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Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede im Sitzungssaal des VN-Menschenrechtsrats Genf, Schweiz, 25. Februar 2013 Reise zum Thema Menschenrechte - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede im Sitzungssaal des VN-Menschenrechtsrats © Sandra Steins

"Der wirkliche Test für die Glaubwürdigkeit des Menschenrechtsrates wird der Gebrauch sein, den Mitgliedstaaten davon machen." Diese Worte von Kofi Annan, dem geistigen Vater des Menschenrechtsrates, füllen diesen Raum. Sie beschreiben die Hoffnung vieler Menschen, die auf dieser Institution ruht – und sie bewegen, so hoffe ich, auch Ihre aller Herzen und Köpfe.

Der Menschenrechtsrat ist ein Ort der Verantwortung, der auch ich mich verpflichtet sehe. Es ist mir eine Ehre und Freude, heute bei Ihnen sein zu dürfen.

Ihnen hat die Staatengemeinschaft die Sorge für das höchste und doch so verletzliche Gut der Menschheit anvertraut. Stellvertretend für sie dürfen und müssen Sie handeln, wenn Staaten ihrer menschenrechtlichen Verantwortung oder ihren Schutzpflichten nicht gerecht werden. Hier ist der Ort, wo konkret und manchmal auch kontrovers auf den Tisch kommt, wenn Menschen in ihren grundlegenden Rechten verletzt werden. Hier haben Sie gezeigt, dass für Sie menschenverachtendes Handeln nicht hinnehmbar ist. Ich denke dabei etwa an die internationale Untersuchungskommission zum Syrienkonflikt. Davon ist mehr vorstellbar und ich wünsche mir auch mehr.

Wer Menschenrechte stärkt, darf öffentliche Kontrolle nicht fürchten. Es ist wichtig, dass der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen die Achtung der Menschenrechte in allen Staaten ohne Unterschiede überprüft. Es ist gut, dass in Ihrer Mitte Menschenrechtsverteidiger und Nichtregierungsorganisationen ihre Stimme erheben können, um Missstände in die Öffentlichkeit zu tragen. Und es ist ein bedeutsamer Fortschritt, dass Ihre Arbeit transparent geschieht, dass die Debatten und ihre Ergebnisse jederzeit über das Internet verfolgt und abgerufen werden können.

Dies ist umso wichtiger, da wir feststellen müssen, dass Menschenrechte zwar in vielen Ländern Teil der Rechtsordnung und auch moralisches Postulat sind, in der Realität werden sie aber oft verletzt und missachtet. Ich nenne die Todesstrafe, für deren Abschaffung ich mich mit Nachdruck einsetze. Ich nenne auch Folter, Gewalt gegen Frauen, willkürliche Haft, das "Verschwindenlassen" und die Einschüchterung von Menschenrechtsverteidigern. Ich nenne die Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft und die Diskriminierung wegen Hautfarbe oder Herkunft. All das ist ja nicht Geschichte, sondern es ist harte Realität. Es kann und muss aber Geschichte werden!

Die Geschichte der Menschenrechte ist auch und vor allem eine Geschichte des Kampfes um ihre Durchsetzung. Überall gab und gibt es ungezählte mutige Menschen, die sich für Grundfreiheiten und Menschenrechte einsetzen.

Ich habe einst selbst erfahren, was es bedeutet, in grundlegenden Freiheiten beschnitten zu werden. Die DDR, in der ich lebte, war – wie andere kommunistische Regime in Mitteleuropa und Osteuropa – einer der Staaten, die sich auf dem Papier zwar zu den Menschenrechten bekannten, die Freiheitsrechte aber tatsächlich mit Füßen traten. Ich habe erfahren, wie wichtig und ermutigend es für diejenigen ist, die unter Menschenrechtsverletzungen leiden, wenn die Staatengemeinschaft auch ihre Heimatländer in die Pflicht nimmt. Ich erinnere mich gut, welch eine Kraft die Deklaration von Helsinki im Jahre 1975 entfaltete. Wenngleich die Schlussakte von Helsinki kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern gewissermaßen "nur" eine selbstverpflichtende Aussage von Staaten war – so hatten doch auch die kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa sie unterzeichnet. Und endlich konnten wir Bürgerinnen und Bürger uns auf jene Rechte berufen, zu denen sich die Machthaber vor der Weltöffentlichkeit bekannt hatten. Und wenn die Herrschenden eine Bindung an ihre Verpflichtungen uns gegenüber gleichwohl immer bestritten – auf westliches Hegemoniestreben, den Kampf der Systeme oder übergeordnete nationale Interessen verwiesen –, so konnten wir doch, wenn wir unsere Rechte einforderten, die Verunsicherung und bisweilen auch Angst in ihren Augen sehen, die Angst nämlich, die Macht zu verlieren.

Aus dieser Erfahrung heraus bitte ich Sie, bei Ihrer Arbeit immer die Menschen vor Augen zu haben, die unter menschenverachtender Herrschaft leiden. Für sie sind Sie Anwälte, ihnen geben Sie Stärke bei ihrem Kampf für Menschen- und Freiheitsrechte.

