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Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zum Tag des Ehrenamtes

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 3. Dezember 2012 Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tages des Ehrenamtes - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache © Sebastian Bolesch

Ich freue mich über diesen schönen Vormittag in Schloss Bellevue. Die Sonne lacht – aber selbst wenn wir trübes jahreszeitliches Wetter hätten, würde Schloss Bellevue heute leuchten, weil Sie alle da sind: eine Versammlung von Vermögenden!

Jetzt müssen Sie sich nicht umschauen: Wer ist das hier? Wer gehört zu den Vermögenden? Wer ist der Millionär neben mir? Und Sie müssen sich auch nicht fragen, wen ich genau meine. Sie mögen sich vielleicht nicht reich fühlen – aber vermögend, das sind Sie allemal. Denn Sie verfügen über Fähigkeiten und Ideen. Sie haben Zeit, die Sie anderen zuwenden und Sie haben das Vermögen, sich anderen zuzuwenden. Wer andere bewegen kann und sich in Bewegung setzt, wer dadurch die Fähigkeit entwickelt, etwas zum Guten zu verändern, der gehört hierher! Und wenn wir uns über die unterschiedlichen Arten unseres je eigenen Vermögens unterhalten, dann haben alle diese verschiedenen Gaben, die wir einsetzen für andere, etwas gemeinsam: Dieses Vermögen vermindert sich nicht, wenn wir es teilen. Im Gegenteil: Es vermehrt sich! Das kann man nicht von jeder Art von Vermögen sagen.

Mancher ist hier im Raum, der meint: Warum soll ich ausgezeichnet werden? Ich tue doch nur, wozu ich da bin! Ich mache das Normale. Nun ist das Verständnis von „Normalität“ unter den Landsleuten, unter denen wir leben, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wenn Sie so wollen, sind Sie die besonderen Normalen, die wir heute am Tag des Ehrenamtes auszeichnen.

Was dazu gehört, dass wir unser Vermögen für andere einsetzen können, ist zunächst einmal: Dass wir uns selbst erfahren als Menschen, die zu etwas fähig sind, die vermögend sind auf einem ganz bestimmten Gebiet. Die sich trauen, ihre Kräfte selber zu erkennen und diese Kräfte nicht nur für sich im stillen Kämmerlein zu feiern, sondern mit anderen zu teilen.

Warum machen das nicht alle Menschen? Ich weiß es nicht. Zum einen mag es die Prägung sein. Zum anderen die persönliche Lebenssituation, die uns unterschiedliche Lebensentwürfe nahe legt. Es gehört eine bestimmte Haltung dazu – eine Haltung zum Leben, zu unseren Mitmenschen und auch zu uns selbst. Wer diese Haltung nicht erlernt, der hat es schwer, Verantwortung zu begreifen. Er wird es schwer haben, ein Leben in dieser Haltung der Verantwortlichkeit zu führen. Deshalb glaube ich, dass es richtig ist, wenn wir Menschen wie Sie hervorheben – durch solche Auszeichnungen wie den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland oder durch andere Ehrungen. Wir müssen zeigen, was geht. Wir müssen unsere Erfahrungen teilen. Und das heißt auch, wir müssen sie mitteilen.

Mir kommt es manchmal so vor, als seien die großen Gaben, die in unserer Bevölkerung stecken, verborgen. So wie manchmal die Schätze der Erde, das Gold, das Silber und all die kostbaren Dinge, tief unten im Erdreich sind. Sie müssen geborgen werden, um sie nutzen zu können. Eigentlich ist das, was Sie tun, ja keineswegs verborgen, sondern sie tun es mit anderen und vor anderen. Aber in der medialen Wahrnehmung ist es manchmal so, dass die Unvermögenden, die Übeltäter, die Übertreter von Normen, die Egomanen, dass dieser Menschentypus eine größere Publizität erfährt als Sie, die Sie sich einsetzen für Ihre Mitmenschen. Das können wir nun gemeinsam beklagen. Ob wir das insgesamt ändern können, wissen wir nicht, denn unsere Medien vermitteln ja nur das, wofür sie viele Abnehmer haben. Aber ich will es trotzdem benennen. Weil ich eben das genießen will, die schönen Augenblicke, in denen die Schätze unserer Gesellschaft zu besichtigen sind.

