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Festveranstaltung „Europa schlägt Brücken im Nahen Osten“ des Interdisziplinären Zentrums Herzliya

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Düsseldorf, 16. Dezember 2012 Festveranstaltung des Interdisziplinären Zentrums Herzliya - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede © Felix Heyder

„Europa schlägt Brücken im Nahen Osten“ – wie schön, das Wort „Europa“ kurz nach der Ehrung Europas, der Europäischen Union mit dem Friedensnobelpreis erneut in aller Munde zu sehen und zu hören. Das ist ein wunderbares Erlebnis, und ich freue mich, hier zu sein. Und ich freue mich besonders, weil hier so viele unterschiedliche Menschen mitwirken bei diesem Brückenschlag. Ich finde es großartig, diese weitsichtige Idee nicht nur zu denken, zu träumen, sondern sie ins Leben zu rufen. Die Idee nämlich, dass junge Menschen aus Israel, Jordanien und den Palästinensischen Gebieten in Deutschland zusammenkommen können - aus einer konfliktbeladener Region, aus Städten und Dörfern, die keine Brücken miteinander verbinden, in denen oftmals Mauern stehen. Und diesen jungen Menschen dann hier die europäischen Erfahrungen auf dem langen Weg zur friedlichen Zusammenarbeit zu lehren. Wie unverzichtbar, wie lebenswichtig diese Idee ist – das muss ich angesichts der Toten dieses Herbstes niemandem sagen.

Herr Botschafter Primor, Ihrer persönlichen Initiative ist dieser Brückenschlag zu verdanken. Sie haben hier viele Menschen genannt, die mitgewirkt haben, die Ihnen geholfen haben, das alles zu verwirklichen. Das geht nun schon ins vierte Jahr. Die Verantwortlichen an den Universitäten in Herzliya, in Amman, in Ostjerusalem, sie alle haben meine Bewunderung und meine Hochachtung. Sie haben nicht der Angst und auch nicht der Verzagtheit Raum gegeben, sondern viele von Ihnen haben großen Mut bewiesen, wenn sie ihr Projekt der Annäherung und der Versöhnung auch gegen Widerstände verteidigen. Auch die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist zu rühmen für ihre gute Rolle in dieser guten Sache.

Die Verständigung zwischen den Völkern im Nahen Osten wird hier so lebendig und konkret, wie man es sich nur wünschen kann. Denn sie findet hier am Rhein ja tatsächlich statt, im persönlichen Kennenlernen, in gemeinsamen Seminaren über europäische Geschichte, über Politik, Wirtschaft, Recht und Integration oder aber manchmal beim Fußballspielen. Und eben, als wir draußen waren, Königin Beatrix und Avi Primor und andere, und uns mit den jungen Leuten unterhalten haben, haben wir von der unglaublich kommunikativen Rolle der Küchen gehört und der Tätigkeit des Kochens. Auch so können erste Schritte der Verständigung getan werden. Und die Augen leuchteten richtig dabei. Das war direkt ermutigend. Was hier im ganz kleinen Kreis geübt wird, das soll sich später einmal fortsetzen, auch wenn wir genau wissen, dass ein solches Miteinander zurzeit in den Heimatländern noch nicht möglich ist. Dass manchmal ein virtuelles Beisammensein mit Konferenzschaltungen organisiert werden muss. Aber hier in Düsseldorf, da ist es ganz real. Und damit erschließt sich den jungen Leuten, die dabei sind, eine ganz neue Welt des Miteinanders. Und allen, die das möglich machen, allen, die diese Brücke schlagen helfen, all denen danke ich von ganzem Herzen.

Liebe Studierende dieses Jahrgangs, ich bin noch immer bewegt von dem, was wir eben da draußen gehört haben und was Sie uns und der Ministerpräsidentin erzählt haben von Ihren Gefühlen, die Sie haben. Einige sehen so jung aus, dass Ihre Majestät sich gewundert hat. Bei einem früheren Besuch hier hatten die meisten Studierenden graue Haare, hat sie mir erzählt. Jedenfalls einige - und diesmal seien sie so jung. Und sie seien auch viel mutiger und offener, wunderbar. Also ist schon was gewachsen. Das alles wird also eine ganz wichtige Zeit sein für Sie, die Sie hier studieren können. Miteinander tauschen Sie sich aus, miteinander üben Sie das freie Denken und das freie Reden. In dieser akademischen Atmosphäre ist es egal, woher der kommt, der einen guten Gedanken äußert. Sie freuen sich miteinander, auch abseits der Studien, so unbefangen, wie Sie es in Ihrer Heimat oftmals nicht können. Einfach zusammen nebenbei dann mal in die Altstadt gehen - wie normal der Wunsch! Und wie besonders für Sie, dass Sie es in Düsseldorf einfach tun können!

