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Adventskonzert beim Bundespräsidenten

Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt die Gäste zum Adventskonzert im Großen Saal von Schloss Bellevue   Schloss Bellevue, 13. Dezember 2012 Adventskonzert beim Bundespräsidenten © Henning Schacht

Die stillste Zeit im Jahr ist die Adventszeit wohl längst nicht mehr. Wenn sie es denn je gewesen ist. Aber immer noch – und sei es auch nur in der Werbung, die das Gemüt ansprechen will – ist davon die Rede, immer noch drückt sich darin wohl eine tiefe Sehnsucht aus: dass es eine stille Zeit, eine stillste Zeit womöglich, geben möge!

Ganz eng damit verbunden ist auch die Rede von der „besinnlichen“ Advents- und Weihnachtszeit, die wir uns gelegentlich auch gegenseitig wünschen – obwohl auch das eher in die Kategorie der „frommen Wünsche“ gehört. So nennt man ja bekanntlich diejenigen Wünsche, von denen man schon weiß, dass sie kaum in Erfüllung gehen. Wieso ausgerechnet diese „fromm“ genannt werden, hat sich mir übrigens noch nie erschlossen.

Aber zurück zum ersten Gedanken: Advent als die stille, die stillste Zeit im Jahr.

Wenn wir immer noch in dieser Weise davon sprechen, dann wohl deswegen, weil es in uns allen eine tiefe Sehnsucht danach gibt, einmal wirklich innezuhalten, einmal wirklich zur Besinnung zu kommen. Wir merken, dass wir das brauchen. Wir merken, dass wir ohne gelegentliche Zeiten der Stille oder der Einkehr buchstäblich „besinnungslos“ werden.

Unsere Sinne werden taub und blind – und das Gespür geht uns verloren für das, was unserem Leben Sinn gibt, ihm Richtung und Bedeutung verleiht.

Seit Langem gibt es hier in Schloss Bellevue die Tradition des Adventskonzertes beim Bundespräsidenten. Es soll auf der einen Seite ein Dankeschön sein an Sie, liebe Gäste, die Sie im vergangenen Jahr auf die eine oder andere Weise dem Bundespräsidenten bei seinen Aufgaben geholfen haben: durch Rat und Tat, durch konkrete praktische Hilfe. Auch denjenigen, die meinen Mitarbeitern im Bundespräsidialamt bei der Erfüllung ihrer Pflichten geholfen haben, soll auf diese Weise ein herzlicher Dank gesagt werden. Er verbindet sich nicht von ungefähr mit dem Adventskonzert. Gerade im Advent und an Weihnachten wollen wir ja den Menschen, die uns nahe oder denen wir dankbar sind, mit Gaben und Geschenken etwas Gutes tun.

Aber dieses Adventskonzert beim Bundespräsidenten hat auch noch eine andere Bedeutung. Wenn ich diese Tradition fortsetze, dann nicht deshalb, weil ich meine, ich müsste noch spezielle pastorale Aufgaben wahrnehmen. Sondern weil ich – ganz wie meine Vorgänger – davon überzeugt bin, dass eine Gesellschaft als ganze nur dann auf gutem Wege ist, wenn die Einzelnen ein sinnvolles Leben zu leben versuchen, wenn sie sich immer neu orientieren, über den Tag hinaus denken und den Wundern gegenüber offen bleiben, die uns geschenkt werden können.

Das kann natürlich so ein bescheidener Abend für sich genommen nicht erreichen. Aber er kann doch daran erinnern, dass so etwas notwendig ist. Ich bin nämlich der festen Überzeugung: Besinnung – das ist nicht nur eine spirituelle Übung des Einzelnen. Besinnung ist letztlich auch eine politische und soziale Notwendigkeit, ohne die ein Gemeinwesen die Richtung verliert.

Dazu kann uns gerade dieser Abend – so hoffe ich – ein wenig ermuntern. Denn dazu helfen sehr gut die weihnachtlichen Lieder und Chorstücke, die immer wieder von Erwartung, vom Wunder und vom Neuanfang in Gestalt eines Kindes singen und sagen. Und dazu helfen uns die modernen Texte, die dazwischen gesprochen werden, und die unsere Lebenswirklichkeit in die alten Erfahrungen eintragen.

Ich freue mich, dass heute der Rias-Kammerchor bei uns ist unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann. Ein Ensemble, das zu Recht berühmt ist. Und ich darf Ihnen, liebe Sängerinnen und Sänger, sagen, dass ich mich sehr darüber freue, dass ausgerechnet Sie aus Berlin mein erstes Adventskonzert gestalten.

Die Gedichte, die wir Ihnen in diesem Jahr vorstellen, haben – auch weil es die Chorstücke nahelegen – besonders das weihnachtliche Bild der Krippe zum Thema und sie beschäftigen sich mit der Frage, was das eigentlich ist: ein Kind – und was ein Kind uns verheißt und was es von uns verlangt. Sie werden gelesen – und auch darüber freue ich mich sehr – von Felix Klare, der wohl Ihnen allen als Schauspieler bekannt ist.

Gestatten Sie mir noch eine Bitte. Wir haben das Programm mit vereinten Kräften so gestaltet, dass es eine Einheit bildet aus Musik und Text. Es wäre deswegen schön, wenn Sie Ihrem Applaus erst ganz am Ende Raum gäben. Dann allerdings ruhig kräftig!

Ich wünsche uns allen einen schönen, bewegenden und – besinnlichen Abend.