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Eröffnung der Woche der Umwelt 2012

Bundespräsident Joachim Gauck am Rednerpult Schloss Bellevue, 5. Juni 2012 Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet die Woche der Umwelt 2012 © Steffen Kugler

Heute steht Ihnen der Park von Schloss Bellevue offen und Sie, die Gäste, haben ihn verwandelt. In ein Areal voller Ideen und Visionen, zukunftsweisender Technologien und Projekte! Fast 200 Aussteller sind vertreten – aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, den Verbänden, aus Stiftungen und natürlich auch aus der Politik. Mehr als doppelt so viele wären gerne hier gewesen und hatten sich beworben. Aber wir konnten, nur diese Auswahl, die Sie hier im Park antreffen werden, zulassen. Unser Areal ist nicht groß genug für alle, die gerne mitgewirkt hätten.

Mittlerweile hat die Woche der Umwelt Tradition. Es ist die vierte innerhalb von zehn Jahren und wir erinnern uns dankbar an Bundespräsident Johannes Rau, der die Idee hatte, diese Woche einzurichten. Soweit ich weiß, gibt es in keinem anderen Land eine Veranstaltung wie diese.

So freue mich auf diese Woche der Umwelt, auf das, was hier erfahren, erlebt und auch diskutiert wird und ich danke der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, unserer Partnerin über all diese Jahre für ihre Leistungen in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung dieser Tage. Darüber hinaus herzlichen Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich viel haben einfallen lassen, um ihre Ideen und Projekte hier darzustellen. Wenn Sie den Blick nachher schweifen lassen werden, werden Sie erkennen, diese Mühe hat sich gelohnt. Wir danken Ihnen für diesen Einsatz.

Wir werden Sie alle brauchen: alle, die mitgewirkt haben. Die Wissenschaftlerinnen und Ingenieure, die umweltfreundlichere Produkte und Verfahren entwickelt haben. Die Unternehmen, die in solche Verfahren und Produkte auch investieren. Die Verantwortlichen in Parlamenten, Behörden und Verbänden, die ökologisch und wirtschaftlich vernünftiger Politik den Weg bereiten. Und Bürgerinnen und Bürger, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die ihre Möglichkeiten und ihre Freiheit und Verantwortung nutzen. Ich habe es ja einmal erlebt in meinem Leben und auch öfter gesehen, was geschehen kann, wenn viele Menschen sich verbünden und mit Überzeugung für ihre Ziele kämpfen und wie stark sie dann eine Gesellschaft verändern können.

So brauchen wir also jeden, jede von Ihnen. Vor allem brauchen wir Sie alle zusammen. Darum wünsche ich mir diese Woche der Umwelt als einen Ort der Begegnung und auch der Debatte. Es darf gern, es soll auch lebhaft diskutiert werden bei den vielen Veranstaltungen hier auf der großen und auf der kleinen Bühne, in den Zelten im Park von Schloss Bellevue, auf den Symposien und in den Foren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche komplexen Fragen ohne Debatte, übrigens manchmal auch ohne Streit geschehen. Sie müssen gelegentlich auch den Leuten widersprechen, die so tun als dürfe man sich in einer Demokratie nicht streiten. Am wenigsten Streit ist auf dem Friedhof. Denn das ist unsere Stärke, die Stärke von Demokratie und Marktwirtschaft: der Wettstreit um den besten Weg, die Suche nach Alternativen.

Wie nötig das ist, sehen wir in diesen Tagen an den Diskussionen um die Energiewende. Ein ehrgeiziges Projekt, das sich Deutschland als führende Industrienation hier vorgenommen hat. Unter uns ist der neue zuständige Minister. Hier sind viele Menschen, die Ihnen die Daumen drücken. Es wird uns nicht gelingen allein mit planwirtschaftlichen Verordnungen. Wohl auch nicht mit einem Übermaß an Subventionen. Es kann uns aber gelingen mit überzeugenden Innovationen und im fairen Wettbewerb.

Ich bin überzeugt: Es gibt keinen besseren Nährboden für unsere Ideen und Problemlösungen als unsere offene Gesellschaft mit offenen Märkten und freiem und fairem Wettbewerb. Dringlich ist es, einen verlässlichen politischen Rahmen zu setzen und zwar so, dass Schädliches vermieden und Gewünschtes erreicht wird. Marktwirtschaftliche, wachstumsfreundliche Umweltpolitik heißt für mich, dass Kosten für Umweltbelastungen und Umweltrisiken den Verursachern in Rechung gestellt werden und nicht den Steuerzahlern. Und dass umweltfreundliche Produktion sich für Unternehmen im Wettbewerb auszahlt.

„Umweltpolitik verursacht keine Kosten, sondern zeigt, warum wer welche Kosten trägt.“ – So hat es Klaus Töpfer einmal formuliert, das merken wir uns noch einmal. Wir können nicht einfach sagen, na gut, dann lassen wir halt anschreiben und belasten dann mit den Kosten, die darauf bestehen, die Generation unsere Enkelkinder. Das geht nicht. Eine solche Haltung wäre schlicht verantwortungslos.