Sie blicken gemeinsam auf Ihre Länder und Sie entdecken gemeinsam Neues hier in Deutschland. Diese Entdeckungen und Erfahrungen werden Sie auch auf bisher unbekannte Gemeinsamkeiten bringen. Auf Gemeinsamkeiten junger Menschen in dieser Zeit überhaupt, auf Gemeinsamkeiten junger Menschen Ihrer heimatlichen Region, über alle Grenzen und Mauern und alle Isolation hinweg. Freundschaften und dieses gemeinsame Erlebnis einer anderen Kultur – das werden die Geschenke sein, die Sie im nächsten Jahr in Ihre Heimat mitnehmen können.

Zwischen jungen Menschen aus dem Nahen Osten Brücken zu schlagen – das versucht nach der Idee Avi Primors ein Studiengang „Europäische Studien“. Was für ein glücklicher Gedanke! Welcher Studiengang wäre besser als Europa geeignet, die Möglichkeit des Brückenschlags über Mauern und tiefe Gräben hinweg zu beweisen? Was hat nicht alles unsere europäische Geschichte geprägt: Religionskriege, Revolutionskriege, Staatsgründungskriege, Weltkriege, Kalter Krieg mit Stacheldraht und Mauern und noch jüngst Kriege im Südosten Europas – der Frieden war Europa nicht in die Wiege gelegt. Aber immer wieder gab es Menschen, die Mauern überwunden und Brücken neu gebaut haben. Wer hat nicht die Bilder von Mostar im Kopf: die gähnende, schmerzende Leere, wo einst die berühmte Brücke stand. Und dann irgendwann war sie da: die neue, alte Brücke. Ein Symbol des Ringens um Frieden und Miteinander. Manchmal unendlich schwer zu erreichen, aber eben doch gestaltbar.

Es war mutig in Europa, nach 1945 einander die Hand zu geben. Aber die Staatsmänner der ersten Stunde – Adenauer, Monnet –, sie waren keine Träumer. Sie wussten auch gemeinsame Interessen zu entwickeln und dem wachsenden Miteinander dienstbar zu machen. Wirtschaftliche Verflechtung – beginnend mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl – förderte die allmähliche politische Integration. Wir Europäer profitieren gerade heute, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, von dem Vertrauen, das wir gemeinsam aufgebaut haben. Eine solche feste Grundlage trägt auch durch schwere Prüfungen hindurch.

Um nun nicht missverstanden zu werden, wenn ich vom Lernen aus der Geschichte spreche: Das ist kein Lernen schematischer Art – Vokabelheft aufschlagen, wiederholen, noch einmal lesen, wiederholen. Und von hier aus kann man auch keine genaue, historisch gesicherte Bauanleitung für den Frieden einfach in die Hand nehmen und nach Hause tragen. Lernen aus der Geschichte kann heißen, aus Früherem – und erst einmal Fremdem – Kraft und Inspiration für Eigenes zu gewinnen. Zu sehen, dass der gemeinsame Wunsch nach Frieden und Sicherheit die Bereitschaft zu Kompromissen beflügelt. Dass ganz alltägliche, praktische Zusammenarbeit dauerhaften Frieden schaffen kann. Dass sich Mut lohnt – auch in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort. Und dass oft Einzelne vorangehen – und möglicherweise und fast immer nicht sofort Erfolg haben.

An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, dass all das, was wir in Europa als Demokratie preisen, was unsere soziale Rechtsordnung ist, was vielen Menschen das Gefühl gibt, hier gut zu Hause zu sein, und was viele Menschen aus der ganzen Welt einlädt, hierher zu kommen – dass all das nicht von selbst entstanden ist. Sondern bevor es Demokratie gab, gab es Demokraten. Und bevor es eine Rechtsordnung gab für jedermann, gab es Menschen, die der Idee der Gerechtigkeit Stimme gegeben haben und sich auch die Mühe gemacht haben, die Idee der Gerechtigkeit in Rechtsordnungen zu fassen. Bevor dann Gesellschaften der Demokraten existierten, gab es kleine Gruppen, die in Gemeinschaften demokratisches Miteinander einübten. In Städten, bevor es eine Nation konnte.

