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350. Geburtstag von August Hermann Francke

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Halle (Saale), 23. März 2013 Festveranstaltung zum 350. Geburtstag von August Hermann Francke © Andreas Stedtler

Zwei Reden möchte ich eigentlich heute halten. Eine würde von Menschen handeln, die leben, die unsere Zeitgenossen sind. Da sind große und schlimme Figuren drunter, die uns Jahrzehnte in Diktatur gebracht haben und diese Stadt in ein Aschegrau verwandelt haben unter Vernachlässigung kultureller und religiöser Schätze. Sie würde von Menschen handeln, die sich deshalb trotzdem nie haben unterkriegen lassen, von Menschen, die in der Umbruchzeit gewusst haben, wir müssen nicht nur eine neue Gesellschaft, sondern auch unsere kulturellen Schätze gestalten. Und sie würde davon handeln, dass sich Ost und West zusammengefunden haben. Es wäre eine Sonnengeschichte, wie es der heutige Tag ist über diesen geschmückten Häusern, die einst so darniederlagen.

Aber diese Rede kann ich nicht halten. Und so beginnt meine Festrede mit einem Wort, dass ich von August Hermann Francke, unserem Jubilar, habe: „Gott zu Ehre, dem Menschen zum Nutzen“.

Exzellenzen, Herr Ministerpräsident, lieber Herr Professor Obst, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, fühlen Sie sich alle eingeschlossen in meine große Freude und in meinen großen Dank an die, die Sie sich hier heute versammeln können und jene, die draußen sind und die irgendwann einmal dieses Werk mitgestaltet haben und noch mitgestalten werden. Es gibt richtig viele solcher Menschen, viel mehr als wir denken, wenn wir Zeitung lesen und Fernsehen schauen und Rundfunk hören. Sie lassen mich sagen: Wir leben mit großartigen Bürgern in dem besten Deutschland, das Deutschland je hatte.

Und Halle, diese Stadt mit dieser wechselhaften Geschichte, ist ein besonders geeigneter Ort, gerade dies festzustellen. Ich meine also nicht, dass hier alles unverbesserlich getan sei. Das kann man ja gar nicht meinen. Aber ich meine wohl: Wir haben so gute Voraussetzungen wie nie zuvor, mitzugestalten – viele in unserem Land tun es und überdurchschnittlich viele davon scheinen hier in Halle zu wohnen. Das hätte ich als Mecklenburger nicht gedacht.

Ich kann, gestützt auf die Erfahrungen, die ich in den vergangenen Monaten gesammelt habe von diesen Netzwerken positiv denkender und handelnder Menschen, nur sagen: Es gibt wahrscheinlich in diesem Land noch viel, viel mehr solcher Menschen. Gestern bei meinem Antrittsbesuch in Schleswig-Holstein, ging es mir wieder so. Wenn dann die Bürgerinnen und Bürger zu einem treten und erzählen, was sie machen, dann ist das immer so, als würde man an einem Geburtstag Geschenke in die Hand gedrückt bekommen. Ach diese Frau, ja, wenn ich der begegnet wäre, ich hätte das ja niemals gedacht, was in der Frau steckt. Was in diesem Jungen steckt, was macht er da in seiner Freiwilligen Feuerwehr, in seiner Arbeitsgemeinschaft, ist ja unglaublich. Wer hat es ihm denn befohlen? Alle diese wunderbaren Erfahrungen, die sammle ich. Die hebe ich auf, die nehme ich mir in den Kopf und ins Gemüt. Und dann trete ich gelegentlich vor unsere Bürgerinnen und Bürger in diesem so gern verzagten und aufgeregten Land. Und sage: Leute, es geht, es geht wirklich. Und wenn ihr es nicht glaubt, na dann kommt eben mal nach Halle.

Oft entdecken Menschen, wenn sie sich einlassen auf eine Aufgabe, die sie sich selbst erwählt oder zu der sie eingeladen sind, in sich etwas, was vorher nicht da war. Eine Kraft. Manchmal merken sie auch die Begrenztheit ihrer Kräfte. Und dann ist es gut, wenn es etwas gibt, ein „dennoch“, was ihnen erlaubt, trotz ihrer Schwäche eine Kraft in sich wachzurufen, die sie früher gar nicht kannten. Vielen Menschen ist das geschehen im Vertrauen auf Gott, im Glauben.

