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Preisverleihung im Schulwettbewerb des Bundespräsidenten zur Entwicklungspolitik

Bundespräsident Joachim Gauck am Rednerpult Schloss Bellevue, 4. Juni 2012 Preisverleihung im Schulwettbewerb des Bundespräsidenten zur Entwicklungspolitik © Guido Bergmann

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue! „Bellevue“, das wissen die größeren unter Euch, heißt „schöne Aussicht“. Das passt wunderbar zu unserem heutigen Tag. Denn ich habe gerade eine besonders schöne Aussicht, auf Euch nämlich: die Schülerinnen und Schüler, die mitgewirkt haben bei diesem Wettbewerb, unterstützt von klugen Menschen, von denen einige auch Geld gegeben haben. Es ist wirklich schön, Euch und Sie alle hier zu sehen.

Der Name „Bellevue“ könnte auch ein Denkanstoß für unser Wettbewerbsthema sein. Als das Schloss vor 200 Jahren gebaut wurde, wünschte sich der preußische Prinz Ferdinand, immer das Schöne vor Augen zu haben: den Tiergarten, die grüne Umgebung und so etwas wie eine hoffnungsvolle Zukunft. Ich freue mich jeden Tag über diesen Ort. Aber ich vergesse dabei nicht, dass es viele, viele andere Orte auf der Welt gibt und wir alle die Blickrichtung öfter mal ändern sollten! Hier in diesem Saal treffe ich Menschen aus verschiedenen Ländern und sie erzählen mir von ihrer Heimat, mal ganz zuversichtlich und mal sehr sorgenvoll. In solchen Momenten muss ich das tun, was Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, bei unserem Wettbewerb zur Entwicklungspolitik so eindrucksvoll gelungen ist: die Perspektive wechseln!

Ihr habt für diese Aufgabe, die Euch gestellt worden ist, viel Fantasie, Fleiß und Zeit aufgebracht. Ihr habt die Jury und mich überrascht mit Euren Ideen. Und manchmal habt Ihr mich auch sehr nachdenklich gestimmt. Denn Ihr habt überlegt, was Ihr als Erwachsene eines Tages besser machen wollt als wir. Das hat mich am allermeisten gefreut. Dafür danke ich Euch!

Die Preise, die wir nachher überreichen, könnt Ihr als Startgeld für Eure nächsten Vorhaben verwenden. Gemeinsam mit Euren Lehrerinnen und Lehrern habt Ihr bestimmt noch einige gute Ideen! Eure Lehrer sind diejenigen, die Entwicklungspolitik in den Fachunterricht, in die Projektwochen oder sogar als festes Profil in die Schulen einbringen. Und das nicht, sehr geehrte Damen und Herren, weil sie es müssten, sondern weil sie Bildung auch als Herzensbildung verstehen. Dafür danke ich Ihnen, den Erwachsenen, den helfenden und unterstützenden Lehrerinnen und Lehrern sehr herzlich. Das gleiche möchte ich unseren Wettbewerbspartnern sagen. Ich habe so viel Gutes über diese Zusammenarbeit gehört und weiß Ihren Einsatz zu schätzen.

Perspektivwechsel – den also wollen wir heute noch einmal gemeinsam versuchen. Ich möchte Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, gern etwas fragen: Wie wird unsere Welt wohl aussehen, wenn Ihr in meinem Alter seid, wenn Ihr Kinder, Enkelkinder oder – wie ich – sogar schon Urenkel habt? Die Vereinten Nationen schätzen, dass dann fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, drei Milliarden mehr als jetzt. Werden sie alle sauberes Trinkwasser und genügend Nahrungsmittel haben? Werden sie zur Schule gehen, einen Beruf erlernen und ihre Familien versorgen können? Und vor allem: Werden sie in Frieden leben können oder hart um ihre Existenz kämpfen müssen?

Wir wissen es nicht, niemand von uns. Eines aber wissen wir: Um die bestehende Armut zu überwinden und neues Elend zu verhindern, muss sich vieles, vieles ändern auf dieser Welt. Das Gegeneinander der Menschen – Krieg, Unterdrückung, Unrecht – all das dürfen wir nicht zulassen. Und das Nebeneinander, das es vielerorts schon gibt, können wir noch positiv verändern. Daraus kann nämlich ein Miteinander werden.

