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Mittagessen zu Ehren von Rudolf Seiters zu seinem 75. Geburtstag

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 17. Oktober 2012 Mittagessen zu Ehren von Rudolf Seiters - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache © Sandra Steins

Wenn wir zwei zusammenkommen, dann trifft einer der langjährigsten Abgeordneten auf den mit der kürzestmöglichen Amtszeit: Ich bin genau einen Tag lang Mitglied des Deutschen Bundestages gewesen: am 4. Oktober 1990, am Tag eins der Deutschen Einheit. Sie hingegen haben diesem Parlament unglaubliche 33 Jahre lang angehört. Nur wenige haben das übertroffen, einer sitzt mit uns am Tisch.

Ich finde es überhaupt sehr schön, wie sich die Lebensstationen von Rudolf Seiters heute auch in Ihnen, liebe Gäste und langjährige Weggefährten, spiegeln. Neunmal hintereinander sind Sie direkt gewählt worden, in einem keineswegs einfachen Wahlkreis – das zeigt: Egal, welche Ämter Sie in der Bundespolitik innehatten – als Parlamentarischer Geschäftsführer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender oder als Vizepräsident des Deutschen Bundestages, als Chef des Bundeskanzleramts oder Innenminister –, Sie sind immer zugleich vor Ort, in Ihrer Heimat, Problemlöser geblieben. Einer, der nicht nur die „große Politik“ ernst nimmt, sondern genauso auch das, was die Bürgerinnen und Bürger unmittelbar vor ihrer Haustür betrifft und bewegt.

Ich glaube, ich werde nicht zu pathetisch, wenn ich sage: Die "res publica" mitzugestalten, ist für Sie nie ein bloßer Beruf gewesen, es war und ist Berufung. Welch ein Glück für uns alle, dass Sie ihr gefolgt sind! Mit einem starken inneren Kompass, grundiert in Ihrem Glauben, begleitet von Vorbildern wie Ludwig Windhorst, dem Sie nicht nur geografisch nahestehen. Sie haben politische Verantwortung übernommen, und zwar, wie es sich schon Max Weber gewünscht hat: mit Leidenschaft für die Sache und mit Augenmaß.

1969 bis 2002 – was für eine Zeitspanne! Welch eine Fülle von Ereignissen und Erfahrungen, von Ämtern und Entscheidungen! Und doch bin ich mir sicher: Wenn wir Sie nach der aufregendsten Zeit in Ihrem politischen Leben fragen, dann nennen auch Sie diese Monate, in denen so unerwartet möglich wurde, was über so viele Jahre und Jahrzehnte für viele Deutsche nur eine Sehnsucht war – die Vereinigung unseres Vaterlands in Frieden und Freiheit. Ich werde diese Monate jedenfalls immer die beste Zeit meines Lebens nennen – diese Zeit, in der wir uns wiedergefunden haben als freie Menschen, in der wir wieder zu mündigen Bürgern wurden: „Wir sind das Volk.“ Wer, wie ich, erlebt hat, wie aus Verzagten Mutige wurden, wer, wie Sie, die Gesichter der Menschen gesehen hat, die entschlossen waren, alles zurückzulassen, um ihre Freiheit zu erringen, der weiß: Befreiung zu erleben und selber gestalten zu dürfen, darüber geht nichts.

„Bundesminister für besondere Aufgaben“ - diese Amtsbezeichnung hat nie besser gepasst als damals, in Zeiten der Vereinigung. Alles war gleichzeitig zu tun, nichts war Routine, nirgends ein historisches Vorbild! Sie haben diese wahrlich besonderen Aufgaben mit Ruhe und Beharrlichkeit gemeistert: Das Ringen um die Flüchtlinge in den deutschen Botschaften, die Verhandlungen über die Öffnung des Brandenburger Tores, die Vorbereitung der Vereinigung durch Staatsvertrag und Einigungsvertrag. Viele haben in diesen Wochen und Monaten Tag und Nacht gearbeitet. Aber nur wenige haben dabei so viel und so bravourös Verantwortung getragen wie Sie.