Diese Angst, von der ich soeben gesprochen habe, ist auch heute vielfach zu spüren. Allen Herrschenden, die das Pochen auf die allgemeinen Menschenrechte als "westlichen Imperialismus" diskreditieren wollen, allen ihnen sage ich: Die Wurzeln dieser Rechte liegen in den unterschiedlichen Kulturen unserer Erde. Zugleich beruhen sie auf universellen völkerrechtlichen Erklärungen und Abkommen. Und zudem: Die Bevölkerung in Ihrem Land - in jedem Land - versteht die Sprache der Menschenrechte sehr gut!

Die Staatengemeinschaft hat vor 20 Jahren mit der Wiener Menschenrechtserklärung noch einmal ein klares Bekenntnis dazu abgelegt – Sie werden ihr gleich im Anschluss eine Paneldiskussion widmen. Und doch gibt es immer wieder Versuche, Menschenrechtsverletzungen mit dem Verweis auf "kulturelle Konventionen" oder auch "traditionelle Werte" zu rechtfertigen. Wo Menschen sich ihrer individuellen Rechte und ihres Rechts auf körperliche Unversehrtheit bewusst werden, da werden sie allerdings den Verweis auf Traditionen nicht als Grund akzeptieren. Gleich welcher Kultur ein Mensch angehört: Folter tötet, verletzt, ist niemals hinnehmbar. Nicht hinnehmbar sind auch Pressezensur und die Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Nicht hinnehmbar ist Zwangsheirat, nicht hinnehmbar ist weibliche Genitalverstümmelung. Zu Recht hat Nelson Mandela, der große Kämpfer für die Freiheit in Südafrika, gesagt: "Einem Menschen seine Menschenrechte verweigern, bedeutet, ihn in seiner Menschlichkeit zu missachten." Die Würde des Menschen zu achten – das sollte die oberste Richtschnur dieses Rates sein.

Kultur wird immer von Menschen geprägt, von ihnen weiter entwickelt und verändert. Mut machen mir solche gesellschaftlichen Debatten, die die Rechte der Frau erweitern, die derzeit in Indien und Ägypten und anderen Staaten geführt werden, oder auch die Debatten über die Gleichberechtigung Homosexueller in immer mehr Ländern weltweit.

Auch Deutschland hat ja für diese Debatten, für diese Entwicklungen Zeit benötigt. Aber unsere Gesellschaft war bereit, überkommene Konventionen im Licht der universellen Menschenrechte zu verändern. Dazu wollen wir auch andere ermutigen.

Ich denke hier besonders an die Transformationsgesellschaften. Sie bedürfen einer schrittweisen, aber umfassenden Wandlung, von autoritären Herrschaftsformen zu demokratischen. Ich bin überzeugt: Mit mehr Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger wird der Respekt vor den Menschenrechten einhergehen. Ich unterstütze diese Debatten, sie konfrontieren die Regierenden mit den universellen völkerrechtlichen Abkommen und den dort festgeschriebenen verbindlichen Normen und Werten!

Und noch etwas ist mir wichtig: Menschenrechte gelten nicht nur universell, sie sind zugleich unteilbar. Die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte und die politischen und bürgerlichen Freiheiten sie  gehören untrennbar zusammen.

Für ein menschenwürdiges Leben müssen Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken, Gesundheit und Wohnen erfüllt sein. Zu einem menschenwürdigen Leben gehören aber ebenso politische Teilhabe, Meinungs-, Glaubens- und Versammlungsfreiheit oder ein effektiver Rechtsschutz. Schon gar nicht dürfen solche Rechte gegeneinander ausgespielt werden, nach dem Motto: Wir stillen jetzt den Hunger nach Brot – den Hunger nach Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung stillen wir später.

Die Geschichte der Durchsetzung der Menschenrechte hat viele Kapitel – und kein Ende. Denn auch da, wo sie errungen werden, muss ihr Bestand gesichert werden. Als Freund der Demokratie und der Menschenrechte sage ich: Auch Demokratien müssen sich fragen lassen, ob sie Menschenrechte relativieren – ob aus außenpolitischen, wirtschaftlichen oder aus anderen Gründen.

Für mich entscheidet sich die Glaubwürdigkeit, mit der Staaten sich für Menschenrechte einsetzen, auch an ihrer Bereitschaft, die eigenen Errungenschaften von anderen kritisch hinterfragen zu lassen. Unser Land stellt sich in diesem Jahr zum zweiten Mal dem Verfahren der universellen Staatenüberprüfung. Die Fragen anderer an uns helfen uns, noch besser zu werden.

