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Mittagessen zu Ehren von Wolfgang Schäuble

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 29. November 2012 Mittagessen zu Ehren des Bundesministers der Finanzen, Wolfgang Schäuble - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache © Jesco Denzel

Es ist eine dankbare Aufgabe, für Sie ehrende Worte zu finden, lieber Herr Schäuble. Und es ist gerade für mich eine dankbare Aufgabe, weil mir eigentlich alles nah am Herzen liegt, was ich an Ihnen rühmen möchte. Und das, obwohl man in Deutschland kaum weiter voneinander entfernt aufwachsen konnte als links unten in Hornberg und rechts oben in Rostock.

Sie stammen aus einem süddeutschen, südwestdeutschen Bürgertum, das ich bewundere, für sein Selbstbewusstsein, seine öffentliche Regsamkeit, seine Orientierung zum Gemeinwesen hin. Wenn ich über Sie nachdenke, kommt mir das schöne Wort Dolf Sternbergers von der „Staatsfreundschaft“ in den Sinn. Sternberger bezeichnete damit die „politische Gesinnung“, die „staatszugewandte“ innere Haltung, derer das Verhältnis der Bürger zur Stadt, zum Staat, zum Vaterland bedürfe.

Sie, lieber Herr Schäuble, sind ein solcher Staatsfreund. Einer, der weiß, dass es des Staates bedarf, um Freiheit zu sichern. Und einer, der weiß, dass die Bürger, um Staat zu machen, der Parlamente bedürfen. Sie haben unserem Staat, unserem Parlament über viele Jahrzehnte gedient. Bald sind Sie der deutsche Rekord-Parlamentarier; jüngst erhob man Sie wieder zum Direktkandidaten in Ihrem Wahlkreis Offenburg – wie schon seit unglaublichen 40 Jahren.

Dass der Gedanke der Repräsentation der Bürger in Parlamenten seinen guten Sinn hat; dass dort Bürger, die wir anderen damit auf Zeit beauftragt haben, ernsthaft versuchen, sich dem allgemeinen Besten zu nähern – das leuchtet den Bürgern in Wolfgang Schäubles Wahlkreis gewiss ganz besonders ein.

Es ist so vieles, woran wir denken, wenn wir an Wolfgang Schäuble denken. Dass die Einheit Deutschlands ohne Sie weniger gut gelungen wäre. Dass wir Sie, wenn Sie an jenem 20. Juni des Jahres 1991 im Bonner Bundestag nicht gesprochen hätten, heute wohl in der Villa Hammerschmidt ehren würden.

Wir denken an das Attentat. Dass Sie sich damals nicht bezwingen ließen, aus der Politik herausdrängen ließen und wie Sie seit zwei Jahrzehnten mit den Einschränkungen leben, bewundern wir; wir sind nicht nur voller Hochachtung, sondern voller Dankbarkeit für diese Leistung.

Ich denke daran, dass mir in Ihnen im Herbst 1990 der erste hochrangige westdeutsche Politiker begegnete, der intensiv zuhörte und verstand, dass wir eine Öffnung der Stasi-Unterlagen wirklich wollten und eine Schließung gegen unseren Willen weder durchsetzbar noch politisch opportun gewesen wäre.

Es gibt viele Bilder, die sich die Zeitgenossen von Ihnen gemacht haben. Darunter mag es manchmal auch zutreffende gegeben haben. Ich will sie hier nicht aufzählen. Aber es gibt da einen cantus firmus, der sich herausgebildet hat: Wer Wolfgang Schäuble begegnet, dem begegnen herausragende politische Gaben, ein heller Verstand, der sich nicht zu schade ist für die Welt des Politischen, ein Konservativer, dem nicht die Tradition, sondern die Werte das wichtigste sind, und einer, der pragmatisch genug ist, Lösungen zu finden, wo der Dogmatiker, der Ideologe scheitert.

Und heute im Mittelpunkt der täglichen, gespannten Aufmerksamkeit: Der Finanzminister als Karlspreisträger, der Europäer aus der badischen Grenzregion, übrigens schon in den 70er- und 80er-Jahren Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen. „Meine Heimat liegt in der Nachbarschaft von Straßburg“, haben Sie in der Bonn-Berlin-Rede gesagt. Man spricht immer von ihr – hat sich jemand diese große, kurze Rede jüngst noch einmal angeschaut? Ich war erneut ergriffen vom ruhigen Ernst und vom Weitblick dieses Mannes, dem das Nahe und Kleine vertraut ist, der aber dennoch vollkommen sicher das Wichtigste herausspürt.

