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Eröffnung des Demokratiefestes „Jung. Beteiligt. Engagiert.“

Bundespräsident Joachim Gauck im Gespräch mit Jugendlichen Schloss Bellevue, 18. Juni 2012 Demokratiefest im Park von Schloss Bellevue - Bundespräsident Joachim Gauck im Gespräch mit Jugendlichen © Guido Bergmann

Ich freue mich, die Sonne lacht. Herzlich willkommen im Garten des Schlosses Bellevue. Ich freue mich, dass wir heute einen besonderen Schmuck in diesem Garten haben, neben den Blumen, die es dahinten gibt, und das sind Sie, die jungen Leute, die eingeladen sind von all den Gruppierungen, Stiftungen und Projekten, die sich um Demokratieförderung verdient machen. Junge Frauen, junge Männer, die sich sagen, Demokratie, da wollen wir mal gucken, das können wir vielleicht auch.

Ich habe eben, bei einer ersten Begegnung mit 17 Aktivistinnen und Aktivisten zwischen 13 und 21 aus dem ganzen Bundesgebiet etwas von dem Glück verspürt, was man empfindet als älterer Mensch, wenn man dieses Engagement sieht. Ich habe mit meinen jugendlichen Gesprächspartnerinnen darüber gesprochen, dass das, was sie erleben und mitgestalten, für sie etwas ist, was sie gar nicht anders kennen. Und das gehört einfach dazu, dass ich Ihnen davon erzähle, dass das, was Ihr kennt, an Demokratie, an Freiheit, an Möglichkeiten in der Schule, nicht selbstverständlich ist. Das gibt es nicht in allen Teilen der Welt.

Nicht weit von hier war mal DDR. Die Jugendlichen, die wir eingeladen haben, haben noch nicht gelebt, als die zu Ende ging. Deshalb ist es erforderlich, dass Eltern und Großeltern aus dieser Zeit erzählen. Dabei kommt nämlich was Wichtiges rüber: dass Demokratie und Mitwirkungsmöglichkeiten nicht selbstverständlich sind.

Gestern Abend haben viele Menschen in Deutschland an den 17. Juni gedacht. 1953 wollte das Volk – hier in Berlin und an 700 anderen Orten in der DDR – der kommunistischen Regierung sagen: Es reicht, wir wollen Demokratie, wir wollen freie Menschen sein und ihr sollt zurücktreten. Das wollten die nicht. Im Gegenteil: Die haben viele Aktivisten umgebracht und viele eingesperrt. Und die Diktatur ging weiter. Ich durfte also, als ich in mein politisches Leben eintrat und als ich in der Oberschule war, mit 18 Jahren, nicht wählen. Jedenfalls nicht so, wie Ihr das heute könnt. Ich durfte auch nicht in einer freien Vertretung von Schülerinnen und Schüler darüber reden, was Themen der Alltagsgestaltung sein sollen. Vielmehr habe ich das Gegenteil erlebt. Repressionen, Spitzelwesen schon in den Schulen, 16-jährige als Spitzel, ist nicht besonders lustig. Aber noch schlimmer war es, dass die 18-jährigen einfach nicht wählen durften. Dass diese wunderbare Existenz eines freien Bürgers einfach abgeschafft war. Und man durch Gefolgschaft und durch Gehorsam prima Karriere machen konnte. Bis hin zum Professor und Minister.

All das hat sich Gott sei Dank geändert. Und zwar durch aktive Menschen. Aktive Menschen, die ihren eigenen Kopf bemüht haben. Die ihr Herz und ihr Verstand zusammengebracht haben und dann gesagt haben, was sie wollten. Deshalb erinnere ich zu Beginn dieses Demokratiefestes auch daran, dass unsere Demokratie nicht selbstverständlich ist. Und dass wir den Menschen im Osten Europas und auch im Osten Deutschlands gelegentlich mal Danke sagen können, weil sie irgendwann gefunden haben, es reicht. „Wir sind das Volk!“ Und deshalb freue ich mich so über die Anwesenheit von jungen Leuten, die in Schülervertretungen, als Redakteure von Schülerzeitungen, als Mitglied in einer AG, im Gespräch mit den erwachsenen Politikgestaltern sind.

Sie finden dabei heraus, dass einige der Erwachsenen bedeutend dümmer sind als man sich das wünschen dürfte. Aber das ist nur ein Teil. Zweitens findet man heraus, dass man selber Ideen hat, die andere noch nicht hatten. Dann hält man sich für bedeutend klüger als alle anderen. Ich muss Ihnen leider sagen: Auch das gibt sich. Auch dieser schöne Zustand, in dem wir wissen, dass wir soviel schlauer sind als die Erwachsenen und alle anderen, besonders die Politiker, auch der wird sich verändern. Und bei einigen von Ihnen, die sich engagiert haben, habe ich diesen Bewusstseinswandel schon erlebt.