Wie aber können wir in Zukunft gut leben und wirtschaften, ohne dafür große Mengen an fossilen Bodenschätzen zu verbrauchen? Wie vermeiden wir es, Böden, Atmosphäre und Meere zu vergiften, wie halten wir unsere Ökosysteme intakt? Wie kann es uns gelingen, für heute sieben, später acht oder gar neun Milliarden Menschen auf dieser Erde die Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen?

Ende Juni schon wird beim Weltgipfel in Rio um eben diese Fragen gerungen. Hoffentlich erfolgreich! Denn Handeln ist mittlerweile sehr dringlich – lokal, national, vor allem aber global. Weltgipfel verändern die Welt zwar nicht von heute auf morgen, das haben wir schon erlebt. Aber dort werden Versprechen abgegeben, gemeinsame Versprechen. Versprechen, die dann die Messlatte für politisches Handeln abgeben.

Das ist wichtiger denn je. 20 Jahre ist es jetzt her, dass sich die Weltgemeinschaft in Rio dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet hat. Seither ist aber der globale Ausstoß an Kohlenstoffdioxid um rund die Hälfte angestiegen, er liegt so hoch wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Viele Wald- und Ackerböden sind erodiert, viele Tier- und Pflanzenarten sind bedroht. Führende Klimaforscher warnen, es ist keine Fiktion, sondern es wird geschehen, dass eine folgenschwere Erderwärmung auf uns zukommt. All das ist nur äußerst schwer zu bremsen und das ist alarmierend.

Doch der Einsatz vieler Menschen überall in der Welt, besonders auch in unserem Land, hat schon einiges bewegt. In den letzten Jahren gibt es durchaus Entwicklungen zum Positiven. Wir können heute mit deutlich weniger Material und weniger Rohstoffen deutlich bessere Produkte herstellen. Zugleich stammt immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen. Und auch die Ozonschicht scheint sich jedenfalls langsam zu erholen, seit die Weltgemeinschaft sich darauf verständigt hat, die schädigenden Substanzen zu verbieten.

Einen weiteren kleinen, aber nicht unbedeutenden Schritt nach vorne hat die internationale Staatengemeinschaft Ende letzten Jahres in Durban beschlossen, nämlich sich endlich auf den Weg zu machen zu einem globalen Klimaabkommen ab dem Jahr 2020. Alle führenden Industrienationen in Europa und weltweit, alle müssen bereit sein, diesen Weg mitzugehen! Deutschland ebenso wie die USA, Japan, Kanada, China und Indien. Wer hier bremst, um sich einen kurzfristigen Vorteil zu verschaffen, schadet langfristig sich selbst und ganz gewiss allen anderen.

Ich bin zuversichtlich, dass sich die Erkenntnis durchsetzt: Nachhaltigkeit bedeutet nicht Beschränkung oder Verzicht, sondern Verantwortung und Vernunft. Die Menschheit, das menschliche Leben, jedes Leben kann sich auf dieser Erde nur im Einklang mit der Natur entfalten, nicht gegen sie. Sonst zerstört es sich selbst. Langfristig ist deshalb auch ökonomisch nur sinnvoll, was ökologisch vernünftig ist.

Beim Gang durch den Park von Schloss Bellevue kann nun jeder erleben, wie viel Sinnvolles wir schon jetzt tun können. Ich habe mich schon vorab ein wenig schlau machen können: Da werden zum Beispiel aus Klärschlamm wertvolle Rohstoffe gewonnen. Da werden Anlagen statt mit aggressiven Chemikalien mit gebündeltem Licht gesäubert. Da wird erforscht, wie mit hochwertigen Materialien unsere Stromnetze leistungsfähiger gemacht werden.

All diese Innovationen und Investitionen werden neue Arbeitsplätze schaffen, sie werden unsere Umwelt und unsere Gesellschaft zukunftsfähiger und auch unabhängiger von fossilen Rohstoffen machen. Denn nichts ist günstiger als der Rohstoff, den man einspart – nichts billiger als die Energie, die man nicht braucht. Recycling, Wasseraufbereitung, Antriebstechnologien - auch in all dem sind deutsche Unternehmen weltweit führend. Unser Land wird wie kaum ein anderes auch wirtschaftlich davon profitieren, wenn es sich selbst an der Spitze des nachhaltigen Fortschritts bringt.

Vielleicht fällt wird Ihnen dann beim Schlendern durch den Park und an den vielen Ständen noch etwas Neues einfallen: Was noch könnten wir besser machen? Viele der hier bei der Woche der Umwelt ausgestellten Innovationen, Ideen und Projekte sind auch letztlich eine Frage an uns selbst: „Was trägst Du dazu bei?“ - Lassen Sie sich inspirieren! Ich eröffne hiermit die „Woche der Umwelt“!