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Wandelkonzert zum 100. Gründungsjubliäum der Deutschen Oper Berlin

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache im Großen Saal Schloss Bellevue, 27. September 2012 Wandelkonzert zu "100 Jahre Deutsche Oper Berlin" - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache im Großen Saal © Henning Schacht

Manches Mal hört man heutzutage die Rede von einer angeblichen „neuen Bürgerlichkeit.“ Ganz genau weiß ich nicht, was damit gemeint ist. Meinem Eindruck nach wird unter dieser Überschrift allerlei Unterschiedliches versammelt: zum Beispiel Sehnsucht nach gutem Benehmen, Bemühen um weniger lockere Umgangsformen, die Suche nach einer vielleicht etwas gediegeneren Erziehung und ähnliches, manchmal gesellt sich dazu auch die Gründung eines „Salons“ oder der Trend zu traditionellen deutschen Vornamen für die Kinder. Mag sein, dass sich viele darunter schon die „neue Bürgerlichkeit“ vorstellen.

Wenn wir heute ein für Berlin, aber auch für ganz Deutschland bedeutendes Jubiläum feiern, nämlich 100 Jahre Deutsche Oper Berlin, dann taucht vor unserem geistigen Auge eine etwas andere Bürgerlichkeit auf, eine „alte“ könnte man vielleicht sagen, vielleicht aber doch eine ganz aktuelle.

Als das Charlottenburger Bürgertum im letzten Jahrhundert beschloss, eine Oper zu bauen, da war „Bürgerlichkeit“ kein Begriff, mit dem man sich zunächst gesellschaftlich nach unten abgrenzen wollte. Da war „Bürgerlichkeit“ ein Ideal, das sich auf politisches Handeln, auf gesellschaftliches Engagement bezog. Da hatte Bürgerlichkeit mit dem Gemeinwesen zu tun, mit dem Einsatz für kulturelles Leben und kulturelle Lebendigkeit.

Die Deutsche Oper ist das sozusagen klassische Ergebnis bürgerlicher Aktivität, im Sinne des unruhigen, aktiven Citoyen und nicht im Sinne des behäbigen und selbstzufriedenen Bourgeois.

Bürgerliches Selbstbewusstsein hatte mit Emanzipation zu tun, Emanzipation vom Adel als gesellschaftlichem Leitideal, Emanzipation vom königlichen oder kaiserlichen Hof und von der höfischen Art zu leben.

Das Bürgertum, das in den europäischen Freiheitsbewegungen und auch in den europäischen Revolutionen zu sich selbst erwacht war, ergriff die Verantwortung für das Gemeinwesen – und ein leuchtendes Monument dafür ist die Deutsche Oper. Wenn wir sie also heute feiern, dann auch in Erinnerung daran, dass sie einst gebaut worden war aus Bürgersinn, aus Bürgerverantwortung, aus dem Willen heraus, sich nicht mehr vom Kunstgeschmack des Hofes bevormunden zu lassen, also auch nicht mehr von Lebensform und Lebenseinstellung derer da oben.

Dieses Erbe ist nun gar nicht verstaubt, es ist hochaktuell. Wir nennen das zwar heute etwas umständlich „zivilgesellschaftliches Engagement“ – gemeint ist aber doch das tatkräftige Anpacken des Notwendigen oder Erwünschten, das verantwortungsvolle Sicheinmischen und Sicheinbringen – wie damals in Charlottenburg…

Die Oper gilt zwar heute manchen als eine eher museale Kunst, die ein paar Stunden Weltflucht ermöglicht oder auch als repräsentative Art bürgerlicher Selbstfeier – aber das ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit, weder in der Geschichte noch in der Gegenwart.

Oper hat, gerade weil sie von allen Künsten wohl mit den größten Gefühlen und dem stärksten Ausdruck arbeiten kann, die Menschen immer in ihrer ganzen Existenz angesprochen und tief angerührt – die privaten und die gesellschaftlichen Dimensionen durchdringen sich hier. Alexander Kluge hat es, wie ich finde, sehr gut gesagt: Die Oper sei ein „Kraftwerk der Gefühle“ und gerade deswegen auch „das utopische Gewissen des Bürgertums“.

Auf ein Thema hat es die Oper oft abgesehen, und ich freue mich, dass es heute Abend gelungen ist, dieses in drei verschiedenen Variationen zu präsentieren. Ich meine das Thema der Freiheit. Es passt auch ganz besonders zu dieser Kunstform, weil es ja schon ein Akt der Freiheit ist, wenn die menschliche Stimme anfängt zu singen und die Seele in all ihren Regungen sich ganz und gar Ausdruck verschaffen kann. Eine Seele, die singen will und kann, verträgt keine Unterdrückung, welcher Art auch immer. Eine Seele, die singen kann, braucht und wünscht sich Freiheit. So gehört der Wunsch nach Freiheit so tief zu jedem Menschen.

„Fidelio“ ist Beethovens Gestaltung des menschlichen Kampfes um die politische Freiheit. Es geht dabei auch um die Freiheit, die Wahrheit zu sagen, wozu gelegentlich Kühnheit gehört, ein selten gewordenes, kostbares Wort. Alle, die sich für Freiheit einsetzen, für die Freiheit die Wahrheit sagen und hören zu können, haben diese Haltung der Kühnheit. Wir haben ganz bewusst ein Zitat aus diesem Werk über unser Programm gedruckt: „Wahrheit wagt’ ich kühn zu sagen.“ Mit „Fidelio“ eröffnete vor 100 Jahren das Opernhaus, das wir heute feiern, und mit diesem Stück begann auch die erste Spielzeit nach dem Zweiten Weltkrieg und der Diktatur des Dritten Reiches.

Carmen von Bizet ist das Hohelied auf die stolze persönliche Freiheit. Carmen will sich keinen fremden Willen aufzwingen lassen und wählt die Freiheit. Das tragische Ende der Oper rührt uns noch immer tief an – aber genauso packt uns zutiefst der Freiheitswille, der sich in der Geschichte und in der hinreißenden Musik äußert.

Mozarts „Don Giovanni“ zeigt die Doppelgesichtigkeit des menschlichen Umgangs mit der Freiheit. Wo sie zur Libertinage wird, kann sie großes Unglück bringen und sich letztlich selbst gefährden und zerstören. Aber ich will hier nicht ein großes Kunstwerk auf eine kleine moralische Formel bringen. Lieber will ich sagen, dass ich mich freue, dass wir heute Abend auch Mozart hören können mit diesem gewaltigen Stück der Opernweltliteratur.

Bürgersinn und Freiheit – das sind also die beiden Stichwörter für den heutigen Abend. Ich darf Sie alle herzlich einladen, sich gleich verführen zu lassen von den Stimmen und der Musik und den großen Gefühlen.

Ich darf Sie aber auch einladen, sich verführen zu lassen, die großartige Freiheit, die wir politisch genießen können, zu nutzen, sich einzusetzen für das Gemeinwesen, wo immer es nötig ist, wie gute Bürger, wie gute Citoyens – und wie die vielen, die als Freunde und Förderer der Deutschen Oper im In- und Ausland mit gutem Beispiel vorangehen.