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Mittagessen zur Eröffnung der „documenta 13“

Ansprache des Bundespräsidenten Kassel, 9. Juni 2012 Mittagessen anlässlich der Eröffnung der documenta 13 - Ansprache des Bundespräsidenten © Sandra Steins

Danke, für den freundlichen Empfang und die Möglichkeit, uns hier zu begegnen, Frau Christof-Bakaiev, Ihnen als Kuratorin und Ihnen allen, die Sie hier mitwirken, dem Herrn Oberbürgermeister, den Sponsoren und den Menschen, die aktiv dabei sind, dieses großartige, herausragende Kunstereignis Deutschland und der Welt zu schenken. Der Besuch der documenta war mir eine große Freude. Hier in Kassel bin ich schon oft gewesen. Man hat mir hier vor einiger Zeit einen schönen Preis verliehen, das „Glas der Vernunft“, einen Bürgerpreis. Hier in Kassel gibt es eine lebendige Bürgerschaft. Ich kenne ein wenig von der Geschichte durch meine vielen Besuche. Ich weiß von den erfolgreichen Unternehmen, die hier arbeiten und ich kenne auch den einen oder anderen erfolgreichen Politiker, der hier aufgewachsen ist.

Wir sind, und das ist so beglückend für einen Menschen aus dem Osten unseres Landes, hier genau in der Mitte Deutschlands. Das sind wir wieder. Und das sind wir nicht von selbst, sondern das sind wir, weil aktive Bürger überall im Osten Europas entdecken wollten, was Freiheit ist. Und deshalb ist diese Gegend wieder die Mitte Deutschlands. Das ist nicht Kunst, das ist Politik, aber wir wollen das hier uns bewusst machen, wenn wir uns hier treffen.

Wenn wir uns fragen, was die Künste zu tun vermögen, dann könnte man natürlich sagen, sie versuchen, uns in unsere Mitte zu führen. Das kann man nun wieder sehr missverstehen, in dem Sinne, dass die Kunst uns einlädt, einen Mittelweg zu finden, und das ist verbunden mit allerhand negativen Assoziationen. Ein reiner Mittelweg kann in der Kunst ja nie gut sein. Und die Kunst, die hier gezeigt wird, das ist ja nie Kunst des „mainstreams“, eines populären Mittelwegs, sondern war immer so etwas wie Avantgarde. Aber gibt es denn eine Tradition von Avantgarde? Nein. Eigentlich widerspricht sich das ja: Tradition und an der Spitze einer Bewegung zu sein. Aber Picasso schafft das. Die documenta schafft das. Jedes Mal wieder, alle fünf Jahre, kommen die Menschen, die mehr von Kunst verstehen als unsereiner, hierher und beschreiben wieder neue Schritte, die Künstlerinnen und Künstler weltweit gegangen sind, eröffnen uns neue Sichtweisen.

Und immer bleibt das Ganze irgendwie verstörend. Ja es ist richtig, Herr Ministerpräsident, einige Damen und Herren, mit denen ich unterwegs war im Rundgang, wir haben uns alle erstaunt und erfreut angeschaut. Ach, es ist Kunst. Wunderbar. Wir wussten ja nicht, was uns geschieht, als wir unsere Zeitungen gelesen haben. Wir waren auf allerhand gespannt, nur nicht auf dieses großartige Erlebnis der verschiedenen Sichtweisen ganz unterschiedlicher Künstler. Und es ist wunderbar, nicht nur hier aus der Gegend, sondern aus ganz verschiedenen Teilen unseres einen Planeten nicht nur Schreckensnachrichten zu hören, sondern künstlerische Inspiration zu empfangen. Das war doch etwas so Besonderes, was die meisten von uns sicher nicht erwartet hatten. Also ein ganz herzliches Dankeschön der Kuratorin für diese großartige Leistung. Diese Ausstellung hier, die diesjährige documenta, wird ihr Publikum gewinnen. Wir haben heute sehr viele innovative Sichtweisen kennengelernt und wir konnten manches sogar verstehen. Es ist so, dass man bei der modernen Kunst oft an eine Grenze des Verstehens gerät. Das ist auch gut so.

