Navigation und Service

Staatsbankett zu Ehren des Präsidenten der Italienischen Republik, Giorgio Napolitano

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache beim Staatsbankett zu Ehren des Präsidenten der Italienischen Republik, Giorgio Napolitano, im Großen Saal Schloss Bellevue, 28. Februar 2013 Staatsbesuch des italienischen Präsidenten - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache beim Staatsbankett zu Ehren des Präsidenten der Italienischen Republik, Giorgio Napolitano, im Großen Saal © Jesco Denzel

Es ist für mich eine ganz besondere Freude, heute Abend einen der großen wahren Freunde unseres Landes begrüßen zu dürfen. Lieber Herr Napolitano, Ihr Staatsbesuch hat vor zwei Tagen – etwas unkonventionell – nicht hier in Berlin, sondern in München begonnen: Wir hatten das Vergnügen, dort gemeinsam Verdi zu hören, den großen Italiener und Europäer. Und nun sind Sie hier in Schloss Bellevue. Wir freuen uns auch darüber, dass wir Ihnen zum wiederholten Mal „Herzlich willkommen“ sagen können.

Ich kann Ihnen, liebe Gäste, wohl kaum etwas über die Beziehungen zwischen unseren Ländern erzählen, was Sie nicht schon wüssten. Viele von Ihnen, meine Damen und Herren, sind ja selbst Gestalter, das heißt, Sie sind Teil dieser Beziehungen, deren Blühen wir heute feiern. Sie haben alle, die Sie daran mitgewirkt haben, unsere Freundschaft gestärkt. Ich will darum die Zeit bis zu unserem gemeinsamen Essen nicht mit ausgreifenden Erzählungen füllen, nicht nur darauf verweisen, dass über eine halbe Million Italienischstämmiger in unserem Land Heimat gefunden haben und dass sie es bereichert haben. Ich möchte nicht lange reden über die so geschätzten Vorzüge italienischer Lebensart, über die zahlreichen kunsthistorischen Beweise für die Dauer und Tiefe der deutsch-italienischen Freundschaft, über die engen wirtschaftlichen und die einzigartigen kulturellen Verbindungen zwischen unseren Ländern. Was ich kann und was ich möchte, ist, meine persönlichen Beobachtungen, Gedanken und Gefühle mit Ihnen zu teilen.

Dazu gehört nun zu allererst, Ihnen, Herr Präsident, meine große Hochachtung auszusprechen. In den sieben Jahren Ihrer Amtszeit als Staatspräsident haben Sie sich mit all Ihren Erfahrungen aus der Politik und aus Ihrem beeindruckenden Leben dafür eingesetzt, dass wir nicht vergessen, was geleistet wurde, nach all den Jahren des grausamen Nationalismus zu einem friedlichen, solidarischen und menschenfreundlichen Europa zu finden. Sie haben einst selbst als junger Mann den von den Deutschen entfesselten Krieg erlebt, Sie waren aktiv im Widerstand gegen Faschismus, das Mussolini-Regime und dann die deutsche Besatzung – und haben aus dieser Erfahrung heraus über viele Jahrzehnte hinweg das friedliche Zusammenwachsen unseres Kontinents mitgestaltet. Welch ein Geschenk für Deutschland, dass Sie unserem Land dabei ein guter Freund geworden sind! Herzlichen  Dank dafür!

Ein guter Freund ist ja manchmal auch ein kritischer Freund. Ich weiß, dass Ihnen die Arbeit der Deutsch-Italienischen Historikerkommission sehr am Herzen gelegen hat. Zu Recht. Mir auch. Denn die – allzu oft verleugneten oder verdrängten – Verbrechen an Ihren Landsleuten unter der deutschen Besatzung beschämen uns bis heute. Ein solches Verbrechen wurde auch in Sant'Anna di Stazzema begangen. Sie haben mir heute Morgen den anrührenden Brief eines Überlebenden dieses Massakers überreicht, Enrico Pieri, der nach dem Krieg in Deutschland heimisch wurde. Wenn wir, wie ich hoffe, gemeinsam Sant'Anna di Stazzema besuchen könnten, dann würde mich das freuen und ich wünsche mir, dass die Übergabe des Abschlussberichts der Historikerkommission an unsere Außenminister vor wenigen Wochen nicht etwa ein Schlussstrich werden soll einer für beide Seiten schmerzhaften Aufarbeitung, sondern dass im Gegenteil die weitere aufrichtige gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit gefördert wird. Wir Deutsche haben schlechte Erfahrungen mit dem Verdrängen von Fakten und der Leugnung von Schuld gemacht. Aber das war eine andere Epoche. Wir haben gute andere Erfahrungen gemacht seither. Wir wissen, dass wir unserer geschichtlichen

Verantwortung gerecht werden, wenn wir sie nicht verdrängen, sondern die Vergangenheit ehrlich aufarbeiten.