Eine große Aufgabe. Und eine der schwierigsten, die wir Euch jungen Leuten mit auf den Weg geben. Wenn ich in den Saal schaue, bin ich trotzdem zuversichtlich – weil es Euch gibt! Ihr habt verstanden, dass die Zukunft unserer Welt davon abhängt, wie wir heute handeln. Ihr habt verstanden, dass diese – Eure – Zukunft so gut sein wird wie die Entscheidungen, die jede und jeder einzelne von Euch trifft.

Eure erste gute Entscheidung war es, Fragen zu stellen und genau hinzusehen. Ich bin froh, dass wir junge Menschen wie Euch in unserem Land haben. Ihr wolltet wissen, wo die Zutaten für Schokolade oder wo die auffallend preiswerten Turnschuhe herkommen. Und Ihr habt festgestellt, dass diejenigen, die dafür auf anderen Kontinenten, auf Feldern oder in Fabriken schwer arbeiten müssen, manchmal gerade erst so alt sind wie Ihr. In Euren Projekten beschäftigt Ihr Euch mit Themen wie Ausbeutung und fairem Handel. Und Ihr versteht, dass beides nicht von irgendwem bestimmt wird, sondern auch von Euch – etwa in dem Augenblick, wenn Ihr eine Sorte Schokolade oder Turnschuhe aus dem Regal nehmt.

Die richtigen Fragen können unseren Alltag verändern – und auch eine der wichtigsten Perspektiven eröffnen sie uns: den Blick auf uns selbst. Ihr habt das in Euren Projekten erfahren. Im Alltag übersehen und vergessen wir oft das Glück, das uns allen gegeben ist. Dieses Glück, so frei und sicher zu leben, wie es in unserem Land möglich ist. Wenn wir unsere Augen und unsere Herzen öffnen für die harten Schicksale anderer Menschen in anderen Teilen der Welt, dann könnten wir dies, was uns gegeben ist, mit noch mehr Dankbarkeit sehen. Es ist nicht uncool, dankbar zu sein.

Schauen wir uns etwa den Straßenjungen in Lateinamerika an, der jeden Abend nach einem sicheren Schlafplatz sucht; oder die afrikanische Mutter, die ihren Säugling nicht vor dem Verhungern retten kann; oder den Bergarbeiter in Asien, der in seiner Not eine einzigartige Landschaft und die eigene Gesundheit zerstört.

Solche Lebensgeschichten können erschrecken. Viele von Euch haben ihre Gefühle deshalb aufgeschrieben. Einige von Euch haben versucht, sie auf der Bühne darzustellen oder in einem Lied auszudrücken. Gut so, weil das Wissen durch eine andere Tür in uns hineingeht als die Kunst. Das Singen öffnet eine andere Tür als das Erlernen einer mathematischen Formel. Darum brauchen wir beides, die Wissenserweiterung und die kulturelle Beschäftigung – sonst verhungert unsere Seele.

Mitgefühl, Traurigkeit, manchmal auch eine richtige Wut über die Ungerechtigkeiten auf der Welt – das alles sind sehr menschliche Reaktionen. Dabei merken wir, dass einige Wahrheiten nur schwer zu ertragen sind, auch für Erwachsene. Manche schauen lieber weg, als sich wirklich auf andere Perspektiven einzulassen.

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, habt in Euren Projekten gelernt, dass Spenden Leben retten und wichtig sind, aber Ihr wisst auch, dass sie das Leben selten dauerhaft verbessern können. Mein größter Wunsch ist es deshalb, dass Ihr mehr in die Hand nehmt als eine Spendendose. Wir dürfen die Welt nicht wie selbstverständlich einteilen in Hilfsbedürftige auf der einen Seite und Helfende auf der anderen Seite. Daran müssen wir alle etwas ändern. Wir müssen dafür sorgen – wenn ich eine große Vision aussprechen soll –, dass wir eines Tages überhaupt keine Spendendosen mehr brauchen. Dass also alle – Frauen, Männer, Kinder – auf dieser Welt ein menschenwürdiges Leben aus eigener Kraft führen können. Das ist unser großes Zukunftsthema.