Das heißt, die Rolle Einzelner ist schwer zu überschätzen. Wir brauchen den Mut der Einzelnen, um später den Mut der vielen und schließlich einer ganzen Gesellschaft zu beflügeln, sich auf Frieden, Recht und Demokratie einzulassen. Dabei gibt es jede Menge Rückschläge. Ich habe ja nicht ohne Grund das Symbol der Brücke von Mostar genannt. Aber auch aussichtslos erscheinende Widersprüche und scheinbar auf Ewigkeiten angelegte Feindschaften können zu Ende gehen. Ich weiß das. Ich habe es erlebt. Als ich 40 Jahre war, konnte ich nicht glauben, dass ich das Ende des kommunistischen Imperiums einmal erleben würde. Für mich war die Mauer in Berlin - die Mauer, die Deutschland trennte - etwas, das vielleicht meine Kinder oder Enkel fallen sehen würden, tatsächlich habe ich es aber fallen sehen. Das heißt, es ist manchmal unglaublich schwer, sich den Brückenbau konkret politisch vorzustellen. Darum brauchen wir den Mut und die Kraft der Einzelnen. Und ich bin so glücklich, meine Damen und Herren, dass sich in diesem Raum aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft so viele Menschen versammeln, um diesem Werk zu dienen.

Liebe Studierende, betrachten Sie also Ihre Studien hier in dieser Gruppe als riesige Chance. Sie treffen auf Gesprächspartner, auf Professoren, die Ihnen davon etwas erzählen werden, was ich eben besprochen habe. Sie nehmen ein Stück Europa mit und diese Geschichte ist die eines mühsamen Brückenbaus, aber eines gelungenen. Berichten Sie dann Ihren Familien und Freundeskreisen von der Zeit mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen, die Sie hier persönlich treffen konnten, und von Ihren gemeinsamen Erlebnissen in Deutschland und Europa.

Durch junge Menschen können Gesellschaften herauswachsen aus Feindschaften und den Spiralen der Gewalt. Das ist auch unsere deutsche Erfahrung dieser letzten Jahrzehnte. Lange zum Beispiel existiert schon das Deutsch-Französische Jugendwerk. Versöhnungsbrücken wurden zu den anderen Nachbarstaaten in Ost und West geschlagen. An dieser Stelle möchte ich Ihnen, Majestät, noch einmal danken für die großherzige Einladung, in Breda die Festrede zum Tag der Befreiung halten zu dürfen! Das hat mich und viele in meinem Land tief bewegt. Ich spreche dieses besondere Ereignis nicht nur deshalb an, weil ich dabei gewesen bin, sondern weil wir uns immer mal wieder ins Gedächtnis rufen müssen, dass Brücken der Versöhnung nicht ein für allemal stehen, sondern jede Generation muss sich neu üben im Brückenbau. Übrigens auch bei der Verteidigung und Weiterausgestaltung der Demokratie.

Ihnen hier, liebe Studierende, werden nationale Ressentiments heute noch so groß erscheinen, aber irgendwann werden Sie Ihnen  nicht mehr einleuchten. Und dann helfen Sie bitte, wenn Sie diesen Schritt getan haben, diesen Geist zu verbreiten! Bleiben Sie bitte doch einfach untereinander in Verbindung und erweitern Sie Ihren Kreis! Nutzen und pflegen Sie Ihre Beziehungen an Ihren künftigen, verantwortungsvollen Positionen zum Wohle Ihrer Nationen! Ich bin sicher, Sie werden das tun, denn dazu sind Sie ja hierher gekommen.

Es kommt auf Sie an. Der Einzelne kann einen Unterschied machen – auch das lehrt die Geschichte. Ich habe darüber gesprochen. Sie können diejenigen werden, die in Ihrer Heimat Ihre Mitbürger in friedlichere Zeiten führen. Sie werden beginnen, Brücken zu bauen. Nach Lebensgeschichten von bitteren Erfahrungen, Verletzungen und Leid ist es schwerer, aufeinander zuzugehen. Dann ist es auch eine Last, und Eltern und Großeltern wissen immer Gründe zu nennen, warum Versöhnung vielleicht eigentlich doch nicht möglich sei. Aber immer wieder schaffen es Menschen, sich füreinander zu öffnen. Mich bewegt zutiefst ein Beispiel aus Ihrer Heimatregion: das „Parents Circle – Families Forum“. Wie dort israelische und palästinensische Eltern, die im Konflikt ihre Kinder durch Anschläge oder in Kämpfen verloren haben, wie sie aufeinander zugegangen sind und heute dann gemeinsam für Versöhnung arbeiten – das ist von einer solchen moralischen Kraft, die im Guten zeigt, wozu wir Menschen fähig sind. Es ist ein großes Glück, dass Sie einander in jungen Jahren begegnen können. Sie, liebe Studentinnen und Studenten, können helfen, es zu beweisen:  Völker sind fähig, dieses Leid zu beenden!

Ich bin beeindruckt von Ihrem Engagement und ich ermutige Sie, auf diesem Weg zu bleiben. Es lohnt sich, auch wenn der Erfolg nur langsam wächst. Mut und Beharrlichkeit – das sind die Pfeiler jeder Friedensbrücke.

Haben Sie Dank!