Wir träumen nicht eine menschenfreundliche Gesellschaft – wir leben mitten in ihr. Und Sie sind es, die diese Menschenfreundlichkeit repräsentieren. Sie sind angetreten, Ihr Menschsein nicht zu verbergen und zu verbuddeln und auch nicht in Tresore einzusperren, sondern Ihr Menschsein in der Lebensform der Zuwendung wirklich glaubwürdig zu leben. Damit haben Sie Menschen gerettet, damit haben Sie Menschen geholfen, zu finden, was in ihnen steckt. Und damit haben Sie sich selbst zu einer Lebensform verholfen, die Ihnen einfach schlicht erlaubt, Ja zu sagen zu einem Leben, an dem andere immerfort nur scheitern.

Das alles geht mir durch den Kopf, wenn ich Sie heute hier im Schloss Bellevue empfange. Ganz unterschiedliche Motive haben uns hierher gebracht. Manche haben von Kindesbeinen auf diese Form von Verantwortung und Zuwendung gelernt, weil sie früh Werte von Eltern oder Großeltern, von Kirche oder glaubwürdigen Vorbildern übernommen haben. So will ich sein, so will ich leben. Andere sind durch Lebensabschnitte und Lebensläufe, die sich selber niemals gewünscht hätten, aus einer Lebenskrise heraus, in diese Form des Engagements gekommen. Nämlich durch Krankheit oder Tod eines lieben Menschen. Und andere haben einfach nichts anderes gelernt, als mit anderen für andere da zu sein. Haben gelernt, dass die Form der Achtsamkeit, des Hinsehens, wo andere wegschauen, dass das zu unserem Menschsein dazugehört, so wie unser Vermögen, uns gelegentlich durchzuboxen oder durchzusetzen.

Wenn ich das alles zusammenfasse, fällt mir auf, dass ich noch häufiger als bisher die Klagesermone, die Menschen mit Recht oder mit Unrecht in die Welt setzen, beantworten möchte mit dem Benennen und Besprechen dessen, was uns gelingt. Mit dem Verweis auf Sie, die Sie vor Ort in den Stadtvierteln, in den Dörfern, in denen Sie leben, etwas tun, um Zustände zu verbessern, Menschen dabei zu helfen, in die Spur eines erfolgreichen oder gesunden Lebens zurückzukommen. Behalten Sie den Schatz der Erinnerung, den Sie gewonnen haben in Ihrem Ehrenamt, und trauen Sie mir und unseren Medien zu, gelegentlich über die Kraft und die Schönheit Ihres Ansatzes, ein Mensch zu sein, zu sprechen.

Am liebsten würde ich jeden von Ihnen, liebe Ordenskandidatinnen und Ordenskandidaten, erzählen lassen. Dann wäre hier ein ganz bunter Gobelin vor unseren Augen. Wenn ich Ihnen gleich den Orden übergebe und Ihre Urkunde, dann werden Sie verschiedene Würdigungstexte hören. Sie werden hören, warum wir Sie heute eingeladen haben. Um Ihnen zu danken für so unterschiedliche Dinge wie Hilfe in existenziellen Lebenssituationen. Für den Einsatz beim Erhalt unserer Umwelt. Für die Hilfe, Talente zu entdecken und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten. Für die Hilfe, eine wache Erinnerung zu bewahren und zu erkennen, was unser Land durchgemacht hat, was es gemacht hat und was aus ihm geworden ist, als es anfing zu gesunden. Dann gibt es Menschen, denen wir zu danken haben, weil Sie sich einsetzen für ein gutes Zusammenleben der Verschiedenen, in Deutschland, in Europa und darüber hinaus. Oder für eine konsequente Gegenwehr gegen all jene, die unsere demokratischen Errungenschaften und im schlimmsten Fall auch Menschen mit Füßen treten. Viele von Ihnen sind in so vielen verschiedenen Bereichen unseres Landes aktiv, in so vielen Projekten und Funktionen, dass einem schon bei der bloßen Aufzählung ganz schwindlig wird – aber eben auch warm ums Herz!