Und wir begegnen heute in unserer Erinnerungsfeier solchem Geschehen, personifiziert in einem Menschen, der in einer Zeit ungewöhnlicher Gleichgültigkeit vieler gegeneinander diesem Prinzip der Gleichgültigkeit ein anderes Prinzip entgegengesetzt hat. Davon wird zu reden sein. Halle ist mit August Hermann Francke ein Ort geworden, wo so ein Wandel des Denkens und des Handelns ganz anfassbar Gestalt geworden ist. Sozusagen eine historische Produktionsstätte pietistischer, pragmatischer und politischer Mitbürger. Also, liebe Bürgerinnen und Bürger, das ist der Grund, warum ich nun hier wieder, wie schon an so vielen anderen Orten Deutschlands, sagen kann: Ich bin gerne hier. Unter solchen Menschen fühle ich mich zu Hause.

Ich kenne kaum einen Ort in unserer Republik, wo die Erinnerung an unter Gefahren Gelingendes, diese Einstellung, anzupacken, historisch so tief verwurzelt ist. Und ich weiß wohl, gerade Sie könnten lange und eindrucksvoll von Steinen reden, die aktiven und Gutes wollenden Menschen in den Weg gelegt worden sind. Mir persönlich sind in den vergangenen Jahren – wie vielen anderen – August Hermann Francke und seine Nachfolger zu einer Wiederentdeckung geworden. Und ich habe eben in den Vorträgen schon wieder Neues hinzugelernt.

Darum werden wir heute nicht nur die wahrlich museumswürdigen Impulse würdigen, die von Francke ausgegangen sind, von dem großen Mann des Pietismus, dem Pädagogen, dem Unternehmer, dem Pfarrer und dem Professor. Ich will mit Ihnen den Tag auch nutzen, um ausdrücklich den vielen Danke zu sagen, die hier nach 1989 Geschichte weiter geschrieben haben, sich aufgerieben haben, sich eingebracht haben, so viel beigetragen haben zur positiven Identität und zur Kraft unseres Landes.

In den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren hier auf diesem Gelände die Weichen gestellt, aber in eine ungute Richtung, auf Verfall und Vergessen. Zwar gab es auch in Halle Traditionspflege, wenn ich etwa an Händel denke. Aber so ein Kernbereich mit einer Kernbotschaft wie die von August Hermann Francke schien damals weniger wichtig und kaum beachtbar zu sein. Unter uns sind nun viele, die nach der Wiedervereinigung in die Fußstapfen von August Hermann Francke getreten sind und so an historischer Stelle wiederum Historisches geleistet haben. Ohne Sie, ohne Ihr Ehrenamt, ohne Ihre innere Haltung und praktische Wirkung, ohne ihren Mut könnten wir heute nicht in dieser großartigen Umgebung 350 Jahre August Hermann Francke feiern. Sie haben den Staffelstab der Stiftung unter schwierigsten Bedingungen gesucht, wieder gefunden und weiter getragen. Sie haben Archivalien gesucht und Zukunft gefunden, Sie haben sich nicht entmutigen lassen, von dem frustrierenden Zerfall, dessen Fotos aus den Jahren nach 1989 einen heute geradezu erschaudern lassen, Sie haben sich nicht entmutigen lassen von vorgefundener Nachlässigkeit, Gehässigkeit und Aggression. Sie haben wieder hergestellt, was in Halle entstand und Weltkulturerbe genannt zu werden verdient. Sie haben aus Abbruchjahren Aufbruchjahre gemacht. Ihnen gebührt der Dank unseres Landes! Wir eröffnen heute nicht nur eine Jubiläumsausstellung mit dem Titel „Die Welt verändern“, wir freuen uns auch über all diejenigen, die unserem Land ein Beispiel geben, in dem, was sie hier neu auf den Weg gebracht haben.

Ich rede bewusst von unserem Land: Denn bereits vor der Wiedervereinigung wurde hier begonnen, konkret und unkonventionell, mit einiger Phantasie, das muss man schon sagen, wenn man das nachliest Ost-West-Geschichte zu schreiben. Noch bevor der Einigungsvertrag in Kraft trat, gab es in Halle Arbeitsverträge zwischen Wessis und Ossis. Für manche war das wohl waghalsig, aber eben auch pietistisch und politisch wegweisend. Und dass auch noch der eine der Außenminister der friedlichen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten aus Halle kommt, dass er seine internationalen Gäste entweder hierher geführt oder hierher geschleppt hat, all das hängt mit der Anziehungskraft jenes August Hermann Francke zusammen, die wir in unserem ganzen Land noch mehr bekannt machen können und sollten. Halle und diese Stiftung sind mit ihren historischen Wurzeln, mit ihren Möglichkeiten und Aufgaben durch Bürgerengagement zu einem Vorbild geworden - auch für den Westen unseres Landes.

