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Antrittsbesuch in Nordrhein-Westfalen

Ansprache des Bundespräsidenten beim Bürgerempfang Duisburg, 26. November 2012 Antrittsbesuch in Nordrhein-Westfalen - Ansprache des Bundespräsidenten beim Bürgerempfang © Sandra Steins

Bevor ich Sie alle herzlich begrüße, etwas ganz anderes: Ich bin ja nicht nur hier in diesem wunderschönen Land zu Besuch, sondern ich bin auch Bundespräsident. Erlauben Sie mir also, dass ich zunächst an die 14 Menschen einer Behindertenwerksatt denke, die heute Opfer der Flammen geworden sind in Titisee-Neustadt. Das ist so ein wunderschöner Tag für mich gewesen – und diese Nachricht zeigt mal wieder, wie eng alles im Leben beieinander liegen kann: Anlass zur Freude und Grund zu Schrecken und tiefer Trauer. Ich denke an die armen Menschen, die dort umgekommen sind, an die Familien, die ein Opfer zu beklagen haben. Verletzte liegen im Krankenhaus. Ich habe vorhin mit Ministerpräsident Kretschmann telefoniert. Sie sind nicht in Lebensgefahr. Aber vielleicht denken wir auch mit warmen Gefühlen in diese Richtung, auch an die Helfer und Feuerwehrleute.

So ist das in unserem Leben: Es gibt Anlass zur Freude - ich darf Sie treffen. Und Anlass, innezuhalten und mit anderen Menschen die Trauer zu teilen.

Jetzt aber zu diesem schönen Tag hier in diesem wunderbaren Land Nordrhein-Westfalen.

Das war ein Geschenk für mich, was ich heute erleben durfte. Natürlich bin ich nicht zum ersten Mal hier. Ich bin schon seit über 20 Jahren wiedervereinigt und selbst vor diesem magischen Datum bin ich schon einmal hier gewesen, aufgrund einer Besuchsreise seinerzeit beim Ruhr-Kirchentag. Das ist nun schon ein bisschen länger her, aber manchmal ist jemand im Raum, der da auch dabei war. Dann haben wir uns früher vielleicht schon gesehen. Später bin ich als Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen öfter in Bonn gewesen. Unsere Abgeordneten waren ja zuerst noch da. Ich habe den Wandel der Stadt Bonn erlebt. Dort steht ja auch immer noch mein zweiter Amtssitz,. Ich bin auch schon dort gewesen, habe von dort meine Amtsgeschäfte betrieben.

Heute nun bin ich dem Land Nordrhein-Westfalen auf eine ganz spezielle Weise begegnet – nämlich vor allem dem Ruhrgebiet. Als ich die Vorschläge der Staatskanzlei in Berlin gesehen habe, war ich ganz empört, wieso die mich nicht nach Westfalen lassen. Da ist die Welt noch in Ordnung. Warum wollen sie mir das nicht zeigen? Und dann habe ich Städtenamen gehört, die ich mit Problemzonen verbunden habe: Duisburg, da habe ich gedacht, na ja, Hochfeld, aber dann gibt es ja noch Bottrop, InnovationCity, das muss was Tolles sein. Und dann haben sie ja noch eine Landeshauptstadt, die was hermacht. Dort kommen sehr viele Menschen aus Deutschland und aus der ganzen Welt hin, um zu lernen oder Geld zu verdienen, zu studieren oder auch den Künsten zu huldigen.

Dort habe ich heute früh mit meinem Antrittsbesuch angefangen. Das war eine sehr interessante Begegnung mit den Menschen, die hier Verantwortung tragen in der Landesregierung oder auch im Parlament des Landes. Aber anschließend ging es los mit dieser für mich doch etwas unerwarteten Tour. InnovationCity Bottrop: Das war bewegend, weil ich gespürt habe, mit welchem Kräfteaufwand und mit welcher Bündelung von Politik, Kommune, Wirtschaft und auch Wissenschaft hier versucht wurde, dem Thema Energiewende Gestalt zu verleihen. Dazu gehörte übrigens nicht nur, dass mir Konzepte vorgestellt wurden von klugen Vertretern von Politik und Wirtschaft, sondern auch, dass wir eingeladen waren, in eine Wohnung zu gehen. Ein Ehepaar mit zwei erwachsenen Söhnen hat uns dann gezeigt: Ja, das kann man wirklich machen, die Energiewende in einem privaten Eigentumshaus. Und das in aller Selbstverständlichkeit.

