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Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an 33 Bürgerinnen zum Weltfrauentag

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 7. März 2013 Verleihung des Verdienstordens an 33 Bürgerinnen zum Weltfrauentag - Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache © Henning Schacht

Herzlich willkommen! Ordensverleihungen gehören zu den schönsten und dankbarsten Momenten hier in Schloss Bellevue. Die Ausgezeichneten fühlen sich bestärkt, weil sie mit ihren besonderen Leistungen wahrgenommen, in den Fokus gestellt, anerkannt werden. Und ich selbst bin dankbar, weil ich bei diesen Anlässen zeigen kann: Deutschland ist unglaublich reich an leidenschaftlichen Menschen und an guten Taten! Das wird ja oft übersehen, jedenfalls in der medialen Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Jeder Orden, der hier verliehen wird, so auch der heutige, steht für die Haltung: Leben und Geben. Die einen geben ihre Zeit und ihre Kraft für die Gemeinschaft, die anderen ein besonderes Talent oder ihr bekanntes Gesicht für ein Thema, das sie sich zur Herzensangelegenheit gemacht haben.

Leben und Geben – diese Haltung ist nicht geschlechterspezifisch, aber sie wird noch unterschiedlich honoriert. Männer werden deutlich öfter und lauter gelobt für ihren ehrenamtlichen Einsatz als Frauen. Wir haben festgestellt, dass auch bei uns im Präsidialamt die Statistik in Bezug auf dieses Problem noch ausbaufähig ist. Ich verspreche Ihnen, dafür zu sorgen.

Dabei engagieren sich Frauen – abgesehen von den Jahren, in denen die eigenen Kinder klein sindfast genauso oft ehrenamtlich wie Männer. Aber sie tun es in anderen Feldern und auf andere Weise, deshalb werden sie in ihrem Tun häufig übersehen. Frauen widmen sich meist dem sozialen Zusammenhalt, sie helfen, betreuen, beraten, oft im Hintergrund. Männer dagegen üben regelmäßig Ehrenämter aus, die mit Entscheidungs- und Leitungsfunktionen verbunden sind. Sie repräsentieren und führen. Und viele haben im Privatleben eine Frau an ihrer Seite, die dafür die Freiräume schafft. Die Rollenerwartungen und Rollenzuschreibungen, die wir seit Jahrzehnten im Verhältnis der Geschlechter kontrovers diskutieren, prägen auch das gesellschaftliche Engagement und unsere Anerkennungskultur. So kommt es, dass Staatskanzleien in den Ländern sagen: Auszeichnungswürdige Männer kennen wir in jeder Gemeinde. Aber von engagierten Frauen fehlen in unseren Akten leider die Namen und Adressen! Ich erwähne dies, weil wir ja die meisten Vorschläge für Orden aus den Staatskanzleien der Länder erhalten.

Heute steht nun ein Mann vor Ihnen mit der festen Überzeugung: Ich möchte die Orden nicht nach Aktenlage verteilen, sondern das wahre Leben in die Aktenschränke einziehen lassen. Ich möchte dazu beitragen, dass bürgerschaftliches Engagement unverzerrt wahrgenommen und geschlechtergerecht gewürdigt wird. Denn nicht zuletzt aus eigener Erfahrung in vielen Jahren Kirchenarbeit und später als Ehrenamtlicher in Vereinen und Initiativen weiß ich: Frauen sind engagiert – und wie!

33 Geschichten vom Leben und Geben können wir heute erzählen. 33 Namen werden wir hören. Und 33-mal wird mein Dank mit einer Bitte verbunden sein: Bitte bleiben Sie nicht so bescheiden!

