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Mitsingkonzert zum 150. Gründungsjubiläum des Deutschen Chorverbandes

Ansprache des Bundespräsidenten Frankfurt am Main, 9. Juni 2012 Mitsingkonzert anlässlich des 150. Gründungsjubiläums des Deutschen Chorverbands - Ansprache des Bundespräsidenten © Sandra Steins

Viele von Ihnen habe ich ja noch nicht gesehen, aber als Sie mich so begrüßt haben, da habe ich doch gedacht, wir kennen uns alle. Ich soll heute eine Rede halten und Ihre Arbeit würdigen, die Arbeit der Verbände, Vereine und Chöre und eine 150-jährige Tradition feiern mit Ihnen zusammen. Das tue ich gern. Doch ich will Ihnen nicht erzählen, was Sie alle besser wissen als ich, Ihre eigene Geschichte also.

Lassen Sie mich aber auf zwei Dinge eingehen, die mir bei unserem Treffen in den Sinn kommen. Das ist einmal natürlich das Singen selbst. Singen ist – für mich – nicht nur etwas besonders Schönes und Erfüllendes, in dem die Seele und das Gemüt einen unverstellten Ausdruck finden. Singen ist für mich eine ganz unmittelbare Art in der Welt zu sein. Ein Ja sagen zur Schöpfung und zum In-der-Welt-Sein.

Und das Schöne ist: Singen ist eine Art, der Seele und dem eigenen Innern Ausdruck zu geben, und es ist eine Sache, die jedem Menschen gegeben ist. Entgegen einem manchmal zu hörenden Vorurteil können wir nämlich sagen: Singen kann jeder. Gut, ich weiß, nicht gleich gut. Aber singen kann jeder. Und zwar von Kindesbeinen an. Wir können es höchstens verlernen – und wenn wir es verlernen, ist es schade, denn dann fehlt uns etwas, das eigentlich zum Menschsein gehört.

Sie wissen, dass es im Deutschen eine seltsame Nebenbedeutung von „Singen“ gibt. Das kennen Sie aus dem Krimi. Wenn im Verhör oder in der Befragung, einer der immer geschwiegen hat, dann doch endlich auspackt und anfängt, sich zu erklären. Dann sagt man so in der Umgangssprache, er fängt an zu „singen“.

Wie kommt es zu dieser Bedeutung? Ich glaube daher, dass Singen eben die Wahrheit über uns selbst zum Ausdruck bringt. Ob wir traurig sind oder vor Freude platzen, ob wir wütend sind oder jubilieren, ob wir gelassen sind oder aufgewühlt. Im Singen kommt unser Gemüt zu sich selbst, drückt es sich aus, ja: Im Singen „verrate“ ich mir selbst eigentlich, wie es um mich in meinem Innern steht.

Im Chorsingen aber geht es nicht nur um mich allein. Das ist der zweite Gedanke, den ich hatte, als ich mich hier auf dieses Treffen mit Ihnen vorbereitete. Im Chorsingen stimmen wir alle, die mitsingen, ein in ein größeres Wir. Das ist erst einmal das Singen der anderen Sängerinnen und Sänger, mit denen ich zusammen musiziere. Aber auch in das – wenn man so will – größere kulturelle Wir, das uns durch die Kompositionen aus alter und neuer Zeit gegenwärtig wird.

Wer im Chor singt, singt eben nicht nur für sich, sondern  „stimmt ein“ – gelegentlich auch in eine Gemütsverfassung, die wir zwar im Moment selbst nicht verspüren, die aber als Möglichkeit in uns ist – und die wir vielleicht beim Singen entdecken.

Zum Entdecken der Möglichkeiten und zur Entwicklung der Fähigkeiten tragen alle bei, die da mitmachen. Natürlich zuerst die Sängerinnen und Sänger, die sich engagieren und regelmäßig proben und sich gegenseitig motivieren und stützen, so das notwendig ist. Aber dann die Chorleiter, die Musikerzieher, die Lehrer, die hauptamtlich, sehr viel öfter auch ehrenamtlich, ihre Chöre immer wieder anstiften und weiterbilden. Jetzt sagen wir denen mal unser herzliches Danke schön.