Und dann passierte etwas, was mich besonders gefreut hat, weil es niemand geplant hatte. Ich habe einige Bürger stehen sehen am Straßenrand, die winkten und jubelten, einige hatten sogar Deutschlandfähnchen mitgebracht, als ob Fußball wäre. Und da war ich natürlich ganz gerührt und habe gesagt, da muss ich mal hin, ein paar Hände schütteln. Und plötzlich stand eine junge Frau neben mir, eine Türkin, und sagte „Innovation ist nicht das Einzige, was wir können, hier ist auch Integration.“ „Aha“, sagte ich. Ich guckte mich um. Wer hat sie beauftragt, mit mir zu sprechen? Niemand. Sie hatte sich selbst beauftragt. Und dann kam: „Ach, und wir haben auch Portugiesen hier und dann gibt es noch die und die…“. Und dann erzählte sie mir, wie schön das in diesem Stadtteil von Bottrop sei, in Welheim. Das ist eine alte Siedlung, wo früher die Arbeiter von einem großen Unternehmen recht ansprechende Wohnungen bekommen haben. Und dann sagt die Frau: „Und das Zusammenleben funktioniert.“ Und dann kamen einige ältere „Eingeborene“ dazu, und sagten: „Ja, es funktioniert.“

Und da habe ich gemerkt: Ja, es gibt hier eine Tradition des Miteinanders. Und dafür steht für mich auch das Ruhrgebiet und die Menschen, die in harten Zeiten dicht beieinander standen, die Hilfsstrategien entwickelt haben, dass sich die, die unten waren, beistanden in ihren Gewerkschaften oder mit ihren Volksbanken und Sparkassen, mit ihren Volkshochschulen, mit ihren Sportvereinen und den sonstigen Vereinen. Alle waren aufeinander bezogen. Und in den modernen Industriegesellschaften geht uns dieses Gefühl, dass wir mehr sind, wenn wir uns aufeinander beziehen, oft verloren. Und dann ist es ganz überraschend, wenn Sie bei einem hochmögenden Besuchsprogramm plötzlich aus der Mitte der Bevölkerung erinnert werden, an etwas, das wir niemals verloren geben dürfen. Nämlich das Bewusstsein, dass wir zueinander gehören. Die Verschiedenen. Das wir es gemeinsam schaffen können. Das war natürlich ein tolles Erlebnis. Also, ich hätte die am liebsten alle geknuddelt. Ich habe das dann in präsidialer Weise zurückhaltend gemacht, aber mich total wohlgefühlt.

Und dann ging es weiter. Wir sind dann Richtung Duisburg gefahren, dem Programm der Landesregierung auf der Spur, das heißt „Kein Kind zurücklassen!“, um schon im frühkindlichen Alter Integrationsmöglichkeiten zu schaffen. So habe ich mich interessiert für die Männer und Frauen, die im Immendal, einem sozialen Brennpunkt, dafür sorgen, dass die unterschiedlichsten Menschen mit ihren Kindern Ansprechpartner finden. Leute, die in der Gegend bekannt sind, zu denen man Vertrauen hat. Ich dachte, als ich das Programm las, das wird ja nun eine der tristen Begegnungen. Man kennt mehr die Probleme, diese sorgenvolle Situation in sozialen Brennpunkten. Wo plötzlich Menschen zureisen, die man vorher nicht eingeplant hatte. Und wo die, die sich mühsam niedergelassen haben, die Eigentum erworben haben, jetzt fragen, wie es jetzt weitergeht. Wo Industrien abgewandert sind und noch nicht überall innovative neue Arbeitsplätze entstanden sind. Das alles kennt man.

Was wir nicht kennen, wenn wir von weitem auf diesen Ort und diese Region gucken, das ist das Selbstbewusstsein und die Freude der aktiven Menschen. Ich dachte, ich muss aus meinem früheren pastoralen Leben ein paar Tröstungen bereit halten, um den armen gebeugten Menschen aufzuhelfen. Aber tatsächlich haben die mich beschenkt, mit ihrer Kraft und mit ihrem Optimismus. Das war großartig!

Und wieder habe ich gemerkt: Mensch, das Land hat doch was Besonderes. Und das Besonderste sind nicht seine super Firmen, sondern seine Leute. Es sind diese Leute, die in einem politischen Amt, einem kommunalen Amt oder einfach als Bürgerinnen und Bürger da sind und hingehen. Die sagen, das ist unser Land, das ist unser Gemeinwesen, das lassen wir nicht vor die Hunde gehen. Wir haben unsere Kräfte nicht nur für uns alleine. Unsere Fantasie nicht nur für uns alleine. Und solidarisch können wir uns nur fühlen, wenn wir die Menschen neben uns beachten. Nur als Menschen, die aufeinander bezogen sind, erleben wir wirklich das Glück, ein Mensch zu sein.

Das sind nun vielleicht große Worte in einer Halle, die so von der Arbeit geprägt ist. Aber wenn wir es verlieren, dieses Gefühl, dass wir aufeinander bezogen sind, dann hat unsere ganze Gesellschaft verloren, sie hat an Zukunft verloren.

Und so ist dieser Besuch verbunden mit einer Erinnerung: Der Präsident wird erinnert an Kraft und Kräfte, die in der Bevölkerung dieses Landes stecken, ganz tief. Wir vergessen manchmal unsere Kräfte, weil wir unsere Fähigkeit zu klagen so toll ausgebildet haben. In meinen Berliner Zonen und in einigen großstädtischen Milieus kommt man eigentlich nur richtig an, wenn man auf eine gediegen deutsche Weise tragisch guckt und kultiviert klagt. Das kommt gut an. Ich habe in einigen Milieus den Eindruck, wenn ich sagen würde, was ich empfinde – dass ich glücklich und dankbar bin, darüber wie Deutschland jetzt da steht –, dann würde ich nie wieder eingeladen, weil man mich für dumm hielte. Das mag ich nun nicht so gerne. Deshalb suche ich die Gegenwart und die Begegnung mit Menschen, die diesen Klagen abhold sind und die aus der Kraft des Vertrauens zu sich selbst und zu den anderen leben.

