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Soiree zu Ehren von Edgar Reitz

Edgar Reitz und Bundespräsident Joachim Gauck in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 15. November 2012 Soiree zu Ehren von Edgar Reitz © Sebastian Bolesch

Das war ein ungewöhnlicher Beginn einer Veranstaltung hier im Schloss, denn normalerweise begrüßt der Hausherr ganz zu Anfang die Gäste, wie es sich gehört. Es ist aber auch ein ungewöhnlicher Abend, zu dem Sie alle gekommen sind – und der Anfang sollte gleich den Ton anschlagen, der diesen Abend ausmacht, sozusagen das Thema anklingen lassen. Und er sollte eine Überraschung sein, wie manches an diesem Abend.

Jetzt aber ist es mir erst einmal eine große Freude, Sie alle zu begrüßen, vor allem aber den Ehrengast des Abends, den großen deutschen Regisseur Edgar Reitz. Zusammen mit seiner Frau, Salome Kammer, und mit Ihnen, den vielen Gästen, feiern wir heute anlässlich seines Geburtstags ihn und sein Werk.

Edgar Reitz ist einer der großen Künstler unseres Landes – und viele, die heute Abend hier sind, wissen das noch viel besser als ich. Sie haben als Schauspieler, als kulturpolitische Mitstreiter, als Film- und Fernsehleute, als Kinoexperten und Kritiker, als Freunde und Verwandte seinen Weg begleitet.

Der Film hat ihn von Jugend auf bestimmt, seit sein Vater ihm einen Projektor schenkte. Seine Bildsprache, seine Geschichten, seine hohe Kunst des genauen Blicks haben dem deutschen Film – und übrigens auch dem deutschen Fernsehen – weit über unser Land hinaus hohes Ansehen verschafft. Seine Tiefenerkundungen der deutschen Geschichte und der deutschen Seelenlandschaften haben uns ermöglicht, uns selber mit neuen Augen zu sehen.

Das allein reichte schon aus, Edgar Reitz einen herausragenden Platz unter den deutschen Künstlern der letzten Jahrzehnte zu geben. Es kommt aber etwas hinzu, das es dem Bundespräsidenten geradezu als eine Pflicht erscheinen lässt, ihn heute mit diesem Abend zu ehren. Er hat eines der schönsten und kostbarsten deutschen Worte, das zugleich eines der meist missbrauchten und verletzten geworden war, wieder benutzbar gemacht: Heimat. So hat er sich mit seinem Werk um eben diese Heimat, um das Vaterland, verdient gemacht.

Heimat, wie sie uns hier und immer dann begegnet, wenn sich unser Herz bewegt, bindet mich persönlich zwar stärker an das ganze Land, wenn ich es Mutterland nenne. Aber da das in Deutschland eine kaum genutzte Form ist, die Verbindung des Einzelnen zum Ganzen auszudrücken, bestehe ich nicht auf dem Austausch der Elternteile. Nur sagen musste ich es eben gerade.

Viele von Ihnen erinnern sich, wie damals, 1984, als die erste „Heimat“ ins Fernsehen kam, allein dieser Titel schon als Provokation aufgefasst wurde, zu sehr war das Wort verdorben durch Blut und Boden der Nazis und verkitscht durch all die Förster vom Silberwald in den fünfziger Jahren. Es war, wie Edgar Reitz selber erzählt hat, der unvergessene Bernd Eichinger, der letztlich den WDR vom Titel „Heimat“ überzeugen konnte.

Und so geschah das Wunderbare, „Heimat“, realisiert von einem der experimentierfreudigsten Filmemacher, begeisterte die Filmenthusiasten und das breite Publikum. Papas Kino war tot, aber das Kino, das begeisterte, erzählte von Opa. Der Hunsrück, das Dorf Schabbach, sie wurden tatsächlich zur „Mitte der Welt“ – und von Paris bis London, von New York bis Neuseeland ließen die Zuschauer sich mitnehmen auf eine lange Reise durch die deutsche Geschichte.

Diese Produktion zeigt im Übrigen auch, wozu Fernsehen in der Lage sein kann, was Mut und Qualitätsbewusstsein ermöglichen können, wenn die richtigen Leute sich von einer Idee faszinieren lassen. Wenn sie bereit sind, eine Zumutung im besten Sinne zu wagen. Hoffentlich kommen nicht Zeiten und Zustände auf uns zu, in denen so etwas nicht mehr möglich ist.

Ihre Arbeit, verehrter Herr Reitz, hat Kreise gezogen. Ihr Erzählen hat etwas gelöst und befreit. Es war möglich, neu über die Bedeutung von Herkunft und Zugehörigkeit nachzudenken, über Identität und Landschaft, über Fernweh und Sehnsucht nach dem Vertrauten.

