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Eröffnung des Bürgerfestes des Bundespräsidenten 2012

Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet den ersten Tag des Bürgerfests gemeinsam mit Daniela Schadt Schloss Bellevue, 8. September 2012 Bürgerfest in Schloss Bellevue - Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet den ersten Tag des Bürgerfests gemeinsam mit Daniela Schadt © Henning Schacht

Herzlich willkommen in Bellevue! Aber heute wollen wir es bitte umgekehrt machen: Ich klatsche für Sie! Haben Sie schon im Programmheft gelesen? Es geht hier nicht um mich. Es geht um Sie!

Sie alle sind heute hier in Bellevue Ehrengäste, weil Sie sich und anderen in unserem Land durch Ihre Arbeit Ehre machen. Durch Ihr Eintreten für ein solidarisches Miteinander der Verschiedenen, durch Verantwortungsbewusstsein und Bürgersinn. Ich freue mich, dass Sie sich heute in so großer Zahl und von so unterschiedlichen Arbeitsfeldern als aktive Bürger einbringen. Und so ist es mir auch eine Ehre, dass Sie alle gekommen sind!

Wenn ich an den Sommer 2012 denke, ist es kein Zufall, dass auf der Einladungskarte „Bürgerfest“ statt „Sommerfest“ geschrieben steht. Umso mehr danken wir Petrus für sein Wohlwollen. Hoffentlich bleibt uns dieses Wohlwollen noch etwas erhalten an diesem Abend. Lassen Sie uns heute unsere Bürgergesellschaft feiern: all das Gute, was wir in Deutschland bereits haben, dafür sind Sie im Publikum die lebendigen Beispiele. Und morgen geht diese Feier weiter. Morgen ist das Schloss geöffnet für alle interessierten Besucher, auch morgen ist viel Gelegenheit für Begegnungen. Dann sollen an gleicher Stelle viele Menschen – aus Berlin und aus der ganzen Bundesrepublik – auf die Idee kommen, es Ihnen, liebe Ehrengäste, gleich zu tun und durch freiwillige Mitarbeit als aktive Bürger unsere Gemeinschaft zu stärken.

Ja, Sie merken wohl, dieses Fest besteht nicht nur im Kalender aus zwei Teilen. Es geht mir auch um zwei verschiedene Botschaften. Die zweite lautet: Wir brauchen mehr von diesem bürgerschaftlichen Engagement, mehr Regsamkeit, mehr Mitwirkung und soziale Hingabe. Doch an erster Stelle steht heute ein großes Dankeschön für das in unserem Land Geleistete!

Am liebsten würde ich dazu jetzt die Gästeliste vorlesen, Name für Name. Was meinen Sie, was Sie dabei für Entdeckungen machen würden! Aber mein Protokoll hat mir davon abgeraten – schließlich warten ja unsere Künstlerinnen und Künstler darauf, dass die Bühne wieder frei wird. Also muss ich es anders machen. Ich muss Sie als große Gruppe, muss das Gute in Summe ansprechen, aber ich meine jede und jeden Einzelnen von Ihnen, wenn ich sage: Sie machen unser Land stark! Sie machen unser Land solidarisch! Sie machen unser Land zu einem Ort, an dem wir alle uns willkommen fühlen können, zu einem Ort, an dem wir auch als Verschiedene gemeinsam gut leben können, weil uns alle viel mehr miteinander vereint, als dass uns die vorhandenen Unterschiede trennen könnten.

Wir wissen, nur durch dieses Engagement kann unser Land lebenswert, lobenswert und liebenswert sein! 4.000 stehen heute stellvertretend für Millionen Deutsche, die freiwillig engagiert sind. Freiwilligkeit kann Berge versetzen, nicht nur beim Technischen Hilfswerk. Sie kann Hürden überwinden, nicht nur im Sport. Sie kann neue Wege aufschließen, nicht nur in der Jugendarbeit. Denn wo Freiheit und guter Wille zusammenkommen, kann eine Bürgergesellschaft wachsen und gedeihen. Sie sind ein Nährboden für Hilfsbereitschaft, Toleranz und für all das, was wir als gelungenes Miteinander erleben.

Genau das soll bei unserem Fest spürbar werden. Zwanzig Partner haben unseren Park in ein Panorama des Ehrenamts verwandelt, sie freuen sich auch morgen auf tausende Begegnungen hier in Bellevue. Unermüdliche Helferinnen und Helfer sind an diesem Wochenende im Einsatz. Herzlichen Dank an Sie alle!

Lassen Sie uns gemeinsam alles dafür tun, dass Deutschland als Land der Freiwilligen stark und sichtbar bleibt!

Was mir dabei wichtig ist: An Tagen wie diesen muss auch – neben Gedanken der Freude – Raum für Nachdenkliches sein, die Gelegenheit, Schwierigkeiten und Schwachpunkte zu benennen, Problemfelder nicht völlig aus dem Blick zu verlieren.

