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Festakt "100 Jahre Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband"

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Festrede Berlin, 26. Oktober 2012 Festakt "100 Jahre Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband" - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Festrede © Steffen Kugler

Wer mein Lächeln jetzt nicht sehen kann, wird es gleich hören. Und meine Freude! Ich freue mich, weil diese Feierstunde, die Art und Weise, wie wir hier zusammenkommen, so sinnfällig für die Erfolge eines Jahrhunderts ist. 1912 wäre das heutige Programm eine Utopie gewesen: Sehende und Nichtsehende, Menschen mit und Menschen ohne Behinderung ganz selbstverständlich gemeinsam in einem Saal! Hinzu kommt: 2012 erhält der Festredner eine Anmoderation, wie sie das schönste Staatsprotokoll noch nicht erlebt hat. Ich danke Ihnen für diesen einprägsamen Moment, liebe Frau Reymann!

Und ich möchte natürlich gratulieren: 100 Jahre Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband – herzlichen Glückwunsch! Ein dreistelliges Jubiläum ist sogar für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bundespräsidialamt, die mit runden Terminen viel Erfahrung haben, eine Besonderheit. Auch für mich. Ich muss heute einmal nicht überlegen: Wie alt war ich denn damals?

Wir sprechen über ein Gründungsdatum, für das es keine Zeitzeugen mehr gibt. Das heißt, uns selbst fällt die Aufgabe zu, das zu erzählen, was unseren Vorfahren widerfahren ist, die behindert waren. Wir erinnern uns, welchen Kraftakt es bedeutete, die erste deutschlandweite – damals „reichsdeutsche“ – Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Behinderung ins Leben zu rufen. Ein Kraftakt in vieler Hinsicht: Die Brailleschrift war noch nicht als Standard durchgesetzt. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrten Tausende Männer zurück, die mit einer Erblindung zurechtkommen mussten. Und die Orte, wo Menschen mit Handicap lernen, leben, arbeiten durften, waren Anstalten, oft von Mauern umgeben.

Wer mich ein wenig kennt, der weiß, was das Wort „Mauer“ in mir auslöst. Und wie groß mein Respekt für Menschen ist, die solche Widerstände überwinden – mit ihrem Mut, ihrer Beharrlichkeit und ihrem Glauben an ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung, wie weit auch immer diese Selbstbestimmung unter den jeweiligen historischen Bedingungen reichen kann. Wenn wir heute über die Spanne von 100 Jahren nachdenken, dann verdient so vieles Erwähnung: Die Stimmen der Mutigen zum Beispiel, die einst gegen Euthanasieprogramme, auch gegen die Sterilisation blinder Frauen, aufbegehrt haben. Und genauso die Stimmen der Beharrlichen, die im heutigen Deutschland sagen: Zum Glück haben wir ein völlig anderes Land als damals. Aber wir dürfen trotz aller Veränderungen beim täglichen Streben nach Selbstbestimmung – für wirklich jede und jeden in unserer Gesellschaft – niemals  nachlassen. Das soll auch meine Botschaft für dieses Jubiläum sein. Ich will das Erreichte würdigen und zugleich die noch offenen Posten für die Zukunft ansprechen.

Das erfordert Fingerspitzengefühl. Historische Vergleiche führen ja leicht zu falschen Schlussfolgerungen. Neben den Rahmenbedingungen, dem vermeintlich Objektivierbaren, ändern sich auch die  Wertmaßstäbe der Menschen, ändert sich das Subjektive. Unsere Freiheitsgrade sind ebenso variabel wie der Anspruch an uns selbst, verantwortlich mit neuen Möglichkeiten umzugehen.

Die Mauern der heutigen Zeit heißen Barrieren. Sie alle hier im Saal kennen die Formen, die diese Barrieren im Alltag haben, weit besser als ich. Und Sie kennen die Suche nach Lösungen, nach Auswegen und Umwegen, die blinden und sehbehinderten Menschen abverlangt werden. Als Sehender kann man das nur schwer nachempfinden, viele versuchen es leider erst gar nicht, sind emphathieresistent. Diese Tatsache kann man beklagen oder neue Tatsachen schaffen! Der DBSV hat sich nach dem, was ich gelesen und gehört habe, immer wieder für die zweite Variante entschieden. Erfolgreich! Leitsysteme auf öffentlichen Plätzen gehören heute zum Stadtbild, Spurrillen finden sich auf Bahnsteigen und die Punktschrift auf jeder ordentlichen Medikamentenpackung. All das ist nicht der Einsicht der Sehenden zu verdanken, sondern maßgeblich der Hartnäckigkeit des DBSV, seiner Mitglieder und Partner! Mein Glückwunsch gilt also neben der beeindruckenden Jahreszahl ganz besonders der Jahrhundertaufgabe, der Sie sich gestellt haben. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat unsere Gesellschaft verändert – zum Positiven, ein beachtliches Stück in Richtung des großen Ziels: Barrierefreiheit aller Art, Freiheit für ein selbstbestimmtes Leben!