Gerade in Deutschland, das durch Verbrechen und Krieg Landsleute ausgestoßen, ins Exil getrieben und ermordet hat, gerade unser Land, das nach dem Krieg Vertreibung, Flucht und Neuansiedlung im Übermaß erlebt hat, das seine Dörfer und Straßen und Städte zerstört fand und im Wiederaufbau manchmal bis zur Unkenntlichkeit verwandelt hat, gerade Deutschland musste sich diesem Thema stellen – und Edgar Reitz wurde zum Erzähler seiner Wege und Irrwege.

Edgar Reitz und sein Werk zeigen: Es sind die Geschichten, die bleiben. Es sind die Geschichten, die uns mit uns selber konfrontieren, die uns zu uns selber Distanz gewinnen lassen – und die uns mit uns selber versöhnen. Es sind die großen Geschichten, die sich in den Tausend kleinen Geschichten finden. Es sind die Geschichten, in denen sich Stolz und Elend, Größe und Gemeinheit, Mitleid und Kälte, Hass und Liebe zeigen.

Natürlich hat und braucht unser Land auch die bedeutenden Historiker, die uns Geschichte lehrten und erklären. Aber ein Land muss auch seine Geschichtenerfinder und -erzähler in Ehren halten. Ob im Film, in der Literatur oder in den anderen Künsten: Zu Hause finden wir uns da, wo Geschichten von uns erzählt werden, vielleicht im Sinne Heinrich Bölls, der auf der Suche war „nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land.“

Heimat ist gegenwärtig Thema. Die größte deutsche Zeitung macht gerade eine Serie „Heimat – das ist mein Dorf“. Im Fernsehen gibt es Frankenkrimis, Bayernkrimis oder jüngst: Nicht etwa New York, Miami oder Malmö gelangen zur Krimi-Primetime in unsere Wohnzimmer, nein „Hengasch“ in der Eifel – Sokos aus allen Ecken und Enden. Regionales ist in, ob in der Küche, in der Musik, oder in immer lokaler berichtenden Medien. „Ortszeit“ ist Thema. Rosenheim oder Wismar für alle!

Vielleicht ist das alles auch ein verständlicher Reflex auf die Globalisierung, die viele befürchten lässt, heimatlos, unbehaust, identitätslos zu werden. Viele Menschen fürchten sich vor „Entgrenzung“, mögen sich nicht verlieren im weiten Raum eines Europas, dessen Grenzen nur wenige abzuschreiten vermögen. Wir wissen mit Edgar Reitz wie etwa auch mit Uwe Johnson, dass die Heimatverbundenen nicht an die frühe Heimat gebunden bleiben müssen. Oft sind es gerade die Welterfahrenen, die den Wert und die Bedeutung von Heimat besonders in Herz und Gemüt tragen, die uns deshalb auch so intensiv zu bewegen vermögen.

Gerade im Verhältnis zu dem oft bedenkenlosen Benutzen des Heimatbegriffs und Heimatgefühls wird noch einmal die Größe des Werkes von Reitz deutlich. Es geht eben nicht um Heimattümelei, auch nicht um die Feier des Provinzialismus. Es geht um die Würde des Einzelnen, es geht um Widerständigkeit gegenüber der allgemeinen Gleichmacherei, es geht um den Anspruch des Besonderen, des eigenständigen Charakters; daher auch die große Bedeutung, die die deutschen Dialekte in allen drei Teilen von „Heimat“ besitzen.

Die drei Teile von „Heimat“, vom Ersten Weltkrieg über die wilde Jugend der Sechziger Jahre bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung, sind ein nationales Epos – und eine Sammlung kostbarer Augenblicke, eine Meditation über die Kunst der Aufmerksamkeit. Wir wollen uns trauen, als Höhepunkt des Abends, Ausschnitte daraus zu zeigen. 40 Minuten aus über fünfzig Stunden. Gewiss ein Wagnis, vielleicht eine Zumutung, aber den Künstler ehren wir am besten, indem wir sein Werk sprechen lassen.

Wir haben diesen Film flankiert mit anderen Künsten. Unten in der Galerie haben Sie Fotografien gesehen: Deutschland im neunzehnten Jahrhundert, also der Epoche, in der der vierte Teil von „Heimat“ spielen wird. Die Lieder kommen ebenfalls aus dem neunzehnten Jahrhundert, vorgestellt aber von Bobo auf sehr heutige Weise. Bobo, in der DDR geboren, die Rockmusik gemacht hat und dann auch zum Volkslied gekommen ist. Und schließlich aus der Literatur ein einziger Text, das bewegende, ja erschütternde Bekenntnis zur Heimat von Kurt Tucholsky, hier um die Ecke in Moabit geboren, gelesen vom Berliner Schauspieler Ilja Richter.

So wünsche ich uns einen schönen – Heimatabend, Ihnen Herr Reitz zur Ehre und uns allen zur Freude.