„Gott zur Ehre und den Menschen zu Nutzen“ – so hieß das Motto von August Hermann Francke. Wie bedeutsam in einer sich säkular gebenden Welt, in der Zeit einer gewissen Gottvergessenheit. Dies einst in den Diktaturen politisch gewollt, erwächst heute aus einem Zeitgeist geprägten religiösen „Laissez-faire“. Vor diesem Hintergrund und in einer Zeit großer ethischer, religiöser und politischer Unsicherheiten schauen wir heute auf August Hermann Francke. Gerade in seinen großen Leistungen war Francke sich stets bewusst: Menschliches Handeln kann viel bewirken, aber das praktische Gelingen liegt in Gottes Hand. So war er beides: praktisch und fromm. Diese zugleich entlastende wie motivierende Erinnerung wach zu halten, tut auch uns heute recht gut. Hier spüren wir das tiefe Wissen, dass das Gelingen unserer Anstrengungen, unseres Lebens, eben nicht allein in unserem Vermögen liegt. Unser Gemeinwesen und die Demokratie leben von Voraussetzungen, die sie nicht selber schaffen können, so müssen wir uns zu Recht immer wieder klar machen. Und wir bedienen uns an dieser Stelle gerne der Gedanken von Herrn Böckenförde, der uns das in einem anderen Zusammenhang bewusst gemacht hat.

Wer hätte am Anfang gedacht, dass dieses große Werk, das wir heute feiern und rühmen, aus den so bescheidenen 4 Talern und 16 Groschen erwachsen würde, die sich in Franckes Wohnraum aufgehängten Spendendose eines Tages gefunden hatten und die er in großer Schnelligkeit und noch größerem Gottvertrauen ausgegeben hat – besser sollte ich sagen: er hat sie investiert in die Erziehung und in die Ausbildung von Waisenkindern.

Mit seiner Betonung von Bibel und Bildung hat Francke die Kernanliegen der Reformation aufgenommen; durch seine weltweiten Netzwerke hat er das Luthertum globalisiert und weltgeschichtliche Wirkungen entfaltet.

So hat die Hochschätzung und Begabung des Individuums, die für unser Leben so wichtig ist, hier in Halle eine ihrer stärksten Wurzeln. Die „Erziehung des Menschengeschlechts“ wurde hier als Emanzipation von Benachteiligung, von Vorurteilen und Bevormundung organisiert, als Aufbruch in die Selbstständigkeit, das ist doch wohl ein bis heute vorbildliches pädagogisches Reformwerk.

Wenn es darum ging, so nachhaltig wie möglich auf diese Weise Gott zu ehren und den Menschen zu nutzen, dann können wir uns die damit verbundene pietistische Präzision heute kaum noch vorstellen. Im Grunde wollte Francke, dass wir über jede Viertelstunde unseres Lebens Rechenschaft ablegen können. Besser als Spaziergang, gar Tanz, war dann der Ausgleich durch Gartenarbeit. Das ist schon sehr puristisch, nicht, meine Damen und Herren? Wir müssten, wäre es bei dieser Linie geblieben, auch heute in dieser Veranstaltung wohl sehr streng fragen, wie lange dürfen uns Grußworte und Reden an Festtagen von der Arbeit abhalten?

Über Mittel und Wege des Herrn gab es – kein Wunder – unter den Anhängern Franckes Diskussionen, über sein Herzensanliegen gab es die nicht: das Wissen um Gott ganzheitlich fördern – eben mit Bibel und Bildung mit Musik und Sozialarbeit, mit Konsequenz und Tatkraft, mit Mut und mit Empathie.

Francke hat dabei, gleichsam als frommer Unternehmer, wie wenige andere nicht nur das Wissen um Gott gefördert, sondern Gott gleichsam selbst gefordert. Er sah klar: Wer Gutes tun will – den Menschen zum Nutzen – der braucht auf dieser Welt Kapital. Ich kenne in der Kirchengeschichte wenige, die diesen Zusammenhang von frommer Tat und finanzieller Transaktion so tabulos, hellsichtig und segensreich gesehen und praktisch umgesetzt haben.