Viele Frauen haben bei ihren Müttern und Großmüttern erlebt, dass es als selbstverständlich gilt, für die Familie, für die Nachbarn, für die Kirchengemeinde da zu sein und eigene Belange zurückzustellen. Schade, dass wir Männer das bei unseren Vätern und Großvätern nur sehr selten gelernt haben, jedenfalls nicht als Selbstverständlichkeit. Viele Frauen empfinden noch heute: Es steht mir nicht zu und steht mir nicht gut zu Gesicht, für meinen Einsatz Dankbarkeit zu erwarten. Auch wenn ich heute der einzige Mann hier vorne bin, erlaube ich mir mit besonderer Deutlichkeit zu sagen: Engagement braucht und soll sich nicht verstecken! Engagement verdient Anerkennung – bei jedem Mann, bei jeder Frau, die bereit ist, anderen etwas zu geben.

Frauen bewältigen so viel mehr als wir – die Männer, die Gesellschaft – oft zur Kenntnis nehmen wollen. Deshalb sollen heute ganz gezielt 33 Frauen ausgezeichnet werden, deren freiwillige Arbeit viel kostbarer ist, als es ein Orden symbolisch auszudrücken vermag:

Sie unterstützen Menschen mit Behinderung dabei, einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft zu finden. Sie begleiten Sterbende in den letzten Stunden ihres Lebens. Sie helfen Kindern und Erwachsenen, nach einer schweren Krankheit oder einem Schicksalsschlag in den Alltag zurückzukehren.

Dieser Einsatz kennt keine sozialen oder geografischen Grenzen. Ich denke zum Beispiel an die sogenannte „Tellerfrau“, die 1990 aus Ghana nach Deutschland kam. Mit dem Tellergeld, das sie als Reinigungskraft der öffentlichen Toiletten in der Düsseldorfer Altstadt verdiente, gründete sie in der fernen Heimat ein Kinderheim, später sogar ein zweites. Kann man mit 50 Cent die Welt retten? Ja, es gibt eine Frau, die kann das! Es gibt sogar ein Buch, das uns ihre Geschichte erzählt.

Jeder Orden steht heute für Dienste und Verdienste am Menschen, steht für Mitmenschlichkeit, für ein gutes Miteinander. Das kann in der Kommunalpolitik sein, in einer kirchlichen oder karitativen Einrichtung, in Kunst, Kultur oder Bildung. Das findet in der Wissenschaft statt oder in der Wirtschaft. Das geschieht überall zwischen Hamburg, Berlin und München, auch in Afrika, Pakistan und Indien. Und es passiert mit Mitte 30 genauso wie mit Ende 80. Ihr Tun, liebe Ehrengäste, ist beispielhaft für viele bislang unerkannte und unerwähnte engagierte Frauen in Deutschland. Die heutige Auszeichnung soll die Leistungen von Frauen für unsere Gesellschaft sichtbar machen und zugleich Einladung und Anregung für viele andere sein, sich freiwillig einzubringen.

Frauen für Frauen – diese besondere Form der Solidarität bei einigen Projekten hat Daniela Schadt und mich sehr beeindruckt. Die Erfahrungen unserer Ehrengäste zeigen, wie die Ermutigung und die Ermächtigung von Frauen trotz aller Vorbehalte gelingen kann, etwa im Kulturklub gemeinsam mit jungen Migrantinnen oder bei den Landfrauen, deren Selbstverständnis längst so rundumerneuert ist wie das Landleben insgesamt, oder in den Vorstandsetagen und Aufsichtsräten, wo die Verantwortlichen lernen: Es geht darum, die Fähigkeiten eines jeden Menschen zu erkennen und in Wert zu setzen.

Ich darf heute starke Frauen auszeichnen. Ich bin dankbar dafür, weil es starke Gründe dafür gibt. Ich bin es aber auch ganz persönlich, weil starke Frauen auch mein Leben sehr oft geprägt haben. Zugleich möchte ich diesen besonderen, freudigen Anlass nicht verstreichen lassen, ohne an jene Aspekte des Weltfrauentages zu erinnern, die uns nachdenklich machen und uns beunruhigen. Der 8. März erinnert uns an die Stärken der Frauen, aber auch an diskriminierende Bedingungen, mit denen Frauen weltweit schwach gemacht und schwach gehalten werden. Ich will nicht darüber schweigen, wie weit wir vielerorts noch von der Gleichberechtigung der Frauen entfernt sind – und wie Frauen weiterhin kämpfen müssen: für gleiche Löhne und gleiche Rechte, für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für gleiche Bildungschancen oder generell für das Recht auf Bildung und leider immer noch gegen lebensbedrohende Gewalt.

