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Mittagessen, gegeben vom Präsidenten der Tschechischen Republik

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache beim Mittagessen, gegeben vom tschechischen Präsidenten Prag, Tschechische Republik, 10. Oktober 2012 Besuch in der Tschechischen Republik - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache beim Mittagessen, gegeben vom tschechischen Präsidenten © Jesco Denzel

Unsere Länder sind eng verbunden. Deshalb ist es mir auch eine besondere Freude, dass ich im Herzen von Prag hier heute mit Ihnen zusammentreffe. Das ist ein schöner Beginn unseres Besuchs.

Unsere Länder sind ja in diesem Jahr gewissermaßen Jubilare: Wir feiern 20 Jahre Unterzeichung des deutsch-tschechoslowakischen Nachbarschaftsvertrags. Und Jubilare, die zurückschauen, das kennen Sie vielleicht, betonen gerne das „Glück“, das ihnen zuteil wurde. Dabei ist es ja nicht immer nur Glück, wenn etwas gut gelaufen ist, es verdankt sich auch, und glücklicherweise ganz oft, eigenem Zutun.

So ist es mit den Erfolgen der mittel- und osteuropäischen Bürgerrechtsbewegungen: Gemeinsam dürfen wir dafür dankbar und auch stolz darauf sein, was an Demokratisierung, an gesellschaftlicher Erneuerung und bei der Anerkennung und Durchsetzung des Rechtsstaatsprinzips gelungen ist. Um dahin zu gelangen, wurden einst die Proklamationen und Programme entwickelt, wie es damals die Charta 77 gewagt hat, mit großem Mut und motivierenden Zukunftsvisionen. Es ist diese oppositionelle Freiheitstradition, die die mittel- und osteuropäischen Länder in unser gemeinsames europäisches Projekt einbringen.

Das „Glück“ spielte in dieser Geschichte aber natürlich auch eine nicht unerhebliche Rolle. Und bestimmt gehört das Jahr 1989 dafür zu den entscheidenden Momenten: Der Historiker Fritz Stern hat einmal gesagt, es sei das „glücklichste Jahr des 20. Jahrhunderts“ gewesen. Innerhalb weniger Monate öffneten sich damals scheinbar unüberwindliche Grenzen. Jahrzehntelang herrschende Regime der Unterdrückung mussten endlich das Feld räumen.

Und dann ging es auch um Wohnungsschlüssel: Die ausreisewilligen DDR-Bürger im Palais Lobkowicz in Prag nagelten ihre Schlüssel an einen der Bäume im Botschaftsgarten, weil sie an eine Zukunft in der DDR nicht mehr zu glauben vermochten. Und wenig später läuteten dann tschechische Wohnungsschlüssel bei den Demonstrationen im November 1989 das Ende des Kommunismus in Ihrem Land ein.

Dass sich seither die Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen so gut entwickelt haben, das ist in der Tat ein Glück. Und Menschen in unserem Alter, Herr Präsident, empfinden dieses Glück besonders tief. Es war ja ganz und gar nicht erwartbar, dass Politiker und Bürger den Mut haben würden, aufeinander zuzugehen – trotz der Grausamkeit der deutschen Besatzung und der schmerzhaften Folgen, die sie für unsere beiden Völker hatte.

Wir Deutsche wissen um die tiefen Wunden, die die Besatzung in Ihrem Land hinterlassen hat. Wir fühlen mit den Opfern. Und wir ehren die mutigen Tschechen, die Widerstand gegen die brutale Unterdrückung einer Diktatur geleistet haben.

Wenn sich heute Tschechen zusammen mit früher hier lebenden Deutschen und deren Kindern und Enkeln daran machen, das gemeinsame Erbe wiederzuentdecken, so ist das wahrlich eine große Freude. Europäische Zusammengehörigkeit kann auch erlebbar werden, wenn wir einen neuen Blick auf die alten Zeiten werfen, in denen Taten unserer Vorfahren uns trennten. Wir sind Freunde, so werden wir sagen, wenn es unterschiedliche Sichtweisen auf historisches Geschehen gibt. Freunde schauen gelegentlich auch durch die Brille des anderen, denn sie wollen verstehen, sie wollen beieinander bleiben.

Dass wir uns für Europa engagieren dürfen, ist sicherlich ein Glück, mehr noch aber ist es eine Verantwortung. Sie, Herr Präsident, haben in Ihrer Rede zum Tod von Václav Havel gefordert, Verantwortung dürfe kein leerer Begriff sein, sie müsse gelebt werden. Von Herzen stimme ich Ihnen zu. Wir Deutsche und Tschechen haben mit den Werten des geeinten Europas die Verantwortung übernommen, dieses Europa zu sichern, es aber auch – geduldig und entschlossen – weiterzuentwickeln.

Es ist richtig, wir stehen heute vor ernsten wirtschaftlichen und finanziellen Problemen. Hier hat Europa nicht so funktioniert, wie wir es uns erwartet haben und wie wir es für notwendig halten, damit Europa stark und wettbewerbsfähig die Chancen der globalen Märkte nutzen kann. Die Lösung unserer Probleme wird nur gelingen, wenn wir Europäer alle verantwortungsvoll handeln und uns alle den Aufgaben stellen. Die gemeinsame europäische Ordnung ernst zu nehmen und verbindlich durchzusetzen, darum muss es uns allen im europäischen Interesse gehen.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, bitte ich Sie, mit mir das Glas zu erheben und zu trinken: Auf das Wohl von Präsident Klaus und seiner Gattin, auf die Freundschaft unserer beiden Völker und auf das große Glück, das es – trotz aller Schwierigkeiten – bedeutet, in diesen Zeiten ein Europäer zu sein!