Seine Einstellung war: Wer sich für Bedürftige engagiert, der gibt nicht Geld aus, der investiert. Wer sich engagiert, der stellt Gott Kapital zur Verfügung für Investitionen in Bildung und gelingende Gemeinschaft auf Erden. Der Gläubige macht sich so gesehen Gott zum Schuldner. Das ist pietistisches Selbstbewusstsein. Das stellte Francke aber auch vor die so fromme wie unternehmerische Frage: Ist Gott eigentlich ein guter Schuldner? Oder wie er dann eben befand: Kann es einen besseren Schuldner geben, für Investitionen in Kinder? So wurde Francke auch zum Vorbild eines keine Risiken scheuenden erfolgreichen Unternehmers. Das wird bis heute augenfällig mit der Einrichtung von Buchhandlung, Buchdruckerei, Buchbinderei, der Apotheke und Laboratorien.

Und in den in seiner Druckerei gedruckten Werken konnten jene, die aus Bücherkäufern zu Bücherlesern wurden, über Banken, Gott und das für die Arbeit nötige Kapital nachlesen, wie sich das zusammenreimte: Investitionen Gott zur Ehre und den Menschen zum Nutzen. Ich zitiere:

„Es ist im Sternen – Saal ein Banko angeleget

Da ist manch Capital, das vil an Zinsen träget

Gott ist Capitalist, der keinen hat betrogen.“

Welch eine Richtungsansage, nicht wahr, meine Damen und Herren, für den Kapitalismus, welch eine Ansage aus Halle, lange bevor sich Adam Smith oder Karl Marx auf ihre Art dem Thema widmeten. Als guter Ökonom und zugleich als guter Theologe verband Francke soziale Anliegen mit wirtschaftlichen Kalkulationen.

So kam es, dass im Lauf der Zeit von Halle aus nicht nur Kisten mit Bibeln aus der Druckerei, sondern auch Fässer mit hochgeschätzten Essenzen und Tinkturen aus der Apotheke in die ganze Welt gingen. Und natürlich: Nicht nur zahlungskräftige, sondern auch Mittellose kamen an die teure Arznei, weil der Betriebswirt seines Herrn durch Preisdifferenzierung, Quersubventionierung und Marketing zu erreichen wusste, dass Wohlhabende sich für gute Ware gerne in besonderem Maße zur Kasse bitten ließen. Ja, so wird dann eine Apotheke zu einem Schatzkasten Gottes, so sagte er es jedenfalls. Und was die Bibel und Druckerei betraf, war Francke der erste, der in Indien 1712 eine Druckerei errichtete, das Personal gleich mit aus Halle dorthin schickte und so – die Reformation gleichsam in diesem Geschäftsfeld vollendend – Druckkultur, innovative Technik und Bibelverbreitung förderte.

Auch in der Pädagogik wusste er durch Qualität und zukunftsweisendes Profil zu überzeugen. Gäbe es eine Champions League der großen Innovatoren unseres Landes – Francke zählte zu den Rekordmeistern. Immer wieder setzte er Maßstäbe, die bis heute gelten. Er hat als erster systematisch die Mädchenbildung in Deutschland vorangebracht, indem er seine Bildungsreform immer für beide Geschlechter dachte und konzipierte. Er zählt zu jenen, für die Einzelne im Mittelpunkt stehen, gerade wenn sie aus der Gemeinschaft herausgefallen sind, wie etwa die Waisenkinder. Für ihn ist das Individuum das denkbar Kostbarste, mit seinen Erfahrungen, mit seinen Chancen. So wurde der hallesche Pietismus auch zu einem Meilenstein unseres modernen Freiheitsbewusstseins: Gehorsam gegen die Obrigkeit, das reicht nie aus, das zeigen nicht zuletzt seine so diplomatischen wie eindringlichen Gespräche mit dem Soldatenkönig. Was für ihn zählt, sind Tatkraft, Werteorientierung, Nüchternheit – und so geht das, was Franckes Pietismus mit sich bringt, nie auf in dem, was später einfach Preußentum genannt wurde. Nicht Kadavergehorsam jedenfalls wurde in Halle ausgebildet, eher ist hier jene preußisch-pietistische Traditionslinie angelegt, die sich im Mut und im Wertebewusstsein der Widerständler – etwa der vom 20. Juli 1944 – verbindet.