Ich möchte gern Fürsprecher dieser Entwicklung sein, möchte mein Amt nutzen und dem Thema Inklusion Gehör verschaffen. In dieser Rolle bin ich ein Lernender wie so viele in unserem Land. Ich war Kind einer Generation, die kaum Berührungspunkte mit Behinderten hatte. Wir konnten kaum trainieren, ihnen mitmenschlich zu begegnen. Ich erinnere mich noch an meine Befangenheit als Schüler, als junger Mann, wenn ich Behinderten mal begegnet bin. In meiner Seminargruppe gab es einen blinden Studenten und wir wussten zunächst  nicht: Wie gehen wir mit ihm um? Ähnlich war es, wenn man Menschen sah, die in diesen doch recht altertümlichen, aber nicht übersehbaren Rollstühlen unterwegs waren. Sollte man nun fragen: Kann ich helfen, brauchen Sie etwas? Oder war das eher aufdringlich? Vielleicht scheinen Ihnen diese Erinnerungen aus meiner persönlichen Erinnerungskiste jetzt unpassend. Aber ich vergegenwärtige mir damit den Zustand eines großen Teils unserer Gesellschaft. Dieser Teil hat einen sehr langwierigen Lernprozess zum Miteinander hinter sich. Auch ich habe später dazugelernt in meinem Leben, bin Pfarrer gewesen und hatte in meinem Beruf die Möglichkeit, mit Behinderten ein integratives Projekt zu entwickeln.

Den Begriff „integrativ“ im fachlichen Sinne kannten wir damals noch gar. Und bis heute frage ich mich bei so mancher Bezeichnung: Wie zutreffend ist sie eigentlich? „Menschen mit Behinderung“ klingt etwas dezenter als vor 100 Jahren, als von „Versehrten“ oder gar „Krüppeln“ die Rede war. Das haben wir hinter uns gelassen, glücklicherweise. Aber sprachliche Diskriminierungen begehen wir immer noch und immer wieder, weil Behinderung eben kein neutraler Begriff ist. Auch die vorsichtige Andeutung von „Handicaps“ – da flüchten wir ins Englische – oder von „besonderem Förderbedarf“ löst unser Problem nicht. Es bleibt unausgesprochen eine Segmentierung in vermeintlich Normale und andere. Es bleibt ein Denken in Schubladen, also das Gegenteil von Inklusion. Leider kann auch ich kein fertiges neues Sprachkonzept vorschlagen – wir befinden uns gemeinsam in einer Art Laboratorium. Unsere Sprache verrät viel über unser Denken. Und unser Denken verrät etwas über unser tägliches Leben. Darum ist es wichtig, die Bezeichnungen zu prüfen und wo nötig, zu verwandeln. Also, nehmen wir uns vor, das zu reflektieren und den hohen Anspruch der UN-Behindertenrechtskonvention auch sprachlich so hoch zu halten wie möglich. Es lohnt sich, Worte sorgsam auszusuchen.

Am besten wäre ein völliger Verzicht auf die rhetorische Abgrenzung der anderen. Inklusion fordert ein Wir! Das ist der Hauptsatz. Erst da darunter kann stehen, dass es Bemühungen geben muss, in menschlicher Weise über Besonderheiten zu sprechen.  Inklusion erfordert ein Wir: Wer das einmal verinnerlicht hat, wird einen Paradigmenwechsel erkennen, der für unsere Gesellschaft sehr, sehr heilsam sein könnte. Die Frage heißt dann nicht mehr: Wer ist behindert? Sondern treffender: Wer wird behindert – und wodurch? Vor allem: Wie können wir alle Menschen zur Teilhabe ermächtigen? Wenn wir so denken, stehen nicht mehr einzelne Interessengruppen im Mittelpunkt, sondern die vielfältigen Lebenslagen, die wir bislang zu oft nur in Dichotomien begreifen: mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund, Alt oder Jung – und so weiter. In der digitalen Welt sind Dichotomien in Ordnung, da lässt sich am Ende fast alles in Nullen und Einsen ausdrücken. Aber in unserer sozialen Welt müssen wir den Anspruch haben, das ganze Spektrum zu verstehen. Wir müssen bereit sein, bis Unendlich zu zählen.

