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Konzert zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede in der Berliner Philharmonie Berlin, 22. Januar 2013 Konzert zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede in der Berliner Philharmonie © Guido Bergmann

Ein schöner Anlass, der uns heute in schwieriger Zeit zusammenführt!

Meine Ouvertüre sollen Worte einer deutschen Pariserin sein. Die Schauspielerin Hanna Schygulla war 19, als sie das erste Mal nach Frankreich fuhr. Es war das Jahr 1963. Der französische Präsident Charles de Gaulles und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer hatten gerade den Élysée-Vertrag unterzeichnet:

„Da geht ein Zittern durch die Menschen diesseits und jenseits des Rheins“, schreibt Hanna Schygulla. „Die Deutschen jubeln befreit auf, als de Gaulle, der Chef des Widerstands gegen das Nazideutschland, in deutscher Sprache dem Volk der Deutschen das in Schutt und Asche und Schimpf und Schande verlorene Bild der ‚großen Nation‘ zurückgibt.“

In Frankreich hingegen, so Schygulla weiter, reagierten nicht wenige mit Abwehr. Sie hatten „noch das Getrampel der deutschen Wehrmachtsstiefel die Champs-Élysées hinunter im Ohr.“

Und: „Mir, der Neunzehnjährigen, war in meiner Allergie gegen große Töne damals nicht wirklich zu Bewusstsein gekommen, was der übergroße de Gaulle mit dem komischen Pathos in der Stimme damit wirklich Großes vollbrachte.“ 

Uns, den Nachgeborenen, dürfte sich letztlich nur schwer erschließen, welch weiten inneren Weg ein Mensch zurücklegen muss, der seinem Aggressor die Hand reicht - auf eine Weise, die ihn nach seiner Niederlage nicht demütigt.

Mit souveräner Geste half de Gaulle, das Selbstbewusstsein der Feinde von einst wieder aufzurichten und ihnen mehr Verantwortung für die Zukunft zuzumuten.

Die Herzen der Deutschen hatte er bereits gewonnen, als er das Land im September 1962 fast wie in einem Triumphzug durchquerte.   

Er fuhr nach Duisburg zu den Arbeitern von Thyssen, deren Fabrik Waffen produziert hatte, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg auch gegen Frankreich gerichtet waren. 

Er fuhr nach Hamburg zur Führungsakademie der Bundeswehr, obwohl er im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft hatte. Er fuhr nach Ludwigsburg und richtete das Wort an – ich zitiere: „die Kinder eines großen Volkes.“ Und gewiss – das sage ich als Ostdeutscher – hätten ihm auch die Menschen in der DDR gern die Hand gereicht, mit Freude über die Versöhnung mit Frankreich und mit Dankbarkeit.

Der Élysée-Vertrag war eine große Stunde für Deutschland und eine große Stunde für die deutsch-französischen Beziehungen. Er ließ jene Partnerschaft Wirklichkeit werden, die Winston Churchill schon 1946 in seiner berühmten Rede in Zürich als Voraussetzung einer neuen europäischen Familie gefordert hatte, und die 1950 mit der ersten supranationalen Behörde gemäß des Schuman-Plans ihren Vorläufer gefunden hatte.

Nicht einmal zwei Jahrzehnte nach Kriegsende übernahmen de Gaulle und Adenauer nun umfassend die Verpflichtung zur Gestaltung der Beziehungen zwischen ihren beiden Ländern, obwohl sie noch unter der Last der Vergangenheit litten und obwohl sich ihre Vorstellungen vom Europa der Zukunft durchaus unterschieden. Adenauer imaginierte eine politische Föderation oder Konföderation, Charles de Gaulle das Europa der Vaterländer.

Die Differenz, das sehen wir, schloss einen gelungenen Kompromiss nicht aus.

Die Differenz erfordert manchmal aber Kompromisse, die nicht alle Probleme lösen und unter denen wir auch leiden. Die Europäische Union, mit Frankreich und Deutschland an wichtiger Stelle, steht deswegen beständig vor der Aufgabe, Differenzen freundschaftlich und offen zu debattieren, Lösungen für Ungeklärtes zu erarbeiten und dabei Kompromisse nicht zu scheuen. Unterschiede werden bleiben. Sie auszuhalten, kann mühsam sein. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist oft fruchtbar. Zugleich sind wir alle erfahren genug, um gelassen annehmen zu können, dass, wenn wir uns in zehn Jahren wiedertreffen, wir vielleicht erleben werden, dass  Europa als Ganzes gestärkt worden ist, und zwar durch neue Übereinkünfte, neue gemeinsame Initiativen und vielleicht auch durch manch klugen Kompromiss.

Immer, wenn wir uns dieses Verständnis zu eigen machen, werden Kompromisse nicht zwischen verschiedenen nationalen Interessen, sondern zwischen verschiedenen Lösungsvorschlägen ausgehandelt, für die sich Fürsprecher in unterschiedlichen Nationen finden. In diesem Sinn wollen wir unser bilaterales Verhältnis weiter zu einem Impulsgeber für Europa machen. Wir stehen vor neuen und großen Herausforderungen in Europa und der Welt, die weit mehr braucht als bilaterale Solidarität. Aber ohne die bilaterale Solidarität zwischen Frankreich und Deutschland werden die multilateralen und europäischen Herausforderungen wohl kaum zu bewältigen sein.