Nicht erst seit unserem harmonischen Treffen mit dem polnischen Staatspräsidenten Komorowski in Neapel, Ihrer Geburtsstadt, haben uns aber europäische und auch nationale Gegenwartsthemen weit mehr bewegt. Ein Beispiel ist die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten, die Wut und Verzweiflung einer Generation, die ihre Chancen auf ein Leben in Selbstbestimmung dahinschwinden sieht und die leicht von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden kann. Ich war darum froh zu hören, dass unsere Arbeits- und Bildungsministerien vor wenigen Wochen – ebenfalls in Neapel – vereinbart haben, künftig gezielt Erfahrungen gerade in der beruflichen Bildung zu teilen. Von allen hier im Saal, die die Möglichkeiten dazu haben, erhoffe ich Unterstützung!

Solidarität in Europa ist untrennbar mit der Achtung geteilter Verpflichtungen und gemeinsamer Regeln verknüpft. Das bedeutet, dass jedes Land der Europäischen Union seinen eigenen Beitrag leisten muss. Deutschland vertraut darauf, dass eine neue Regierung Italiens die Leistungskraft des Landes weiter gezielt stärken wird. Ihr Land ist ein reiches Land: reich an Kreativität, Wissen, an Kapital, auch an Möglichkeiten. Wir Deutschen bewundern ja die Italiener seit jeher auch dafür. So bin ich zuversichtlich: Diesem großartigen Land wird es gelingen, seine Zukunftsaussichten weiter zu verbessern. Sie, verehrter Herr Präsident, werden die verbleibenden wenigen Monate Ihrer Amtszeit gewiss nutzen, beharrlich darauf zu drängen, was an Reformen noch zu tun ist – und dabei an das zu erinnern, um was es geht: um die Zukunft eines gestärkten Europa, um die Zukunft unserer Kinder.

Deutschland und Italien werden als überzeugte Europäer und als Gründungsmitglieder der Europäischen Union weiter Seite an Seite stehen. Wir sollten uns – wie wir es in unserem „Aufruf von Neapel“ gemeinsam formuliert haben – auf unsere Kreativität besinnen, auf unsere ökonomischen Fähigkeiten, auf unsere politische Kultur, zu der ehrlicher Streit ebenso gehört wie die Kultur errungener Konsense.

Vergessen wir auch nicht: Es gibt so vieles in unseren Beziehungen, über das wir uns doch einfach freuen können. Gerade Ende letzter Woche habe ich hier im Berliner Martin-Gropius-Bau Stipendiaten von der Deutschen Akademie in Rom getroffen, die bereichert von ihrem Arbeitsaufenthalt in der Villa Massimo nach Deutschland zurückkamen. Andersherum hat es mich gefreut zu hören, dass der spektakulärste Neubau Roms das neue Gebäude der berühmten Bibliotheca Hertziana ist – einst gestiftet von der jüdischen Kölnerin, Wahlrömerin und Mäzenin Henriette Hertz. Gebaut – habe ich mir sagen lassen – mit Hightech auf antikem Boden und zu einem Drittel mit Fördermitteln der deutschen Industrie.

Das ist doch ein schöner weiterer Erfolg. Sehr verehrter Herr Präsident, das Sie für Ihren letzten Staatsbesuch Deutschland gewählt haben, bedeutet mir viel. Aus persönlicher Verbundenheit und weil die Beziehungen zwischen unseren Ländern so ausgezeichnet sind. Für die kommenden Jahre wünsche ich Ihnen Gesundheit und Schaffenskraft. Und gestatten Sie mir einen Wunsch: Möge Sie Ihr Weg noch häufig nach Deutschland führen.

Lassen Sie uns nun, meine Damen und Herren, das Glas erheben und anstoßen auf Ihr persönliches Wohl, verehrter Herr Staatspräsident, auf das Wohl Ihrer Frau und Ihrer Familie, auf eine gute Zukunft Italiens und auf die Freundschaft zwischen unseren Völkern in einem weiter zusammenwachsenden Europa.