Davon können Sie alle, die Sie hier eingeladen sind, sicher einen eigenen Vortrag halten, manch Älterer könnte ein eigenes Buch davon schreiben. Das Schöne ist, dass Sie, die sich ehrenamtlich engagieren und deshalb hier eingeladen sind, nicht etwas verloren haben, indem Sie sich engagieren, sondern das Sie etwas dazugewonnen haben. Das können Sie mit dem Wort Lebensqualität beschreiben, das können Sie aber auch mit dem schlichten Wort Freude beschreiben oder Erfüllung oder Menschlichkeit. Wir verlieren also nicht, wenn wir uns engagieren. Und etwas von diesem Geist habe ich bei den jungen und mittelalten und auch manchmal ein bisschen älteren Leuten gespürt, die ich dort im Immendal getroffen habe.

Also: Alles in allem – obwohl ich nicht in Westfalen war – fühle ich mich total angekommen in Ihrem Land. Und sage, wie schön das ist, dass ich auch dort, wo ich niemals gelebt habe, Menschen gefunden habe, die zu mir passen, als wäre ich verwandt mit ihnen. Wir gemeinsam sind Bürger dieses Landes in all seinen Problemen, die es jetzt hat – in Europa oder hier vor Ort. All das können wir gestalten.

Ich will zum Schluss erinnern an einen Satz, den ich früher einmal gesagt habe. Das war zehn Jahre nach dem deutschen Mauerfall. Ich durfte im Deutschen Bundestag reden. Und in dieser Rede habe ich einen Satz gesagt, der manchen Nordrhein-Westfalen schwer auf der Seele liegt. Und darum kann ich nicht anders, als bei meinem ersten offiziellen Besuch an diesen Satz erinnern. Ich sprach über den Osten, die friedliche Revolution, den Aufstand der Menschen für Freiheit und Demokratie, und sagte: „Damals träumten wir im Osten vom Paradies, aber wir wachten auf in Nordrhein Westfalen.“ – Genau: „Oh.“ –

Und dieses „Oh“, das erschien mir erklärungsbedürftig. Ich musste bestimmt zweimal mit Johannes Rau darüber sprechen, einmal in Schloss Bellevue, als er Präsident war. Und es gelang mir, ihn zu überzeugen, dass der Satz gar nicht in Richtung Nordrhein-Westfalen gesprochen war, sondern in Richtung des östlichen Teils Deutschlands. Den Landsleuten dort wollte ich einfach sagen: „Leute, aufwachen!“ Wenn man erwachsen wird, dann begreift man irgendwann, dass da draußen in der politischen Welt, in der wir leben, das Paradies nicht existiert. Es kann gar nicht existieren, denn wir sind keine paradiesischen Wesen – engelsgleich und schuldlos. Wir sind Menschen mit unseren Macken, Prägungen und Fehlern. Wir können Vollkommenheit nicht. Und deshalb waren all die, die geträumt hatten: „Wenn wir die Freiheit haben, dann sind wir erlöst!“, – die waren auf dem Holzweg. Ich wollte ihnen sagen: „Leute, guckt in eine Region, die schwere Probleme hat, die einst super reich war und jetzt über viele Jahre schwerste Strukturprobleme gemeistert hat. Es ist alles andere als das Paradies, aber es ist ein total guter Platz zum Leben. Zum Leben, wie Leben eben ist, wie Menschen sind.“

Und so hoffe ich nun, dass Sie nicht mehr „Oh“ sagen, wenn Sie diesen Satz noch mal von mir hören. Es ist eine Erklärung, die zeigt: Ich möchte mit der Wirklichkeit, wie sie ist, verbunden sein. Und heute habe ich lernen dürfen, erneut, dass dort, wo es Probleme gibt, nicht nur die Klage herrscht, sondern die Freude an Gestaltung, die Freude am Miteinander, die Freude daran, dass wir nur miteinander Zukunft gestalten können. Die Beispiele, die ich davon gesehen habe, heute, könnte ich durch andere ergänzen. Das muss ich mir für später aufheben.

Sie merken, jetzt bin ich daran, eine Predigt zu halten - weil es vieles gibt, was das religiöse Wissen, den religiösen Glaube und den ganz weltlichen Gestaltungswille miteinander verbindet. Beides weist vom Wert des Menschen. Und beide Arten von Wissen und Daseinsvergewisserung weisen davon, dass wir einander verlieren, wenn wir uns nicht mehr sehen, nicht mehr füreinander interessieren, nicht mehr füreinander denken, nicht mehr füreinander arbeiten. Und Ihnen, Frau Ministerpräsidentin, und Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie als Ehrenamtliche aktiv sind, danke ich für das Geschenk, dass Sie mir gemacht haben, indem ich Ihnen begegnen durfte.