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Abendessen für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache im Langhanssaal Schloss Bellevue, 17. Januar 2013 Abendessen für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache im Langhanssaal © Henning Schacht

Seien Sie alle miteinander herzlich willkommen in Schloss Bellevue!

Dies ist ein Haus, in dem Bürger von unterschiedlichsten Ebenen der Gesellschaft einkehren dürfen, weil sie hierher gehören. Weil sie alle mit an dem bauen, was die Institutionen nicht alleine bauen: an unserem Staat, unserem Rechtsstaat. Sie bauen mit - mit ihrem Engagement, mit ihrem Bürgertum.

Ich will nicht verhehlen, dass mir als älterem Deutschen dies noch immer eine besondere Freude macht. Denn ich bin ja nun aus dem Osten, möglicherweise der einzige hier im Raum, und da ist eben diese Art von bürgerschaftlichen Engagement Schritt für Schritt den Menschen abhanden gekommen. Nicht weil sie nicht auch gute Menschen wären und nicht auch gerne gute Dinge tun würden, sondern weil die pure Existenz eines Bürgers, eines eigenverantwortlichen Menschen dort nicht nur nicht gewollt, sondern notfalls sogar den Menschen aberzogen wurde.

Und nun müssen Sie sich mal einen kurzen Moment vor Augen führen, dass das ein Prozess war von mehreren Generationen. Denn seit 1933 bis Ende 1989 konnte man den Bürger dort, wo ich herkomme, nicht gebrauchen. Und mit dem Bürger verschwinden dann Tugenden, Haltungen. Und wir bemerken Riesenunterschiede zu einer Zivilgesellschaft nicht nur dann, wenn wir die ökonomischen Strukturen anschauen oder die ökologischen Desaster einer solchen Zeit. Sondern wir bemerken sie auch beim Bürgerengagement.

Als wir nach 1990 durch Sachsen reisten und diese merkwürdigen Betriebe, die dort existierten, anschauten und die Industrielandschaft Sachsens, die man früher durchaus mit Baden-Württemberg vergleichen konnte, nun erneut verglichen nach 50 Jahren Sozialismus, war auf den ersten Blick bemerkbar, was fehlte: das unternehmerische Engagement wie übrigens auch das gewerkschaftliche, das Engagement der Bürger in Parteien, das der Medien - all das war weg. Und wenn eine Wirtschaft keinen Mittelstand mehr hat mit innovativen und kreativen Unternehmern, dann ist es wahrscheinlich auch um die großen Unternehmungen schlecht bestellt, weil sie keinem Konkurrenzdruck standhalten müssen. Wenn dann eine Wirtschaft den Bach runtergeht, sie ihre Produktionsziele verfehlt und vor allem ihre Innovationskraft verliert – dann steht es auch im gesellschaftlichen Bereich, mit der Existenz von Bürgern, nicht besser.

Wenn ich heute aus dem Nordosten, meiner mecklenburgischen Heimat, in den Südwesten komme und mit Bürgermeistern spreche und sie frage: Wieviel bürgerschaftliches Engagement gibt es denn bei Ihnen, im Südwesten, in einem kleinen badischen Städtchen? Und einer erzählt mir von 124 Vereinen – dann sage ich mir, gut, ein paar sind in zwei oder drei Vereinen. Aber ich fasse es nicht, dieses Maß an Selbstorganisation, an freiwilligem Eintreten für ein kulturelles, politisches, religiöses oder wissenschaftliches Ziel. Wie schön, so etwas zu erleben. Und Sie haben nun im Grunde diese Erfahrung mit der Muttermilch aufgesogen. Hinzu kommt, dass Sie Familien- oder Firmentraditionen nahestehen, in denen das Füreinander-da-sein, speziell in dieser Rolle eines Stifters, ein Stück Kultur ist, ein Stück Lebenskultur.

Überhaupt geht es mit dem bürgerschaftlichen Engagement, mit der Kultur der Ehrenamtlichkeit im wissenschaftlichen, kulturellen, im religiösen, im sportlichen Bereich, mit dieser edlen Kultur, das Miteinander zu gestalten, ja keineswegs bergab. Als Bundespräsident wird mir im Gegenteil erst ganz bewusst, wie viel wir davon haben.

Die Bundesregierung verfolgt seit vielen Jahren das freiwillige Engagement der Bürger – und es nimmt nicht ab. Es hält sich sogar leicht steigend auf einem relativ hohen Niveau. Ich habe eben gesagt, in Ostdeutschland geht das langsamer als im zivilgesellschaftlichen Westdeutschland. Aber wir brauchen nicht zu befürchten, dass das nun völlig aus der Kultur unseres Landes verschwindet. Und Menschen wie Sie wirken daran mit, dass diese Kultur, dieses Ethos der Verantwortung uns erhalten bleibt. Und deshalb freut sich natürlich der Schirmherr einer solchen Unternehmung, wie Sie es sind, Sie hier um sich zu haben.

