Abendessen zu Ehren von Daniel Barenboim
Schloss Bellevue, 5. Februar 2013
Abendessen zu Ehren von Daniel Barenboim - Daniela Schadt im Gespräch mit Daniel Barenboim beim Abendessen im Schinkelsaal
© Jesco Denzel
Verehrter Maestro, wenn ich hier und jetzt versuchen wollte, alle Stationen Ihres so reichen und erfolgreichen Lebens aufzuzählen, dann kämen wir heute Abend wohl erst spät zum Essen. Ohnehin kennen Sie, liebe Gäste, Daniel Barenboim länger und besser als ich. Viele von Ihnen sind langjährige Freunde und Weggefährten. Darum gleich zur Sache:
Dass ich Sie, Daniel Barenboim, heute mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland auszeichne und wir Ihnen zugleich nachträglich zum 70. Geburtstag gratulieren, drückt vor allem den Dank unseres Landes aus: Welch ein Geschenk, dass sich ein so inspirierter und gestaltungsmächtiger Künstler seit so vielen Jahrzehnten Deutschland verbunden fühlt – und welch ein Glück für die heutige Bundeshauptstadt Berlin, dass Sie hier eine ganz wichtige Ihrer vielen Heimaten gefunden haben - nicht zuletzt bei Ihrem Orchester, der Staatskapelle Berlin.
Viele Menschen schwärmen ja von der Völker verbindenden Kraft der Musik – aber nur wenige verkörpern diese Kraft so wie Sie.
Sie sind ein Weltbürger, aufgewachsen in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Kulturen, haben in vielen Ländern gelebt und gearbeitet. Ihre eigentliche Muttersprache aber war und ist: die Musik. Sie ist die Sprache, die es Ihnen ermöglicht, in der Welt unterwegs zu sein – und zugleich immer auch zu Hause, wo auch immer Sie gerade sind, welchen Reisepass auch immer Sie beim Grenzübergang zückten.
Sie begnügen sich nicht damit, die Völker verbindende Kraft der Musik zu beschwören. Sie zeigen, wie spannend es werden kann, wenn man diese Kraft – auch gegen Widerstände – wirklich nutzt: allem voran mit Ihrem West-Eastern Divan Orchestra. Als Außenstehender kann man nur ahnen, wie viele kleine und große Hürden Sie und Ihre Mitstreiter jedes Mal überwinden müssen, um die Musikerinnen und Musiker aus Israel und den arabischen Staaten zum Proben an einem Ort zusammenzubringen. Wir können nur erahnen, wie schwierig es sein mag, für junge Menschen so unterschiedlicher Herkunft einander zuzuhören, sich zu öffnen und dabei zu lernen, den anderen zu achten und zu schätzen. Was wir, Ihre Zuhörer, am Ende aber sehen, hören und spüren, ist tatsächlich die beglückende Erfahrung: „Vor einer Beethoven-Symphonie, Mozarts ‚Don Giovanni’ oder Wagners ‚Tristan und Isolde’ sind alle Menschen gleich.“
Wir ehren heute also einen Menschen, der sein großes Talent dafür eingesetzt hat, etwas noch Größeres zu schaffen. Auszeichnungen, Ruhm und Ehre genießen Sie nicht um Ihrer selbst willen, sondern weil sie Ihnen Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Und ganz offenbar sind Sie Maestro auch dabei, andere für Ihre Projekte zu begeistern: die Stiftung, die Musikzentren in Ramallah, Nazareth und Jaffa, der Musikkindergarten in Berlin – und künftig auch die Barenboim-Said-Akademie hier in dieser Stadt.
Es war eine bezeichnende Geste, dass Sie sich am Tag Ihres 70. Geburtstags nicht etwa zu Hause feiern ließen, sondern im Konzertsaal am Klavier. Gemeinsam mit Ihrem alten Freund Zubin Mehta am Dirigentenpult der Staatskapelle. Den Erlös des Benefizkonzerts haben Sie dem von Ihnen gegründeten Musikkindergarten zugedacht.
Hinter all dem steckt ein humanistischer Geist, der weiß, wie elementar wichtig Bildung ist, um die Welt von verschiedenen Standpunkten aus zu sehen, zu verstehen und zu verändern. Dahinter steckt ein Musiker, für den es nichts Schöneres gibt, als junge Menschen mit Möglichkeiten auszustatten: mit der Möglichkeit, ihr Talent zu entfalten. Und ein Mensch, der Fühlen und Denken nicht trennen mag – und auch nicht Musik und Politik. Ich bewundere, wie furchtlos, unbestechlich und kritisch Sie über die politischen Entwicklungen unserer Zeit sprechen – immer aber mit optimistischem Grundton. Und ich staune, mit welcher Leidenschaft und welchem Einsatz Sie Ihre vielen Aufgaben und Projekte angehen.
Und so ehren wir heute nicht allein den großartigen Musiker Daniel Barenboim, sondern auch einen Grenzenüberwinder und Möglichmacher. „Wir verpassen jeden Tag die Möglichkeit, etwas zu tun.“ – Das haben Sie mal gesagt, das ist der Satz, der Sie ganz offenbar antreibt. Sich selbst, verehrter Maestro, können Sie damit eigentlich aber nicht gemeint haben! Wir verpassen jetzt jedenfalls nicht die Möglichkeit, Ihnen Danke zu sagen – und anschließend einen schönen Abend miteinander zu verbringen!

