Navigation und Service

Gedenken an die Opfer des Massakers von Sant’Anna di Stazzema

Bundespräsident Joachim Gauck und Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano reichen sich die Hände Sant’Anna di Stazzema/Italien, 24. März 2013 Gedenken an die Opfer des Massakers von Sant’Anna di Stazzema - Bundespräsident Joachim Gauck und Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano © Jesco Denzel

Es ist für einen Deutschen wahrlich kein leichter Weg, an einen Ort wie diesen zu gehen, Sant’Anna di Stazzema. Und erst recht nicht für einen deutschen Bundespräsidenten. Es ist nicht leicht, es kann nicht leicht sein und es soll auch nicht leicht sein, einen Ort zu besuchen, an dem vor vielen Jahren Landsleute schreckliche Verbrechen begangen haben.

Deshalb bin ich heute besonders dankbar, dass ich diesen Weg der Erinnerung nicht allein gehen muss, sondern dass Sie, Herr Staatspräsident Napolitano, mich begleiten und dass Sie neben mir stehen. Sie haben mir bei Ihrem schönen Besuch in Deutschland einen wunderbaren, zu Herzen gehenden Brief gegeben von einem Mann, den wir eben gehört haben, von Enrico Pieri. Und die Menschen hier haben mich eingeladen, zu einem runden Gedenktag zu kommen – der wäre im nächsten Jahr gewesen. Aber ich wollte lieber in diesem Jahr kommen, denn ich wollte mit Ihnen hier sein, verehrter Herr Präsident.

Ich weiß, wie sehr die italienische Nation Sie und Ihr Lebenswerk schätzt und ich weiß, dass Sie als junger Mann als Widerständler gegen Faschisten und Nazis gekämpft haben. Deshalb bin ich so dankbar für Ihre großherzige Begleitung und für Ihr ganzes Wirken für Freundschaft und Brüderlichkeit zwischen unseren beiden Ländern. Von Ihnen begleitet zu sein auf diesem Weg ist ein besonders schönes Symbol für die Versöhnung zwischen unseren beiden Nationen, für die viele andere Menschen, Lebende und schon Gestorbene, gesorgt haben.

Versöhnung ist ein kostbares Gut, das nie verlangt werden kann. Noch weniger kann es erzwungen werden. Versöhnung kann nur erbeten und gewährt werden. Selbst wenn in einem Land glaubwürdig Reue gelebt wird und bezeugt wird, so kann doch Versöhnung nur wie ein Geschenk empfangen werden.

Noch etwas: Versöhnung meint nie und auf keinen Fall Vergessen. Das Verbrechen, das hier geschehen ist, darf – ebenso wenig wie die anderen Orte des Grauens in Ihrem Land - niemand vergessen. Es schreit zum Himmel. Das müssen wir in unserem kollektiven Gedächtnis bewahren. Die Opfer haben ein Recht auf Erinnerung und Gedenken, Erinnerung an das barbarische Unrecht, das ihnen angetan worden ist, und sie haben ein Recht, dass ihre Namen erinnert werden.

Denn sie sind ja nicht anonyme Opfer eines anonymen schicksalhaften Geschehens, sondern sie haben Namen und Gesichter, die wir bewahren wollen. Wenn ich vom Bewahren und Erinnern spreche, dann denke ich dankbar an die Arbeitsergebnisse der deutsch-italienischen Historikerkommission für eine gemeinsame Herangehensweise an die Jahre 1943 – 1945. Und ich hoffe sehr, dass damit die gemeinsame Aufarbeitung befördert wird. Daher bin ich sehr froh, dass mich heute auch der Herr Abgeordnete des Deutschen Bundestages, Manfred Kolbe begleitet, stellvertretender Vorsitzender der deutsch-italienischen Parlamentariergruppe, und der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Professor Braun. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich deutsche Bürger, das deutsche Parlament und die deutsche Regierung gemeinsam dieser Aufgabe der Erinnerung verpflichtet fühlen.

Ich habe eben davon gesprochen, dass die Opfer Namen haben, die wir nicht vergessen sollen. Aber auch die Täter haben Namen. Auch hier waren es ganz konkrete Menschen, die ganz konkret andere Menschen zu Opfern gemacht, sie getötet haben. Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaates dieses nun einmal nicht zulassen. Da stehen wir als Bürger manchmal mit unserer Empörung und unserer Moral vor einem Rechtsgebäude und glauben, dass alles richtig ist – und trotzdem ist unser moralisches Empfinden nicht beruhigt.

