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Übergabe der Erntekrone der deutschen Landwirtschaft 2012

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Berlin, 4. Oktober 2012 Übergabe der Erntekrone der deutschen Landschaftwirtschaft 2012 - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede in der Friedrichstadtkirche © Christian Thiel

So viel Symbolik heute! Ein ökumenischer Gottesdienst an historischer Stätte, Volkstänze zu moderner Musik. Und nun diese wunderbare Erntekrone, die ich mit ins Schloss Bellevue nehmen darf. Herzlichen Dank für alle diese Gaben!

Die Erntekrone steht für viele Themen, sie ist nicht nur ein kunstvolles Gebilde. Bei aller Verschiedenheit der täglichen Arbeit erinnert sie uns, dass wir miteinander verbunden sind. Ich habe mich gefreut, in diesem Hause Gottes so viel von Dankbarkeit zu hören. Dankbarkeit geht ja immer in mehrere Richtungen. Gemeinsam freuen wir uns über die glücklichen Fügungen, die sehr guten Ernten, die teilweise in unserem Land möglich waren. Und ich bin heute hergekommen, um Ihnen zu danken. Als Bürger würde ich es auch tun, aber als Bundespräsident tue ich es besonders gerne: Jedem Einzelnen von Ihnen danken, für Ihren Fleiß, Ihre Ausdauer und für Ihren Ideenreichtum. Von Ihrer Hingabe und Leistungsfähigkeit lebt die deutsche Landwirtschaft und ist wie manche andere Branche auch beispielgebend für unser vereinigtes Europa. Bitte nehmen Sie meine dankbaren Grüße mit in die Heimatregionen, aus denen Sie kommen. Nehmen Sie Grüße und gute Wünsche mit!

Vielerorts wird in diesen Tagen Erntedankfest gefeiert. Und das auf mehrere Weisen: Mit Lob und Dank in Gottesdiensten. Aber auch als Feier in den Dörfern und Städten unserer Regionen, dort, wo Menschen mit der Landwirtschaft noch verbunden sind, mit der vielen Arbeit und auch mit dem Segen, der daraus erwächst. Die Landfrauen, die Landwirte, auch die Landjugendgruppen haben sich das Feiern nach harter Arbeit redlich verdient. Das soll gerne fröhlich und ausgelassen geschehen. Und Sie haben es auch verdient, in einer breiteren Öffentlichkeit ihren Einsatz und ihre Leistungen gewürdigt zu sehen

Ich glaube, das ist ein Wunsch, der uns heute ebenfalls verbindet. Neben dem Erntedankfest sollte es ein Erntedenkfest geben, bei dem wir ein bisschen innehalten und unser Tun betrachten. Denn neben den Früchten auf einer schön gedeckten Tafel brauchen wir auch immer – unser ganzes Leben lang – Früchte der Vernunft.

Das Nachdenken ist dringlich, viele Themen sind durchaus nicht erledigt, sie müssen noch reifen. Es gibt Probleme, mit denen die jetzt Aktiven in ihrem Leben gar nicht mehr fertig werden. Die muss erst die nächste Generation neu oder anders anpacken. Etwa bei der Frage, wie es mit der Flächennutzung weitergehen soll. Heute sind Flächen knapp – wofür sollen wir sie nutzen? Ist es das Richtige, den Ackerbau weiter auszuweiten oder brauchen wir mehr Fläche für Umweltschutz, für den Trassenbau oder für den Wohnungsbau? Die jeweiligen Interessenvertreter werden sehr energisch ihre Wünsche vortragen. Also viel Diskussionsstoff, viele Gemeinden, viele Bürger in unserem Land diskutieren lebhaft darüber. Das Gleiche gilt für die Frage, in welch hohem Ausmaß wir öffentliche Gelder in der europäischen Landwirtschaft einsetzen und ob Landwirte in anderen Ländern der Welt dadurch benachteiligt sein könnten.