Dass Sie das Wichtigste herausspüren über dem von Ihnen ebenso beherrschten Nahen und Technischen – das scheint mir heute ganz genau so: Der Wolfgang Schäuble, der damals für Berlin warb – denn es gehe nicht um Umzugskosten! –, wirbt heute für Europa und weiß, dieses Europa ist unsere Garantien und Kredite wert. Martin Walser sprach vielen aus der Seele, als er vor Wochen freimütig und ohne Angst, sich zu klein zu machen, bekannte: Sie seien in der Krise der Garant seines Vertrauens.

Lieber Wolfgang Schäuble, bei diesem Zusammentreffen will ich auch das Folgende nicht übersehen: Sie sind sachlich, immer erkennbar – und zählen seit Jahren zu den beliebtesten Politikern, obwohl Sie auf Anbiederei verzichten. Kluges Volk! Wie viel von Ihrer Sachlichkeit, von Ihrem Pflicht- und Arbeitsethos sich dabei dem Protestantismus verdankt, wird man fragen dürfen – und dessen Einfluss wohl hoch veranschlagen.

Viele rühmen an Ihnen Ihre Begabung zum Gespräch, Ihre Fähigkeit zu fragen und zuzuhören, sich zuzuwenden. So haben Sie auch eines der verdienstvollsten öffentlichen Gespräche unserer Zeit begründet: das ernsthafte und tiefe Gespräch mit Muslimen in unserem Land; darüber, auf welcher Grundlage wir hier als Bürger verschiedenster Herkunft gut miteinander leben und wie sich alle zugehörig fühlen können. Auch für diese Beiträge bin ich dankbar.

Ich will mit einer Geschichte enden, die diese außergewöhnliche Gabe zum Gespräch beglaubigt. Einer meiner Mitarbeiter hat sie vor Jahren erlebt.

Sie sprachen 2008, als Bundesinnenminister, in Hamburg auf einer Veranstaltung im dortigen Bürgerschaftswahlkampf. Plötzlich entrollte eine größere Gruppe junger Leute Transparente und rief laut und anhaltend ihre Empörung über Anti-Terror-Politik und Überwachungswahn in den Saal, mit dem deutlichen Ziel, die ganze Veranstaltung platzen zu lassen. Wolfgang Schäuble aber bat das Sicherheitspersonal, nicht zu versuchen, die Empörten hinauszuführen, und bat diese, sich hinzusetzen und ihre Sorgen ausführlich vorzutragen. Das taten dann auch mehrere, und Wolfgang Schäuble antwortete jedem ruhig, konzentriert und ernsthaft – so lange, bis die Gruppe junger Leute wieder schweigend da saß, in den Gesichtern einen Ausdruck wie von Verlegenheit und leichter Verwirrung, dass sie sich jetzt von diesem Mann hatten nachdenklich machen lassen. Donnernder Applaus der anderen im Saal, die einer Lehrstunde persönlicher Überzeugungskraft beigewohnt hatten.

Ich will mit dieser Geschichte aber nicht davon ablenken, zum Schluss daran zu erinnern, wie groß Ihre aktuelle Aufgabe in der Eurokrise ist. Wie viele können in diesen Monaten debattieren, gar Heils- oder Unheilsprophetien entwickeln. Und wie wenige haben die Kraft und die Kompetenz zu gestalten; verantwortlich zu gestalten. Zu handeln, obwohl im öffentlichen Diskurs nicht wirklich klar ist, welches genau jetzt das vordringliche Politikziel sein sollte: die Erweiterung und Vertiefung der EU, der Eurozone oder die Bewahrung von Prosperität und Zukunftsfähigkeit der eigenen Nation.

In Ihnen sehen und erleben wir einen Politiker, der uns auch vor falschen, vermeintlich naheliegenden Alternativen wie der soeben genannten bewahren kann und der uns erkennen lässt, dass wir schwierige Fragen und Probleme nicht mit Kapitulation und Flucht beantworten müssen, sondern zum besonnenen Handeln fähig sind.

Lieber Wolfgang Schäuble, Sie haben mit Ihren Gaben viel Gutes für Deutschland und für Europa bewirkt. Dafür danke ich Ihnen im Namen der Bürger unseres Landes und ich bitte: Tun Sie es weiter! Lassen Sie uns darauf das Glas erheben!