Und wenn unser heutiger Wortschatz nicht ausreicht, um Inklusion präzise zu beschreiben, dann erfinden wir eben neue Worte! „ENThinderung“ haben meine Mitarbeiter neulich für mich aus einem Aufsatz von Herrn Bethke notiert. Diesen Begriff will ich mir gern zu eigen machen. Enthinderung bringt es auf den Punkt. Das ist ein Imperativ für uns alle!

Neben den richtigen Worten wünsche ich mir eine Liste guter Beispiele. Die überzeugen manchmal schneller als eine korrekt formulierte Mahnung. Einiges konnte ich in den vergangenen Monaten schon aus eigener Erfahrung sammeln. Etwa beim Benefizkonzert in Halle, als ich „Punkte voll Klang“ kennengelernt habe. Oder in der laufenden Blindenfußballsaison, für die ich Schirmherr sein darf. Und natürlich bei den Paralympics in London. Daniela Schulte hat zwei Medaillen für Deutschland erschwommen und sitzt hier bei uns im Saal.

Liebe Frau Schulte, das ist eine schöne Fügung, Sie hier begrüßen zu können, und bringt mich zum nächsten Gedanken: Sympathische Vorbilder helfen uns, eine breite Öffentlichkeit für die Inklusion zu gewinnen. Im Sport, in Kunst, Kultur, Musik gibt es solche Namen schon recht häufig. Aus Unternehmen und Verwaltungen können es gern noch mehr werden! Dann erhöhen wir die Chance, dass sich aus regionalen Sternstunden bundesweite Standards entwickeln. Es darf sich gern herumsprechen, wo es möglich ist, mehr sehbehinderte Menschen in der öffentlichen Verwaltung zu beschäftigen. Es darf sich herumsprechen, dass sehbehinderte Menschen in Berliner Kaufhäusern einen Begleitservice erhalten können. Oder dass ein Bundesland wie Brandenburg den barrierefreien Tourismus weit oben auf die Agenda gesetzt hat. Dort in Brandenburg können blinde Besucher die Sehenswürdigkeiten auf ganz eigene Art entdecken, etwa die Preußischen Schlösser und Gärten oder die Tagebaulandschaften in der Lausitz.

Solche Beispiele sollen ermutigen. Zugleich kann uns dabei klar werden, in welchen Lebensbereichen wir die meisten Fortschritte verzeichnen und wo leider nur wenige. Auch die ungelösten Probleme gehören zu einer Bilanz der letzten 100 Jahre. Blinde und Sehbehinderte haben es zum Teil immer noch schwer, wenn wir an Bildungswege – vor allem an höhere Bildungsabschlüsse – und an den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt denken. Dort sind die Barrieren vielfältig, keine Frage, aber ich wage die These: Die größten Hürden sind mentaler und sozialer Art.

Technisch und organisatorisch sind die Voraussetzungen für Schule und Studium so günstig wie nie zuvor: Hörbücher, Hörfilme, Spezialcomputer, Informationen sind viel leichter und schneller zu bekommen als früher. Aber wenn eine blinde Studentin ein Semester im Ausland verbringen möchte, läuft fast nichts mehr leicht oder schnell. Von einer wirklich gleichberechtigten Teilhabe – ich meine die Praxis, nicht die Papierlage – sind wir vielerorts weit entfernt. Und leider findet die gesellschaftliche Diskussion darüber noch nicht in der Form statt, die wir brauchen, um der Größe der Aufgabe gerecht zu werden.