Einige von Euch sind vielleicht noch ein bisschen zu jung, um genau zu verstehen, was Freiheit, Demokratie und Menschenrechte bedeuten. Aber Ihr erlebt es schon, auch im Alltag der Allerjüngsten, dass wir etwas Besonderes mit diesen Schätzen errungen haben. In diesem Wettbewerb hat jeder verstanden, was wir miteinander noch erreichen wollen: „Alle für Eine Welt – Eine Welt für alle“. Auf jedem Teilnehmerbogen steht diese Überschrift. Wir brauchen sie insgesamt sieben, bald zehn Milliarden Mal – als tiefste Überzeugung, als ein Glaubensbekenntnis der ganz Unterschiedlichen, der verschiedenen Völker, verschiedenen Religionen: „Alle für Eine Welt – Eine Welt für alle.“

Was unsere Welt dagegen nicht braucht, ist der überhebliche Blick von oben. Das habt Ihr gut erkannt. Ihr habt einen Reichtum gesehen, den man auch dort finden kann, wo große Armut herrscht – den Reichtum an Kultur, an Lebenswillen und an Träumen. Ihr habt in Brasilien, Kamerun oder Thailand Momente des Glücks entdeckt, die Ihr Euch vorher nicht vorstellen konntet. Ich denke zum Beispiel an die Solarlampen, mit denen Grundschülerinnen und -schüler aus Beckum den Waisenkindern in Togo eine riesige Freude gemacht haben. Früher konnten diese Kinder nach Sonnenuntergang abends um sechs in ihren Zimmern nicht mehr lesen. Jetzt haben sie mehr Zeit zum Lesen, Lernen – mehr Zeit, sich für ihre eigene Zukunft anzustrengen. Deshalb sind sie so glücklich.

Glück ist ein Reichtum, für den die Gesetze der Mathematik nicht gelten. Ein ganz besonders kluger und hilfsbereiter Mann, ein Vorbild für eine ganze Generation, – Albert Schweitzer – hat festgestellt: „Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Diese Kraft müssen wir nutzen! Die großen Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit und auch der Deutsche Bundestag haben schon damit begonnen, Wachstum und Wohlstand nicht mehr nur am Geld, sondern auch am Glück zu messen.

Ihr, die junge Generation, könnt aus dieser Idee eine neue Lebensweise machen, vielleicht sogar eine Lebenskunst, von der wir Erwachsenen dann auch noch lernen könnten. Kreativ und gefühlvoll seid Ihr ja, das haben Eure Wettbewerbsbeiträge bewiesen. Lasst Euch auf diesem Weg nicht entmutigen, weil die Probleme zu groß und fast unüberwindbar scheinen.

Eines Eurer Projekte, das Würfelspiel über den Flüchtling aus Somalia, hat mich sehr berührt, denn es heißt „Endstation Sehnsucht“. Ich weiß, Ihr habt Euch das gut überlegt. Wenn man in der Oberstufe ist, sind solche Titel ja kein Zufall. Aber ich will Euch dazu etwas sagen, das man wohl erst mit 72 Jahren und nicht mit 17 empfindet:

Sehnsucht, meine Lieben, ist keine Endstation – niemals für jemanden, der das Leben und die Menschen liebt. Sehnsucht ist eine der großen Reserven, die wir Menschen in uns tragen. Sie lässt uns harte Zeiten überstehen, weil sie in uns etwas antreibt, das stärker ist als alle Furcht und Angst, die uns niederdrückt. Manchmal haben wir Angst vor den Großen, die imstande sind, uns zu unterdrücken. Und manchmal haben wir Angst vor unserer eigenen Schwäche. Die Sehnsucht treibt uns an, gegen diese Verführung zur Schwäche und zur Ohnmacht etwas zu tun. Deshalb ist es mir so wichtig, dass gerade Euch, den jungen Menschen, die Sehnsucht niemals verloren geht.

Mahatma Gandhi, eines unserer großen Vorbilder bei der Erringung von Frieden und Autonomie, hat einmal gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Das ist wohl eine der schönsten Einladungen, das Glück zu suchen. Und Ihr, meine jugendlichen Damen und Herren, liebe Mädchen und Jungen, Ihr habt – bewusst oder unbewusst – diese Einladung verstanden. Denn Ihr habt gezeigt, dass Ihr etwas wollt: mit Eurer Teilnahme an diesem Wettbewerb und mit einem Wechsel zu neuen Perspektiven. Darum habe ich nur eine Bitte an Euch: Macht weiter so!