1920 fing es an mit dem Stifterverband – als Unterstützung der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“. Damals, in der Zwischenkriegszeit, war es unglaublich wichtig, dass aus der Industrie, aus den Unternehmungen diese Art von Verantwortung in praktisches Handeln umgesetzt wurde. Schön zu wissen, dass in vielen Unternehmungen eine ganz eigene Unternehmenskultur schon früh in diese Richtung gegangen ist. Ich hatte das Glück, mir in der Firma Bosch einiges von der Familiengeschichte erzählen zu lassen, aber wir können eigentlich viele große Firmen nehmen. Ob ThyssenKrupp oder Siemens oder andere, die ich benennen könnte. Verantwortung zu tragen für mehr als nur das, was den Unternehmensgewinn ausmacht, das gehört eben nicht nur zu unserer Unternehmenskultur, sondern zur Kultur unseres Landes. Es ist ein Stück politischer Kultur, die Sie hier mit ökonomischen Mitteln gestalten.

Vorhin, als ich hier ganz leise zu meinem Pult gegangen bin und Sie sich alle so gut unterhalten haben, habe ich gedacht, eigentlich schade, ich sollte die Leute sich jetzt weiter unterhalten lassen. Denn es dient dazu, uns besser kennenzulernen, Netzwerke zu bilden, schon entstandene Verbindungen zu bekräftigen oder auch neue Ideen auszutauschen, sich neu zu verbinden. Mir ist da bei verschiedenen Gelegenheiten schon Gutes aufgefallen. Bei der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises habe ich das Zusammenwirken von 

Wirtschaft und Wissenschaft gut beobachten können. Das müssen wir weiter ausbauen. Aber mit dem, was Sie tun, erreichen Sie nicht nur ganz konkrete, praktische Ziele für unsere Wissenschaft, sondern geben auch ein Vorbild ab für eine Gesellschaft derer, die sich über den eigenen Tellerrand hinaus engagieren.

Der Stifterverband richtet seinen Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft. „Die kommenden Tage“ – so heißt ein Buch, das Sie gerade veröffentlicht haben: Interviews mit Unternehmern und Wissenschaftlern über das, was auf uns zukommt. Mich hat daran manches interessiert: Gedanken darüber, wie sehr unsere Gesellschaft Bürger braucht, die Verantwortung übernehmen – gerade angesichts der Aufgaben, die wir zu bewältigen haben, und für die wir eine Kultur der Verbindung von unterschiedlichen Ebenen brauchen. Denn staatliches Handeln wird nicht alles Wünschenswerte allein leisten können. Oder es gibt in Ihrem Buch Gedanken darüber, wie es möglich ist, als Internetnutzer noch ein mündiger Bürger zu sein. Es ist kein Luxus, so eine Frage zu stellen, sondern die Mittel der Verführung sind enorm. Oder Sie denken nach über die unglaubliche Beschleunigung, die die Wirtschaft erlebt und befördert und die die Politik fortwährend gestalten muss.

Ich habe kürzlich in einer Rede drei Dimensionen unternehmerischer Verantwortung beschrieben: eine nach innen, die für jedes Unternehmen gilt, die den Erfolg des Unternehmens am Markt sucht. Eine weitere nach außen gerichtete, die wichtig ist für die Akzeptanz des Unternehmens in der Gesellschaft. Und schließlich eine Mitverantwortung für die Ordnung selbst, in der wir leben, für die Regeln, denen wir folgen, für die Debatten, die wir also brauchen, um diese Regeln auf Dauer zu befestigen für all die Dinge, die uns wichtig sind.

Mit der Gemeinschaftsaktion Stifterverband nun wird die deutsche Wirtschaft eben jener größeren Verantwortung fortwährend gerecht, die über dieser Pflicht zum unmittelbaren wirtschaftlichen Erfolg steht und über sie hinausgeht. Dass das Engagement für Bildung, Forschung und Wissenschaft auch in Ihrem wohlverstandenen Eigeninteresse liegt, das schmälert ja nun keineswegs das Lobenswerte daran.

Später wird Professor Tenorth kurz dieses zentrale Anliegen des Stifterverbandes beleuchten: „Bildung als zivilgesellschaftliche Aufgabe.“ Auf Ihre Rede, lieber Herr Professor, freue ich mich. Ich danke Ihnen für die Bereitschaft, uns Anstöße für unsere Diskussion  zu geben. Wer, wie ich, alle Menschen in unserem Land ermutigen möchte, Verantwortung zu übernehmen und das Leben in die eigene Hand zu nehmen, der braucht beständig solche Denkanstöße und Impulse, die helfen, dass Menschen tatsächlich in diese gewünschte Haltung von Verantwortung eintreten. Dabei ist „Bildung für alle“ ein unerlässliches Thema. Ich freue mich auf die Anregung durch Sie alle!