Debatten über inklusive Bildung gibt es natürlich, inzwischen nicht nur in Fachkreisen. Auch besorgte Eltern aus Regel- und Förderschulen melden sich zu Wort und fragen, wie den Bedürfnissen ihrer Kinder – ob behindert oder nicht – am besten Rechnung getragen wird. Solchen Fragen müssen wir in einer breiten Öffentlichkeit Raum geben. Vor allem muss es uns gelingen, ein Bild davon zu vermitteln, was wir mit unseren Bemühungen erreichen wollen. Ich sehe ein Klassenzimmer vor mir, wo wirklich alle Platz finden können: Unser aufgeweckter Nachbarjunge genauso wie seine – nicht minder aufgeweckte – Freundin, die trotz körperlicher Einschränkungen in der gleichen Schule lernt. Daneben das Mädchen, das für alle Dinge etwas länger braucht, am Ende ihre Aufgaben aber trotzdem schafft. Außerdem ein Schüler, der vielleicht Achmed oder Mike heißt und Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. In einer solchen Klasse könnte auch ein Kind sitzen, das wir erst zum Schluss entdecken, weil es so still ist – weil es das Immer-still-sein von Zuhause kennt und erst in der Schule allmählich lernt, was Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und Freundschaft bedeuten.

Dass all diese Kinder, all diese Verschiedenen gemeinsam in einer Schule zu jungen Erwachsenen reifen, ist mehr als ein Bildungsansatz. Es ist ein neues Lebenskonzept, bei dem Menschenbild und Menschenbildung einer zutiefst humanen Prämisse folgen. Dichotomien wie stark und schwach, gut und schlecht sind in diesem Konzept überwunden. Weil wir den Wert eines jeden Menschen anerkennen wollen: So wie das Schicksal ihn ausgestattet und befähigt hat, soll jeder seinen Platz im Klassenzimmer und in der Mitte unserer Gesellschaft  finden.

Dem einen oder anderen in unserem Land muss man es vielleicht deutlicher erklären: Eine inklusive Gesellschaft funktioniert nicht nach Darwins Erfolgsprinzip, auch nicht nach klassischer Bestenauslese. Das ist Teil eins der Beschreibung. Zugleich wissen wir, dass wir Wettbewerb und Anreize brauchen, damit sich Menschen – von klein auf – anstrengen, damit sie sich etwas abverlangen, ihre Kreativität entfalten, etwas erreichen und eine Gemeinschaft sich entwickeln kann. Beide Ansprüche nebeneinander gelegt, scheinen schwer vereinbar. Ich sage: schwer. Nicht: unmöglich. Denn ein Wettbewerb, der nach fairen Regeln abläuft, zerstört nicht, er fördert. Und ein Anreiz, der vor allem die innere Motivation in uns weckt, kann im günstigen Fall zum Selbstläufer werden. Wenn ich mir vorstelle, dass die Spitzensportler, die ich bei den Paralympics in London gesehen habe, sich nicht gefordert hätten und sich nicht mit dem Wettbewerb gestellt hätten, wären viele der großartigen Leistungen, die uns so begeistert haben, gar nicht möglich gewesen. Es passt nicht zu unserer Art Menschsein, die Achtung vor den Differenzen auszuspielen gegen das Prinzip des Wettbewerbs.

Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention zur inklusiven Bildung verpflichtet. Das Klassenzimmer wird der Nukleus für eine neue Gesellschaft des Miteinanders der Verschiedenen sein. Ein Ziel, das jede Debattenstunde und jeden Euro wert ist.

Ich will nicht verschweigen: Es werden viele Euro und viele Stunden sein. Und viele Ebenen, auf denen wir die inklusive Bildung vorantreiben müssen. Dazu gehört natürlich die Frage der Ausstattung von Schulen, der Klassengröße, der Anzahl und Ausbildung von Lehrern. Aber dazu gehört auch der Mut, bewährte Pfade zu verlassen, weil sich ein neuer, großer Weg aufgetan hat. Ich denke dabei zum Beispiel an die Förder- und Spezialschulen. Ich würdige ihre hervorragende Arbeit. Sie haben eine lange Tradition und so vielen Menschen geholfen, ihren Weg ins Leben und ihren Platz im Leben zu finden. Wie gehen wir mit dieser guten Tradition um? Eine abschließende Antwort haben wir bislang nicht. Wir haben uns vorhin darüber unterhalten, Frau Reimann, Herr Senator. Und vermutlich werden wir noch viele Debatten darüber erleben, wie das, was sich für eine Vorgängergeneration bewährt hat, uns helfen kann beim Thema Inklusion. Wir brauchen ganz offensichtlich noch Zeit. Dabei sollen wir von guten Beispielen lernen. Ich habe von Schleswig-Holstein gehört: Dort datierte der erste Blindenunterricht aus dem Jahr 1860. Heute gibt es das Landesförderzentrum Sehen, keine Spezialschule im herkömmlichen Sinn, sondern ein Ort, wo jede und jeder, der Unterstützung braucht, auch welche bekommt: ob als Sehbehinderter, Familienangehöriger oder Fachlehrer, der zum ersten Mal ein blindes Kind in der Klasse hat und um Starthilfe bittet. Experten berichten, das sei ein Erfolgsmodell.