Das Wunderbare des heutigen Tages ist, dass hier Enkel und Urenkel der Gründer der deutsch-französischen Freundschaft sitzen, die sich Krieg gegeneinander nicht mehr vorstellen können. Früh und in allen folgenden Jahrzehnten – immer gab es Menschen, die den Weg zueinander gebahnt haben, über alte Grenzen und Trennungen hinweg. Übrigens sind es immer zuerst einzelne Menschen, die Wege bahnen, die erst später von den vielen oder gar von Nationen auch gegangen werden. Kinder – um noch einmal mit Hanna Schygulla zu sprechen –, „deren Eltern ins Feld geschickt wurden, um sich zu töten, verliebten sich ineinander.“ Und Menschen, so erinnere ich mich noch, Menschen wie die französische jüdische Chansonnière Barbara, deren Eltern im Versteck überlebt hatten, konnte nach einem Besuch in Deutschland singen:

„Lasst diese Zeit nie wiederkehren
und nie mehr Hass die Welt zerstören:
Es wohnen Menschen, die ich liebe
in Göttingen, in Göttingen.“

Ich wünschte, die Generation meines Vaters hätte den Wandel unserer Beziehungen miterleben und das Wort „Versailles“ so hören können wie wir es heute hören. Nicht als Symbol für Sieg bei den einen und für Traumata und Demütigungen bei den anderen, sondern auch als den Namen des Ortes, an dem sich vor zehn Jahren, 2003, deutsche und französische Parlamentarier anlässlich des 40. Jahrestages des Élysée-Vertrages zu einer gemeinsamen Sitzung trafen. Aus Erbfeinden, so konnte es jeder in Europa sehen, aus Erbfeinden waren Partner, sogar Freunde geworden – eine tröstliche und beglückende Erfahrung, die später Polen und Deutsche animierte, dem deutsch-französischen Beispiel zu folgen.  

Politik kann und darf Geschichte nicht löschen, aber – und das dürfen wir heute nun wirklich feiern – sie kann Widersprüche zähmen, sie kann Verbindendes entdecken und stärken und sie kann Gemeinsamkeit gestalten.

Bei all dem beständigen Ärger über Politik und Politiker und bei allem Verdruss über bürokratischen Kleinkram dürfen wir heute auch einmal etwas preisen: Politik kann Raum schaffen für Begegnung, für Heilung, gar für Versöhnung.

Wem dieser Satz zu pathetisch klingt, den verweise ich auf die jüngsten Umfragen, die in unseren beiden Ländern gemacht worden sind: Was denken die Menschen über Land und Leute auf der anderen Seite. Und tatsächlich, es ergibt sich: Wir mögen einander, auch wenn es Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten gibt. Wir – die Westdeutschen länger als die Ostdeutschen - haben uns Schritt für Schritt mit Augen, Ohren, Nase und Mund auf französische Wirklichkeit eingelassen und in Treffen des Deutsch-Französischen Jugendwerkes, dem „schönsten Kinde des Élysée-Vertrags“, und zahllosen Städtepartnerschaften Begegnungen erlebt, die uns verändert haben. Für die, die gar die Sprache des anderen lernten, öffneten sich die Tore noch weiter. Manch einer kann schon fühlen, was andere bestenfalls verstehen. Für die Jugend beider Länder, einigen von ihnen begegnen wir hier an diesem Abend, ist das auch heute noch ein wunderbares Geschenk. Dass Sie, meine Damen und Herren, dieses Geschenk nicht nur annehmen, sondern hüten, pflegen und im besten Sinne selbst gestalten mögen – das ist mein Appell, ach es ist eigentlich mehr, es ist ein tiefer, innerer Wunsch.

Was für ein wunderbarer Anlass also, der uns zusammenführt. Doch wie verstörend und erschreckend zugleich, dass er in einer Zeit stattfindet, in der alle friedliebenden Menschen durch Terror und Gewalt herausgefordert sind. Gern würde ich den Namen Mali aus diesem festlichen Abend heraushalten - doch das erschiene mir als Wirklichkeitsverweigerung.

Frankreich hat die Initiative gegen den islamistischen Terror ergriffen, der – wie die Anschläge in London und Madrid gezeigt haben – durchaus auch eine Gefahr für uns in Europa geworden ist. Zu verhindern, dass sich Terroristen Rückzugsgebiete erobern, liegt im Interesse Deutschlands und Frankreichs, im Interesse Europas und im Interesse Afrikas.

Und deshalb dürfen wir bei aller berechtigten Debatte über Art und Umfang unseres Engagements nicht aus den Augen verlieren, was verteidigt werden soll: ein friedliches und sicheres Europa, ein Ort der Freiheit und der Herrschaft des Rechts. 

Es liegt im nationalen Interesse, unsere Sicherheit, unseren Wohlstand und unseren Frieden supranational zu sichern. Dafür braucht es Solidarität im Geiste, aber nicht nur im Geiste, sondern auch Gemeinsamkeit im Handeln.

Jetzt aber zurück zum heutigen Abend. Zurück zur Musik, die uns Europäern oft Inspiration und Hoffnung gegeben hat, wenn im politischen Raum kaum noch Licht am Ende des Tunnels zu sehen war. Heute soll sie ganz besonders Ihnen, meine Damen und Herren, ans Herz gehen, Ihnen, die Sie die Sache der deutsch-französischen Freundschaft mit Herz und Verstand begleiten, mit Ihrer Kraft, mit Visionen, mit Geduld und Arbeit.

Ihnen, den aktiven Bürgerinnen und Bürgern und Ihnen, den aktiven Politikerinnen und Politikern, mag diese Musik heute Dank, Freude und Hoffnung schenken.

Und eines, Herr Präsident, Herr Premierminister, liebe Mitglieder der Assemblée nationale und des Senats, eines dürfen Sie als Gewissheit mit nach Paris nehmen: Ja, wir Deutschen wollen Europa. Und eines ist dabei sicher: Wir wollen es immer und nur in tiefer und fester Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.