Wir dürfen uns zum Beispiel nicht vormachen, mit ein paar bunten Plakaten hätten wir den Nachwuchs im Ehrenamt bereits gesichert. Das wird nicht funktionieren. Schon der demografische Wandel konfrontiert uns mit erheblichen Herausforderungen.

Dann: Extremisten und Fanatiker verachten die Demokratie, die wir alle wollen. Wir brauchen immer wieder neue Bündnisse engagierter Bürger, die deren Tun nicht tatenlos zusehen. Ich freue mich darüber, dass uns dies bis zuletzt gelungen ist! Überall konnten wir sehen: Wir sind die Mehrheit. Sie sind im Abseits. Bleiben wir also aktiv!

Die junge Generation – und das müssen wir Ältere oftmals lernen, das fällt vielen von uns nicht leicht – lebt anders, hat andere Lebensstile und engagiert sich oftmals anders. Viele von uns, die jahrzehntelang in Vereinen und Bürgerinitiativen über viele Jahre aktiv waren, fragen sich: Ja, wo bleibt denn der Nachwuchs? Ich bin manchmal unsicher, ob unsere Verbände und Vereine darauf genügend eingestellt sind. Ein weiterer Problempunkt.

Oder – anderes Problemfeld: Wir wissen außerdem, dass unsere Seniorenheime und Hospize in den nächsten Jahrzehnten vor großen Aufgaben stehen. Ich träume zwar jetzt schon bisweilen von der Rente mit 77, aber nicht jeder hat so ein klares Ziel vor Augen, und fragt sich schon in meinem Alter, wohin, wenn meine Kräfte schwinden. Wir diskutieren Fallzahlen und Summen. Aber diskutieren wir auch genug über die menschliche Herausforderung, die damit auf uns zukommt?

Engagement lässt sich ja nicht planen wie ein Wirtschaftsprojekt. Engagement ist Ausdruck einer Haltung – beim Einzelnen wie in unserer Gesellschaft insgesamt. Diese Haltung stärken wir dann, wenn wir auch Unbequemes aufgreifen und eine offene Diskussion über unsere Ansprüche und Hoffnungen in dieser Gesellschaft führen. Dazu gehört zum Beispiel der Wunsch, jedem Kind – egal unter welchen Umständen geboren – von Anbeginn die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Und dazu gehört auch der Wunsch, dass sich niemand an seinen letzten Lebenstagen allein fühlen möge. Je klarer wir solche Problembereiche benennen, je ehrlicher wir darüber sprechen, desto klarer und einfacher ist es, sich darüber zu verständigen, wer an welcher Stelle welche Aufgabe hat oder haben sollte. Deshalb ist es wichtig zu sehen, dass wir nicht alles unseren gut funktionierenden Institutionen zuschieben können. Seien wir froh, dass sie gut funktionieren, dass wir ein echtes Parlament und eine gewählte Regierung haben. Alles richtig. Aber allein diesen Institutionen alle Aufgaben zuzuschreiben, das wäre einfach eine Überforderung – und seien sie noch so gut ausgestattet.

Zugleich möchte ich daran erinnern: Unsere Gesellschaft ist nicht nur deshalb so schön und zu loben, weil wir Institutionen und Rechtssicherheit haben. Unsere Gesellschaft ist schön durch Ihr Engagement, durch Sie alle! Und das ist der Kernpunkt meines Dankes. Ich freue mich, heute Ehrengäste der Politik begrüßen zu können. Zugleich sage ich: Das ist unsere gemeinsame Prägung. Wir bauen diese Demokratie auch von unten, durch unser Tun, durch unser Engagement!

Deshalb bin ich völlig sicher, auch wenn es in der Politik Phasen von Unsicherheit gibt oder wenn politische Auseinandersetzungen nicht zu unserem Vergnügen geraten. Das dürfen wir alles kritisieren, aber wir dürfen nicht glauben, dass unsere Demokratie damit mit ihrem Latein am Ende wäre. Dazu sind wir alle da, als wachsame, aufmerksame und aktive Bürgerinnen und Bürger! Wir sind diese Demokratie genauso wie die gewählten Repräsentanten, auf die wir übrigens nicht verzichten wollen und deren Arbeit wir genauso achten, wie wir unsere eigene Arbeit achten.

Indem wir das tun, legen wir Zeugnis davon ab, dass wir nicht nur Konsumenten sind. Sondern: Wir wollen Gestalter sein! Ich möchte meine Existenz nicht allein dadurch definieren, dass ich mir die bestmöglichen Produkte zuführe, sondern es geht um die bestmögliche Lebensform. Deshalb sprechen wir heute über Haltungen, deshalb sprechen wir über Engagement, über Sie! Und wir wollen durch unser Beispiel andere einladen, diesen Weg der Eigenverantwortung, der Mitgestaltung zu gehen.

Das ist im Kern die Freude, die ich empfinde, wenn ich Sie alle sehe. Und Sie wissen jetzt, dass diese Freude aus dem Herzen kommt – aus meinem und aus dem von Daniela Schadt. Wir beide sagen von ganzem Herzen: Danke! Und wir freuen uns auf das Miteinander an diesem Abend und an vielen Tagen, die noch folgen werden!