Unser Land Deutschland ist ein vielfältiges Land. Wir wollen respektvoll miteinander leben, unabhängig davon, woher wir stammen oder worauf sich unser Glaube bezieht. Wo immer es dafür etwas zu verbessern gilt, will ich dazu beitragen. Vor wenigen Wochen habe ich ein Asylbewerberheim in der Nähe von Berlin besucht und dort mit Erwachsenen und Kindern gesprochen. Unser Land steht zu den humanitären Vereinbarungen im Asylrecht und im Flüchtlingsschutz. Sie wissen vielleicht, dass es in Deutschland vor etlichen Jahren eine rassistische Mordserie gegeben hat, die lange nicht erkannt worden ist. Sie ist beendet, aber die Debatte, wie wir in unserem Land damit umgehen, die hält an. Vor Kurzem habe ich die Angehörigen der Opfer eingeladen und auch ihnen gesagt: Alle Menschen in unserem Land müssen darauf bauen können, dass unser Staat sie schützt.

Sie können sicher sein: Deutschland wird Ihre Arbeit, die Arbeit des Menschenrechtsrats immer unterstützen und dabei besonders die Verständigung zwischen Regionen fördern. Ich bin mir sicher: Von Ihrer Arbeit, von diesem Saal können weltweit beachtete Impulse gegen Unrecht, gegen Unfreiheit, gegen Hunger und Armut ausgehen. Vier leitende Gedanken scheinen mir und meinem Land dabei besonders wichtig:

Ich bitte Sie: Sprechen Sie Menschenrechtsverletzungen offen und ohne falsche Rücksichten an, auch wenn das manchmal bedeutet, Nachbarn und Freunde zu kritisieren - unabhängig von der Größe und dem Gewicht eines Landes. Alle Mitglieder im Menschenrechtsrat sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen.

Dann: Ich bitte Sie: Greifen Sie schnell ein, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Ihre wichtige Funktion als internationales "Frühwarnsystem" sollten Sie weiter ausbauen.

Ich bitte Sie: Ermutigen Sie Regierungen, Menschenrechtsverletzungen, wenn sie geschehen sind, auch aufzuarbeiten. Dass dies möglich ist, wissen die Menschen in den ehemals kommunistischen Ländern Europas, in Südafrika oder auch in den lateinamerikanischen Staaten am besten. Er ist oft schmerzvoll dieser Prozess. Aber nur durch Aufarbeitung und Verantwortlichkeit kann Versöhnung gelingen. Nur so kann innergesellschaftlicher Frieden Wurzeln schlagen – und Freiheit, Sicherheit und Wohlstand gedeihen.

Und zuletzt: Ich bitte Sie: Betrachten Sie Nichtregierungsorganisationen als Partner und nicht als Gegner. Menschenrechtsorganisationen decken Missstände auf, sie beraten Regierungen und tragen zum Bewusstsein für den Wert der Menschenrechte bei. Dort engagierte Bürger tragen, genau wie der Rechtsstaat und freie Medien, zu einer positiven Entwicklung jedes Staatswesens bei.

Ich freue mich daher sehr, dass Vertreter von Menschenrechtsorganisationen hier im Saal anwesend sind. Für Ihren Mut und Ihren Einsatz danke ich Ihnen von Herzen! Menschenrechte brauchen Beschützer. Menschenrechte brauchen Verteidiger. Regierungen mögen manchmal Kritik nicht für richtig halten. Aber das gibt Regierungen nicht das Recht, Kritiker einzuschüchtern, zu misshandeln oder gar zu töten. Staaten, die Kritik unterbinden, bleiben oder werden Unrechtsstaaten.

Menschenrechte bleiben für mich die Grundlage allen menschlichen Zusammenlebens, die Voraussetzung dafür, dass wir unsere großartigen menschlichen Möglichkeiten nutzen können, um unser Leben zum Besseren zu verändern.

Mein Besuch bei Ihnen ist deswegen der Auftakt einer Reihe weiterer Besuche von Menschenrechtsinstitutionen. Im April reise ich zum Europarat in Straßburg und anschließend zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Auch in Deutschland werde ich das Thema Menschenrechte ansprechen und den Dialog mit den Bürgern suchen.

Menschenwürde achten, Menschenrechte durchsetzen – das ist ein Projekt, das andauert und das ich mir als Bürger und als Präsident meines Landes zu eigen mache. Verzagen wir nicht angesichts der Größe der Aufgabe. Gemeinsam mit vielen habe ich erlebt, wie Menschen, die machtlos erschienen, einen übermächtigen und menschenverachtenden Staat, ein ganzes Regime, ein Imperium zu Fall bringen konnten. Ich habe erlebt: Zusammen können wir etwas bewirken und die Welt menschenwürdiger machen. Ich habe erlebt: Wer die Botschaft der Menschenrechte überhört, der wird sich früher oder später auf der Verliererseite der Geschichte befinden.

Ich wünsche dem Menschenrechtsrat beständigen Erfolg im Bemühen, allen Menschen in allen Erdteilen Teilhabe zu ermöglichen. Teilhabe am kostbarsten Gut über das Menschen in ihren Gesellschaften verfügen können: den Menschenrechten.