Ich habe von meiner jüngsten Tochter, die in Rostock in einem der großen Chöre eine zeitlang war, gehört, wie der Chorleiter sich manchmal anstrengen musste, sie zu erziehen. Und irgendwie hat er es geschafft, sie zur Liebe zur Musik zu bringen. Manchmal war er dabei allerdings ein Dompteur, muss auch mal sein.

Und dann muss man ja nicht nur Programme entwickeln und Auftrittsmöglichkeiten erkunden. Man muss auch reinkommen in Milieus, wie soll ich sagen, also in die sogenannten kulturfernen Milieus, und da auch einmal versuchen, erstmal Freude am Zuhören und dann Freude am Mitmachen auszulösen. Und das ist wirklich nicht so ganz einfach. Und darum war der Beifall, den wir eben Ihnen gespendet haben, wirklich total wichtig.

Ich habe eben von dem Einstimmen in ein großes Wir gesprochen. Dazu gehört natürlich das, was Sie immer wieder erfahren, wenn Sie eintauchen in andere Zeiten, in dem Sie Werke von Komponisten aus anderen, zum Teil aus fernen Zeiten musizieren. Wir merken dann: Wir alle stehen in einer langen Geschichte von Empfindung und Ausdruck, wir müssen nicht alles neu erfinden, wir können auch nicht alles so wunderbar erfinden, wie es Menschen, musikbegabte und geniale Menschen, vor uns getan haben. Aber sie laden uns ein, dass wir unangestrengt und gelassen einstimmen in ein kulturelles Erbe. Das wir nicht selbst erschaffen, sondern das wir einfach empfangen und es ehren, indem wir es weiter am Leben halten. Das wir singend immer wieder als Schatz entdecken und nicht als Last empfinden dürfen.

Als Last empfinden wir allerdings das, was Henning Scherf vorhin angesprochen hat, dass wir natürlich auch, wer wollte das in Deutschland verschweigen, dass wir auch in einer Tradition des Missbrauchs des gemeinsamen Singens stehen. Dass durch Singen so etwas wie eine falsche „Einstimmigkeit“ erzeugt werden sollte und dass Lieder auch Hass und Gewalt angestiftet haben. Wir verschweigen das ganz bewusst nicht, weil wir uns darüber freuen, dass wir nun all die Jahrzehnte nach dem Krieg eine völlig andere friedliche und freiheitliche Entwicklung auch in unserer Kultur haben. Wir wissen auch: Die Alternative zum Missbrauch des Liedes und des gemeinsamen Singens kann ja nicht das Verstummen sein.

Eine Alternative dazu ist vielmehr die immer wieder kommende Freude am Gesang, auch die kritische Prüfung unserer Traditionen gehört dazu und ein Ja zum eigentlichen Wesen des Singens: Das wahre Singen geschieht nämlich aus einem völlig freien Impuls heraus. Und das gemeinsame Singen – so wie Sie es hier miteinander praktizieren in den Deutschen Chorverbänden – ist gegen niemanden gerichtet, sondern lädt alle ein.

Ich weiß, auch bei uns gibt es manchmal auf den großen Fußballplätzen ein Singen, das gegen jemand gerichtet ist. Aber ich glaube, die sind hier heute nicht eingeladen. Deshalb beglückwünsche ich Sie zu der großen kulturellen Gabe, die Sie unserem Land und den Menschen, die in ihm sind, schenken. Sie laden die Menschen ein zur Freude, zur Freude auch an dem, was in ihnen steckt an Potentialen. Und Sie eröffnen uns damit Türen und Tore in eine Seelenlandschaft hinein, in der nicht nur gerechnet wird, sondern in der man sich ermutigt, aufbaut, zu Hoffnungen anstiftet, damit im Singen wie im Tun alles jedes Mal ein wenig besser werden kann. Dazu tun Sie das Ihre. Und Joachim Gauck sowie der Bundespräsident - beide freuen sich darüber.

Danke schön.