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Eröffnung der Ausstellung "Russen und Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur"

 Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache zur Eröffnung im Pergamonmuseum Berlin, 4. Oktober 2012 Eröffnung der Ausstellung "Russen und Deutsche - 1000 Jahre Geschichte, Kunst und Kultur" - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache zur Eröffnung im Pergamonmuseum © Gero Breloer

Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt haben am 4. Oktober die Ausstellung "Russen und Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur" besucht. Zur Eröffnung der Ausstellung hielt der Bundespräsident eine Rede:

Ich hatte vorhin die Freude, schon durch die Ausstellung gehen zu können, die wir heute gemeinsam eröffnen. Es ist einfach großartig, was uns hier zusammenführt. Wir sind dankbar, dass wir neu über Beziehungen sprechen können – ein Wort, das eben in dem wunderbaren Vortrag von Professor Parzinger mehrfach gefallen ist. Bei Beziehungen zwischen Ländern, da fragt man sich manchmal: Wie sieht es eigentlich aus, wenn Beziehungen zwischen Ländern abgekühlt sind oder gut, angespannt oder freundschaftlich? Hier in dieser Ausstellung können wir etwas davon sehen. Das ist schön, denn was man sehen kann und was uns mit künstlerischer Anmutung in die Seele kommt, lagert sich manchmal tiefer ein als das, was nur durch Argumente und Überlegung in unserem Intellekt beheimatet ist. Wenn Sie die Ausstellung sehen und sich vor diesen vielfältigen Exponaten dann fragen, was Sie schon gewusst haben oder was Ihnen völlig neu ist, dann werden Sie interessante Begegnungen haben und ganz nebenbei entsteht so etwas wie Beziehung zu einem Kulturraum, den wir häufig weniger als Kulturraum gesehen haben, sondern als ein Imperium.

Diese Qualifizierung ist ja wechselseitig sehr relevant gewesen und immer noch nicht völlig abgeklungen. Zwei Völker begegnen einander, schauen sich an, sind zuweilen fasziniert voneinander. Zwei Länder, zwei Reiche stehen einander gegenüber. Es geht aber nicht nur um Reiche, sondern um Millionen von Menschen mit eigenen Lebensgeschichten, eigenen Leidenserfahrungen, eigenen Sehnsüchten und eigenen Hoffnungen, eigenen Schicksalen. Gute Ausstellungen vermögen es, die guten Beziehungen zwischen Völkern und Reichen und das, was Menschen miteinander verbindet, zusammen zu bringen: die verschiedenen Dimensionen, in denen wir leben, die persönlichen und die politischen.

Es ist also wahrlich nicht leicht, auf einen Begriff zu bringen, was die Beziehung zwischen Russland und Deutschland ausmacht. Viele mögen das nicht und wählen dann Vereinfachungen: Sie reduzieren erstens das andere Land, aber auch seine Bewohner auf eine handvoll Klischees. So glauben sie, eine Orientierung, zu finden, bei der sie sich nicht anstrengen müssen. Und die allermeisten von uns betrachten zweitens, wenn wir die Beziehung anschauen, mehr oder weniger nur die Jahrzehnte, die für unsere beiden Länder so schmerzhaft waren. Es ist völlig sicher, dass diese schmerzhaften Jahrzehnte unseren Blick aufeinander noch mindestens zwei Generationen prägen. Denn große Traumata, große, eine Nation prägende Erfahrungen, überdauern Generationen. Es gibt so etwas wie eine transgenerationelle Weitergabe der großen Traumata wie auch der großen Siege.

Wenn wir uns Deutschland und Russland anschauen, dann wollen wir nicht nur die Zeiten anschauen, in denen so viel Schreckliches passiert ist: Der Vernichtungskrieg, den die Deutschen in Richtung Osten geplant haben und überaus unbarmherzig geführt haben. Der verhängnisvolle Pakt zweier diktatorischer Staatsführer, die nicht nur Diktatoren, sondern auch in gleicher Weise Verbrecher waren. Dazu die Hybris zweier radikal demokratiefeindlicher Ideologien. Angst und Bedrohung, die dann wechselseitig wurden. Und mit völligem Recht haben Sie vorhin, Herr Parzinger, daran erinnert, wer bei diesem großen Kräftemessen dieser beiden Diktatoren derjenige war, von dem der Krieg ausging. Das werden wir niemals vergessen.

Nun hat die Teilung Deutschlands, die aus dem Krieg folgte, den Deutschen in Ost und West zwei ganz unterschiedliche Beziehungen zu Russland gebracht. Zu den Unterschieden, die ich erlebt habe, gehörte auch, dass die DDR die berühmte "Deutsch-Sowjetische Freundschaft" gegründet hat. Wer da nicht mitmachen wollte, hatte es im Betrieb oder Institut nicht einfach. Die Westdeutschen hingegen waren geprägt von der Rolle, die Deutschland im Westen spielen musste: als Teil eines freien Systems gegenüber einem diktatorischen System.