Mit Ihrem Vermögen – das haben wir vorhin schon ein wenig reflektiert – gestalten Sie eine der schönsten Möglichkeiten unseres Daseins: Verantwortung zu übernehmen. Wir sind nicht dazu erschaffen, uns nur blind durch unser Leben durchzutasten. Die Verantwortungsfähigkeit gehört zu unserem Dasein als Mensch. Wir kommen also zu uns, wenn wir das tun, wofür Sie heute ausgezeichnet werden.

Aus diesem Grunde müssen wir auch denen unter Ihnen, die sich nicht gerne auf einen Sockel stellen lassen, zumuten, die Rolle eines Vorbildes einzunehmen. In unserer mediengesättigten Welt wird es – gerade für die junge Generation – ohne Vorbilder, die man sehen und anfassen kann, nicht gehen. Wir brauchen Sie nicht nur in Ihren Aktivitäten, für die Sie heute geehrt werden, sondern auch als Vorbilder!

Wer Zeit gibt, wer Zuwendung gibt, wer seine Erfahrungen und Talente mit anderen teilt, wer anderen hilft, auf eigenen Beinen zu stehen, der bekommt meist ganz direkt etwas zurück. Daran zu erinnern, dazu zu ermutigen, ist eine Aufgabe, die nicht nur für mich wichtig ist – auch für mich, deshalb tue ich Dinge wie heute – sondern vor allem für die ganze Gesellschaft. Wir tun nichts, was uns kaputt macht – wir tun in unseren Ehrenämtern etwas, was uns glücklich macht. Uns allen aber sollte daran gelegen sein, dass Ihr Engagement nicht nur als Privatangelegenheit angesehen wird. Deshalb eben mein Verweis auf die Vorbildrolle. Unsere Gesellschaft braucht das Ehrenamt – sie lebt auch vom Ehrenamt. Die Bürgergesellschaft sagt uns: Ja, wir leben in einer lebendigen und zukunftsfähigen Demokratie. Was engagierte Bürgerinnen und Bürger einbringen, freiwillig einbringen, das ist kein nettes Plus, es ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Bürgerkultur.

Die alten Gegensätze – hier der Staat, dort die Zivilgesellschaft, hier die Hauptamtlichen, dort die Ehrenamtlichen – sie führen uns nicht weiter. Was wir brauchen, ist eine bessere Verzahnung von öffentlicher Hand und freiwilliger Tat. Manchmal helfen schon eine Teilzeitstelle und ein Telefon, um die große Bereitschaft zur Hilfe sinnvoll zu strukturieren und mit einer kleinen Struktur zu stützen.

Bürgersinn selbst kann – und darf – kein Staat verordnen. Er kann ihn aber fördern – und sollte deshalb kluge Rahmenbedingungen schaffen, die Ihnen ermöglichen, Ihr segensreiches Tun noch weiter zu entwickeln. Und so kommen wir nun zu dem, was ich heute stellvertretend für unseren Staat tun kann: Ich darf Sie wertschätzen. Ich freue mich, Ihnen ein äußerlich kleines, aber doch so bedeutendes Zeichen des Dankes und der Wertschätzung zu überreichen: den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Das gehört übrigens zu den schönsten Amtshandlungen, die ein Bundespräsident in diesem Schloss vornehmen darf. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Orden – und freue mich darüber, wie sehr Sie unser Land bereichern!