Es ist ja nicht der Verstand, der uns die Tür öffnet zu den Emotionen, die Künstler in uns auslösen können. Deshalb ist Verstehen nur ein Teil der Begegnung mit Kunst. Das andere geht nicht über das Verstehen. Es ist mehr als Fühlen, es ist auch mehr als Empfinden, es ist eine Mischung aus Erkennen, Fühlen und Empfinden. Es ist das ganz andere, was die Politik und die exakten Wissenschaften nicht können. Das Ganze aber bleibt immer auch umstritten. Das ist auch gut so. Wenn Kunst nur gefällig ist und nur dem aktuellen Zeitgeschmack folgt, das wissen wir, dann wird sie peinlich.

Auch etwas anderes wollen wir hier festhalten: Ich sprach davon, dass wir in der Mitte Deutschlands sind. Wir leben in einem freien Land und die Kunst, die hier sich mitteilt, ist die Kunst freier Menschen. Oder solcher Menschen, die frei sein wollen. Und in dieser Freiheit der Kunst gibt es allerhand, das uns irritiert. Denn in der Kunst ist erlaubt, was Freiheit in der Politik begrenzen muss. Ein anarchisches Element des Aufbrechens, des eigenen Aufbrechens und des Aufbrechens von Formen. In der künstlerischen Bemächtigung der Welt oder Annäherung an die Welt darf das Element der Anarchie länger leben. In der Politik heißt Freiheit Verantwortung. Und da ist Anarchie etwas außerordentlich Gefährliches. Die meisten Künstler wissen das auch. Und sie wollen mit uns nicht kommunizieren darüber, wie die bessere Sachpolitik ist. Sie wollen unsere Seelen weiter machen. Sie wollen uns ansprechen auf unsere Verantwortungsfähigkeit. Auf das, was wir fühlen. Auf das, was wir insgesamt sind. Wir sind nämlich nicht nur Verstand, sondern wir haben eine Seele und wir haben ein Gemüt. Und alle Kräfte zusammen gestalten diese Welt.

Und darum brauchen wir diese Freiheit der Künste, die sich nicht sofort jeder politischen Ratio unterordnet, die auch nicht sofort antworten muss, wenn ihr Fragen gestellt werden nach der Rationalität ihres Vortrages. Rationalität wollen wir in der Ökonomie, in den exakten Wissenschaften und hoffentlich auch in der Politik. Und wenn wir in der Politik nur Künstler sein wollen, wird das auch nicht gut gehen. Aber die Beschäftigung mit uns selber, die Art unseres Sehens, die Art unseres Empfindens, sie bilden auch unser Gewissen. Und unser Gewissen hängt mit unserer Moral zusammen. Und unsere Moral mit unserem Verstand. Und wenn wir Verstand haben ohne Moral wird daraus eine Politik, die diese Welt zugrunde richtet. All das wissen wir.

Die Politik und die politische Pädagogik haben eine andere Erklärungsweise als die der Künstler, um Menschen dorthin zu führen. Deshalb wünsche ich mir natürlich Begegnungen mit Künstlern. Und ich wünsche mir immer wieder erneuernde Erfahrung dadurch, dass man die eigene Wirklichkeit durch die Augen anderer sieht und mit den Gefühlen anderer wahrnimmt.

Ich komme aus einem Land, in dem 50 Jahre lang staatliche Instanzen Regelwerke errichteten, was Kunst darf, wozu Kunst da ist, welche Künste gefördert werden sollten und welche nicht. Einige Künstler sind dabei sogar reich geworden. Aber andere waren beständig bettelarm oder mussten außer Landes. Es gab Richtlinien, wie die Schriftsteller zu schreiben, die Musiker zu komponieren und die Maler zu malen hatten. Ein Großteil unserer künstlerischen Elite konnte dann nicht mehr malen und schreiben. Peter Huchel verlässt das Land. Große bedeutende Maler werden dann hier im Westen ansässig. Einige von ihnen sind Malerfürsten geworden. Aber das, wovon ich spreche, ist eine staatliche Kontrolle, eine staatliche Lenkungsinstanz der Kunst, all das haben wir nicht mehr. Das wollen wir nicht und jeder, der das wieder errichten würde, wäre unser politischer Gegner.

