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Einweihung der Neuen Synagoge Ulm

Einweihung der Neuen Synagoge - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Ulm, 2. Dezember 2012 Einweihung der Neuen Synagoge - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache © Sascha Baumann


Das ist ein Freudentag für die jüdische Gemeinde hier in Ulm, für die jüdische Gemeinschaft in ganz Deutschland.

Es ist aber auch ein Freudentag für alle Menschen guten Willens in unserem Land, für alle, die davon überzeugt sind, dass der Glaube dem menschlichen Leben eine unverzichtbare Dimension eröffnet, für alle, die an das friedliche Zusammenleben der Religionen, der Kulturen, der Überzeugungen glauben. Darum ist es richtig, dass der Bundespräsident hierher kommt, obwohl er weder Ulmer noch Jude ist.

Denn wenn in Deutschland, wenn gerade in einer so altehrwürdigen, geschichtsträchtigen Stadt wie Ulm, eine neue Synagoge eröffnet und eingeweiht wird, dann ist das ein Zeichen, weit über diesen Ort hinaus. Dann geht das alle an und dann sollen das alle sehen und wissen.

Wenn wir heute eine neue Synagoge einweihen, dann ja nur deswegen, weil die alte ehrwürdige Ulmer Synagoge in Brand gesetzt und abgerissen worden war. Dass Juden hier Gotteshäuser bauen, weil sie in diesem Land leben und beten, weil sie in diesem Land zu Hause sind – das sollte vor 70, 80 Jahren unmöglich gemacht werden. Wir wissen es alle: Damals sollte es nicht nur keine Gotteshäuser mehr geben, es sollte keine Juden mehr geben.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin, dass jüdisches Leben, dass jüdische Menschen nach all diesem Schrecken und all diesem himmelschreienden Unrecht wieder in Deutschland Heimat gefunden haben. Gemeinden sind wieder gegründet und belebt worden, es gibt jüdische Kindergärten, Schulen, Altenheime. Das jährliche Zusammentreffen „Limmud“ wird stark besucht und so vieles mehr. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin, dass ich das erleben darf – als einer der im Nationalsozialismus geboren ist und der in dem Teil Deutschlands gelebt hat, in dem jüdisches Leben praktisch nicht vorkam.

Ja, ich bin dankbar, heute hier zu sein – dankbar auch für die Früchte der langsamen und vorsichtigen Annäherung, der, ja, man kann das Wort wohl benutzen: der Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden.

Daran haben viele Menschen guten Willens gearbeitet, mit Herz und Seele, mit Verstand und Vertrauen. Juden und Christen. Jüdische und nichtjüdische Deutsche. Jüdische Zuwanderer aus allen Teilen der Welt, in den letzten Jahren besonders aus den Staaten der früheren Sowjetunion, wie ja auch hier bei Ihnen in Ulm. Damit ist eine große Integrationsleistung verbunden, für die wir alle dankbar sein können.
Alle zusammen haben etwas geschaffen, was wir nie wieder aufs Spiel setzen wollen: Die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland.

Ich weiß, dass in den letzten Monaten wieder Sorgen und Ängste aufgekommen sind, ob denn jüdisches Leben in Deutschland noch möglich sei. Die Angriffe auf jüdische Bürger waren Anlass dafür, aber auch die Beschneidungsdebatte, die sich an einem rechtsstaatlichen Urteil entzündete, aber sehr schnell Töne bekam, die auch mich erschreckt haben. Da haben sich echte, aufgeklärte Sorge um Kindeswohl und körperliche Unversehrtheit bei einigen gelegentlich mit einem Vulgärrationalismus gemischt, in dem auch antisemitische und antimuslimische Einstellungen sichtbar wurden. Das ist schlimm.

Eine säkulare Gesellschaft muss Debatten führen über den Platz der Religion, über Religionsfreiheit und über religiöse Bräuche. Das ist nötig und richtig. Wir vergessen nicht, dass Menschenrechte und Glaubensfreiheit oft gegen religiöse Traditionen und gegen religiösen Obskurantismus erstritten werden mussten. Seit der Aufklärung haben wir Schritt für Schritt gelernt: Auch der religiöse Glaube muss sich der Kritik der Vernunft stellen.

Wir vergessen aber auch nicht, welches Unrecht, welche Verbrechen begangen worden sind, wenn dem Glauben seine Existenzberechtigung abgesprochen wurde, wenn antireligiöse Bewegungen Macht über Millionen Menschen bekamen. Jeder Bezug auf Gott sollte unterdrückt werden, jedes Recht und jede Moral wurde der Ideologie unterworfen.

Eine säkulare Gesellschaft kann nur dann eine humane Gesellschaft sein, wenn religiöse Tradition, religiöse Sprache, religiöse Erfahrung ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Zusammenlebens haben. So verstehe ich etwa Jürgen Habermas, wenn er vor einem „säkularistisch verhärteten Selbstverständnis der Moderne“ gewarnt hat.

Einfacher drückte es neulich der Autor Navid Kermani aus: „Die komplette Verdrängung des Religiösen, der Verantwortung vor etwas, das größer ist als wir, hat nicht nur moralische oder spirituelle Konsequenzen. Sie versperrt auch den Zugang zu den Grundlagen der eigenen Kultur.“

Zum Wohl des Menschen – und zum Wohl des Kindes – gehört auch die spirituelle Dimension.

In einer Synagoge geht es um diese spirituelle Dimension des Menschen. Noch einmal: Ich freue mich, dass jetzt, neben dem weltberühmten Ulmer Münster, auch die Synagoge wieder erstanden ist. Dazu gehört das Gemeindehaus, in dem Menschen zusammenkommen und sich unterstützen, miteinander reden und feiern. Schön, dass Räume geschaffen wurden, in denen dies geschieht. Aber die Gemeinde, die sich hier trifft, braucht auch ihr geistliches Zentrum, wo das „Höre Israel…“ erklingt. Das Haus, in dem Gott gelobt und bedrängt, gebeten und gepriesen wird, in dem die Menschen erfahren und hoffen, dass sie nicht allein sind, sondern dass sie in der Gemeinschaft der Glaubenden von einem Stärkeren getragen werden.

Ich wünsche der jüdischen Gemeinde Ulm in ihrer neuen Synagoge Gottes Segen.