Ich bin überzeugt: Inklusion fordert uns viel ab, aber sie ist möglich! Auch und sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wie weit der Weg dahin aber noch ist, zeigen aktuelle Stellenanzeigen. Oft hat man schon ohne jedes Handicap das Gefühl, diese Anforderungsprofile als irdisches Wesen niemals erfüllen zu können. Ganze Bücherregale gibt es außerdem zur Frage, wie man sich vorteilhaft präsentiert – es gibt sogar optimale Textbausteine zum Nachweis der sozialen Kompetenz. Bei älteren Zeitgenossen wie mir gehen in solchen Momenten die Alarmglocken an: Kann man so etwas auswendig lernen? Und welches Gesicht macht man dazu? Uns ist doch klar, der Mensch wächst an echter Erfahrung, gerade dann, wenn  Schwierigkeiten zu meistern sind. Menschen mit Behinderung bewältigen davon schon in jungen Jahren außerordentlich  viel. Allerdings kommen solche Qualifikationen in den gängigen Leistungskatalogen leider nicht vor.

Ich glaube, wir müssen öfter und lauter nachhaken, wo bei aller Normierung, gerade am Arbeitsmarkt, der individuelle Reichtum an Fähigkeiten überhaupt wahrgenommen wird. Nur knapp ein Drittel der Blinden und Sehbehinderten in Deutschland hat eine Arbeitsstelle. Als ich das gelesen habe, meine Damen und Herren, da bin ich wirklich erschrocken. Eigentlich bin ich ja hierher gekommen mit dem Konzept, Lob und Anerkennung auszusprechen. Und Erfolge zu nennen. Aber als ich das gelesen habe, wusste ich, dass in dieser Rede nicht fehlen darf, was noch zu tun bleibt. Es darf nicht sein, dass wir in Deutschland so viele Talente übersehen, dass wir sie gar nicht erkennen! Wir müssen diesen Mangel eingestehen, wenn wir auf dem Weg zum inklusiven Arbeitsmarkt Erfolg haben wollen.

Sie merken: Meine Jubiläumsrede besteht nicht nur aus Jubeltönen. Wenn es eine Stellenbeschreibung für den Bundespräsidenten gäbe, müsste sie wohl lauten: „Fähigkeit zur ausgewogenen Darstellung des Zeitgeschehens, der Chancen wie auch der Probleme zwingend erforderlich. Optimismus bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen möglich.“

Ich finde, am Ende einer Rede sollten immer die Chancen stehen. Das fällt mir heute leicht. Denn der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband gehört für mich zu den großen Hoffnungs-trägern für die Inklusion in Deutschland. Liebe Frau Reymann, Ihr Verband und alle, die seine Ziele unterstützen, beschränken sich nicht auf das Mahnen und Einklagen von Rechten. Der DBSV hat den Paradigmenwechsel schon geschafft und zieht neue Mitstreiter erfolgreich nach. Mich zum Beispiel! Ich habe viel gelernt bei der Vorbereitung auf diese Feierstunde und ich verspreche Ihnen, ich werde die Gedanken des heutigen Tages gern weitertragen. Für die große und großartige Arbeit des Verbandes und seiner Partner danke ich Ihnen allen sehr, sehr herzlich! Noch wichtiger als die Summe von 100 Jahren ist mir dabei der Dank für jeden einzelnen Tag der Anstrengung, die der Freiheit und Selbstbestimmung blinder und sehbehinderter Menschen gewidmet war und gewidmet ist.

Zum Schluss will ich für diejenigen im Saal, die mich nicht sehen können, beschreiben, was gleich passiert: Der Bundespräsident verlässt die Bühne – mit Anzug und Krawatte und einem sehr guten Gefühl für die Zukunft des DBSV!