Auch in unserer Gesellschaft, die uns allen so entwickelt und reif erscheint, gibt es noch Benachteiligung, auch Diskriminierung und alltäglichen Sexismus. Ich begrüße es, wenn wir – und damit meine ich Frauen wie Männer gleichermaßen – darüber eine ebenso engagierte wie ernsthafte Debatte führen, die diese Missstände benennt und aufdeckt und die vor allem gesellschaftliches Um- und Weiterdenken ermöglicht.

Heute und hier begegnen uns Frauen, die Erfahrung im Um- und Weiterdenken haben, und die die Verhältnisse schon bewegen. Wenn die Botschafterinnen von Terre des Femmes erzählen, wie es gelingt, dass sich zum Beispiel ganze Dörfer entschließen, die zweifelhafte Tradition der Genitalverstümmelung aufzugeben, dann möchte man am liebsten für jedes einzelne unversehrte Mädchen einen Orden verleihen.

Der Blick auf die dramatische Situation von Frauen in anderen Teilen der Welt, die täglichen Nachrichten von Vergewaltigungen und Rechtlosigkeit, zeigen uns: Es gibt noch unendlich viel zu tun für Frauen – und nicht nur von Frauen.

Und nicht nur in der Ferne! Wir schauen so oft auf andere Kontinente, aber auch am Rande Europas werden weibliche Embryonen noch gezielt abgetrieben. Nicht nur außerhalb der Europäischen Union gibt es Frauenhandel und damit verbundene Zwangsprostitution, Zwangsheirat oder Ehrenmorde, sondern auch in Deutschland. Und auch in Deutschland ist häusliche Gewalt die häufigste Ursache von Verletzung von Frauen. Jährlich nehmen über 30.000 Frauen mit ihren Kindern die Beratung und den Schutz von Frauenhäusern in Anspruch. Fast jede zweite Frau, die in der Bundesrepublik getötet wird, ist Opfer ihres aktuellen oder ehemaligen Partners.

Was wir auch nicht vergessen dürfen: Unter uns leben viele Frauen mit tiefen seelischen Verwundungen – Migrantinnen, die aus ihren Heimatländern vor Bürgerkrieg und vor staatlicher oder gesellschaftlicher Gewalt geflohen sind.

Was sich glücklicherweise in der letzten Zeit verändert hat: Das Schweigen darüber nimmt ab. Der Tod der 23-jährigen Studentin in Neu-Delhi vor zwei Monaten hat weltweit zu Protesten geführt. Und was mich ermutigt: Überall fanden sich auch Männer unter den Demonstranten, denn sie wissen: Ohne die Gleichberechtigung der Frauen wird es keine wirklich demokratische Gesellschaft geben. Die Gleichberechtigung von Frauen ist ein Gradmesser für Demokratie.

Und so, meine Damen, sehen Sie mich – und das nicht nur am Weltfrauentag – an Ihrer Seite, wenn es darum geht, die Rechte der Frauen zu verteidigen oder sie zu erringen: sowohl dort, wo ihnen Gewalt angetan wird, wo sie gedemütigt und erniedrigt werden, als auch dort, wo sie mit geringerer Entlohnung oder mit geringeren Positionen in Betrieben, Vorstandsetagen, Aufsichtsräten benachteiligt werden. Es geht darum, eine Praxis durchzusetzen, in der die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen gewährleistet ist.

Wir sprechen eigentlich etwas Selbstverständliches aus, für das wir dennoch – Sie wie ich – werben, arbeiten und notfalls auch einmal kämpfen müssen.

Die heutige Veranstaltung ehrt Frauen, für die Leben und Geben zusammengehören. Den Orden empfangen einzelne Frauen – für das, was sie geleistet haben. Aber er ist immer auch ein Denkanstoß für alle.