In solchen Fällen ist es wichtig, sich deutlich zu machen, dass Schuld nicht nur existiert als strafrechtliche Schuld, die vor einem Gericht abgehandelt wird. Wir alle wissen, dass es Schuld auch in der Dimension von moralischer Schuld gibt oder von religiöser Schuld. Aber es gibt sie auch als politische Schuld, als negierte oder verweigerte Verantwortung im öffentlichen Raum, im Leben der Menschen untereinander. Das heißt, es gibt Schuld, auch wenn ein Gericht für diese Dimension von Schuld nicht zuständig ist. Was ist dann aber der Ort der Aufarbeitung dieser Schuld? Der Ort, das sind wir. Das ist der öffentliche Raum, in dem wir Tatsachen und Namen und Verbrechen aufzählen und benennen. In wissenschaftlicher Literatur, in Publizistik, auf künstlerische Weise und im menschlichen Erinnern. Das heißt, die Öffentlichkeit, wir, müssen nicht schweigen über Schuld, wenn die Gerichte schweigen, sondern wir nennen Schuld Schuld und wir deligitimieren schuldhaftes Geschehen.

Meine Damen und Herren, hier in Sant’Anna wurde die Menschenwürde mit Füßen getreten und die Menschenrechte wurden massiv verletzt. Menschen galten in diesem Krieg den meisten Menschen nichts. Und darum, wenn wir uns hier versammeln, wollen wir jetzt das Wunder der Versöhnung rühmen. Es ist wichtig, dass die Fakten genannt werden, dass die Untaten Untaten genannt werden und dass wir dennoch Versöhnung gestalten können. Gerade an diesen Orten, wo das Unrecht so deutlich zu erkennen ist. Menschen müssen, um Versöhnung zu erlangen, nicht vergessen, was geschehen ist, sondern erst wenn sie es wissen, und dennoch zur Versöhnung bereit sind, dann geschieht wirkliche Versöhnung. Sonst schafft man nur eine oberflächliche Ruhe.

Denn es ist doch so, dass weder Enrico Pieri noch Enio Mancini schweigen wollen über das, was sie gesehen und erlebt haben. Und trotzdem sind sie hier zusammen mit dem Ehepaar Westermann, das mich auf dieser Reise begleitet. Sie sind Menschen, die die Menschen, die jetzt leben, sehen wollen, die ihnen in die Augen schauen wollen und sagen: Lass uns etwas Neues bauen! Und Sie haben nicht von der alten Zeit gesprochen eben, Herr Pieri, sondern von der Neuen, von einem Europa, das verhindern soll, dass das, was wir hier erinnern, jemals wieder auf diesem Kontinent passiert. Das hat mich schon tief bewegt, lieber Herr Pieri, dass Sie nicht von diesem grausigen Schicksal erzählt haben. Ich habe mir das durchgelesen, was hier geschehen ist. Ich habe erwartet, dass Sie darüber sprechen wollten. Aber Sie wollten nicht. Sie haben gesagt, ich will das nicht erzählen, ich weiß es, ich werde es nicht vergessen. Aber ich will, dass wir daraus lernen, dieses Europa zu bauen, dass wir zusammen gehören, dass das unser Europa ist und nicht ein parzelliertes Europa. Das finde ich wunderbar. Ich verneige mich vor Ihnen, Herr Pieri.

Wenn wir unseren Kindern - bei mir sind es Enkelkinder -, die Europa nur kennen als eine große weite Fläche, in der man umherreisen kann, ohne einen Pass zu zeigen, die sich fragen, wo gibt es billige Schuhe oder Kleider oder wo ist das größte Fest, wenn wir ihnen gelegentlich sagen, dass es Orte gibt, die man sehen muss, um den Wert Europas zu begreifen, und diese Orte des Schreckens sind über den ganzen Kontinent verteilt, dann haben wir etwas zusammengebracht. Die Vergangenheit, die uns so bedrückt und das große Warum – warum dieses Europa sein muss. Wir wollen nicht, dass Menschen, Europäer oder andere sich so wieder begegnen, wie hier in diesen Bergen. Sondern wir wollen aus unserer Geschichte lernen, wie kostbar, wie schön Menschenwürde, Menschenrechte und Frieden sind. Und dafür zu streben und zu kämpfen, dazu treffen wir uns hier.