Ein anderer wichtiger Aspekt: Wie können möglichst viele Menschen in unserem Land zu aufgeklärten Verbrauchern werden? Beispielhafte Projekte gibt es ja schon einige, die Ihnen wahrscheinlich bekannter sind als mir. Etwa von den Landfrauen, die sich aufmachen, um in Grundschulen Wissen und Können für einen „Ernährungsführerschein“ zu vermitteln. Und ich denke an andere Ideen, die die Landwirte in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben. Der „Urlaub auf dem Bauernhof“ stellt zum Beispiel eine wunderbare Brücke dar, um der Natur entfremdete Menschen an das Erleben in der Natur und die Arbeit auf dem Bauernhof heranzuführen. All das lernt sich natürlich viel leichter nicht von der Schulbank aus, sondern wenn wir mal zu Besuch gewesen sind auf einem Hof und dort etwas davon gesehen haben, was sonst Menschen aus der Stadt ein Leben lang verborgen bleiben kann. Also ist das, was einmal als ein Nebenerwerbszweig auf dem Lande anfing, so etwas wie ein neuer Bildungsansatz geworden – jenseits der Orte, wo ambitionierte Lehrer oder Erzieher dafür sorgen. Ich wünsche mir, dass wir noch mehr über die Grundlagen unseres Lebens erfahren. Jede Schülerin und jeder Schüler in unserem Land sollte wissen, wie viel Arbeit in der Landwirtschaft nötig ist, bevor Kartoffeln und Schnitzel auf den Teller liegen, und dass unzählige Tonnen von diesen kostbaren Nahrungsmitteln in den Industrieländern täglich im Müll landen. Das ist verwerflich im traurigsten Sinne des Wortes. Deshalb müssen wir unseren Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für die Kostbarkeit dieser Dinge vermitteln und gleichzeitig ein Bewusstsein für die millionenfachen Opfer des Hungers auf der weiten Welt schaffen.

Wenn wir das bedenken, dann merken wir: Lebensmittel sind alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Lebensmittel sind eine wundervolle Gabe der Natur. Für glaubende Menschen eine wundervolle Gabe Gottes. Und dieses Wunders dürfen wir uns bewusst sein, auch wenn uns die Errungenschaften der modernen Landwirtschaft mit all den agrartechnischen Möglichkeiten manchmal dazu verleiten, anders zu denken.

Wir kennen die alarmierenden Statistiken und Dokumentarfilme über die Lebensmittelverschwendung. Wir kennen auch das Unbehagen, das dann in uns aufsteigt. Doch die Welt der Erwachsenen dreht sich nach kurzer Betroffenheit meist unverändert weiter. Kinder reagieren oft anders. Sie lassen sich noch auf eine Weise beeindrucken, die nachwirkt. Das gilt für den bewussten Umgang mit Lebensmitteln ganz besonders: Was Hänschen lernt, legt Hans in den Einkaufskorb. Das ist eine Chance – und wir Älteren sollten sie nutzen!

Ein anderes Thema, über das diskutiert wird und weiter diskutiert werden muss, ist das Thema Biosprit. Wie euphorisch waren wir zu Beginn beim Gedanken, mit Raps, Mais oder anderen Feldpflanzen unser Energieproblem vielleicht bald lösen zu können! Autonom werden können, unabhängig von den Lieferungen der Ölstaaten und derer, die Energieressourcen haben, die wir nicht besitzen. Da haben wir angefangen zu forschen und zu entwickeln, auch zu fördern. Und nun kommt immer öfter die Sorge auf, dass gerade in ärmeren Ländern, in denen Grundnahrungsmittel häufig knapp sind, die wertvollen Anbauflächen nicht für Nahrungsmittel genutzt werden können. Wo also kommen die Erzeugnisse in den Tank, wo auf den Teller? Die Folgen dieser Entscheidung können Menschenleben bedrohen, gerade wenn – wie in diesem Jahr – Dürren in großen Anbauregionen wie den USA ausbrechen. Es ist gut, dass sich die Kirchen auch außerhalb von Gottesdiensten dieser Problematik annehmen. In einer Woche wird zum Beispiel genau hier in der Friedrichstadtkirche eine Diskussion stattfinden, Titel: „Ist Essen bald Luxus?“. Anlass ist der Welternährungstag.

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, da war Essen ein Luxus. Das, was wir Älteren nach dem Krieg erlebt haben, das erleben Menschen über Jahrzehnte in anderen Teilen dieser Welt, und wenn wir darüber reden, wenn wir in uns Empathie wachsen lassen, dann kommen wir vielleicht auch zu Lösungsansätzen, die für uns nicht betriebswirtschaftlich günstig sind, aber die uns mit anderen Menschen und ihren Notlagen verbinden. Zu unserer Weiterentwicklung gehört auch, dass wir unsere ethischen Wertmaßstäbe und unser Verantwortungsgefühl weiter entwickeln. Unser Umgang mit der Natur verrät viel über uns selbst. Darum werde ich auf das Symbol dieses Tages, das Sie mir schenken, Acht geben. Die Erntekrone wird in Schloss Bellevue einen Ehrenplatz bekommen!