Gerade weil wir Deutschen in Ost und West eine unterschiedliche Rezeptionsgeschichte Russlands haben, lohnt es, unsere Beziehungen neu zu gestalten und nach den Wurzeln zu schauen, von denen aus Neues wachsen kann. Neues, was nicht beeinträchtigt ist von den schrecklichen Gräueln, die wir einander angetan haben. Und so sind wir jedem Künstler, jedem Wissenschaftler, auch jedem Unternehmer dankbar, der vor dem Hintergrund dieser düsteren Vergangenheit Neuanfänge möglich macht. Diese Neuanfänge sollen glaubhaft sein. Deshalb wollen wir dort, wo wir eine gemeinsame Sprache gefunden haben, uns freuen, dass wir sie haben. Und dort, wo wir Gegensätze sehen, wollen wir nicht so tun, als wären wir verfeindete Erdteile. Wir wollen unsere Gegensätze, so sie existieren, im Geist der Freundschaft und der Gewaltlosigkeit debattieren. Dann wird es schon werden. In diesem Zusammenhang sehe ich diese Ausstellung. Sie zeigt uns in überwältigender Weise, wie vielfältig, wie komplex, wie interessant und auch oft überraschend das ist, was wir einfach mit diesem schlichten Wort "Beziehungen" zwischen unseren Ländern bezeichnen. Es ist wichtig, dass in dieser Ausstellung das ganze Panorama aufgemacht wird, dass nicht diese Verengung auf das 20. Jahrhundert erfolgt. Dass hier die vielen Linien gezeigt werden, die unsere beiden Länder verbinden. Das passiert manchmal mit Dingen, für die sich nicht jeder sofort interessiert. Ich zum Beispiel bin ein ziemlich ziviler Mensch und eine Uniform interessiert mich eigentlich nur höchst marginal. Aber das geht anderen anders. Ich bin auch nicht ein Mensch, der Kriegsgerät besonders attraktiv findet. Dann entdecke ich einen Säbel von Blücher und weiß: Der Mann war für unsere Nation und auch für die Beziehung zu Russland unglaublich wichtig. Wenn ich dann seinen Säbel sehe, da könnte ich gleich philosophisch werden. Auf dem Säbel steht „Gott“. König und Gott, diesen ist dieser Säbel gewidmet. Und ein einziges Ausstellungsstück erzählt uns eine Geschichte von Glorie und von Verirrungen. Wie schön, dass wunderbare Kostbarkeiten auch aus anderen Zeiten zu sehen sind. Das Alltägliche und das hoch artifizielle begegnen sich. Technik, Militär, Kunst, Handwerk, Künstler, Herrscher, das berühmte Bild von Katharina – klar, das muss hier zu sehen sein.

Diese Ausstellung gehört zum Russlandjahr und vieles von dem, was ich heute hier gesagt habe, könnte ich auf das ganze Russlandjahr beziehen. Es wird bis zum nächsten Sommer gehen. Das Motto des Russlandjahres heißt: "Russland und Deutschland – gemeinsam die Zukunft gestalten". Ja, das möchte ich noch erleben, das wäre ja zu schön. Ich bin 72, geboren im Krieg, aufgewachsen unter einer kommunistischen Diktatur und habe nie gedacht, dass ich die Mauer fallen sehen würde. Aber sie fiel. Und wenn ich jetzt noch sehen würde, dass aus dieser guten Geschichte des Ostens Europas so etwas wachsen könnte, dass Russland und wir gemeinsam Zukunft gestalten – was wäre das für ein Erlebnis. Wenn wir so eine Ausstellung mit den vielfältigen Ebenen von Begegnung als den Versuch sehen, neue Brücken zu bauen, neue Annäherungswege zu gestalten, dann ermutigt uns das, eben diese Zukunft gemeinsam anzupacken. Es ermutigt uns, politische Debatten, die wir haben, wohl ernst zu nehmen, aber nicht ernster als sie es verdienen. Wir lassen uns über diese Dissense, die es noch gibt, hinaus motivieren, gemeinsam Gutes zu planen. Und so eine Ausstellung zeigt, dass so etwas gelingen kann, wenn engagierte Menschen das wollen.

Diese Ausstellung gibt Rückenwind: Rückenwind dem politischen Handeln, dem Eintreten für Demokratie, für rechtsstaatliche Verfahren, für die Wahrung grundsätzlicher Freiheitsrechte. Auf der anderen Seite befreit sie auch von der Vorstellung, man müsse alles und jedes von oben planen. Manches muss von der Basis her geplant und gestaltet werden. Dann ist doch oft erstaunlich, wie viele Türen sich öffnen.

Dann entdecken wir plötzlich so viel von unseren Gemeinsamkeiten wieder. Wir erinnern uns, wie früh wir angefangen haben, russische Literatur zu lesen, Musik zu hören, erinnern uns an die Liebe so vieler Russen zur deutschen Musik, zur deutschen Literatur, zur deutschen Kultur. Klangwelten bereichern sich gegenseitig, auch die Techniker begegnen einander mit den Leistungen, die sie erbracht haben. Ich möchte Sie neugierig machen und ich bin selber neugierig geworden. Diese Ausstellung ist für mich eine Einladung zur Begegnung - und dass das immer neu ermöglicht und gestaltet werden kann, das ist für mich eine wunderbare Erfahrung.

Ermöglichen: Das ist das Stichwort für mich. Über Ermöglichung können wir auch sprechen, wenn Museumstüren geöffnet werden sollen, die bislang verschlossen waren, aber auch wenn Mittel beigebracht werden, für die die öffentliche Hand im Moment nicht genug Kapazitäten hat. Deshalb stehe ich nicht an, der Firma E.on Dank zu sagen. Ich finde es sehr wichtig, dass nicht nur Institutionen des Staates und nicht nur engagierte Bürger, sondern auch potente Partner aus der Wirtschaft solche Aufgaben angehen, die uns als Allgemeinheit angehen.

In der Geschichte zwischen Russland und Deutschland werden nicht die Schrecken der Vergangenheit das letzte Wort behalten. Wir werden vielmehr die guten gemeinsamen Ansätze weiterentwickeln. Wir werden sie im Kopf behalten und in der Seele. Wir werden damit leben wollen. Die gemeinsame Verantwortung verpflichtet uns schließlich, für eine gute Zukunft Sorge zu tragen.

Die frei gehaltene Rede ist redaktionell
bearbeitetet wiedergegeben.