Wir können eine Verständigung bei ganz unterschiedlicher politischer Prägung erreichen, wenn wir uns auf die Sachthemen konzentrieren, auf die Probleme, die vorhanden sind, und die mit verständlichen Worten ansprechen. Wir sehen dann sehr oft, wo die Grenzen von jugendlichem Engagement sind, aber auch Möglichkeiten, wo wir mit den Vertretern der gewählten Vertretungen in den Kommunen, wo wir mit den Landtagsabgeordneten oder den Abgeordneten eines Kreistages in schöpferische Gespräche eintreten können.

Hier unter uns sind nun Menschen, die mit Ihnen, den Jugendlichen, die aus den unterschiedlichen Teilen Deutschlands hierher gekommen sind, sprechen wollen. Wir – das heißt nicht nur das Amt des Bundespräsidenten, sondern auch die unterstützenden Stiftungen und Projekte – haben keine Mühe gescheut, um Ihnen Gesprächspartner hierher zu bringen, mit denen es sich zu reden lohnt. Nämlich einen Bundestagsvizepräsidenten, Wolfgang Thierse. Einen Staatssekretär – das sind die Leute, die in den Ministerien immer so viel arbeiten müssen, dass sie kaum nach Hause kommen: Jan Hofmann aus Sachsen-Anhalt. Petra Roth ist hier, die bis vor Kurzem Oberbürgermeisterin in Frankfurt am Main war. Hier ist die Deutschlandchefin von Greenpeace, Brigitte Behrens, und der Deutschlandchef von Amnesty International, Wolfgang Grenz. Und noch eine weitere Bundestagsvizepräsidentin, die, wenn man so will, auch Präsidentin der versammelten Evangelischen ist, nämlich der Synode der EKD: Katrin Göring-Eckardt. Dann ist noch jemand hier, den nicht nur meine Generation kennt, sondern ganz unterschiedliche Generationen: Hildegard Hamm-Brücher. Die begrüßen wir bitte besonders, denn wir sollten Respekt haben vor Menschen wie Euch, die in sehr jungem Alter sich schon für die Dinge der Politik interessiert haben, und die in deutlich fortgeschrittenem Alter immer noch engagiert sind für unsere Demokratie.

Wir haben viel miteinander zu besprechen. Die Chance einer solchen Begegnung besteht darin, dass wir voneinander etwas lernen können. Ich habe in dem kurzen halbstündigen Gespräch auch etwas dazugelernt, was ich vorher noch nicht wusste. Zum Beispiel, dass es in einer Jugendvertretung bereits Vertreterinnen aus der Grundschule gibt. Von der ersten Klasse an. Toll. Oder dass in manchen Gegenden die Jugendlichen, die mitarbeiten in Jugendvertretungen und Jugendparlamenten, richtiges Geld in die Hand bekommen. Nicht Spielgeld, richtige Euros, eine bestimmte Summe, über die sie selber entscheiden können.

Wenn wir von unserer Begegnung hier wieder nach Hause gehen, dann erhoffe ich mir, dass wir eine Reihe von Erfahrungen ausgetauscht haben. Dass wir Impulse aufgenommen haben aus Bereichen, die wir bisher noch nicht gesehen haben. Ein Hauptanliegen ist aber, dass Ihr die jungen Leute, am Ball bleibt. Dass Ihr die enorme Freude, die es bringt, mitzumachen, weiter am Leben erhaltet in Euch selber. Ich bin deshalb auch gerne Schirmherr geworden für diese Initiative „Demokratie erleben“, die dieses Fest initiiert und organisiert hat.

Danke an die Gründer. Ich habe vorhin nur Stiftungen allgemein genannt. Die Körber-Stiftung, die schon so häufig und lange mit dem Bundespräsidenten zusammenarbeitet, sei besonders erwähnt. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, das Förderprogramm „Demokratisch Handeln“ und viele, hier von mir nicht genannten Stiftungen und Verbände und die Kultusministerkonferenz unterstützen das, was wir hier machen. Ich wünsche mir, dass noch mehr Initiativen, die auf diesem Gebiet tätig sind, sich zusammenschließen, damit wir hier vielleicht noch öfter dieses schöne Treffen haben, wo ich Sie, den Schmuck dieses Gartens dann wieder treffen kann. Ich würde mich freuen über jedes einzelne Wiedertreffen. Es würde mich aber enttäuschen, wenn Sie es nicht schaffen würden, Nachfolgerinnen und Nachfolger für sich selbst hierher zu bringen.

Einige, die ich gesehen habe, sind schon in einem sagenhaften Alter von 21 Jahren. Diese Leute werden wir vielleicht später in Parlamenten treffen oder in Gemeindevertretungen. Wir haben es nötig, diesem Land Zutrauen und Glauben an sich selbst zu schenken. Und das geht ganz prima, wenn man nicht nur gute Fußballer hat und Fußballerinnen übrigens, sondern wenn man auch Bürgerinnen und Bürger hat, die dieses Land so schmücken, wie heute dieser Garten geschmückt ist durch Ihre Anwesenheit.

Machen wir was Gutes draus und danke fürs Kommen.