Als Sie am Abend des 9. November 1989 im Bonner Bundestag sprachen, als hinterher spontan Abgeordnete aller Fraktionen aufstanden und gemeinsam die Nationalhymne sangen, da konnte keiner wissen, dass Sie nur wenig später an gleicher Stelle sagen würden: „Die Bundesrepublik Deutschland liegt nicht mehr am Rande des freien Westens, sondern im Herzen eines in Freiheit zusammenwachsenden Europas.“ Sehr früh aber haben Sie, lieber Herr Seiters, gesehen, dass zum Zusammenwachsen auch das Auseinandersetzen gehört: mit 40 Jahren Diktatur, Planwirtschaft und Unmündigkeit, vor allem aber mit den alltäglichen Schrecken der Unterdrückung durch das SED-Regime. Ich bin dankbar, dass Sie als Innenminister die Aufarbeitung der Stasi-Hinterlassenschaften als eine wichtige Aufgabe unterstützt haben. Die Akteneinsicht hat vielen, die bespitzelt oder drangsaliert worden waren, ein Stück Hoheit über ihr Leben zurückgegeben.

Im Laufe Ihres politischen Lebens haben Sie nicht nur harte Bretter gebohrt, sondern sich auch viel Respekt beim politischen Gegner erarbeitet. Ich habe Sie erlebt als einen Politiker, der seine Überzeugungen verteidigt, aber auch – wenn nötig – die Grenzen der Parteiräson überwindet. Sie selbst haben mal gesagt, Durchsetzungskraft gehöre dazu, wenn man politischen Erfolg wolle, nicht aber Rücksichtslosigkeit. Wenn doch alle so dächten!

„Wer frei ist, trägt Verantwortung.“ Diesen Satz haben Sie nicht nur als Lebensmotto gewählt, Sie haben ihn auch gelebt. Und das ist auch honoriert worden, was mich besonders freut, denn selbstverständlich ist das leider nicht. Ein Laudator hat mal aus einem Gutachten der Universität zitiert, die Sie zum Ehrendoktor promoviert hat, ich zitiere den Satz gern: „Herr Seiters gehört zu jenen heute recht selten gewordenen Parlamentariern, die ihr Ego und ihren politischen Ehrgeiz vor den Erfordernissen eines hohen Staatsamts zurücktreten lassen.“

Wie wahr das ist, hat sich gezeigt bei Ihrem Rücktritt nach den Ereignissen von Bad Kleinen. Ihr lakonischer Satz: „Wer soll die politische Verantwortung übernehmen, wenn nicht der Minister?“, hat dem Ansehen „der Politiker“, wie es oft so unzulässig vereinfachend heißt, mehr gedient als so manche Sonntagsrede. Manchem Politik- und Politikerverdrossenen im Lande würde ich ein Gespräch mit Ihnen wünschen: Seht her, da ist einer, dem war und ist die Sache wichtiger als seine Karriere! Unser aller Sache: die „res publica“!

Dass es einen wie Sie nicht in den Schaukelstuhl oder ans Rosenbeet ziehen würde, wenn Sie das so genannte Rentenalter erreichen, haben wir uns alle denken können. Hier am Tisch brauche ich sowieso niemandem zu erzählen, wie glücklich es macht, wenn man auch im höheren Alter seine Fähigkeiten einsetzen und auch für andere gestalten kann, was einem am Herzen liegt. Aber ich bewundere aufrichtig, mit wie viel Herzblut Sie, lieber Herr Seiters, weiterhin für Menschen da sind, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Notlagen und Ungerechtigkeiten sind häufig von Menschen verursacht, in Deutschland wie auch in anderen Teilen der Welt. Und darum können sie auch durch Menschen überwunden werden. Menschen, die sich verantwortlich fühlen für den Zustand der Welt um sie herum. Sie werden wohl immer einer von denen sein! Es passt, dass Sie nun Präsident eines Spitzenverbandes der freien Wohlfahrtspflege sind, der auch ganz wesentlich vom Engagement seiner Ehrenamtlichen abhängt.

Eines will ich bei meinem Dank an Sie nicht vergessen: Ihr Engagement war und ist auch deswegen möglich, weil Ihre Frau und Ihre Familie auf viel Zeit mit Ihnen verzichtet haben, und weil Sie bei ihnen Halt und Kraft gefunden haben. Ein Teil des Danks gebührt also Ihnen, liebe Frau Seiters, liebe Töchter!

Lieber Herr Seiters, Sie haben ja nun vor wenigen Tagen Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Sollten Sie es in Ihrem heutigen Ehrenamt als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes auch nur auf weniger als halb so viele Wahlperioden bringen wie im Deutschen Bundestag, dann würde selbst die Rente mit 77 nicht ausreichen. Ich wünsche Ihnen jedenfalls für all Ihre Pläne von Herzen alles Gute und die nötige Gesundheit!