denn ich bin zu sehr geprägt von dieser geistlichen Nähe. Aber ich fasse das zusammen, was ich eben vielleicht ein bisschen zu ausführlich dargestellt habe. Wir dürfen uns nicht genieren, dass wir unterschiedlich geworden sind, und wir brauchen uns schon gar nicht davor zu fürchten. Denn wir haben einen Herrn, ein Wort Gottes und ein gemeinsames Ziel, das wir heute so schön definiert haben, als wir den Schalom Gottes gelobt haben. Und unsere Welt damit in Beziehung gebracht haben.

Wir haben eben so schön zum Schluss gesungen: Vertraut den neuen Wegen. Vertrauen ist nicht eine Gabe, die man automatisch hat, man kriegt vielleicht so etwas mit wie ein Urvertrauen, wenn man aus einer liebevollen Familie kommt. Aber Vertrauen kann man verspielen und wieder neu erlangen. Wir Christen haben auf hundertfältige Weise, auf viel tausendfache Weise immer wieder neu gelernt, dass wir Vertrauen in Gottes Führung haben dürfen. Dafür sind wir dankbar. Und ich freue mich darüber, dass Sie jetzt miteinander ein neues Kapitel aufschlagen wollen. Dass wir einander vertrauen, dass wir einander helfen in unserem Gottvertrauen und in unserem Zutrauen zu inspirierten Menschen nicht nachlassen. Und dass wir uns zutrauen, mit unserem Vertrauen und mit unserer Fähigkeit Verantwortung zu übernehmen. Ein Segen in dieser Welt zu sein. Darum wollen wir alle gemeinsam beten und dafür wollen wir handeln.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.