Deshalb bleibt es dabei, wir rühmen hier eine Kunst, die frei ist und erst aus der Freiheit heraus die menschlichen Potenziale entwickelt. Und zwar nicht über den Intellekt. Dass der Intellekt uns allen manchmal helfen kann ein Kunstwerk zu verstehen, das gilt nebenbei. Es hat mir geholfen, wenn ich an bestimmten Ausstellungen einen Guide hatte, der wirklich informierte. Was hat der Künstler möglicherweise intendiert? Es hat mir geholfen, dass ich neben dem Künstler stand, der zwei so skurril unterschiedliche Dinge wie eine Maschine und ein Gebet zusammenbringt. Ich hatte das noch nicht gesehen. Und die Anwesenheit des Künstlers neben seinem Kunstwerk hat mir geholfen. Vielleicht wäre mir ohne eine Erläuterung der Zugang schwerer geworden.

Aber das Letzte, was wir durch die Künste uns vermitteln lassen, geht eben nicht über unser Verstehen. Das geht über unser Mitfühlen. Und unser Mitdasein. Ich sage Ihnen ein einfaches Beispiel, das nichts mit der documenta zu tun hat, aber was hier sicher auch 100-mal passiert ist. Es ging mir bei einem Kunstwerk ähnlich wie bei dem Besuch dieser documenta. Ich spreche über das Holocaust-Mahnmal in der Mitte von Berlin. Ich hatte viele Debatten gelesen und ich war mehr auf der Seite der Gegner dieses Projekts. Zu groß, zu gigantisch. Und dann war ich, irgendwann als das Kunstwerk da war, da. Es war ein trüber Tag, es war ein wenig nebelig und ich ging ohne eine Gruppe, ich ging alleine. Ich ging hinein zwischen diese Stelen und plötzlich merkte ich etwas. Plötzlich sprach das Kunstwerk zu mir. Es sprachen nicht die Argumente der Gegner und Befürworter zu mir, sondern das unmittelbare Dasein öffnete eine Tür in meiner Seele. Und durch dieses Erlebnis bin ich noch aufmerksamer geworden für das, was uns widerfahren kann, wenn wir einem Stück unbekannter Musik, einem verstörenden Gemälde oder einem verstörenden Videokunstwerk begegnen. Einfach sich der Begegnung anvertrauen. Und der Begegnung etwas zutrauen. Das ist die Haltung, die wir brauchen, um immer mal wieder aus dieser Verkopfung, in die wir geraten sind durch unsere Erziehung oder auch durch unsere Aufgaben, herauszukommen.

Und dass wir dies in Kassel immer wieder inszenieren können, diese Form von Begegnung, die uns mehr zu dem bringt, was wir sein möchten: Menschen, die aus Gefühl und Herz und Kopf bestehen, das wünsche ich Ihnen, den Künstlerinnen und Künstlern, die hier sind, und ich wünsche all denen, die sich verantwortlich fühlen, dem Land, dem Bund, der Stadt, den Sponsoren, den freiwilligen Helfern. Ich wünsche Ihnen, dass Sie begreifen, dass Sie für uns politische Menschen etwas ganz wichtiges tun. Sie bereichern uns und Sie haben dazu Mittel und Möglichkeiten, die die Politik nicht hat. So beschenken wir uns gegenseitig.

Wir sollten uns hüten vor Übergriffigkeiten. Glauben Sie niemals, dass die Welt besser wäre, wenn Künstler sie regieren würden. Auch die Welt der Kunst, ähnlich übrigens wie die der Kirche, besteht aus Mängelwesen. Man merkt es besser, wenn man unter ihnen ist. Die Welt wäre kein wenig besser, sie wäre völlig ähnlich. Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, die Politik abzulösen. Die Gabe der Kunst besteht darin, uns den Reichtum unserer menschlichen Potenziale zu eröffnen. Wir sind mehr als wir uns ausrechnen können. Wir sind es, weil wir eine Kraft des Herzens entwickeln können und weil wir mit Gewissen und Verstand und Sensitivität diese Erde verändern und verwandeln wollen. Das ist ein schönes Miteinander. Und darum passen die politisch Verantwortlichen und die, die uns in unser Menschsein aufhelfen wollen, so gut zueinander. Die Kunst und die Politik. Das ist nicht immer so.

Aber heute ist es so, wir haben uns das gerade klar gemacht. Und ich bin dankbar für meine Wege hier durch die Ausstellung, für die Begegnung mit dem einen oder anderen Kunstwerk. Manch eines hat sich sofort eingeprägt, und mich – wenn Sie so wollen - eingeladen wiederzukommen, noch einmal hinzuschauen. So wird es Ihnen auch gehen. Alles in allem ist das dann doch wohl ein Geschenk. Dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken. Alles Gute allen, die hier Verantwortung getragen haben.