Was im Zweifel zählt, was Gott ehrt und den Menschen nutzt, das ist und bleibt immer wieder Bildung, Pragmatismus und Werteorientierung. Auch und gerade darin ist Francke ein Innovator ab ovo, indem er den Waisenkindern so hervorragend guten Unterricht zu organisieren wusste, dass die Fürstenkinder auf Geheiß ihrer hochwohlgeborenen Eltern auch zu ihm geschickt werden sollten. Der fromme Unternehmer erkannte sofort mit dem praktischen Pädagogen: Je mehr Fürstenkinder zahlen, desto mehr Waisenkinder profitieren. Der Unternehmer in ihm erkannte: Guter Unterricht beginnt – nein, eben nicht mit dem Morgengebet, sondern Jahre vorher mit der Investition in eine erfolgreiche Lehrerausbildung. So geht auch das erste Lehrerbildungsseminar – er nannte es Seminarium Praeceptorum – auf Franckes Rechnung. Damit nicht genug: Für unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und Voraussetzungen erfand Francke auch das dreigliedrige Schulsystem. Dass dieses heute in die Diskussion geraten ist, würde ihn nicht anfechten, war doch die Pointe der Dreigliedrigkeit für ihn ihre Durchlässigkeit. Hier in Halle konnte ein Waisenkind in die Fürstenschule aufsteigen. Entscheidend ist die Wirksamkeit für jeden und jede Einzelne – so wurde Francke, der pragmatische Pietist gleichsam nebenher zum Beförderer eines werteorientierten neuzeitlichen Nützlichkeitsdenkens.

Und wenn wir in Franckes Gedankenwelt so viel finden über das, was in den folgenden Jahrzehnten der Sozialethik und Bildungspolitik diskutiert wurde als Personalität oder Subsidiarität, als Solidarität und Teilhabegerechtigkeit und Freiheit – so bekommen wir doch hier in Halle den Eindruck, dass der, dessen 350. Geburtstag wir heute feiern, statt dessen einfach Haus an Haus zu einem langen Hof gereiht hat und von hier aus die Welt als Gabe und Aufgabe wahrgenommen hat. So ist es schließlich auch kein Wunder, dass auf diesem Gelände sich heute Bildungseinrichtungen für alle Generationen befinden. Freuen wir uns, dass an diesem Ort die Ideen und der Geist Franckes im besten Sinne Schule machen – für unser Land.

Wenn wir auf all dies zurückblicken, wird offenbar, wie unglaublich vorausblickend dieser Mann war. Und wie menschlich er bei allem wohl blieb. Er war kantig, er provozierte Widerspruch, stark bei seiner Ehefrau, sehr stark bei einem seiner bekanntesten Schüler, dem frommen Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Aber sein Handeln und Denken, der von ihm provozierte Widerspruch hatte immer eine einzige Richtung: Er wollte nicht eine Franckesche Orthodoxie einsetzen und perpetuieren, er wollte auch sich selbst nicht zum Heiligen machen, sondern sich selber fragen, seinem Motto folgen: Was ist heute zu tun: Gott zur Ehre und den Menschen zum Nutzen? Diese Frage wirkte dann tief hinein in die deutsche Philosophie- und Geistesgeschichte, sie trifft hier und heute uns und sie begleitet jeden, der sich ansprechen lässt, von hier aus weiter, wenn wir unserer Wege gehen.

Es gibt wenige Persönlichkeiten, die nicht nur so produktiv, so zukunftsweisend, so fromm und dann noch so global und bis heute für jede Innovation inspirierend gehandelt haben. Weltveränderung durch Menschenveränderung – das bleibt Auftrag für uns Geschöpfe. Das bleibt immer wieder zu konkretisieren in unternehmerischen Entscheidungen, in stiftungspolitischen Visionen, in pädagogischen Konzepten und in kirchlichen Profilen.

Und es gibt wenige Orte, an denen wir dies so intensiv und so dankbar erleben können, wie Bildung, Kultur und Wissenschaft einander bereichern, an denen wir inspiriert erleben, wie das zusammengehen kann: Tradition und Zeitgenossenschaft, Ermächtigung und Ermutigung des so wertvollen einzelnen Menschen.

Die Franckeschen Stiftungen erleben wir heute in Gestalt der Traditionsbewahrung, die aktiv macht. Hier spürt man den Mut, aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen anzupacken, und man staunt, dass die frappierenderweise dieselben sind, oftmals jedenfalls, wie zu Franckes Zeiten: Bildung, Teilhabe und sozialer Ausgleich, der lehrt, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen.

So kann man hier stehen: staunend und dankbar also, manchmal verwundert, aber immer wieder mit einer neuen Lust, anzupacken. Hier verstehen wir, dass es heute an uns ist, für unsere Zeit die Ziele zu nennen und um die besten Mittel und Wege zu ringen, sie zu erreichen. Das ist das lebendige Erbe von August Hermann Francke. Das hier und heute zu feiern haben wir den allerbesten Grund.