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Abendessen gegeben vom Präsidenten der Republik Kroatien

Bundespräsident Joachim Gauck beim Abendessen gegeben vom Präsident der Republik Kroatien, Ivo Josipovic Zagreb, Kroatien, 7. Dezember 2012 Reise nach Kroatien - Bundespräsident Joachim Gauck beim Abendessen gegeben vom Präsident der Republik Kroatien, Ivo Josipovic © Jesco Denzel


Ich danke Ihnen für den überaus freundlichen Empfang, den Sie meiner Delegation und mir heute bereitet haben. Mit Kroatien verbinden viele Deutsche gute Gefühle. Sie denken an Urlaub, die wunderschöne Küste und die historischen UNESCO-Welterbestätten. Viele haben kroatische Nachbarn oder Freunde. Mehr als 200.000 Kroaten leben in Deutschland. Von Gastarbeitern sind sie zu geschätzten Mitbürgern, zuverlässigen Arbeitskollegen und Freunden geworden.

Wenn ich an Kroatien denke, dann sehe ich einen Baum, der in den letzten 20 Jahren kraftvoll gewachsen ist – manchmal unter widrigen Bedingungen – und der nun erblüht. Die Bürgerinnen und Bürger Kroatiens haben sich ihre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft. Sie haben sich für die Demokratie, für die Herrschaft des Rechts und für Europa entschieden. Aber anders als bei uns in Deutschland nach 1989 verlief der Wandel im ehemaligen Jugoslawien nicht friedlich. Die Menschen mussten einen hohen Preis zahlen, gleich welcher Nationalität sie waren. Sie haben Nachbarn, Freunde, Väter oder Söhne verloren.

Erst gestern hat Kroatien der Bombardierung Dubrovniks am 6. Dezember 1991 gedacht. Die Bilder gingen damals um die Welt. Kriegsbilder aus Europa, die uns tief erschreckt haben. Wir hatten gehofft, dass es sie nie wieder geben würde. Noch tiefer als die Narben im Antlitz der Städte sind die Narben in den Seelen der Menschen, die den Krieg erleben mussten. Für uns Deutsche, ja für fast alle Europäer ist Krieg im eigenen Land eine weit zurückliegende Erinnerung – nicht jedoch für Kroatien und seine Nachbarn.

Umso zukunftsweisender, Herr Staatspräsident, ist daher Ihr unbeirrtes Engagement für Versöhnung. Sie haben Gräben zugeschüttet und Brücken gebaut. Sie fördern den Dialog und die Zusammenarbeit in dem tiefen Bewusstsein, dass die Region nur gemeinsam eine Zukunft haben wird. Dazu gehört die schmerzhafte Selbsterkenntnis, dass auch Kroaten im Krieg Verbrechen begangen haben. Dass Sie diese Auseinandersetzung so kurz nach den schrecklichen Ereignissen führen, ist ein Wagnis, weil nach Krieg oder Diktatur nur ein Teil der Gesellschaft bereit ist, auch eigene Schuld und nicht nur die der „Anderen“ zu benennen, anzuerkennen oder gar zu bedauern. Ich weiß, wovon ich spreche. In Deutschland waren viele erst mit zeitlichem Abstand bereit, sich nicht nur mit dem selber erfahrenen Leid auseinanderzusetzen, sondern auch mit den unvorstellbaren Verbrechen, die Deutsche anderen zugefügt hatten. Aber wir haben schließlich gelernt, dass die Anerkennung eigener Schuld eine Nation nicht beschädigt, sondern heilt.

Ich hatte heute Nachmittag die Gelegenheit, mit Studentinnen und Studenten der Universität Zagreb zu diskutieren. Da wächst eine Generation heran, die Mut macht. Mein Eindruck war, für die meisten von ihnen sind die alten Trennlinien nicht mehr so wichtig. Sie betonen und leben lieber das Gemeinsame – das ist im Übrigen ein Lernprogramm nicht nur für die Länder, die auf die EU zugehen, sondern beständig neue Aufgabe für die „Alteuropäer“.

21 Jahre Unabhängigkeit – das ist keine sehr lange Zeit. Ich bin beeindruckt, wie weit Kroatien in diesen zwei Jahrzehnten schon gekommen ist. Sie haben unter großen Anstrengungen einen demokratischen Staat aufgebaut. Und Sie haben den Weg für den EU-Beitritt geebnet. Gerade in diesen Tagen, da viele mit Skepsis auf Europa blicken, ist es gut zu hören, dass eine große Mehrheit des kroatischen Volkes für den Beitritt gestimmt hat, obwohl die Lage in der EU gerade nicht einfach ist. Das zeigt Ihren Wunsch, Teil dieses gemeinsamen Europas der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz zu sein. Wir freuen uns auf Sie. Denn Sie werden, das ist meine Erwartung, frische Sichtweisen und kreative Lösungen einbringen.

Bevor Ihr Traum Wirklichkeit werden konnte, musste Kroatien lange Verhandlungen führen und zahllose Anpassungen an europäische Standards vornehmen. Sie lassen sich gewiss nicht davon schrecken, dass einige Reformen noch erfolgen müssen, zum Beispiel im Justizwesen oder bei der Korruptionsbekämpfung. Wie in der Vergangenheit kann Kroatien dabei stets auf unsere Freundschaft und Unterstützung zählen. Ich möchte Sie ermuntern, dieses letzte Stück des Weges noch einmal mit Kraft und Einsatz zu gehen, so dass Sie bald die Früchte Ihrer Arbeit ernten können.

In diesem Sinne bitte ich Sie, mit mir das Glas zu erheben und zu trinken: Auf die Gesundheit von Präsident Josipović! Auf die gemeinsame Zukunft unserer beiden Länder in der EU!