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Eröffnungsgottesdienst des 34. Evangelischen Kirchentages

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Hamburg, 1. Mai 2013 Besuch beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag © Jesco Denzel

Ich freue mich, dass ich hier bin. Sie werden mir das sicher glauben. Ich war so lange aktiv im Kirchentag, auch leitend zuweilen, und ich freue mich, dort zu sein, wo evangelische Christen miteinander Kirchentag feiern. Wo sie miteinander beten, wo sie miteinander Gottesdienst feiern und sich der Öffentlichkeit zeigen. "Seht her", so ist das Signal, "das sind wir, die evangelischen Christen dieses Landes, die nicht nur hier leben, sondern die das Leben in dieser Gesellschaft mit gestalten wollen!"

Ich bin also gern hier. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass ich früher als evangelischer Pastor in Mecklenburg und als Teil der Kirchentagsgemeinde tätig war, sondern ich bin auch gern hier, weil ich seit gut einem Jahr Bundespräsident bin. Und es ist richtig, dass der Bundespräsident hier ist und das Wort ergreift. Er zeigt damit – ich zeige damit: Was die evangelischen Christen hier besprechen, was sie hier miteinander diskutieren, vorschlagen, was sie anregen und fordern, welche Impulse sie aus ihrem Glauben heraus zu geben versuchen, das ist für unser Land wichtig und hilfreich, das sollte die Gesellschaft zur Kenntnis nehmen und ernsthaft prüfen. Deswegen auch waren meine Vorgänger hier, deshalb kommen politische Leiter, politisch Verantwortliche hierher, um Ihnen, den evangelischen Christinnen und Christen zu begegnen.

Es geht hier um etwas. Das erfahren wir jedes Mal wieder neu. Das macht diese Versammlung immer aus. Es geht denen, die sich auf dem Kirchentag treffen, eben nicht allein um sich selbst. Es ist Ihnen ernst mit Ihrem Engagement für andere, für die Kirche, für die Gesellschaft, für die Umwelt, für die eine Welt.

Es geht Ihnen immer darum, Verantwortung zu übernehmen. Und das heißt: Antworten suchen, Antworten geben auf die Fragen, die sich heute stellen. Und diese Antworten auch wirklich zu beherzigen und ihnen Taten folgen zu lassen. Das ist der ernste Kern so einer bunten und hoffentlich auch fröhlichen Versammlung. Das ist die politisch-gesellschaftliche Dimension, die die evangelischen Kirchentage haben. Die sie Gott sei Dank zum Wohle der Gesellschaft, der Menschen in ihr haben.

Also: Es geht hier um das, was wir tun – oder was wir tun sollten. Es geht um das, wofür wir uns einsetzen. Aber das ist nicht alles. Das wäre ein halbierter Protestantismus, ein halbierter christlicher Glaube. Es geht nämlich auch um das, was wir sind, was wir haben, wenn wir vom materiellen Haben einmal absehen, was wir bekommen, wem wir uns verdanken. Das ist ja eine unaufgebbare reformatorische Grundeinsicht: Wir sind dazu begnadet, etwas tun und leisten zu können. Und nicht umgekehrt. Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 können wir uns das nicht deutlich genug vor Augen führen.

Zuerst die Gnade, zuerst das Gegebene, das Geschenkte, das Verdankte: Das gilt nicht nur für den persönlichen Glauben, das ist nicht nur abstrakte Theologie. Das hat auch eine politische und gesellschaftliche Bedeutung. Es hängt eben nicht alles von uns ab: Das kann auch eine heilsame Entlastung sein, eine wohltuende Entspannung in den nicht seltenen Verkrampfungen unseres politischen und gesellschaftlichen Lebens. Es ist allerdings keine Entschuldigung fürs Nichtstun, wenn ich das so ausdrücken darf.

Was uns geschenkt ist, was uns gegeben ist, was wir brauchen und wie viel wir noch dazutun müssen: das wissen wir nicht sofort und das sagt uns auch nicht der erste Blick.

Ich freue mich immer, wenn ich den biblischen Text vom Manna höre, den wir ja auch diesem Gottesdienst zugrunde gelegt haben. Was wir da von Gott bekommen in dieser Geschichte, das „knistert“ zuweilen, das kann auch fremd sein, vielleicht sogar abenteuerlich. Gottes Gaben sind so – oftmals. Sie sind auch da für heute, für den heutigen Tag, für die aktuelle Situation. In der Wüste einst zeigten sie sich mit einem feinen Knistern. Aber auch wir heute fragen uns manchmal "Man-hu": "Was ist das?"

Deswegen ist es gut, dass wir hier in Hamburg zusammen sind. Wir fragen nach dem Notwendigen, das wir unbedingt brauchen. Wir fragen aber auch nach dem Überflüssigen, auf das wir gut verzichten könnten. Wir fragen nach dem gerechten Anteil eines jeden, der bekommen soll, was er braucht.

Und wir fragen als Christen nach den Gaben Gottes für diese Zeit. Was gibt er, das wir brauchen? Und was gibt uns sonst eben kein anderer? Und was machen wir aus den Gaben – für uns und für diese Welt? Welche Kraft gewinnen wir, wenn wir mit dem rechnen, der nicht von dieser Welt ist? Und wie dienen wir dieser Welt am besten – als Verstärker eines sich ständig wandelnden Zeitgeistes oder aber im Vertrauen auf seinen Heiligen Geist?

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen aufregenden, einen fröhlichen, einen ernsthaften, die Tiefe und das göttliche Geheimnis nicht fürchtenden Kirchentag.

Alles Gute, liebe Brüder und Schwestern.